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Der Schild · 1929-09-06 · 36 (6.9.1929) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Schild
Volume
8 (1929)
Issue
36 (6.9.1929)
Date
1929-09-06
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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bekannt war, sa konnten sie durch die Einprägung der Uebersetzung nach einer fast modern anmutenden Methode sich der fremden Sprache bemächtigen. Vergleicht man die Lutherfche Uebersetzung mit der Mendelsfohnfchen, so sieht man, daß der feingebildete Jude des 18. Jahrhunderts die bildkräfjige Sprache seines großen Vorgängers vielfach benutzt hat. Trotzdem findet sich in vielem bei ihm eine eigene Note, und ganz zweifellos, namentlich in der Psalmenübersetzung, eine dichterische Kraft, die sich neben Luthers Schöpfung wohl sehen lassen kann/ An dieser Uebersetzung hat gerade der junge Nachwuchs des Judentums gelernt und ist so allmählich in die deutsche Kultur hineingewachsen, von der ihn seine kurzsichtigen Führer bis dahin ■ dadurch absperrten, dah sie ihn eifersüchtig auf das hebräisierende Deutsch ihrer Mundart festbannten. Aber mit diesem Werk wandte sich Mendelssohn nicht nur an den engeren Kreis seiner Glaubensgenoffen, sondern er legte gerade Wert darauf, dah auch seine christlichen Mitbürger. sie lesen. Ihnen wollte er die Schönheiten des alten Testaments nahebringen und sie zu gleicher Zeit davon, überzeugen, dah namentlich die Psalmen an sich und ohne ihre christliche Auffassung als Prophezeiungen auf Christus hin ihren bedeutenden Platz in der dichterischen Literatur behaupten könnten. Er nimmt in einer Zeit, die noch durchaus in den Traditionen der Reformation befangen war. den auch wissenschaftlich fortgeschrittensten Standpunkt ein und hat so ohne jede Aufdringlichkeit einer Tendenz im wahrsten Sinne aufklärerisch und volkserzicherisch auch bei seinen deutschen Mitbürgern gewirkt. Selbstverständlich wäre der Erfolg Mendelssohns nicht so groh gewesen, wenn nicht einerseits die Ideen der Zeit der Emanzipation des Judentums günstig gewesen wären, andererseits. seine Persönlichkeit in ihrer unbezweifelten Sittlichkeit und Gesinnungsreinheit bei Juden und Christen gleiches Vertrauen gefunden und gleiä)« Bedeutung gehabt hätte. Die Lehre von den Menschenrechten schloh eine unterschiedliche Behandlung der Juden innerhalb des Staates ideell aus. Die wenig es praktisch der Fall war, zeigt die damalige Zeitungsmeldung über den Preis, den eine Mendelslohnsche Abhandlung von der Akademie der Wissenschaften erhielt, in der ..der schon zur Genüge durch seine Schriften bekannte hiesige Jude Moses Mendelssohn" als Preisträger genannt wurde, als ob die 'Bezeichnung des Glaubens zugleich die einer bestimmten (nicht allzu sehr geachteten) Kategorie von Menschen bedeutete. Das zeigt ebenso die Geschichte, von Mendelssohns Bewerbung um das Schutzprivileg, um das er zweimal einkommen.mußte und für das er sogar noch die Fürsprache des Marquis d Argen? brauchte, ehe der König es ihm erteilte. Trotzdem bereitete jene Forderung eine neue Epoche vor, und es hat ja auch nur 'verhältnismäßig kurze Zeit gedauert, bis die Anerkennung der Juden als Staatsbürger erfolgt ist. Diele Feststellung der natürlichen Rechte jedes Menschen findet ihre Parallele aut anderem Gebiete in