Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 40 (11.10.1929)
- Date
- 1929-10-11
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4911661-5448526-5449139--2368-4913761- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ä^rltrirschand- | Von Dr. F. L. Witte. Rostock. Während der letzten Wochen vor de : Landtagswahl in Mecklenburg-Schwerin prangten in der reaktionären Presse massenhaft die Anzeigen der Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei; öffentliche Versammlungen wurden darin angekündigt mit freier Aissprache. jedoch mit der Einschränkung „Juden haben keinen Zutritt!" di nn ist es ein Menschentum der politischen dieser Zeit, wo gedruckt werden offen und ver- Menschen, die ar— und dies der evangeli- Gesellschaftsälten, nicht mit echter haben es ilder durchaus wohlhabenden nh) < Wenn es etwas Schamloses gibt, jolcher gedruckter Satz, der allem wahre r Hohn spricht. Niemals waren Zweifel ar Moral unseres Volkes so berechtigt als in der Satz „Juden haben keinen Zutritt" kann. Ich weiß, daß der Antisemitismus steckt in sehr weiten Schichten auch solches sich gebildet nennen, verbreitet ist, sich leider nicht selten — bis auf die Kanzelik schcn Kirchen verirrt und daß es ganz^ gruppen geradezu für selbstverständlich h, Juden zu verkehren. Hohe Adelsgeschl« allerdings zur Vergoldung ihrer Wappens nicht immer abgelehnt, Töchter au " israelitischen Familien zu heiraten. Aus meiner eigenen Lebenserfahrung sage ich: oft^ wals sind es Juden gewesen, die mir ohnr Anspruch am Gegengabe geholfen haben, mir ein Vorbild gaben a» Fleiß. Tüchtigkeit, patriarchalischem Sinn, Humanität und Wohltätigkeit, von der Schule angefangen. Universität hinaus bis in das praktische diesem Grunde bekenne ich, daß ich den Juden genau so wie Angehörigen anderer Konfessionen" großen Dank schulde und daß ich mich schäme, in den [hefften Grund meiner Seele schäme, daß es heute noch bei sins in Deutschland einen Antisemitismus, einen solchen» jammervollen und traurigen Gegensatz zu einem wertäollen Bestandteil unseres Volkes gibt, wohlgemerkt zu hinein Bestandteil, der etwa ein Prozent der Gesamtbpvvlkerung, in Mearlenburg höchstens ein halbes Prozent beträgt. Es gibt überall gute und schlechte Menschen. > Niemand hat das Recht, über andere absprech sollte jeder sich an die eigene F Nachdenken, ob er immer rechst häufig fehlsam gehandelt hat. lichen Religion, einer der grö über unsere kleine Erde gewai jüdischen Volke. Wenn heute Teil der Juden auf bestimmte insbesondere das Bank- und ihren Händen liegt, so ist das tums, sondern die Schuld weit über das Mittelalter h zweigter Berufe nahmen und Geldwechsler ihr Lebensbrot Schichten unseres Volkes nichts Schuld für die heutige Zeit auf so ist das ein Zeichen der F e unddesmoralischenZe das Judentum hat eine besondesi, sondern wir alle tragen die gl imstande sind, dem Leben ger, zu schauen. hina die Zu end zu urteilen: vielmehr Srust Klopfen und darüber oder vielmehr nicht sehr Der Gründer der christssten Menschensöhne, die je ybelt sind, stammt aus dem ein nicht unbeträchtlicher Berufe beschränkt ist, wenn Finanzwesen teilweise in keine Schuld des Iudene r anderen, die ihnen us jede Möglichkeit ver- Israeliten zwangen, als suchen. Wenn große anderes können, als die das Judentum zu wälzen, gheit, der Schwäche cbrochenseins. Nicht ce Schuld auf sich geladen, iche Schuld, die wir nicht cjde und tapfer ins Gesicht 3" Der Aufstieg zu etwas Be kann sich nach Weltkrieg und ziehen. Vieles, sehr vieles ist An die Stelle wahrer Religiojr Dogmentum getreten: an der steht einstweilen noch eine isoll allesamt Schuld daran. Nieinan! schämende des Antisemitismus als Kaiser Friedrich Hl Kronprinz in der Aula der U nannte den Antisemitism turschande des 19. Jahr ist fast zu gelinde, um die Scha zu kennzeichnen, die sich zwar lichkeit aber von dem wahren gion gar nichts wissen, am we erem, zu etwas Höherem flation nur langsam vollricht so, wie es sein sollte. ist vielfach ein starres Stelle einer Volkskirche erte Kirche. Wir tragen d hat deutlicher das Bezuck Ausdruck gebracht in