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Der Schild · 1929-09-13 · 37 (13.9.1929) · p. [Seite]

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Journal
Der Schild
Volume
8 (1929)
Issue
37 (13.9.1929)
Date
1929-09-13
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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bild des Menschheitserziehers und Rekigionsphilosophen nach„ in dem Lessing „das Urbild des weifen Nathan" gesunden hatte. Merbach schilderte das Leben Mendelssohns, der die deutschen Juden aus geistiger Bedrückung und sozialer Gebundenheit in die Freiheit führte. Der Redner erörterte die Beziehungen Mendelssohns zu dem Buchhändler Nicolai, Lavaters Bekehrungsversuch. und formulierte sein Urteil über den Philosophen: ..Er bildete Kein neues System, er suchte das Ideal menschlicher Glückseligkeit." ... Man hörte noch das letzte Kapitel aus Mendelssohns „Phadon". Felix Robert Mendelssohn spielte mit seinem Trio Kompositionen Felix Mendelssohn-Bartholdys. Mendelssohns Lieder fang die Sopranistin Susanne Hollaender. Dr. Arnold Rüge Ein völkischer Typus. In der Familie Rüge hat es zweier Generationen bedurft, um den Weg vom Radikalismus ljnker Richtung zum Radikalismus der Reaktion zu nehmen. Eine sehr lange und für diese Wandlung gar nicht übliche Zeitspanne. Die Nachkommen Scharnhorsts, Steins. Robert Blums waren schon in der ersten Geschlechterfolge konservativ, und Miguel, der Barrikadenverteidiger von 1848, ist der reaktionärste Finanzminister der Wilhelminischen Aera gewesen. Dem Privatdozenten Tr. Arnold Rüge steckte ursprünglich sogar noch der Liberalismus seines Großvaters gleichen Vornamens im Blute. Ursprünglich: das war die Zeit, als er 1904 und 1905 an die Universität Heidelberg kam und seine Karriere als Leiter der philosophischen Seminarbibliothek begann. Sein Liberalismus ist ohne Zweifel echt gewesen. Er -tastete die Gesinnungen seiner Kommilitonen ab und war er> staunt, ja geradezu entrüstet über ihre politische Rückständigkeit. Tatz es unter ihnen noch so etwas gab wie einen Antisemitismus, hielt der junge Doktor und Privatdozent Rüge für bedeutungsvoll und traurig genug, um ihm eine Kampfbroschüre nachzuschicken. Nun war der Vorkriegs Antisemitismus an den deutschen Hochschulen im Vergleich zu heute gewiß ein zahmer Geselle. Es halt eines akademisch gebildeten Menschen uar würdig. Antisemitismus laut zu äußern oder gar für diese -Richtung agitatorisch einzutreten. Man erwartete allerdings in »jenen sozialen Schichten, die der adeligen Aristokratie angej hörten, mit ihnen in Verbindung standen oder wenigstens für vollbürtig gehalten wurden, den Reserveoffizier zu stellen, daß ihre akademischen Angehörigen dem Juden gegenüber Distanz hielten. Eben diese verlebende Abstandhaltung eines Teiles der Studentenschaft gegenüber den jüdischen Kommilitonen fand Arnold Rüge verhängnisvoll. Und er schrieb und redete dagegen. Prioatöozent zu sein ist mitunter ein hartes Los. Im alten Staat, der den akademischen Lehrer am Beginn seiner Tätigkeit einfach auf den finanziellen Ertrag seiner Vorlesungen angewiesen sein ließ, war es häufig ein nacktes Hungerdasein. Ruges Mitarbeit an der „Frankfurter Zeitung" und anderen „Iudenblättern" half nur der ärgsten Not ab. Das andere taten jüdische-Privatleute. Sie haben den jungen Dozenten Jahre hindurch unterstützt und über Wasser gehalten. Ta passierte es ihm, daß ein jüdischer