der Lehre von der natürlichen Religion, in der alle Menschen miteinander übereinsrimmcn. Niemand hat diesen Satz schärfer herausgestellt als Mendelssohn. der andererseits die Berechtigung des Judentums aus seiner Definition als einer geoffenbarten Gesetzgebung folgerte. Die natürliche Religion führt die Menschen zueinander. so daß sie sich alle als Brüder fühlen. Dieser Gedanke durchweht auch unausgesprochen jene schöne Friedenspredigt, die Mendelssohn nach dem Hubertusburger Frieden geschrieben hat. Gerade weil er die Juden lehrt, auch in den Christen die Brüder zu erkennen, selbst dann, wenn sie, wie er. auf ihr Judentum stolz seien, konnte er mit um so größerem Nachdruck für die Befreiung der Juden eintreten, konnte er jene Toleranz fordern, die ja auch insofern den Christen zugute kam, als ihnen dadurch Gewissensfreiheit gewährleistet wurde. So mußten die Ideen der Zeit im wahrsten Sinne des Wortes die oolkserzieherische Tätigkeit Mendelssohns unterbauen und stützen. Freilich wäre alles dies blutleer und. schemenhaft erschienen, wenn nicht dieser Mann durch sein Tun und vor allem durch seine Gesinnung den lebendigen Beweis dafür geliefert hätte, daß reines Menschentum trotz aller Anfechtungen hüben und drüben Achtung und Bewunderung erregte. Der wahre Volkserzieher kann nur durch das eigene Beispiel einer wahrhaft großen Persönlichkeit wirken. Ebenso wie Pestalozzi viel weniger durch seine Lehre als vielmehr durch sein unendlich gütiges, hilfsbereites und der Jugend hingegebenes Wesen das Vorbild des echten Sozialpädagogen geworden ist, war das eigentlich Imponierende in Mendelssohn jene unangreifbar brüderliche Gesinnung, durch .die er Freund und Feind zur Idee der Menschenwürde führte. Dieser Mann aus dem verachteten Volk der Juden, der durch seinen unsäglichen Fleiß nicht nur in das Deutsche, sondern ebenso in das Französische, Englische, ja Lateinische und Griechische eingedrungen war, wurde von den bedeutendsten Männern seiner Zeit anerkannt und bewundert. Wie sehr sich auch Uebelwollende unter ihnen an ihm ärgerten, sie brachten ihn auch durch böswillige Angriffe nicht 290 aus der Fassung.. Der. wenn auch vielleicht ehrlich gemeinte, so doch sicherlich sehr taktlos wirkende Bekehrungsversuch Lavaters gab Mendelssohn in seiner Erwiderung Gelegenheit, mit per größten Ruhe und einer ungewöhnlichen Wärme dc- Empfindung bei aller Betonung seines Bekensttniffes zu Judentum doch sich zu . . . einer wohltuenden und der Zeit weil voranseilenden Ueberparteilichkeit zwischen den beiden Rel . gtonen zu bekennen. Und die Abwehr des Angriffs Jacob:- auf aas Andenken Leffings — durch den Vorwurf des Spinozimus!erweckte er den Eindruck, daß der eben Dahingegangen- Atheist gewesen sei — hat bekanntlich den weichen Mendelssohn mittelbar das Leben gekostet und ihn so zum Märtyrer seine Uebeiszeugung und der Freundschaft mit Lessing gestempelt. Äuf uns wirkt der „Nathan" wie Abstraktionen Philosoph scher!Thesen. Der Grundgedanke Erscheint uns selbst bei der besten Aufführung doch unter der durchsichtigen Hülle der Fabel zu konstruiert, zu handgreiflich gewollt und entsprechend dein Fortschritt der Zeit auch selbstverständlich. Wir vergessen dabei immer wieder! daß der „Nathan" damals eine Tat war. die da mißtönende Echo schändlichster Beschuldigungen gegen den Dichte , erweckte. Und dieser „Nathan" war Mendelssohn: die Behandlung dieser! Figur deutete für jeden, der sehen und hören wollte, f. unverhohlen auf die Bewunderung des Dichters für diesen außer ordentlichen Menschen hin, daß die Persönlichkeit des Berliner Philosophen vor seinen Glaubensgenoffen wie vor dem ganzen deutschen Volke gerade durch die poetische Verkleidung in ■ hellstes Licht gestellt wurde. Auch uns, die wir heute die ver schlungenen Wege seiner Philosophie, auf denen er als Vor laufet] Äants vielfach wandelte, nur mit Mühe verfolgen, stekt der Mensch Moses Mendelssohn ebenso hoch, ja noch höher alseinen] Zeitgenossen, weil wir eher als sie imstande sind, die er zieherische Kraft seiner Lehre und seines Wesens einzuschätzen. Gerade eine Zeit, in der das Ideal wahren und echten Menschen tums iwieder in den Vorgerund tritt, kann seine Verdienste würdigen und seine Persönlichkeit bewundern. Ein Aufruf des deutschen Rabbinerverbanbes zu den hohen Feiertagen Der Vorstand des Rabbinerverbandes in Deutsch land erläßt aus Anlaß der herannahenden hohen jüdischen Feiertage den folgenden Aufruf: Bc Gottes! > Aber il in manches gewor Zeit ' jüdischen Haschon Bekenyt Aus di Not den fc,l An die Juden in Deutschland! ld werden Rosch Haschonoh jund Jom Hakipurim zum aufe rufen und zu stiller Feier in den jüdischen Häusern, r Aufruf zur Besinnung, zur Einkehr und Umkehr findet er Mitte nicht überall Gehör. Mancher ist gleichgültig, ist seinen Brüdern und dem Gott seiner Väter fremd Andere sind unter der Last der Arbeit erdrückt. Tie eint dahin zu sein, da die geschloffenen Geschäfte der Kaufleute an Sabbaten und Festtagen, am Rosch oh und Jom Hakipurim ein stummes, aber eindringliches nis zu Gott und zum Judentum vor aller Welt ablegten. Unfähigkeit, unsere heiligen Tage zu feiern, spreche,- Druck der jüdischen Seele. il ser und Unsere Verantwortung, unsere Sorge bewegt uns deutsche Rabbinir zu einem ernsten Wort an die deutschen Juden. Genug des Lei >s. daß so vielen von uns der Sabbat, dieser Quellpunkt unseres Familienlebens, die Wurzel der edelsten Tugenden unserer! Gemeinschaft, der Tag unserer Seele, das Wahrzeichen unseres! Glaubens, verlorengegangen ist. Sollen nun auch die ehrfurcmgebietenden Tage dem Materialismus mehr und mehr zum Opfer fallen? - ] Die! „Tage der Umkehr" nahen. Möchte ein jeder den Willen ünd den Weg finden, die heiligen Tage ganz und unge schmälert zu feiern. Möchte jeder jüdische Geschäftsinhaber seine Angestellten von jeder Arbeit an den hohen Tagen befreien. Möchten die Treuesten der Treuen, denen es ein tiefes Bedürfnis ihres Hqrzens ist, der religiösen Pflicht gemäß Sabbate und Feste zu feiern, weitherziges Verständnis bei allen» in Betracht kommenden jüdischen Persönlichkeiten finden. Euch alle aber bitten wir: Sekt alles daran, daß unsere Ruhe- und Festtage unserer jüdisches Gemeinschaft erhalten bleiben. Die Treue zum Judentum fordert Opfer. Aber ihr Lohn ist eine Ruhe des Gewissens, das Bewußtsein' treu erfüllter Pflicht, die Festigung und Erhöhung hes Judentums. — Im Geiste eng mit Euch allen verbunden, : wünschen wir Euch den Segen der heiligen Tage. Möge alle Sorge von Euch weichen: die Freude an Gott bleibe die Quelle Eurer Kraft. Der Vorstand des Rabbinerverbandes in Deutschland. i

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