seiner Ansprache als rsiversität Königsberg. Er us die größte Kul-! u n d e r t s. Dieses Wort nlosigkeit gewisser Kreise Christen nennen, in Wirkhplt der christlichen Relinkgsten aber darüber nach- Der Jude, der Leutnant und die' Fahne Shon Josef Kaplan (Fulda). i lubzimmer. Um Zeinen Rauchtisch sitzen in tiefen Sesseln ein Dichter, ein Gelehrter und ein alter General.) Der Dichter: „Ich weitz — wer meine Schriften liest, hält ich für einen Antisemiten . . . Aber es ist mir auch einerlei, ■ t> bin eben ein wahrheitsliebender Schilderer und kann nichts eichönigen oder verschweigen, auch aus die Gefahr hin, daß mich ,«wisse Leute hasten. Aber im Grunde genomnen bin ich kein lntisemit! Ebensowenig als es Gustav Freytag gewesen ist, der in seinem „Soll und Haben" Tatsachen zeichnüe — ja, Tatachen! — die Habsucht, die Hinterlist, die Rücksichtslosigkeit, as Ueber-Leichen-Gehen, die Feigheit, den strafbaren Egoismus ,s Juden. Er erkannte das überwiegende Schlechte in dem wischen Menschen. — Nein, Freytag war keik Antisemit, er aar ein groher Menschenkenner, er fand die vielen Beitel Itzigs :as der Menge heraus und beleuchtete sie für die Welt. Es -ar ein tapferes Unterfangen — aber Gerechtigkeit, unbestech- »che Gerechtigkeit verleitete Freytag dazu. — So ist der Jude, icine Herren! Der Beitel Itzig lebt noch und ivir können ihn eicht stets rücksichtslos genug der Oeffentlichke t zeigen. Wir ännen einen Menschen tadeln, muffen aber nicht sein Feind «in! Ich bin kein Antisemit, sondern ein gerechter Kritiker, agen Sie meinetwegen: ein Antisemit aus Gerechtigkeit-“ Der Gelehrte: „Ein Antisemit aus Gerechtigkeit? Wenn es >en solchen gibt, dann ist der Antisemitismus kein Problem : ehr! — Berechtigter Hatz? Dah ich nicht lache! Mein Dichter, -ie reden wie alle anderen Antisemiten, die sich darin gefallen, ..Kritik" zu üben. Sie kommen sich furchtba: erhaben vor. wenn sie die Worte finden, mit denen sie den Wert eines Volkes .uennzetchnen" können — und mischen sie noch einen Tropfen Gerechtigkeit hinein, dann steht bei ihnen ihr lauterer, ehrlicher Linn fest.-Das Wort Antisemit ist ein> beschönigende und besänftigend« Bezeichnung für eine blinde un!> blutige Feind- ' Fein. schaft. Judenfeind sollte es heißen! antwortung und offener Sinn. — S als ein solcher hasse ich und bekämpf. Gebote stehenden Mitteln! Und w ich von Gerechtigkeit nicht reden, Gerechtigkeit! — Herr Dichter, Sih wie viele andere und wollen ihn Feindschaft wegen — aber haben nachgedacht, ob Sie das Recht hab§ Wertung eines Volkes zu legen? — , Anmaßung, wenn wir aus angebo^e eines Volkes streichen? — Der' Freund Vorzüge findet —! Der Dichter lironisch): „Und Meinung diese „Feindschaft" nie ri Der Gelehrte: - „Nein! Feindsch. schon sagte!" Der Dichter (mit verhohlenem vielleicht, daß diese — Abneigung werden kann?" Der Gelehrte: „Ja! Ich glaubjr Der Dichter: „Ah-!' Der Gelehrte (lauter): „Vollkoni» — seiner Eigenarten —Verständnis kommt — gemessen am eigenen Den gerecht gemessen — selbstlos — ohne führt zur Beseitigung der trennend^ Der Dichter: „Mein Herr, Sie wir werden nicht einig werden — Der General: „Die Herren verzech, eingretfe. Aber mir fällt soeben Ich habe mich damals gefreut und lebt zu haben. — Sie. werter Herr sei feige, egoistisch und rücksichtslos Rechtfertigung für Ihre Ansicht rin In diesem Wort liegt Vereh, ich bin dein Feind! Und , e ich dich mit allen mir zu :ft ich dein Feind bin, darf ein Feind fragt nie näch haben Ihren Standpunkt nicht' verlassen, eben Ihrer Sie schon einmal darüber N. in Ihre Feindschaft die Ist es nicht eine ungeheuere ner Abneigung die Moral d sieht da Fehler, wo der — kann man nach Ihrer echtsertigen-?“ oft ist nie gerecht, wie ich Aerger): „So wissen Sir_ — aus der Welt geschafft es zu wissen!" mene Kenntnis des anderen für alles, was von drüben ren, Fühlen und Handeln — Eigenliebe und Egoismus — Kluft-!" haben Ihren Standpunkt — .JMi, dah ich in diese Debatte i in Erlebnis von 1870 ein. f :eue mich heute noch, es erpichter, behaupten, der Jude ,s. Sie haben vielleicht als Peispiel, eine „Tatsache" zur 327 i