Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 36 (6.9.1929)
- Date
- 1929-09-06
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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geistigen Ebene, auf der sich die Befreiung des deutschen Bürgertums von den politischen und gesellschaftlichen Mächten der Vergangenheit in ständigem Fortschritt vollzog. Die Philosophie der Aufklärung, die der jüdische Denker so erfolgreich vertrat, war die Theorie dieser Emanzipation; sie war durch ihren Glauben an die Vernunft. an das Recht des menschlichen Geistes, aus eigener Kraft die neuen und wahren Formen des Lebens zu schaffen, ein kühner Protest gegen „das ewig Gestrige, das immer war und immer wieder kehrt und morgen gilt, roeil's heute hat gegolten." Sie war ein Protest gegen Despotismus, Entrechtung und Intoleranz: eine Parole der Freiheit, der Duldsamkeit und der Humanität. Als im Jahre 1762 der Schweizer Historiker Iselin in einem ehrenden Schreiben Mendelssohn einlud, Mitglied einer wissenschaftlichen Bereinigung in der Schweiz zu werden, da erwiderte der Philosoph mit folgenden bezeichnenden Worten: x glückliche Republikaner übersieht die mensck liche Gesellschaft aus einem weit höheren Gesichtspunkt als de^ monarchische Untertan." Wtnn heute der gebildete Deutsche in dem gleichen Jahre, in dem er das zehnjährige Bestehen der Weimar». Verfassung festlich begeht, den zweihundertsten Geburts tag Moses Mendelssohns feiert, so soll er sich dankbar daran erinnern, daß jener kleine, arme, verkrüppeln „Iudeniunge" aus Desiau durch seine philosophische Ar beit dey Boden auflocherte für die republikanische und demokratische Ernte, die jetzt der späte Erbe einsaipmelu kann. ’ Wir deutschen Juden aber danken dem Manne, der die jüdische Religion in lichtvollen Darstellungen reckt fertigte,! den ersten entscheidenden Anfang der Emanzipa tion; wir danken ihm die innere und äußere Ueber winduna des Ghettos. Er hat in dunkler Zeit für das Judentum um Anerkennung und Achtung geworben und ihm den Weg in die Freiheit eröffnet. Luxen L.e,wm-Dor8di. Moses Mendelssohn Sem Leben Am sechsten September sind cs zweihundert Jahre, daß in Dessau dem jüdischen Schreiber und Lehrer Mendel ein Knäblein geboren wurde, das er Moses nannte. Als der kränkliche, bucklige, Knabe heranwuchs, hätte niemand geahnt, niemand geglaubt, daß einmal ein berühmter Mann' aus ihm werden sollte. Nur der alte Mendel sah in dem zarten Söhnchen, das er an kalten Wintertagen oft zum Lehrhaus tragen mutzte, schon früh eine Leuchte der Gemeinde, eine Leuchte der Wissenschaft. Heute, an seinem, zweihundertjährigen Geburtstag, feiern alle deutschen Juden in Dankbarkeit das Andenken des großen Mose» Mendelssohn. Tank sind sie ihm schuldig, denn ohne ihn. ohne sein Leben und Wirken hätten es die Juden in Deutschland nicht zu Ehren und Ansehen gehtacht, ohne ihn gäbe es keine deutschen Juden. Was Moses Mendelssohn für die Juden erreicht hat, ist um so erstaunlicher, wenn man bedenkt, in welche Zeit hinein er geboren wurde. Am Anfang des achtzehnten Jahrhunderts durfte nur eine beschränkte Anzahl Juden in deutschen Städten leben. In manchen Städten wurden sie gar nicht ausgenommen. Nur wenige Berufe waren ihnen erlaubt, nicht viel mehr als der Handel mit alten Kleidern oder Geld. Das einzige Studium. dem sie sich neben dem ihrer Religion widmen konnten, war die Medizin. Zu damaliger Zeit wohnten die Juden im Ghetto, durften nicht spazierengehen. wo sie wollten, wurden gefoppt und gehänselt, unterschieden sich von den übrigen Bürgern durch Aussehen, Kleidung und Sprache. Jiddisch sprachen sie, ein Gemisch von Deutsch und Hebräisch. Auch Moses Mendelssohn konnte, als er, vierzehn Jahre alt, ein armes, elendes Bürschchen, am Rosenthaler Tor von Berlin Einlaß begehrte, kein Deutsch. Seinem geliebten Lehrer David Fränkel, der RabR in Berlin geworden war, zog der Knabe, den es nicht länger beim Geschäft des Hausierens hielt, nach. Und nun folgten für ihn schwere Jahre bitterster Not. Mit Schreibarbeiten verdiente er sich ein paar Groschen, für jeden Freitisch mußte er dankbar sein und auf seinem Laib Brot mit dem Messer die tägliche Ration genau angeben, um nicht die letzten Wochentpge völlig hungern zu müssen. Trotz aller Not und Entbehrungen arbeitete David Frankels Schüler mit eisernem Fleiß und unbeugsamem Willen, um Wissen und Bildung zu erwerben. Schon in jener harten Zeit bildete sich in seinem Kopf das Ziel, das er nicht mehr aufgab. das Ideal, nach dem erstrebte: Er wollte die Juden zu deutsch-sprechenden, gebildeten, gleichberechtigten Menschen machen, er wollte ihnen die festoerrammelte Tür zur guten Gesellschaft öffnen. Die Juden sollten Juden sein und Juden bleiben, aber sie sollten deutsche Juden werden. Um sie von ihrer Religion aus ins Deutsche etnzuführen, übersetzte er später die Heilige Schrift, übersetzte die fünf Bücher Moses, die Psalmen und das Hohelied Salomos ins Deutsche. 