Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 39 (27.9.1929)
- Date
- 1929-09-27
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Hitler wirbt Landstreicher Die Methoden nationalsozialistischer „Werbung" — Wie der „Massen"-aufmarsch in Nürnberg erzielt wurde. Der Münchener „Illustrierte Beobachter", eine völkischnationalsozialistisch eingestellte Wochenillustrierte, bemüht sich, auf Photographien in einer ganzen Rümmer nachzuweisen, welch imposante „Massen" Hitler von Hugenbergs Gnaden in Nürnberg zum Parteitag der Nazis auf die Beine brachte. „Massig" oifcl Photographien des hehren Adolf sind zu sehen, auch Bilder, die so etwas wie Beteiligung aufweisen. Wer sich nämlich durch Zgfall auf der Straße befand und sich nicht beteiligte, der wurde von den Faschisten niedergemacht — siehe Schlachtbericht aus Nürnberg: 5 Tote, 75 Schwerverwundete. . Wie und mit welchen Methoden di« Hakenkreuzler, die so stitz für die Stärke ihres Aufmarsches zitierten Zahlen erzielten, dazu teilt der „R. F." ein Gewährsmann mit; i '„Müde, hungrig und abgeriffen kamen wir Anfang- Juli nach vierwöchiger Fußwanderung in Nürnberg an. Hatten wir gehofft, den Versprechungen gemäß hier endlich erträgliche Zustande zu finden, so hatten wir uns schwer getäuscht. Pon der Gaugeschäftsstelle wurden wir dem SA.-Heim und Sportplatz. Sryleswiger Straße 4ä, zugeteilt. Tort nahm mich der Standartenführer Wutzbacher beiseite und legte mir als Tvuppführer ans Herz, mit allen Kräften dafür zu sorgen, daß mäine Leute auch richtig arbeiten, um sie in den Abendstunden militärisch für den Aufmarsch am 1. August zu drillen. ' Was -für Leute wurden nun meiner Obhut anvertraut? Wdchenlang war die Motorradfahrer-Staffel Nürnbergs unter Füjhrung des erwähnten Wutzbacher Sonntag für Sonntag unterwegs. bis nach Feuchtwangen und weiter hinaus, um dort sämtliche Herbergen zur Heimat abzuklappern. Den Insassen dieser Herbergen wurde freie Verpflegung, ein« SA.-l2turmabt«ilung«-)Unisorm und oom 28. Juli ab für jede Arbeitsstunde <!) 50 bis 60 Pfennig Lohn oerfprochen. Außerdem sollten sie noch zum Parteitag ein größeres Geldgeschenk und später nach Möglichkeit eine feste Arbeitsstelle erhalten. Als ich Nürnberg in den letzten Iulitagen verließ, waren auf diese Weise mehr als 800 „Kämpfer für das Dritte Reich" zusammengekommen." „Unsere Verpflegung stand in keinem Verhältnis zu den gemachten Versprechungen. Sie bestand des Morgens aus je einem Stück trockenen Brotes und einer Tasse „Kaffee". Je ein Brot mußte ich als Tagesration in 10 Portionen teilen. Mittags gab es eip Stück Brot und Wurst. Abends wieder ein Der Konvertit Von Regierungsrat I. Kreppet.*) Rabbi Leib Sarahs verbrachte sein ganzes Lehen auf der Wanderung. Wo er den Tag verbrachte, übernachtete er selten. Bloß Sabbat und Feiertag blieb er 24 oder 48 Stunden an einem und demselben Orte. Ucberall gibt es fo viel zu tun. pflegte er zu sagen. ' Es gilt Sünder der Buße zuzuführen. Verirrte auf den rechten Weg zu dringen. Gefangene zu befreien, Bedürftigen beizustehen — ja perumirrenden Seelen die ewige Ruhe zu verschaffen. Man darf nicht warten, bis es an den Menschen herankommt, man nit«ß aufsuchcn upd nachforschen.! Wo immer Rabbi Leib weilte, selbst in einem entlegenen Tofse — nie fehlte es an zehn Juden, um das Gebet mit „Min jani" verrichten zu können. Uebernachtete er irgendwo in einer Dorffchenke, selbst in einer Feldschenke, zur rechten Zeit tauch len jüdische Reisende aus, die das „Minjan" ergänzten. Bloß einmal drohte die Gefahr, daß Rabbi Leib ohne „Minjan" bleibe, und dies an keinem gewöhnlichen Tage, sondern gerade am Versöhnungstage. Während Rabbi Leib im Laufe des ganzen Jahres sich damit! begnügte mit „Minjan" zu beten, wobei es ihm gleichgültig blieb, ob das Gebet in einem Bethause oder in einer beliebigen .Schenke vor sich gehe, war er für den Versöhnungstaq darauf > bedacht, in einer Synagoge zu beten. An diesem heiligsten aller Tage wollte er nur dort mit seinem Gott sprechen, wo das ganze Jahr hindurch Gott gedient und gehuldigt wird. Des ivcgen pflegte er jedes Jahr am Rüsttage des „Jom Ki'pur" sich '» beeilen, um rechtzeitig in eine Stadt zu gelangen. Eines Jahres passierte es aber, daß Rabbi Leib trotz aller Anstrrngunaen. in eine Stadt?u gelangen, mit einem Dorfe vorlieb nehmen mußte. Am Rüsttage des Verfähnungstages wurde er von einem furchtbaren Sturme überrascht und konnte den Dea nicht fortsetzen. Mit schwerer Mühe schleppte sich sein Wagen bis in das nächste Dorf. Als der Sturm aufhörte, war *1 Aus ..Ostjüdische Legenden", von I. K r e p p e l sVerlag „Das Buch". Wien, l., Postamt 9 22. Preis 4.