Mannheim
Compact Memory

Der Schild · 1929-09-20 · 38 (20.9.1929) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Schild
Volume
8 (1929)
Issue
38 (20.9.1929)
Date
1929-09-20
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4911661-5448526-5449135--2347-4913742
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

keine Ahnung hatte, sah man in ihm nur eine der vielen vorderasiatischen Religionen, die damals in Rom 9lnklang fanden und dem alten Götterglauben Abbrilch taten. Einem Manne, wie Tacitus» der nur in der Erhaltung des traditionellen Römertums das Heil erblickte, mußte daher das Judentum als ein Element der Zersetzung erscheinen. Von demselben Standpunkt aus mutzten Satiriker, wie Iuvenal, das Vordringen des Judentums betrachten. In ihren Augen waren die offenbaren Erfolge der „Barbaren" aus dem fernen Palästina nichts anderes, als Anzeichen des fortschreitenden Verfalls. Als die ersten Christengemeinden in den grötzeren Städten entstanden, waren Iudenchristentum und Heidenchristentum noch nicht streng voneinander geschieden. Bis zum Auftreten des Paulus wurde in einzelnen Gemeinden auch von den neubekehrten Heiden die Befolgung der Vorschriften des jüdischen Gesetzes verlangt. Tie Christen der ersten Zeit sind kaum etwas anderes, als eine jüdische Sekte und von den Römern werden Juden uno Christen nicht selten verwechselt oder für Angehörige desselben Glaubens gehalten. Erst als Paulus das Christentum vom alten Gesetz loslöst, entsteht ein wirklicher Gegensatz von Juden und Christen. Die Propagandisten der neuen Religion sahen jetzt im Judentum eine ernsthafte Konkurrenz: sie mußten ferner bestrebt sein, die Gegensätze besonders zu unterstreichen, um sich nicht von vornherein die gleichen Antipathien zuzuziehen, die gegen die Juden aus den oben geschilderten Gründen vorhanden waren. So z. B. ist das Wort „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist" unzweifelhaft eine Formel, die lediglich die Staatstreue der Christen im Gegensatz zu dem Rebellentum der Juden unterstreichen sollte. Denn das Wort bezieht sich auf die Steuer von zwei Denaren, die erst nach der Zerstörung des Tempels eingeführt wurde und charakterisiert sich daher als späterer Zusatz in den Evangelien. Noch viel schärfer wurde der Gegensatz zwischen Judentum und Christentum in der mündlichen Lehre des frühen Christentums herausgearbeitet. Denn noch immer dauerte die jüdische Propaganda fort, und die Lehrer der christlichen Kirche wenden sich mit ebenso großer Heftigkeit gegen das Judentum, wie gegen die heidnischen Dolksreligionen. Die frühzeitige dogmatische Erstarrung des Christentums trug das ihrige dazu bei, um diese Angriffe zu verschärfen. Nur in Zeiten, in denen die heftigsten Auseinandersetzungen in der Kirche selbst tobten, wie z. B. im Streit um die Lehre des Arius, hatten die Juden verhältnismäßig Ruhe. Aber es gibt kaum einen kirchlichen Autor, der nicht eine Streitschrift gegen das Judentum hinterlassen hätte. Je. stärker sich der dogmatische Charakter der neuen Religion herausarbeitete, um so mehr trat die Erinnerung daran zurück, daß trotz aller Gegensätze Judentum und Christentum demselben religiösen Grundgefühl entstammen, daß die siegreiche Lehre durch das religiöse Genie der Propheten vorbereitet worden war. Es läßt sich psychologisch durchaus begreifen, daß die frühen christlichen Propagandisten es als jüdische „Verstocktheit" auslegten, wenn ihren Tätigkeit in jüdischen Kreisen nur geringer Erfolg beschieden war. Insofern ist also der christlich-jüdische Gegensatz gewissermaßen natürlich bedingt. Wenn es aber zu einer Verewigung des antiken Judenhasses gekommen ist, so hat hierzu vor allem beigetragen, daß das Christentum sich überraschend schnell den herrschenden geistigen Strömungen der damaligen Welt anzupassen verstand, und daß es sich bei dieser Verweltlichung sofort von seinem Kern, von der Iesilsreligiön der Versöhnung und Nächstenliebe, entfernte. Als es mit Konstantin zur herrschenden und bald darauf zur Staatsreligion wurde, setzte auch bereits die Ausnahmegesetzgebung gegen die Juden ein, die die Verkümmerung