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Der Schild · 1929-08-09 · 32 (9.8.1929) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Schild
Volume
8 (1929)
Issue
32 (9.8.1929)
Date
1929-08-09
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Aber nicht nur für hohe Dividende war Bernhard Baron bekannt, sondern auch für eine beinahe einzigda stehendegeneröse Bezahlungseiner Arbeiter und Angestellten von mehreren tausend Köpfen. Seine neue Fabrik im Zentrum Londons, die vor knapp zwei Jahren fertiggestellt wurde, gilt auf technischem, architektonischem und hygienischem ' Gebiet als Musterfabrik Englands. Aus dieser Fabrik hat Bernhard Baron trotz Verteilung voll- „Wolkenkratzerdividenden" und trotz einer fast sprichwörtlich 2 . hohen Bezahlung einer immer wachsenden Arbeiter-_ > schar, jährlich große Summen gezogen, die er % verschenkte, um „reinen ' Tisch" zu haben. Wenn ' Bernhard Baron trotz dieser Schenkungen als Millionär gestorben ist, so ist dies gegen seinen Willen geschehen-und .nur als eine Begleiterscheinung der Tatsache hinzustellen, daß er, um Wohltäter im größten Ausmaß fein zu können, ein Großindustrieller bleiben muhte. Besonderen Wert legte Bernhard Baron bei seinen Schenkungen auf eine gleichmäßige Verteilung. Als er einmal einem großen Londoner Krankenhaus z» Million Pfund schenkte, fragte man ihn, warum er als Jude sich nicht auf Stiftungen für jüdische Zwecke beschränke. Seine Erwiderung war, daß er für die Menschheit Wohltätigkeit erweise und nicht für eine ein zelne Rasse oder Nation. Die ziffernmäßig größte Schon kung erfolgte im Dezember vorigen Jahres am Tag. seines 78. Geburtstages in der Form der Bildung eine . Fonds von 500 000 Pfund Sterling, der von einem Komi tee unter der Führung des jüdischen Lords Reading, des ehemaligen Vizekönigs von Indien, verwaltet wird, und aus dem laufend Hilfeleistungen an die Aermsten des Landes gemacht werden. Diese Stiftung brachte die Bar schenkungen Barons auf gut über 2 Millionen Pfund Sterling. Unter Berücksichtigung von Bauten von Asylen und Krankenhäusern, für die Baron Geld gab, kann man ausrechnen, daß er in den letzten zwanzig Jahren mindestens das dreifache des heutigen Aktienkapitals seines Konzerns für Wohltätigkeit verschenkt hat. Me Juden in der Berliner Gesellschaft Bon dem Augenblick an, als sich nach den Auswirkungen der französischen Revolution in Berlin eine Gesellschaft nach heutigem Begriff zu bilden begann, haben die Juden darin eine Rolle gespielt, trotz staatlicher Unterdrückung und einschränkender Bestimmungen. Man mutz sich vergegenwärtigen, daß die Juden erst unter Hardenberg das preußische Staatsbürgerrecht erhielten und nicht vor 1806 Familiennamen zu führen begannen. Und doch wurden bereits in diesen Jahren das Mendelssohnsche Haus, die Salons der Rahel Leoin, der Henriette Herz, der Dorothea Beit zum Mittelpunkt der Berliner Gesellschaft. Vielleicht wirkten sie sogar gefellschaftsbildend, indem sie zur Nachahmung Veranlassung gaben, denn der alte, ständische Staats hatte eine Gesellschaft in unserem Sinne nicht gekannt. Das jüdische Streben nach Kultur, und Bildung sowie die Fähigkeit, sich anderen anzupafsen. sich in die Gedankenwelt anderer hineinzuüenken, ließen die führenden Familien der Berliner Juden besonders geeignet sein ^ür die Aufgabe, gesellschaftsbilöend zu wirken. Aber erst nach 1848, als die letzten Schranken fielen, die die Juden von ihren christlichen Mitbürgern entfernt hielten, als es ihnen möglich wurde, ihre Kinder in die allgemeinen Schulen zu schicken, als ihnen endlich der Weg zu allen Berufen geöffnet war — im Jahre 1817 konnte noch einem Mann wie Ludwig Traube das Niederlassen als „approbierter" Arzt in Berlin verboten werden — ist von e nein fühlbar werdenden jüdischen Einfluß in der Berliner Gesellschaft zu sprechen. Noch im Jahre 1866 schrieb ein so sreidenkender Mann wie Dubois- Reymond an seine Frau: „Ich war heute zum erstenmal in einem jüdischen Hause zum Mittag geladen. Bei dem Juden Marckwald, Unter den Linden. Was ich da an Kultur und Bildung, besonders bei den Damen, fand, hat mich überrascht." Nach