— Sch ). 316 ode Stück Broi zweiten Parteimit, Zeit den ten wir fehl Daß all bt£ getan war. den Glaubt Völlig noch einen und Wurst. Warmes Mittagessen gab es nur jeden r dritten Tag, wenn ein gutgestelltes Nürnberger ied dies stiftete. Keiner durste während der ganzen portplatz verlassen. <l) Zur gleicher Zeit aber muhen, wie die Oberführer in Saus und Braus lebten. L nach den Enttäuschungen der Reise nicht dazu anin mir, der ich seit 1822 der NSDAP, angehörte, n an ihre Sache zu stärken, ist verständlich, mittellos und verhungert, halten wir schließlich nur Gedanken, dieser Hölle zu entfliehen." „3« handeln pflegen die Juden- . . . Antisem tische Flegeleien einer württembergischen Behörde. Wir lejen im „Vorwärts" Welche wundervollen Blüten zuweilen der A n t i s e m i tismus >eute noch bei amtlichen Stellen treibt, zeigt ei» Briefwechsel, den kürzlich ein Berliner Arzt mit dem württembergischen Oberamt Freudenstadt führen muhte. Der Arzt war kürzlich mit seinem Mobprrad auch durch Freudenstadt gefahren, wo sein Motor nach Ansicht der Freudenstädter Polizei „in übermäßiger — das Publikum belästigender Weise — Rauch ujnd üblen Geruch entwickelte". Er erhielt daraufhin eine p o l i rung, eine eiliche Strafverfügung mit der Ausforde- IG e l d st r a f e in Höhe von 10,60 Mark zu zahlen. Ter Kraftfi ihrer glaubte zu Unrecht bestraft zu sein, teilte dem Oberamt stdoch gleichzeitig mit, daß er nur bitte, ihm die Hälfte d!s Betrages bis zum 1. September zu st u n d e n. Das Obercnnt Freudenstadt verstand scheinbar kein richtiges Deutsch uni schrieb: „Sie wollen den Strafbetrag von 10 Mark auf 5 Marr herabgesetzt wissen. Zu handeln pflegen di« Juden »ei ihren Geschäften; die Polizeibehörden sind aufs Handeln ni ht eingestellt." Darauf erwiderte der Bestrafte, er wolle ja die nach seiner Ansicht ungerechte Strafe auf sich nehmen und fügte lann hinzu: „Ich bin kein Jude, glaube aber doch verpflichtet zu sein, dem württembergischen Innenmini st er um Ihr offizielles Antwortschreiben mit dxr offensichtlich gehässigen antisemitischen Aeußerung zur Verfügung stellen zu müssen." Die forsche Antwort a» s Freudenstadt sah so aus: „Wenn Sie übrigens glauben verpflichtet zu sein, mein Schreiben vom 30. Juli 1929 dem württe nbergischen Innenministerium mitzuteilen, so steht das durchaus in Ihrem Belieben. Ich werde die Worte „zu handeln pfll gen die Juden bei ihren Geschäften" zu verantworten nissen." es bereits;u spät, sich auf den weiteren Weg hinauszuwagen, und so mußte Rabbi Leib im Torfe verbleiben. Im Hanse des Dorfschenkers wurde alljährlich für die hohen n „Minjan" abgehalten. Aus den umliegenden gten die dort wohnenden Juden sich hier zu versammeln, uki die Gebete zu verrichten. Auch am vergangenen Neujahrsfeste war dies der Fall und der Schenker versicherte >aß es an „Minjan" nicht fehlen werde. Abend herannahte, nahm Rabbi Leib ein Bad i» Feiertage Dörfern pfl den Rabbi. Als deü dem um da- Torf laufenden Fluß, verzehrte die letzte Mahlzeit und begab ich in das für die Andacht bestimmte Zimmer, zog Kittel (Totenhemd) und Tallis an und begann die dem eigentlichen Gebete vorgehenden Bekenntnisse und „Techinoth" zu rezitieren. Er war in seine Andacht vertieft, als ihm die Mitteilung gemacht wurde, es werde diesmal kein „Minjan" geben. Zwei Inden aus söhnungstae inem Rachbardorf mußten unerwartet für den Ver in die Stadt. Mit dem Rabbi sind bloß neun er wachsene Riänner vorhanden. Nc chricht wirkte aus Ter Zehnte fehlt, alle Anwesenden wie Keulen Die schlüge. Nolch nie ist ihnen so etwas passiert. Im Betzimmer herrschte Tctenstillc. Was ist da zu tu»? Der Rabbi unter brach nach «irrigem Nachdenken das Schweigen. „Ist nicht doch die Möglichkeit vorhanden, von irgendwo einen Juden herbei zuholen?" „Nein! in welchem — erhielt er zur Antwort — „das nächste Dorf. Minjan" abgehalten wird, ist einige Meilen weit. Wie soll mi n in einer so vorgerückten Stunde dorthin gelan ge» und recsizeitig zurückkchren?" Ist vielleicht im Dorfe ein Konvertit vorhanden, der zum Judentum z rrückkehren möchte?" — fragte weiter Rabbi Leib. Konvertit", lautete die Antwort, „außer. . ." — fragte der Rabbi. . außer . . . außer unserem Gutsbesitzer", starn „Kein „Außer „Außer mclten einidc. — „Uni „Dieser äugend geta ift." „Hat zu werden?"?" — forschte der Rabbi, hat sich aber bereits vor 40 Jahren in seiner er nicht jemals den Wunsch geäußert, wieder Jude — wollte Rabbi Leib wissen.