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Der Schild · 1929-08-30 · 35 (30.8.1929) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Schild
Volume
8 (1929)
Issue
35 (30.8.1929)
Date
1929-08-30
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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raubte, gellt der laute Pogrom zu stark in die Ohren. Aber sinkt den durch Begünstigung oder mindestens Duldung verschuldeten Brand zu löschen, setzt er die Dementierspritze an. labei ist es aber nicht geblieben. Seine Untergebenen haben voe probatere Mittel bei der Hand: Um das Geschehene, das >,ch nicht mehr ungeschehen machen lassen kann, zu rechtfertigen, werden massenhast Juden, frontme Weißbärte und junge -'öglinge der berühmten gottesürchtigen Thora-Lehranstalt i ^cschiwah), Jugendliche und Mädchen, die sich zu einem kleinen >z»lturklub" vereinigen, als „Kommunisten" und Staatsnnstürzler verhaftet und vom Militärkommandanten ohne viel Federlesens zu mehrmonatiger Gefängnisstrafe verurteilt. Doch das muß chronologisch erzählt werden: Am Donnerstag, dem 1. August, abends schwärmten Trupps a» „Schützen" in den Borstädten von Kowno aus, um nach . Kommunisten" zu suchen. Die Polizei hatte die rechte Stim-!i,ng hierzu dadurch erzeugt, daß sie am Tage in Kowno und der Provinz etwa 150 jugendliche Juden, in der Mehrzahl Schuljugend und Mitglieder des Sportklubs Hakoah, unter dem Verdacht, eine kommunistische Kundgebung vorbereitet zu haben, , crhaftet hat. In der Vorstadt Slabadan (Slabodka) wurden alle Straßenpassanten zur Legitimierung aufgefordert. Dieenigen, die als Juden festgestellt wurden, wurden mörderisch geschlagen, oft einer längeren Tortur unterworfen. Einigender Cpfer gelang es, sich den Händen ihrer Peiniger zu entwinden ind in der Nähe befindliche Polizeiposten zu alarmieren. Das Verhalten der Polizisten war verschieden. Manche empfingen .che Flüchtigen mit Schimpsworten und stießen sie von sich: andere raunten ihnen zu, sie sollen trachten, ein schützendes Dachzu erreichen, da man ihnen nicht helfen könne: eine dritte Kategorie von Polizisten zog es vor, den Posten zu. verlassen, um der Eventualität zu entgehen, zum Einschreiten aufgefordert zu werden. Aus diesem Verhalten der Polizeiposten schließt die Bevölkerung, daß es sich um einen von oben her systematisch organisierten Pogrom handelt. 63 Juden wurden in dieser Nacht i» Slabadan von den Faschisten mißhandelt, eine größere Zahl non ihnen hat mehr oder weniger erhebliche Verletzungen davongctragen. Unter den Verletzten befinden sich ältere jüdische Bürger, einige Studenten und mehrere Zöglinge der weltberühmten Slabodkaer Ieschiwah. Die Verletzten wollten sich von Aerzten Bescheinigungen über den Grad ihrer Verletzungen ausstellen lassen, um Anzeige bei den Behörden erstatten zu können. Mehrere der Aerzte wurden aber von wohlmeinender Selte verwarnt' und fürchteten sich, solche Bescheinigungen auszustellen. Nur wenige mutige Aerzte stellten ungeachtet des Terrors solche Bescheinigungen'aus. Ein Verzeichnis der Verletzten und Mißhandelten wurde angelegt und Klage be» der Behörde erhoben. An dem, gleichen Abend wurden in einer zweiten Korbnoer Borstadt, Sancain (Schanz), -lü jüdische Bürger und Jugendliche von Faschisten und Polizisten schwer mißhandelt. D.e Ortsvolizei selbst hieb aus jeden vorbeigehenden Juden ein. Die Juden, hieß es, müssen gezüchtigt werden, weil sie zum 1. August einen kommunistischen