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Der Schild · 1929-10-11 · 40 (11.10.1929) · p. [Seite]

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Journal
Der Schild
Volume
8 (1929)
Issue
40 (11.10.1929)
Date
1929-10-11
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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: denken, daß sie nur dem Zufall der Geburt ihre Zugehörigkeit zum Christentum verdanken. Wir sind nicht mehr und nicht weniger als alle andern. Ein I u d e r st vollkommen gleichberechtigt. Er besitzt sehr viele Eigenschaften» an denen mir uns ein Beispiel nehmen sollten. Erst wenn wir uns dazu verstehen, funsere Mitmenschen, gleichgültig welcher Rasse, welcher Religion, welcher Weltanschauung, als gleichberechtigt, als Menschen zu betrachten, die wir schätzen, ehren und lieben, wird es in Deutschland besser, moralischer, sittlicher werden. Vielleicht kommt noch einmal eine solche Zeit, vielleicht früher, vielleicht später: jedenfalls sollte sich niemand zu gering und unbedeutend erachten, um an diesem moralischen Wiederaufbau mitzuwirken. Es handelt sich um ein hohes Gut der Menschlichkeit. / („Abwehrblätter".) Antisemitisches Allerlei j Sühn« für Ritualmordhetz«. Der nationalsozialistische Landtagsabgeordnete und verantwortliche Redakteur des „Westdeutschen Beobachters" Dr. Ley war, wie erinnerlich, im Juni dieses Jahres wegen Äkifreizung zum Klassenhaß und Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft zu 1000 Mark Geldstrafe verurteilt worden. Er hätte in seinem Blatt einen Artikel veröffentlicht, in dem er behauptete, daß der Primaner Daube einem Ritualmord zum Opfer gefallen sei, und hatte in einem Bild einen angeblichen Schächtungsakt an einem Menschen dargestellt. Gegen das Urteil hatten sowohl der Staatsanwalt als auch der Angeklagte Berufung eingelegt. Als er in der Berufungsoerhandlung das Ritualmordmärchen aufrechterhalten wollte, wies der Vorsitzende in scharfen Worten darauf hin, daß Tr. Ley mit der Angelegenheit sich nur in sachlicher Form, nicht aber in solch verhetzender Weise hatte befassen müssen. Der Staatsanwalt Dr. Ranker betonte in seinem Plädoyer, daß es erschwerend ins Gewicht fälle, daß Tr. Ley in feinem Kampf gegen den politischen Gegner selbst vor den heiligsten Gütern der Religion nicht haltmache. Das Gericht verwarf die Berufung und bestätigte das Urteil erster Instanz. In der Begründung wurde ausdrücklich betont, daß die in dem inkriminierten Artikel enthaltenen Behauptungen ai ßeroröentlich schwere Beschimpfungen der jüdischen Religionsgemeinschaft bedeuten., (Ita.) Völkisch« Agitation im Rh«inland. Die „Frankfurter Zeitung" meldet aus Koblenz, daß die Nätionälsozialisten am Mittelrhein und an der Mosel, im Taunus und &n Westerwald Äid an der Lahn seit Monaten eine äußerst rege Werbetätigkeit entfalten. Die Anhänger Hitlers wittern in bei i bisher besetzten Gebieten, in denen sich die wirtschaftlick-. Notlo ze besonders stark.auswirkt, Morgenluft. Die Agitation ist in der Hauptsache antisemitisch eingestellt, es wird gegen di „Iudtfnrepublik" geschimpft. Ein Teil der Bevölkerung er wartet von der Unterstützung der Hitlerbewegung die Befreiun ■ von Steuern, Beseitigung der Warenhäuser usw. In der Hosi nung auf die Erfüllung dieser Wünsche greifen die Geschäfts leute tief in die Taschen, so daß die Bewegung über reiche Geld mittel verfügt und die Stoßtrupps, die meist aus Erwerbslosen bestehen, nichts zu tun haben, als ins Land zu fahren und z, agitieren. Bor 14 Tagen wurde in dem bekannten Weinortt Cröw än der Mosel der nationalsozialistische Führer im Rhein land, Landtagsabgeordneter Dr. Ley-Köln, von einem jüdischen Metzgex und Viehhändler, den er in einer Versammlung schwer beleidigte, so gezüchtigt, daß er eine Zeitlang daran denken wird. sDie ganze Gemeinde stand zum Schutze ihres geachtete» jüdischen Mitbürgers gegen die nationalsozialistischen Rowdys zusammen, so daß diese den Ort fluchtartig verlassen mußten. „Iudenrepnbllk". Im Bauernprozeß, der vor. dem in Rendsburg tagenden Kieler Großen Schöffengericht stattfänh, wurden die Angeklagten Guth u id Dr. Peters freigesprochen. In der Urteilsbegründung heißt es. das Wort „Iudenrepublik" fei nach Ansicht des Gerichts kein atsolutes Schimpfwort, wie dies auch in einem Reichs gerichtsurteil ausgesprochen sei. Es komme darauf an, ob die republikanische Staatsform verächtlich gemacht werden solle. Dies habe aber nicht festgestellt werden können. Zwei Monat« Gefängnis für völkisch« Schimpfereien. Tie Ferienstrafkammer des Landgerichts II in Berlin verurteilte den verantwortlichen Redakteur der von dem Abge ordneten Göbbels herausgegebenen völkischen Wochenschrift „Ter Angriff". Dürr, wegen fortgesetzter Beleidigung des Berliner Bize-Pol zeipräsidenten Weiß zu zwei Monaten Gefängnis. 