Gelehrter früher die Professur in Heidelberg erhielt als er. Diese „Bevorzugung", von der ganzen Fakultät nach Aller und Leistung als berechtigt anerkannt, warf Rüge mit einem Schlage moralisch und intellektuell aus dem Geleise. Er verfiel deü übelsten Manieren der Kollektlvrache: Das ganze Judentum hatte ihm himmelschreiendes Unrecht angetan: das ganze Judentum sollte es büßen. Was immer ihm passierte, was immer für Unglück geschah: Schuld hatten die Juden. Dieser hart an die Grenze des Berfolgungswahnsinns streifende Antisemitismus ist fast immer mit einem Zusatz blamierender Komik durchtränkt. Und Rüge erlebte von Zeit zu Zeit immer wieder einen Reinfall, über den nicht nur „Juden und Iudengenoffen" gelacht haben. Er bekam Krach mit seiner Wirtin undbeschimpfte sie. Gerichtliche Taxe: einhundert Mark. Natürlich stecken die Juden dahinter. So ein „Schandurteil", proklamierte er, sei nur möglich, weil ein Jude, von Lilienthal, als Beisitzer mitgewirkt habe. Er sprach von „frechem jüdischen Rechtsbruch". Es stellte sich heraus, daß besagter Herr von Lilienthal ein naher Verwandter des schwedischen Königshauses war. Arnold Rüge wurde vom akademischen Senat gerügt. Bald hinterher gab es eine Professorendifferenz an der Universität. Max Weber kontra Iournalistenprofesior Koch. Rüge hielt es. leidenschaftlich mit Koch gegen den „Juden" Weber. Der berühmte Soziologe und Nationalökonom Weber war nun freilich, kein Jude, wohl aber der bei dem Streit übel unter die Räder gekommene Professor Koch. —" Ludwig Frank kam von Mannheim nach Heidelberg und hielt in einer Volksversammlung eine Rede. Gleichzeitig sprach Rüge vor ganzen acht Personen in einer „Paralleloersammlung". Er erfuhr, daß der größte Saal Heidelbergs die Menge der Zuhörer Franks kaum fassen konnte. Da polterte er in hysterischem Zorn los: „Wenn so ein Saujud. seine vater¬ 300 landslosen Hetzreden hält, rennt ganz Heidelberg hin, ein Patriot wie ich mutz vor leeren Bänken sprechen." Das Verhältnis war klar: Hetzredner hier, Patriot dar' Frank und Rüge. Da kam der Weltkrieg. Ludwig Frank stai: als Freiwilliger den Heldentod vor Baccarat. Rüge blieb Haufe und begeisterte die anderen für den Heldentod. „Weib : nachten 1914 ist der Krieg aus" . . . 1915. „Zu Weihnächte: . j ist der Krieg bestimmt zu Ende." Die Sache wurde brenzü! Jahrgang 1879 wird eingezogen. Dazu gehört Rüge. j; Bevor der „Patriot" auf das Bezirkskommando ging, tru er einen jüdischen Redakteur, der vom Felde kam. Bei:. ■ kannten sich seit langem. Rüge erkundigte sich, wie es bei de! Aushebung züginge. „Ist sie streng? — Werde ich 'rankommen : — Habe ich gar keine Chancen, freizukommen? Ich bin do» so kurzsichtig.".. . . Das Verhalten des „Patrioten" bot Stoff für aristophanisch» Komödien. Der jüdische Feldurlauber lachte ihn aus. Rüge 1 wurde nach Karlsruhe eingezogen. Da machte er bei den Redak tionjen der Heidelberger und Karlsruher Zeitungen Besuche, un sie zu veranlassen, auf seine unersetzlichen Dienste als „v a t e r; ländischer Aufklärer" hinzuweisen. Er schaffte es j Binnen kurzem war er gut Freund mit allerhand hohen Cffi . zieren, war im Generalkommando und „klärte" weiterhin au' ' Der Heldentod hatte für ihn wieder seine Reize gewonnen. De Heldentod der anderen. Im Gespräch sagte er: „Es ist eine Schande. Fortwährend lassen sich diese Kollegen reklamieren. Ich habe diese Methode:.! verschmäht, denn ich sage mir, was daraus