Aufstand vorbereitet hätten. In einer dritten Vorstadt spieltchr sich antijüdische Exzesse minderen Umlanges ab. So endete? der 1. August. Am 2. August wurden zunächst die Zeitungen verwarntsie sollten kein Wort über die Geschehnisse bringen. Gleichzeitig wurde der verantwortliche Redakteur der jüdischen Tageszeitung ..Mische Stime", Rabbinowitsch, zu einem Monat Gefängnis verurteilt, weil seine Zeitung in vorsichtiger Form eine Meldung über die Iudenexzesse in einer Provinzstadt gebracht hat. Ver-, | suche jüdischer Persönlichkeiten, mit den Behörden in Verbindung'' zu treten, um sie zum Einschreiten gegen die Pogromführer zu s veranlasten, mißlangen: die hohen Beamten weigerten sich, die Juden zu empfangen. Am Abend des 2. August wagte kein Jude mehr, die Straße zu betreten. Aber die ausschwärmenden faschistischen Trupps wußten sich ru helfen: sie drangen in die Wohnungen der Juden ein und mißhandelten die angetroffenen Familienmitglieder. Auch an diesem Abend war das Verhalten der Polizei so eigenartig, daß man von einem organisierten Pogrom sprechen kann. Am nächsten Tage empfing Ministerpräsident Woldemaras eine vom Chefredakteur der „Mischen Stime", R. Rubinstein, geführte jüdische Abordnung und gab derselben die Versicherung, daß er Anordnung treffen werde, daß die Schuldigen der verdienten Strafe zugeführt werden. Von einer Untersuchung war aber auch weiter nichts zu merken, dagegen aber wurden von den verhafteten jüdischen Jugendlichen 36 Jünglinge und Mädchen wegen Abhaltung einer Sitzung ohne polizeiliche Erlaubnis zu >e zwes Monaten Gefängnis verurteilt. Der Terror ging weiter. Die Polizei nahm offen Stellung gegen die Juden. So weigerten sich Polizeibeamte, einen Chauffeur, der eine Jüdin überfahren hatte, festzustellen, man könne „wegen einer Jüdin" nicht einschreiten. Litauische Staatsbeamte, die im Kurort Polangen weilten, zerstörten im'Ort sämtliche Firmenschilder mit jüdischen Aufschriften. Auch aus der übrigen Provinz trafen beunruhigende Meldungen ein. Der Chefredakteur der „Mischen Stime", Dr. R. Rubinstein, entschloß sich, Herrn Woldemaras zum zweitenmal aüfzusuchen Und ihn darauf aufmerksam zu machen, daß von der in Aussicht gestellten Untersuchung und Bestrafung der Schuldigen nichts zu merken fei. Da schlug Herr Woldemaras andere Töne an. Es seien, behauptete er, gar keine,Anzeigen bei den Behörden eingelausen. Folglich sei nichts Ernstliches vorgefallen. Dr. Rubinstein war -in der Lage, den Ministerpräsidenten vom Gegenteil zu überzeugen und nachzuweisen, daß die-Behörden alle Anklagen der terrorisierten jüdischen Bevölkerung ignorieren. Am selben Abend feierten die litauischen Juden den 70. Geburtstag des einstigen jüdischen Ministers Simon Rüsenbaum, der gegenwärtig in Palästina als Richter lebt und das Amt eines litauischen Generalkonsuls ehrenhalber ausübt. Herr Woldemaras hatte seinen Besuch angekündigt und sollte eine Ansprache halten. Die Festversammiung wartete gespanpt auf das Erscheinen des Diktators, und manche jüdische Persönlichkeit nahm sich vor. mit dem großen Herrn ein Wörtchen zu reden. Herr Woldemaras sagte aber sein Erscheinen im letzten Augenblick ab. Schamgefühl oder Furcht, sich zu binden? Am nächsten Morgen wurden in Kowno unter Duldung der Polizei sämtliche Firmenschilder mit jüdischen Aufschriften mit schwarzer Farbe bestrichen und unbrauchbar gemacht. Die Polizei ließ nicht nur die Hooligans gewähren, sondern sie nahm sie sogar