1 Dür: erhält jetzt die verdiente Strafe für Artikel, in denen er Weiß in schamlosester Weise beschimpft hatte. Das Gericht stellte in der Urteilsbegründung fest, daß der Angeklagte den Kampf gjgen Weiß nicht in sachlicher Weise geführt, sondern ihn wegen se nes jüdischen Herkommens verächtlich zu machen versucht habf. Das Gericht hielt eine Freiheitsstrafe tür notwendig, weil es füh um Angriffe handle, die in ganz besonders gehässiger Form geführt worden sind gegen einen Beamten, der eine große Verantwortung auf dem Gebiet der Staatsverwaltung habe. Händ. Wenn in solchen ^Fragen einzelne Beispiele richtunggehend für Gefühle fein können, dann wird man es mir nicht alä Schwäche anschreiben, wenn ich mich von einem Beispiel, eiitcr „Tatsache", einem Erlebnis mein langes Leben hindurch führen ließ. Ich habe an jenem Tage angefangen, über etwas nathzudhnken. woran ich früher nie gedacht habe, weil es mir zu > unwichtig erschien. — Verstehen Sie mich, meine Herren, es haßdelt isich — bloß — um ein Gefühl, um nichts weiter. Bitte, lasten Sie mich erzählen: i An einem Wintertage des Jahres 1870 lag eine deutsche Injanlerieabkeilung in einem französischen-Torf im Quartier. Die Herren Offiziere hatten es sich in einem geräumigen Hause, dessen Besitzer geflüchtet war, bequem gemacht. Man wußte, daß vor dem nächsten Morgen kein Alarmruf zu erwarten war und wolste den Abend — vielleicht den letzten —= genießen. Die Offiziere saßen beisammen hei Speise und Trank und erzählten sich lustige und ernste Tinge, verwegene Heldenstückchen und tapfere Kriegsstreiche. Ta erzählte der General ein Husarenstück. dasich ein Hessenländer Pfarrersfohn vor kurzem geleistet hatte. Ergriffen schilderte der alte Soldat, wie der Hesse bei «Nacht und Nebel in französischer Uniform bis.zum Feinde herqnfchlich. sich im Lager umsah, bis er die Regimentsfahne entdeckte: und wie er in einem günstigen Augenblick diese ergriff rind zurückschlich den feindlichen Hügel hinab. Und wie er zu früh entdecht wurde, wie eine französische Kugel ihn durchbohrte. wie er dann mit letzter Kraft seinem unten wartenden Kameraden die Fahne zuwarf und sterbend rief: „Lauf, Georg, die Fahne ist unser!" Diesss Stück erzählte der General, er nannte Namen und Staad dös Tapferen, der fein Leben hingab dafür, daß er fein Mulchen an dem verhaßten Feind kühlen konnte. kEtn junger Leutnant hörte diese Erzählung, er wurde nachoenlilich und seine Augen glänzten wild. In diesem Augenblick faßte er den Entschluß, bei der nächsten Gelegenheit um die feindliche Fahne zu kämpfen, sie um jedey-Preis,zu. erobern, um sich so auf einmal Ruhm und Raiw^üvergAHern. 328, ^=C Gott i— es war jugendlicher Eifer! Wer kennt ihn nicht? Am cytderen Morgen stand der Leutnant an der Spitze seiner Truppe iw heißesten Nahkampf mit dem Feind: furchtbar war das Ringen um jeden Zoll Erde, für den Freund und Feind das Blut hergaben. Dem Leutnant zur Seite kämpfte sein Bursche, ein kleiner, aber muskulöser Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren. Beide waren heiß bemüht, an den feindlichen Fahnenträger heranzukommen, -was ihnen auch gelang. Nun begann das Ringen um die Fahnef Die Franzosen merkten die Absicht und bildeten einen Kretis um den Fahnenträger. Der Leutnant verstärkte sich auch durch einige seiner Leute, und es gelang ihm, den feind lichen Krefs zu sprengen. Mit einem Satz sprang der Leutnant auf die Fahne zu, rannte in diesem Moment seinen Degen dem Träger in sie Rippen und entriß ihm die heißumstrittene Fahne. In diesem Augenblick aber wurden die daneben kämpfenden Kamerade« zurückgedrängt. Der Leutnant sah sich allein mit seinem Burschen und erkannte die Gefahr, in der sich beide befanden. Da knallte aus nächster Nähe ein Schutz, der Leutnant knickte zusammen, während er die eroberte Fahne seinem die Hand gab und rief: „Lauf, Levi, die Fahne ist Burschen il unser!" Eine die schwer nant, pack ekunde nur überlegte der kleine Levi, dann warf er Fahne zu Boden, ergriff im Nu den gefallenen Leut-! ihn auf die Schulter und lief zurück, indem er sich mit der Wlffse, die er in der rechten Hand hielt, den Weg bahnte. Erschöpft stnd blutend brachte Levi den ohnmächtigen Leutnant aus der Kampflinie. Nach Tagen erwachte der Leutnant zum Bewußtsein. Er lag in einem Feldbett, neben sich erblickte er den kleinen Levi, der ihn besorgt ansah. Das erste, was der Leutnant sprach, war: „Levi, hast du die Fahne in Sicherheit gebracht?" „Nein, Herr Leutnant-.“ „Wie, i>u hast sie dir wegnehmen lassen — vom Feind — hast auf Beförderung und Auszeichnung verzichtet-?“

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