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Der Schild · 1929-08-30 · 35 (30.8.1929) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Schild
Volume
8 (1929)
Issue
35 (30.8.1929)
Date
1929-08-30
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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"1 aber sah sich bekanntlich das Armeeoberkommando gezwungen, die Offensive abzubrechen und die Armee über den Piave zurückzuziehen. j Um der im heftigsten Kampf befindlichen Armee die Loslösung vom Feind« : unbemerkt zu ermöglichen, drang Oberleutnant Eist, indes alle anderen Truppenbörper bereits im Rückzug begriffen waren, mit seiner Abteilung Freiwilliger im Sumpfgeländ« de« Piauedeltas vor und trieb di« Italiener. Engländer und Franzosen, di« eine Fortsetzung j der allgemeinen feindlichen Offensiv« zu sehen glaubten, vor sich her. Unter schwersten Verlusten kämpfte er so lange gegen die vielfache ^Uebertnacht. bis die Nachricht vom Armeekommando bei ihm anlangte, daß der allgemeine Rückzug über den Piave bereits geglückt sei. Jetzt erst zog sich auch Eist unter erbittertsten Nachhutgefechten mit den Resten seiner Abteilung zurück. Für diese tollkühne Tat erhielt er die nach dem Maria Theresien-Orden geachtetste militärische Auszeichnung, die goldene Tapferkeitsmedaille für Offiziere. Eist ist somit der einzig« Angehörige der alten Arme«, der beide goldenen Tapferkeitsmedaillen, die für Mannschaften und die für Offiziere, gleichzeitig besitzt. Und inmitten des einreitzenden Chaos ringsum verstand es beim Zusammenbruch der Oberleutnant der Reserve Karl Ritter von Eiß. seine Tiroler Kaiserjäger in voll st er Ordnung und unerschütterler Disziplin abzurüsten. Diesen letzten Sproß einer alten jüdischen Loldatenfamilie, die ihren angestammten Glauben mie preisgegeben hat, würdigten die katholischen Tiroler Lurch den Beschlutz, seinem Bild, zur ewigen Erinnerung an gemeinsames Heldentum, im Andrea s- Hofer-Museum auf dem Berg Isel einen Ehrenplatz zu verleihen. Briese an den „Schild" Jüdisch« Frontsoldaten 1870/71. , An die f- | Redaktion des „Schild" I Berlin W 15. Angeregt durch die „Briefe an den Schild" teile ich Ihnen mit. daß der Bruder meines Vaters, Leopold Simson, geb. 1847 in Schwarza bei Meiningen, .als aktiver Jäger (4. Iägerbataillon Sangerhausenj bei dem bekannten französischen Verrat in Laon gefallen ist. Wie in meiner Familie bekannt und durch ein in einer Erfurter Zeitung veröffentlichtes Kriegs-Tagebuch bestätigt, wurde Leopold Simson zuvor bei Sedan durch einen- Streifschuß am Hals verwundet. Bon der Erlaubnis, in die Heimat zurückzukehren, machte er nicht Gebrauch unter dem ausdrücklichen Hinweis auf feine Zugehörigkeit zum Judentum. Sein Name ist am Kriegerdenkmal in Suhl in Thüringen verewigt.' Curt Simsonj Leutnant der Landwehr a. D., Ortsgruppe Gotha. * Kriegerfriedhöfe. An die Redaktion des „Schild" , Berlin W 15. Es ist eigenartig, wie wenig man bei uns von dem Zustand der deutschen Kriegerfriedhöfe spricht oder liest. Ich hatte jetzt Gelegenheit, das ehemalige Kriegsgebiet bei Apern, Tixmuiden usw. zu besuchen und muß gestehen, daß ich nie etwas Beschämenderes gesehen habe als die verschiedenen deutschen Kriegsfriedhöfe dieser Gegend. Während die französischen, belgischen und vor allem die englischen Friedhöfe mustergültig angelegt und gepflegt sind und in diesem jährlich von Hunderttausenden besuchten Gebiet eine, wenn auch traurige, aber enorm wirkungsvolle Propaganda für jedeä Land darstellen, sind die deutschen Krieger friedhöfe verkommen und verwahrlost. Auf die Holzkreuze, diefeils abgefault, teils von selbst zerbrochen sind, sind die Erkennungsmarken aufgenagelt, nicht mal der Name der Toten ist in vielen Fällen zu lesen. Von Blumenschmuck ist gar nicht zu reden — nur Unkraut wuchert auf Wegen und Gräbern. Hans Erlanger. Ortsgruppe Ulm. Zn Lttaven war eia Pogrom . . . Wir erhalten von einem ausgezeichneten Kenner der Verhältnisse in Litauen folgende Darstellung: Die inneren Verlegenheiten des Herrn Professors Wolde maras, des Diktators von Litauen, würden an dieser Stelle sonst n! chtinteressieren, aber sie tun im Zusammenhang mi, dem, w rs hier! erzählt werden soll, verteufelt viel zur Cache. Man er nnert sich noch, wie dieser kluge Mann, der eine Reputa tion alq Freiheitskämpfer zu verlieren hatte, nach dem faschifti scheu U» isturz sich den neuen Gewalthabern als der rechte Mann am rech en Platz zu präsentieren wußte. Er machte später noch viel vor sich reden, als es seinen Künsten gelang, den