Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 34 (23.8.1929)
- Date
- 1929-08-23
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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zogen worden. Unser Vater hat so wenig von ihr gehalten, daß er ihr im Testament nur einen Dollar hinterlassen hat." Die alte Mutter steht auf der anderen Seite der Schranke und blickt ihren acht Kindern ins Gesicht. Es sei nicht wahr, behauptet sie, daß sie mit ihrem Manne unglücklich gelebt hätte. In den letzten Jahren vor seinem Tode habe sie die eheliche Gemeinschaft aufrechterhalten. Tie Kinder aber beteuern, daß sie zu arm seien, um die Mutter zu unterstützen. „Außerdem", sagt einer, „wissen wir. daß sie Geld hat, fünfzehntausend Dollars auf zwei Banken." Das Gericht beschließt, die Sache näher zu untersuchen: inzwischen sollen die Kinder der Mutter fünf Dollars wöchentlich zukommen lassen. Damit ist dieser Fall vorläufig erledigt: die Kinder drängen sich durch die Menge der Tür zu, ohne auch nur einen Blick auf die Mutter zu werfen: diese geht niedergeschlagen-durch eine andere Tür hinaus. Ein letzter Versuch der Richtsr, die Kinder umzustimmen, schlggt fehl. — Einer der wenigen Fälle, in denen ein Versöhnungsversuch mißlingt. Ein alter Mann beklagt sich, daß seine beiden verheirateten Töchter, die in Feindschaft miteinander leben, ihn respektlos behandeln. „Wenn eine wieder einmal auf die andere zornig ist, so steckt sie mich in ^ein Auto und schickt mich zur anderen: die aber ist wütend, weil sie das Auto bezahlen soll, und schickt mich im selben Wagen zu der anderen zurück. So ist es schon vorgekommen, daß ich diese Rundfahrt dreimal an einem Tage machen mußte. Der einzige, der aus diesem Zustand Nutzen zieht, ist natürlich der Chauffeur." auf der Welt besäße. Sie sei entsetzt bei dem bloßen Gedanke: daran, daß sie selbst im Tode von ihm getrennt sein könnte Wenn Las Gericht die Friedhofsbehörde nickt veranlasse, sie einf< neben ihrem Sohn zu begraben, sei das Leben für sie unerträg sich. Die Vertreter der Friedhofsbehörde berusen sich auf reli giöse Vorschriften. Sie hegten starke Zweifel, ob es orthodoxen' Juden erlaubt sei. Männer und Frauen in derselben Gräberreilfl zu beerdigen. Die Beklagten haben sich in dieser Angelegenheit an verschiedene Autoritäten gewandt, haben aber verschieden lautende Gutachten erhalten. Auf alle Fälle, um keinen Ver stoß gegen die Religion zu begehen, haben sie beschlossen, keim Vermischung der beiden GPchlechter vorzunehmen. Dazu kam« noch ein anderer Umstand: neben der Grabstätte, die die Witw« beansprucht, liege das Grab eines frommen Juden, der bestimnit sich noch im Grabe dagegen wehren würde, neben einer fremde, Frau begraben zu fein. Die „Court" entscheidet, daß die Fried Hofsbehörde im Hinblick auf die von ihr oorgebrachten Gründe im Recht sei. Die Witwe bricht wieder in Tränen aus. Aber das Tribunal findet einen Ausweg: die Witwe wird neben ihrem Sohn begraben werden, aber das Grab des Sohnes muh an eineri a n de re n Stätte den Ruheplatz finden. Es wird somit ei« nochmaliges Begräbnis des Sohnes stattfinden und ein Grab Neben dem seinigen für die Mutter reserviert werden .. Die jüdischen Ingenieure organisieren sich Eine Heiratsvermittlerin klagt die Provision eint die ihr von der Mutter eines Mädchens versprochen worden war. Die Mutter erklärt, daß die Vermittlerin ihren Versprechungen nicht nachgekommen sei: sie hätte ihr «inen „Millionär" für ihre Tochter versprochen, der mindestens 50 OOO Dollars bar besäße: dieser Millionär würde sich verpflichten, nicht nur die Tochter, sondern auch die ganze Familie' zu ernähren und. wie die Frau hinzufügt, „uns alle glücklich zu machen". In Wirklichkeit sei der Mann, den die Vermittlerin ihiser Tochter zugeführt habe, ein armseliger Malermeister gewesen, noch dazu ein kranker Mann, der keine Arbeit finden konnte, und den jetzt die Familie ernähren müsse. Die Tochter wird gefragt: sie erklärt ein wenig scheu, daß sie mit ihrem Mann gariz zufrieden sei. Der Vermittlerin werden 40 Dollars Provision zugesprochen.' Rein religiöse Fragen werden dem Gericht ebenfalls häufig zur Entscheidung oorgelegt. Eine junge Witwe klagt, daß man ihr ein Grab neben dem ihres Sohnes vorenthalte, trotzdem sie sich ein solches kontraktlich gesichert habe. Tie Richter möchten wissen, warum die noch ziemlich junge Frau jetzt schon an den Tod und an ein Begräbnis denke: sie sei doch erst 32 Jahre alt. Weinend verbessert die Frau diese Abgabe: sie sei erst 30 Jahre alt. und fährt fort: ihr toter Sohn sei ihr das Liebste, was sie Unter dem Namen „Verband jüdischer Ingenieure und Chemiker^ in Deutschland E. V." hat sich in Berlin eine Berufs