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Der Schild · 1929-10-11 · 40 (11.10.1929) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Schild
Volume
8 (1929)
Issue
40 (11.10.1929)
Date
1929-10-11
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Göttingen weiht sein Heldenmal Ansprache unseres Kameraden Dr. Roseuthal, Berlitz Am Sonntag, dem 22. September, wurde das Ehrenmal für ’ic gefallenen Kameraden der Gemeinde Göttingen auf dem irdischen Friedhof feierlich und unter großer Bettiligung weitester reife eingeweiht.! Als vor geraumer Zeit von unserem Kameraden Gustav Auhaus, von dem zwei Brüder den Heldentod fanden, die Anregung gegeben wurde, unseren Gefallenen eh ehrendes und Reibendes Zeichen ihrer mit dem Tode befiekelten Treue zu eben, wurde dieser Gedanke von den Kamerad:n dankbar auf« .-»ommen und in die Tat umgesetzt. Ein Wahrzeichen, schlicht in seiner Aussührurg. ist nur durch ie Opferfreudigkeit des kleinen Kameradenkreis:s unserer Ortsgruppe der Nachwelt gegeben worden. Bleibe id für Genera-! innen find die Namen unserer IS Gefallenen au; der Göttinger (gemeinde in Bronze geprägt. An bevorzugter Stelle unseres jüdischen Friedhofes erhebt sich das mit einer Lebensbaumhecke umgebene Ehrenmal, dessen Enthüllung an obengenanntem Tage, bei herbstlichem Wetter, eine grohe Gemeinschaft der jüdischen und christlichen Bevölke- >«ng beiwohnte. Eingeleitet wurde die Feier mit der „Egmnnt"-Ouvertüre hrch die Bataillonskapelle des hiesigen Infanterieregiments 'Ir. 17. Kamerad Dr. Pohly begrühte in martiger Ansprache '*e Erschienenen: er begrüßte den Vertreter der Regierung, den nurator der hiesigen Universität Geh. Rat Valentiner, den Oberbürgermeister Dr. Jung,' die Vertreter des Bürgervorsteher- (tollegiums Dr. Ulrici, Dr. Bensen, Brandt und Kolle, den Kommandeur des hiesigen Reichswehrbataillons Major Berendes nebst 'er mit ihm erschienenen Offiziersabordnung, tie Herren des Tcutschen Offiziersbundes, der durch drei Generale vertreten war, die vereinigten Göttinger Kriegervereine, das Reichsbanner Tchwarz-Rot-Gold, die Abordnungen des Bolksbstndes deutscher >niegergräberfürsorge, der Reichsvereinigung ehemaliger Kriegsefangenen, der Arbeitersamariter, des Roten Kreuzes, ferner die von der Reichswehr gestellte Ehrendompagnie. Weiter begrüßte Kamerad Dr. Pohly Herrn Rabbiner Dr. Rosenthal, Berlin, der es freundlick übernommen hatte, als Frontsoldat und Kamerad unser Ehrenitzal zu weihen, alsdann den Vertreter der Bundesleitung, Kam. Landsberger, Berlin, die Vertreter der Landesverbände und Ortsgruppen Kassel und Hannover sowie die Vertreter der benachbartes Ortsgruppen, weiterhin den Vorstand und die Repräsentanten d?r Synagogen- ^emeinde Güttingen und Northeim, die Angehörigen der Hinterbliebenen sowie alle Männer und Frauen, die gewillt waren, unserer Feier beizuwohnen. Alsdann bestieg Kam. Rabbiner Dr. Rosenthal, Berlin, die Kanzel zu seiner Weiherede, die alle Anwesenden in ihren Bann nahm. , Kam. Dr. Rosenthal führte etwa aus: „Der Kampf, den unsere Kameraden führen mußten, war ein Kamps um Freiheit. Tenn wir wollten frei sein vom Feinde. Aber nicht nur von neser äußeren Freiheit dürfen wir sprechest, wenn wir »serer toten Kameraden gedenken. Höher gilt uns die innere Freiheit, von der die Namen der Jünglinge!und Männer Herr Leutcht! Ich habe en-!“ sich hin. Und Kleinlaut antwortete Levi: „Verzichtet —■ jä. »ant —, aber wegnehmen lassen habe ich sie mir n c iie weggeworfen — um den Herrn Leutnant zu retl« Der Leutnant sah eine Weile nachdenklich vor . . . als er aufsah— rannen Tränen seine Wangen h«rab, und ehe üch's Levi versehen konnte, ergriff der Verwund rte die derbe Hand de» Soldaten und drückte sie an feine Brust-.“ iDer General schweigt plötzlich, seine Lippen zjittern.) Der Dichter: „Und woran begann der Leutncint in diesem Rament zu denken, woran er nie gedacht hat — vordem?" Der General: „An die Menschlichkeit des Juden Levi — an ■ ie Menschlichkeit, die der Jude über alles stellte J-!" Der Dichter (höhnisch): „An die MtzMchlichkeft des Levi — Oer des Juden Levi?" Der General: „An die des Juden Levi! Ich sägte es schon!" Der Dichter: „Und was wollen Sie damit bwveisen, Herr -eneral?" | Der General: „Nichts! Ich habe nur ein Erlebnis erzählt — in Erlebnis eines jungen Infanterieleutnants —Ibet jekt als reifer General vor Ihnen sitzt! — Nicht wahr, Herr Dichter, uein Bursche war kein Beitel Jtzig-?