der Iudenhert im Ghetto begründete. Die ersten christlichen Kaiser folgen dabei zwei Traditionen. Ihnen sind die Juden die alten Feinde des Staates, obwohl sie seit Hadrian, von einer kurzen Episode während der Partherkriege abgesehen, an keine politische Erhebung mehr denken konnten. Dazu sind sie jetzt die Feinde der Staatsreligion, die überhaupt nur noch ' 308 existenzb^rechtigt sind, um, wie die theologische Forme lautet, oüs Zeugen für die Entstehung der christliche, Religion fortzuleben. Würde es heute einen Antisemitismus geben, wen, nicht all« diese historischen Vorgänge noch im Leben der Gegenwort zurückwirkten? Man mag diese Frage mi. dem Hin veis darauf beantworten, daß es eben das jüdi sche Schicksal war, in jeder Generation wieder eine neue Welt der Verständnislosigkeit und des Hasses zu finden Trotzdem wird man nicht bestreiten können, daß die be sonderen historischen Umstände, wie sie zur Zeit der Ent stehung »es Christentums bestanden, für die spätere jll dische G< schichte entscheidend wurden. Der Antisemitis mus in einer modernen Form konnte gewiß erst ent stehen, a s die Juden mit der beginnenden Emanzipation mehr odi r weniger in den heutigen Nationalstaaten auf Hen. Aber unter der Hülle moderner Schlagworte ma l stets wieder die Argumente des uralten Juden Hasses ei kennen, der an dem weltgeschichtlichen Wende punkt d ir Entstehung des Christentums und des be ginnenden Zerfalls der alten Welt zum ersten Male in die Erscheinung tritt. L. Steinfeld. kam.j Stlldienrat Max Paradies gestorben Die Ortsgruppe Berlin hat durch das Hinscheiden des Käme raden Max Paradies, der feit langen Jahren dem Ortsgruppen- und Bundesvorstand angehörte, einen schweren Verlust erlitten. Im blühenden Alter von 47 Jahren ist er plötzlich und unerwartet in einem Sanatorium, wo er Erholung suchte, ver schieden.! Mit seiner Gattin, seinen Kindern, seine» Verwandten und Freunden, mit, seinen Kollegen und Schülern, mit viele» anderen jüdischen Organisationen, in denen er bis zuletzt mit arbeitete^ trauert die Ortsgruppe Berlin, der er in ganz be sonderer Weife und mit besonderer Liebe seine außerberufliche Arbeit ziiwandte. Als eines der ältesten Mitglieder der Orts gruppe Perlin hat der Verstorbene schon lange Jahre seine» Dienst ini deinRjF. gestellt. Er hat durch tätige Mitarbeit beim Aufbau des Bezirks Moabit am Gedeihen der Ortsgruppe ei» großes Verdienst. Vom Bezirk Moabit in den Ortsgruppen Vorstand j vorgeschlagen. hatte er längere Zeit die Geschäfte des Kasstererv geführt, zu einer Zeit, als die Finanzgeschäfte aus eine neue Grundlage gestellt wurden, und so der Organisation einen festen Boden mitschaffen helfen. Sein Gerechtigkeitssinn hat den! Ortsgruppenvorstand veranlaßt, ihn ins Ehrengerichi der Ortsgruppe zu entsenden, wo er fruchtbringende, Kamerad schaftlicht Arbeit leisten konnte. Seine langjährige Erfahrung in allen ^Fragen des RjF. hat sich auch im Bundesvorstand bett° er a*5 Vertreter der Ortsgruppe Berlin wirkte. Er gehörte pis zu seinem Tode dem Ortsgruppen- und Bundes Vorstand > an, hat an fast allen Sitzungen teilgenommen, wie es bei seiner Gewiffenhaftigkeit selbstverständlich war. Er war ein gesinnungstreuer deutscher Jude und guter Kamerad. Sein plötzlicher Tod hat eine schmerzliche Lücke in unsere Reihe gerissen. Die Ortsgruppe Berlin dankt dem verblichenen Kameraden für die Dienste, die er durch seine Arbeit dem RjF. und dem deutschen Judentum geleistet hat, und wird sein Andenken in Ehren halten. > Der Tod Louis Marshälls Ein großer Amerikaner und ein großer Jude. Lo«d Marshall, der Führer der amerikanischen Juden und Präsiden^ des Council der Iewifh Agency, ist am Mittwoch, de/». 11. September. S Uhr nachmittags, im Kantonalhosgstal in Zürich/ wo er rüden letzten Wochen zweimal operiert wurde, sanft verschieden. »m Sterbelager wellten sein Sohn James, seine Schwester. Frau Rgsenberg, sein Schwager Dr. I. L. Magnes. Kanzler der Hebräischen Univerfität in Jerusalem, und Frau, sowie Rabbiner Dr. Snelow vom Tempel Smanuel zu New Aork. Di« Familie hat i ,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.