werden würde, wenn j das zu allgemeinem Prinzip erhoben werden sollte." Rugc! wandelte also als die leibhaftige Verkörperung des kategorischen! Imperativs herum und blieb bis zum Schluß sorgfältig jenen Orten fern, wo der Heldentod bequem zu holen war. j Die Revolution kam, und von Rüge hörte man eine Zeit lang gär nichts. Ueberraschend schnell konsolidierte sich in Baden das Regiment der demokratischen Reoublik mit dem Prinzip der Meinungs- und Aeußerungsfreiyett bis in die Extteme der Toieranz. Da tauchte bei einer seltsamen Gelegenheit! QUCfj Arnold Rüge wieder aus der Versenkung auf. Im Mai feierte die Universität- Heidelberg ihren äie8 acsäemicu- Nun wurden anno 1919 — Festreden gehalten, die den mo»! archischen Hintergrund dieser Feier, die Begründung der Uni ' versität durch den Grohherzog Rupprecht Karl, ohne Berück i sichtigung ließen. Darüber ergrimmte der teutfche Barde um : schimpfte. Beschimpfte die Professoren als Feiglinge, Undank bars Wichte, Pöbelanschwärmer. Die Aufregung war etwas künstlich, wenigstens nach dieser Richtung hin. In Wirklich keit zürnte er den Professoren, weil sie ihm noch Immer nichi die Professur zugeteilt hatten. Dazu bestand freilich kein Anlaß, denn Rüge hat bis zur Stunde noch keine wissenschaftliche Arben von irgendwelcher Bedeutung fertiggebracht und seine Vo: lesungen und Seminarübungen bewegten sich bestenfalls durch 1 weg im üblichen Geleise. Aber dieses Mal ging ihm die In,; pertinenz nicht straflos durch. Endlich wurde ihm die venu-; legendi entzogen. Eine Weile schimpfte er noch herum, Melodie: „Tie Lumpen, die mir mein Lehramt gestohlen haben.", Dan: : stür.ste er sich in ein Milieu hinein, das aus einer sonderbaren; Mischung von Abenteurern, Fanatikern, Verbrechern und Phan tasteä zusammengesetzt war. fEr war 1921 bis 1922 unter dem Namen eines Geheim rat.s Dr. Berger bei den Freikorps in Ober fchljefien tätig. Seine Wirksamkeit ist rätselhaft geblieben. Es ging ihm ein Steckbrief und Hafthefehl vom Breslauer Staqtsanwalt wegen Mordanstiftung nach. Der Herr „Geheim -»rat" wandelte unterdessen vergnügt im Pöhnerschen München i herum. Dort trieb er ungestört Pogrompropaganda und hetzie so länge, bis ein neurasthenischer, schwer lungenleidender Sru ücntZwengauer darauf hereinfiel. Er ermordete denEtu denken Bauer. Rüge zog sich abermals aus der Schlinge. Ter Student wurdä zum Tode verurteilt, begnadigt, ins Zuchthaus geschickt und . . . entfloh. <Es war das München der Pöhner. Frick, Roth, Kahr!) Rüge entkam der Anklage auf Anstiftung . und wurde nur wegen Aufreizung zum Mord mit einem Jahr Gefängnis bestraft. Nach dem Hitler-Putsch führte er die Rolle des hysterischen Bajazzo mit deutlich erkennbaren Symptomen Unerhörte Grabschändung Saarbrücken, 7. September. j Auf dem hiesigen jüdischen Friedhof hat ein Grabschänder gestern, anscheinend in hen frühesten Morgenstunden, da» Grob «ine» vor zwei Jahren im Alter von 4V4 Monaten gestorbenen Kindes eines jüdischen Kaufmanns aufgewühlt, den Sargdecke! zertrümmert und di« einzelnen Teile der kleinen Leich« in der Umgebung des Grabes verstreut. In der ganzen Oeffentlichkeir herrscht über diese Schandtat die größte Erbitterung. Di« Poli zei Hot alle Anhaltspunkt«, di« zur Ergreifung de« ISter» führen können, sorgfältig gesammelt und alle Spuren photographiert, aber den Täter wird sie wohl nicht ermitteln.

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