“ (Der Dichter verabschiedet sich, ohne zu antworsen. General nid Gelehrter sehen sich lächelnd an.) — Vorhang — künde», die auf diesem Denkmal! verzeichnet stehen. Gewiß. ' sie kämpften um äußere Freiheit, ne sahen Heimat und Vaterland bedroht: aber indem sie kämpften und in der Art, wie sie kämpften, wurden sie Träger einer höheren Freiheit: sie wurden frei von sich selber! C ie haben ihr irdisches Sein überwunden und sich hingegeben fir eine Idee. Nur der'ist wahrhaft frei, der sich, für ein G wßes hingeben kann. Die Namen dieser 19 Toten, sie künder uns Hingebung und . Treue als das Höchste, dessen drrj Mensch fähig ist. Wie verschieden alle die Hunderttausende seist mochten, deren Gedächtnis in dieser Stunde wach wird in unserer Brust, ob sie gekämpft und gelitten haben im Norden oder! Süden, Osten oder Westen, in einem waren sie alle gleich: j in der vorbildlichen Treue, mit der sie einer Idee gedient. Eie alle tatenfrohe Menschen, die das Leben liebten, am Leben hingen — und die es doch hingegeben haben in ihrer Treue! Solcher Treue gedenken heißt nach gleicher Treue streben. Wir sollen wissen: auch das Kleinste wird groß durch Treue. Des will dieses Denkmal ein Zeichen sein. Und ein Zweites will es uns künden. Die Geschichte unserer Gemeinschaft ist die Geschichte eine» alten Heldentums. Nicht nur wegen mancher Kriegsgestalten, von denen Bibel und Ueberlieferung berichten, sondern auch wegen des stillen Heldentums zahlloser Märtyrer, die den Tod wählten, um nicht ein Leben in Untreue führen zu müssen. Ustd als die Juden heimisch geworden waren in deutschen Lande«, als der Staat von ihnen den Einsatz ihres Lebens verlangte fsir Volk und Vaterland, da haben sie bereitwillig den Blutzoll dargebracht gleich ihren christlichen Volksgenossen. Als tapfere Deutsche Männer haben sie in den Freiheitskriegen und in den Kriegen 1866 und 1879/71 ihre Pflicht erfüllt und im letzten grjoßen Weltkrieg ungeheure Opfer an Gut und Blut gebracht. Deyoch erhebt sich die Stimme der Verleumdung-: noch-im Grabe schändet man das Andenken unserer Toten. Doch hier ist unsere Jugend: vor dem Blute dieser 19 Toten aus der Gemeinde Göttingen, wie-vor dem Blute der zwölftausend toten jüdischen Deutschen erkennt alle Welt die Verleumdung. Wir prunken nicht mit der Zahl unserer Toten, wir beklagen sie, —! aber sie sind ein Beweis der unbedingten Hingabe der deutschen Juden an Volk und Vaterland, dem wir trotz antisemtischer Schmähung unauflöslich verbunden bleiben, dessen Sprache wir lieben, dessen Lieder wir singen, dessen Kultur uyler eigenstes Schicksal ist. — Doch noch ein DtlWs soll dies! Denkmal künden. Was hätten diese 19 Toten mit dem endlos grauen Millionenherr des Todes noch leisten können, wenn sie uns noch lebten. Warum mußten sie sterben? Gewiß, ehrenvoll ist's nach einem alten, Wort, fürs Vaterland zu sterben, aber schöner doch, für die Gemeinschaft, für Volk und Heimat! zu leben! Sind wir Menschen in der Welt, um zu zerstören oder aufzubauen? Im Angesicht des Todes dbrf die Stimme der Religion nicht schweigen. Von mehr als zweitausend Jahren haben Israels Propheten der Menschheit das Bild des ewiges Friedens als letztes und höchstes Ziel verkündet. Noch trennt ein weiter Weg uns von diesem Ideal. Vielleicht waren diese Todesopfer nötig, um die Gewissen aufzurütteln. Möchten «Ile die Toten Wegbah.ier fein einer neuen Zeit, möchte ihr!Blutopfer die Saat sein, aus der Friede und Menschlichkeit wächst als heiligstes Gut für kommende Generationen. i So möge nun die Hülle fallen vjon diesem Denkmal, das Liebe und pietätvolle Dankbarkeit errichtet haben. Möge es der Toten: möge es ein Verleumdungen unserer allezeit Kunde geben von der Treue - lebendiges Zeugnis sein wider' die Gegner und uns alle erfüllen mit d^m tatfrohen Geiste aufbauender Menschlichkeit. Amen." Ergreifend war der Moment, als die Hülle fiel und die Kapelle unter dem Senken der FalMen und Salutieren des Militärs das Lied „Ich halt' einest K< meraden" intonierte. , Dann übergab Kam. Dr. Pohly irr Namen der Ortsgruppe das Denkmal der Obhut der jüdischen Gemeinde, indem er noch betonte, daß dieses Ehrenmal in fein;r schlichten Form jedem Besucher unseres Friedhofes eine ehrende Erinnerung an unsere Gefallenen wachrufen möge, zugleich aber auch eine Mahnung für uns sei, teilzunehmen -an der Arbeit des Wrederaufbaus unseres schwergeprüften Vaterlandes. Im Namen der Synagogengemeind! übernahm der Vorstand, Herr Hermann Jacob, das Ehrenmal «nter der Zusicherung, es in beste Obhut zu nehmen. Als erster legte sodann Oberbürgermeister Dr. Jung im Namen des Magistrats einen Lorbeer rranz nieder und sprach im Namen der Göttinger Bürgerschaft i »en Gefallenen den Dank aus für ihre nie zu vergessenden Tater. Unter ähnlichen Ansprachen legten Kränze nieder: Ma,or Berendes für die Offiziere, Unteroffizifre und Mannschaften des 328

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