ärgsten Plagege st des litauischen Volkes schuldig werden und stolpern zu lastäu und sich aus einem Handlanger der Diktatoren selbst zum Di »tator zu erheben. Man fühlte sich damals versucht, an eine im europäisch-demokratischen Sinne bestere. politische Entwick ung in Litauen zu glauben. Aber es war wieder nichts. Der Dil tator kam nur aus einer Verlegenheit in die andere. Nun wac er Herr über seine Partisanen, die „Schützen"-Organi sationen die ihm seinen Gegner überwinden halfen, aber gleichzeitig auch ihr Diener. Ihre Kampffreudigkeit suchte sich, da vorderhc nd der „Erbfeind", Polen, zu gefährlich ist, an anderen Objekte» auszatoben. Es begann die Hatz auf die Sozialisten, die seht bald mit Sanktion des Herrn Woldemaras erledigt werden tonnten. Aber die Pause darf für Helden nicht allzu lange dauern. Der extreme. Flügel der Faschistenfront, der „Eiserne Wolf", machte sich hier und da in kleinen Pogromen gegen di> wehrlose Bevölkerung jüdischer Orte Luft. Das war wenig r!izooll. Und mehr erlaubte Herr Woldemaras nicht. Da naht: der 1. August, der Tag des „Kommunistenschrecks". Nun giö es aber in Litauen Kommunisten nicht in einer Zahl, daß sieich als „Maste" greifen lasten. Was tun? Der Tik tator sah ein, daß er, um sich Erleichterung zu verschaffen, seinen Leuten , rlauben müsse, wieder etwas die Zügel schießen zu lasten, über nur etwas. Aus dem Etwas wurde aber eingreuliche-, Diel. Und Herr Woldemaras geriet wieder in Der legenheit Ta dachte er sich: Leugnen ist die beste Parade. Irrte Hl rr Woldemaras? Nein, er irrte nicht. Fürs erste gelang il »m die Parade. Aber Blut ist ein ganz besonderer Saft ... Man mag sich zu dem Schrei der Litauer nach ihrer „Haupt stadt Wil ra" stellen, wie man will: das heroische Beharren des Kleinem Volkes machte Eindruck. Auf diesen Eindruck baute Herr Woldemaras, als er bei den Verhandlungen vor dem Völkerburd immer das Piedestal bestieg und heruntergrollte. Aber we in das, was seit einiger Zeit und jetzt in Litauen geschieht, der Welt bekannt würde, so könnte das Pathos des Herrn Diktators leicht lächerlich wirken. Der Diktator fühlt sich in se ner Haut nicht wohl. Was geschah, was geschieht in Litauen? In diesem Lande wird seit einigen Jahren der sogenannte „stille" Pogrom prak tiziert. Wie im Lande des Erbfeindes Polen lautet auch hier die Parolr: Hinausdrängung der Juden aus ihren Positionen. Die Jude > hatten von jeher für die Freiheit Litauens in der vordersten Reihe gekämpft. Das wird von den litauischen Würdentr igern bei jeder Gelegenheit, bei Gedenk- und patrio tischen F liern, willig anerkannt. Als die Unabhängigkeit Litauens virklich erfochten wurde, waren es wieder die litaui schen Iud!N in Amerika, die die Anerkennung Litauens durch die Vereir igten Staaten und dann durch den Völkerbund durch setzten. In dem ersten Rausch der Freiheit warf man» die Scheidewände auseinander, der Jude war Bruder und Kamps genoste. Es fehlte an staatenbildender Intelligenz. Da war es wieder der Jude, der den jungen Staat organisieren und.ei» richten ha f. Zum Tank gab man den Juden eine kulturelle und religii se Autonomie und richtete sogar ein Ministerium für jüdische Angelegenheiten ein. Als aber der Rausch verflogen war, fing man an, zu glauben, daß der Jude zu viel Rauni einnehme. Nach den ersten zagen Versuchen, den früheren Lehrer zu meistern, wuchsen die eigenen Flügel, und nun ging es Schlag auf Schlag: das jüdische Ministerium stürzte,- die Autonomie fiel: das Recht, Einheitsgemeinden und Gemeinde organifatio nen mit Besteuerungsrecht zu bilden, wurde genom wen: gege, den Dillen der eigenen Bauernschaft, für die der Sonntag drr traditionelle Einkaufstag ist, wurde die Zwangs fonntagsru »e eingeführt, die die wirtschaftliche Kraft der gesttzes treuen jüdischen Bevölkerung, die nun zwei Tage in der Woche feiern muß erheblich schwächte. Aus allen höheren und niederen Aemtern rr urden die Juden und Jüdinnen entfernt. Heute war es der letzte jüdische Ministerialbeamte, morgen die letzte jüdische Postbeamti i, der oder die das Feld räumen mutzte. Heute gib» es keinen einzigen jüdischen Beamten im litauischen Staats dienst mehi. Das war der stille Pogrom. Hörte man viel darüber in der Welt? Fast nichts. Der litauische sIude ist von Natur kantig-hart, stolz, verschwiegen. Er klagt nicht. Und nun zeigen sich die Folgen: Vom stillen Pogrom geht man zum lauten Pogrom über. Und Herrn Doldemara», dem der stille Pogrom sicherlich den Schlaf nicht 286

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