1744 lernte er selbst erst Deutsch. Das mußte ganz heimlich geschehen, denn der jüdische Gemeindevorsteher verwies jeden Juden, bei dem er ein deutsches' Buch fand, aus - der Stadt. Um sich in Ruhe seinen Studien — er lernte Latein, Mathematik, Sprachen und Philosophie — hingeben.zu können^ j war es für Moses Mendelssohn vor allem wichtig, eine regelmäßige Geldeinnahme zu haben. So kam er 1750 als Hauslehrer zu dem reichen Seidenwarenfabrikanten Bernhard, dessen späterer Buchhalter und Teilhaber er wurde. 292 In d!esem unermüdlich tätigen Leben wurde aus Moses Mendelssohn die große Persönlichkeit, die auf Zeitgenossen und Nachwelt Hinen starken Einfluß ausgeübt hat. In seinen Werken bekennt ix sich deutlich zum Deutschen und Juden. Zum Deutschen in den Literaturbriefen, in denen er gemeinsam mit seinem Frwnd Lessing der Nachahmung des Französischen ent gegentritt und sogar Friedrichs des Großen „Povsies diverses" recht schäm tadelt. Die Kritik an des Preußenkönigs fran zösischen Gedichten hätte Moses Mendelssohn Ieicfjtschlecht be kommen können. Allein der große König verstand den großen Juden um» ließ ihn feine Offenheit nicht entgelten. Sein jüdisches Bekenntnis legt er im Lavaterstreit ab. Laoater, en! zückt von Moses Mendelssohns feinem Gesicht, das ihm eine edle, sokrqtifche Seele verrät, glaubt, daß der gelehrte Mann im Grunde seines. Herzens Christ sei und das nur noch nicht bekannt und ausgesprochen habe. So widmet er ihm sein- Uebersetzung von Bonnets „Beweise für das Christentum" und fordert ihn auf. das Buch zu widerlegen oder zum Christentum überzutretän. Mendesssohn antwortet ihm klar und bestimmt, daß er Julie sei aus innerster Ueberzeugung! Neben dem Juden und dem Deutschen verehren wir in Moses Mendelssohn den großen und guten Menschen. Er w so, wie er in feinem Phädon den Sokrates schildert: ..Er hat die Weishe t eines Philosophen, die Geduld eines Heiligen ur die uneige linützige Tugend eines Menschenfreundes." Keif Wunder, d lß alle bedeutenden Männer seiner Zeit zu seinen Freunden z ihlten: Nicolai. Herder, Kant. F. H. Jakobi. Laoater Sein treuester Freund. Lessing, hat ihm im „Nathan dem Weisen" eistbleibendes Denkmal gesetzt. Kant, mit dem Mendels sohn 1768 um den akadem-scheu Preis konkurrierte, und den er mit feinstr Arbeit „Ueber die Evidenz" aus dem Felde schlug, blieb ihm, selbst als er ihn philosophisch weit überflügelt hatte immer ein sbewundernder Freund. Moses Mendelssohns bester Kamerad aber war seine Frau die Tochter! des Hamburger Kaufmanns Gugenheim. Mit ihr die ihn, den Buckligen, bei seiner Werbung nicht erhören wollte hat er sehr! glücklich gelebt. Mit Feinheit und Güte besiegte c. ihr Vorurteil. Als sie ihn nämlich fragte, ob die Ehen wirkliä im Himmel geschlossen werden, erzählte er ihr, daß sie ihn: schon von Geburt an oorbestimmt sei. Doch damit habe es eine besondere Bewandtnis^ Der liebe Gott habe ihr einen Buckel zugedacht. >Da habe er den Herrn gebeten, den Buckel doä lieber ihm!zu geben und das Mädchen schlank und schön zu machen, denn ein Mädchen müsse doch wohlgefällig sein! Naci dieser Geschichte ist ihm seine spätere Frau um den Hals ge fallen und tat ihn nicht mehr verlassen. Eine andere Anekdote zeigt, daß der milde Mann auch witzig und schlagfertig war Als ihn eimnal ein Leutnant in barschem Ton fragte: „Womit handelt er?7 antwortete Moses Mendelssohn ruhig: „Mit etwas was Eie brauchen können — mit Perstand." Mit sietenundfünfzig Jahren starb Mendelssohn ohne lange Krankheit. ] Sein Gesicht trug auch im Tode den freundlichen Ausüruch, dien seine Freunde im Leben so geschätzt hatten. Sein Andenken, das uns jetzt an seinem zweihundertjährigen Ge sonders deutlich ist, wird und soll, wo Juden leben. burtstag be niemals ste: den. Eis« Czapski. 1