organisatwn von Angehörigen technisch-naturwissenschaftlicher Berufe konstituiert. Tie berufliche Notlage'des Angestellten Mittelstandes ist allgemein bekannt, findet aber für die jüdischen Ingenieure und Chemiker, die auf einen vorwiegend anti semitischen Arbeitgeberkreis angewiesen sind, noch eine besondere Verschärfung. Den Uebelständen, die sich hinsichtlich! Arbeitsvermittlung und Berufsberatung eingestelli haben, wi l der Verband, der den ersten Versuch einer jüdischen Qrganisat on des Mittelstandes in Deutschland mit Wirtschaft lichen Zielen darstellt, durch seine Tätigkeit abhelfen. Alle jüdischen Ingenieure und Chemiker werden eingeladen, duräi ihre Mitg iedschaft die Stoßkraft des Verbandes zu stärken. Die ^nsch<ift des Verbandes ist: „Verband jüdischer In genieure ^nd Chemiker in Deutschland E. V.", Berlin N. 2-1 Auguststrahe 17. Ich ließ sie glauben, daß Kawalowski auf freiwillige Patrouille gegangen und daß erl in efniger Entfernung von mir' durch eine feindliche Kugel tödlich getroffen worden sei. In diesem Glauben ließ ich auch die Batterie. Die Version lag so nahe: Kowalowski hatte, ohne Befehl zu haben, sich auszeichnen wollen, um die peinliche Begebenheit des Vortages zu verwischen. Dabei war er nicht wieder^ gekommen. Ter Batterieführer und der Wachtmeister schienen gedrückt. Sie schienen sich schuldig zu fühlen. Ich mußte schweigen, ich schwieg. Kowalowski. der Verräter, wurde zum Helden. Die Ehre des Namens war gerettet. Kein Mensch vermochte dem Toten im Vorfeld den Atem wieder einzuflößen. Ter würde nicht sprechen.: Ich hatte, ihn getötet, bewußt, meinen Schützling, Saschas Bruder. Ich hatte nicht gezögert. Ihr. Sascha, wäre er auch als Ueberläufer der Bruder geblieben.! Ihre Sympathien waren auf der arideren Seite, bei dem Feißde. Für sie waren w i r im tiefsten Herzen die Feinde. Dem Feinden hätte der Tote, lebend .hinübergelangt zum anderen Graben. Bruder und Helfer werden können, ukd uns bedeutete sein Wissen auf der anderen Seite Tod und Vernichtung. So fiel er, fiel durch mich. Aber die letzte Ehre, die ich ihm, die letzte Liebe, die ich Sascha antat. war mein Schweigen, war meine Lüg«, daß er als Kämpfer für das Vaterland gefallen sei. Ich war sein Henker und sein Schild. Ich war dem Wahnsinn nahe. Ich finde auch heute noch keine Worte, um die Qualen dieser entsetzlichen Stunden zu schildern. Mittags zerriß das Fieber mir die Adern. Der Arzt hieß mich zurückgehen. Er maß 41 Grad Fieber. Ich fiel zusammen. Ich raffte mich empor, ich kroch aus dem Unterstände. Meine Mission war noch nicht erfüllt. Ich mußte ihn in dieser Nacht begrabey. Sein Skelett sollte flicht zwischen den Gräben liegen und grausam zerfressen sein wie die von so vielen anderen, deren hohle Schädel ohne einei^ Krumen Erde zwischen den Linien bleichten, in ihren Uniformen eine Anklage für die Völker, deren Söhne sie waren. Und >m:nn ein anderer Kowalowski begrub, würde er sehen, daß der Schuß, der ihn getötet hatte, von hinten, von der deutschen Seite gekommen war. Man vermochte es nicht, meinen Entschluß zu ändern. Ich verbat mir jede Hilfe. Ich giflg zur Beobachtungsstelle und schlich von dort in die Nacht hinaus an die Leiche. Allein. Ich verstehe es heute nicht mehr, woher Ich die Kraft und den Willen in dieser Nacht nahm Die französischen Schüsse, die mir galten, verfehlten ihr Ziel. __ Ich kroch zu dem Toten. Der Schuh war unter dem linken Schulterblatt eingedrungen und hatte das Herz durchbohrt: sein Gesicht war wächsern, die Augen hervorgequollen von der Angst der letzten Stunde, die erdurchlebt. Ich schloß sie ihm. Ich sah. daß er dieselben Augen hatte wie Sascha. _ Ich Prrte den Toten zurück, Zentimeter für Zentimeter. Schritt für: Schritt. Ich mußte ihn um die Schulter fassen, anders reichten meine Kräfte nicht aus. Bei jeder Bewegung fiel das kalte Antlftz des Toten auf meine Hand. Die Feinde schossen schlecht, ^ch hatte gewünscht, tausendfach gewünscht, daß sie ihr Ziel erreichten. Bis. hmter den Felsvorsprung, an dem ich am Vorabend gelegen harte, um ihn zu beobachten, um ihn zu schützen, zog ich den Token. Tort grub ich ihm ein Loch und legte ihn hinein. Es war ei« flaches Grab, das ich ihm grub. Dann ließ ich ihn allein . . . l eir e In baren geordnet, es nicht er habe sie graben, hatte-, zu Täl> r diß m 1 Ih d i «ryolungsyeim IN einem oer wunoer bei Nifch gesundete ich langsam. Ich hatte an ., mir keine Briefe nachgesandt würden. Ich hält« ragen können, eine Zeile von Sascha zu sehen. Iä " ihrem Bruder in >ener Nacht des Schreckens be . habe ihr Bild, das sie mir zum Abschied gegebei m Toten gelegt. Tie B Felde der tterre hat ihr mitgeteilt, daß ihr Bruder auf dem ihre gefallen sei- 278