gegen Personen, die dem Unfug wehren wollten, in Schutz. In dem Städtchen Iacobowa, Kreis Krotingen, wurde das Innere der Ortssynagoge verwüstet. Die Thorcr-Lade wurde zertrümmert, die Thora-Rollen wurden zerrissen, Talmud- Folianten und andere religiöse Werke, die in einer Bibliothek im Nebenraum aufbewahrt wurden, in den Abort geworfen. Obwohl die Kreise, die Liese Untaten vollbrachten, der Bevölkerung nicht unbekannt sind,''weigerte sich die Polizei, die Angelegenheit zu untersuchen und den ihr gewiesenen Spuren nachzugehen. Zum-Schluß ein lehrreiches Beispiel dafür, wie sehr die faschistischen Elemente auch aus internationalem Boden sich in die Hände zu arbeiten verstehen, während die demokratischen Kreise sich mit akademischen Manifestationen begnügen und im übrigen den Täuschungsmanövern antidemokratischer Kreise aus den Leim gehen. Als die ersten Nachrichten der Jüdischen Telegraphenagentur über die Kownoer Geschehnisse auch in Deutschland bekannt wurden, beeilte sich die litauische Regierung, durch ihre Gesandtschaft in Berlin bekanntzugeben, daß ein Pogrom überhaupt nicht stattgefunden habe. Ein Teil der demokratischen Presse gab dieses Dementi wieder und achtete nicht darauf, daß gleichzeitig die antisemitische und die übrige Rechtspresse (auch „Der Iungdeutsche") eine aus einer anderen Quelle stammende Nachricht gebracht hat, in der — der Wortlaut war bei allen der gleiche — die ganze Angelegenheit als ein „Scherz" dargestellt wurde. Es war darin von kommunistischen Demonstrationen des 1. August die Rede, „deren Teilnehmer sich ausschließlich aus jugendlichen Juden rekrutierten". In Slabadan, hieß es, verhaftete die Polizei drei jüdische Kommunisten, die dabei überrascht wurden, daß sie Steine in die Fenster jüdischer Häuser warfen, in der Absicht, Zwischenfälle zu provozieren. Man kennt die Weise, kennt den Text ... Es wäre sehr an der Zeit, daß sich Tne deutsche demokratische Presse aus ihre , guten Traditionen besinnt und sich in solchen tragischen Fällen um die Wahrheitfindung und -kündung bemüht. Wie muh es in der Seele der Mißhandelten und Terrorisierten aussehen, wenn solche schöne runde Dementis in einer Presse erscheinen, von der sie eher annehmen müßten, daß sie für ihr tragisches Erleiden den adäquaten Ausdruck finden werde! M. W. ■ Sport-Schild Am 3. September Mokkabi-Weltzenfee Als Austragungsstätte der gemeinsamen Veranstaltung MakkabiV Seihensee har man den günstig gelegenen Sportplatz, GreisSwalders»r.7l gewählt, aus dem bei trockenem Kelter die Kämpfe am 3. September 1»29, abends 8 Uhr. ausgetragen werden sollen. Nur bei Regen wirb diese Borveranstaltung aul den 1. September verlegt. Ter Austragungsort bleibt derselbe. Eintritt 0,50 bis 2.--- RM. Training»»««« htt Sin-Jitla-Gr»»»«, Berit». Kampfmannschaft: leben Montag ab 8.30 Uhr. — Kortg«schrlttene: leben Mittwoch ab 8.80 Uhr. — Anfänger: jede» DounerStag ab 8,30 Uhr. — TralnlnaSräumc: Schöneberg, Hobeaftaafenftr. 81. Kellerlvkal. — Gäste willkommen! Kameraden, besucht unser Trainlnal Gvortgrnp»« i« NeichSbnnb Illdischer Jr»»ts»ld»te». Ortögrnpp« Berlin. - Geschäftsstelle: Berlin C. 2, «urgftr. 28. Zimmer 10 (Norden 8903). Tratnl na für Männer: Jeden Montag von 8—10 Ubr. Turnhalle, Alt-Moabit 23. — Training für Jungmädchen: Jeden Dienstag von 8—*48 Ubr. Sportplatz Einsame Pappet. — Training f ü r all«: Irden Dienstag von 8—9 Ubr. Sportplatz 287

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