den drei Kriegen und der Gründung des Deutschen Reiches wurden auch jüdische Familien in der Berliner bürgerlichen Gesellschaft führend. Ihr Mäzenatentum, ihr Wohltätigkeitssinn — sie unterstützten großzügig staatliche Wohlfahrtseinrichtungen und gemeinnützige Verbände Andersgläubiger —, - ihr Gefühl für jeden Fortschritt, der Weiterentwicklung heißt, sicherten ihnen neben wachsendem Wohlstand Einfluß und Achtung. Zu Ehren der damaligen Berliner bürgerlichen Gesellschaft muß gesagt werden, daß sie Antisemitismus nie gekannt, hat. Wenn man in den achtziger und neunziger Jahren die Tiergartenstraße, Berlins erste Gesellschaftsstraße, entlang ging, bewiesen die Namen der Hauseigentümer die Stellung, die die Juden allmählich im Gesellschaftsleben Berlins zu erringen vermocht hatten. Es waren nicht die Mendelssohns, Bleichröders, Lpvenhestns, Schwabachs, Liebermanns, Warschauers allein, die in den Räumen ihrer Häuser Menschen-aller Stände-unb Berufe zu ejner kulti^rtragenden Geselligkeit—vereinten, von der wir uns nur'nvch eine sehr bstrfft«örstellung zu machen vermögen. ^^^Jeüei» dieser jüdischen Berliner Häuser stellte ein kleines gesellschaftliches Zentrum dar, von dem.eine Fülle von Förderung '— sind Anlegung für das geistige Leben der Stadt ausging. Dte/KoHktzüfchaft und was mit -ihr zusammenhing, stand abseits;-BfMr>Hur offiziell. Inoffiziell strebte mancher danach, 2sr.»L/5.'M. Zutritt zu den jüdischen Häusern zu erlangen und rechnete es sich zur Ehre an, eingeladen zu werden und dort verkehren zu dürfen. Ein nicht zu unterschätzender Anteil an der Stellung des Judentums im Gesellschaftsleben Berlins fällt der jüdischen Frau zu. Die klassisch gewordenen Salonköniginnen Rahel, Henriette, Dorothea haben viele bekannte und unbekannte Nach folgerinnen gehabt. Die gesellschaftliche Position des Judentums in Berlin ist von den jüdischen Frauen erobert und gehalten worden. Besonders auf den christlichen Mann hat die jüdische Frau eine sehr große Anziehungskraft ausgeübt. Ihre Erscheinung. die Fähigkeit, sich geschmackvoll zu kleiden, ihre Bildung, die Vielseitigkeit ihrer Interessen, die Kunst, sich zu unterhalten, d. h. nicht nur selbst zu reden, sondern den andern reden zu lassen, lauter Eigenschaften, die man im Nachbiedermeier bei der christlichen Bürgersfrau noch vergeblich suchte, machten ihren Reiz aus. Man mag Mischehen noch so sehr verurteilen, man kann jedoch an der Tatsache nicht vorübergehen, daß die Ende der siebziger Jahre förmlich als Mode einsetzenden Eheschließungen zwischen Jüdinnen und Christen zur letzten Berschmelzung des Judentums mit der Berliner Gesellschaft geführt hat. Durch die zahlreich entstehenden verwandtschaftlichen Beziehungen und die Tatsache, daß viele jüdische Familien, um den immer schärfer werdenden Folgen des offiziellen Antisemitismus zu entgehen. ,zum Christentum übertraten, wurden die führenden jüdischen Familien die Berliner Gesellschaft oder gingen viel mehr derartig in ihr auf, daß man von zwei getrennten Kreisen kaum noch sprechen kann. Selbst der höfische Adel und das Militär vermischten sich immer mehr mit dem Judentum. Man tut den christlichen Männern unrecht, wenn man an .nimmt, nur das Verlangen nach materiellem Besitz fei der Anlaß dieser Eheschließungen gewesen. Die jüdische Frau übte aus oben -geschilderten Gründen ihren Zauber aus, und die meisten dieser Ehen sind aus wirklicher Zuneigung geschlossen worden und haben zu einem glücklichen Zusammenleben geführt. Die <tus ihr hervorgegangene Nachkommenschaft hat sich als besonders befähigt, begabt und lebenstüchtig erwiesen. Sie hatte außerdem durch ihre Beziehungen nach allen Seiten eine vortreffliche Plattform für den Start in den Beruf. Heute stehen wir vor der interessanten Tatsache, daß eine überraschend große Anzahl von Männern in leitenden Wirtschaft?- und Staatsstellungen, soweit sie wurzelechte Berliner sind, rein jüdischer Abkunst oder diesen Mischehen entsprossen sind, obgleich ihnen oft die Erinnerung daran unangenehm ist oder ihnen im Laufe der Jahrzehnte abhanden kam. Durch den Zusammenbruch ist die alte Berliner Gesellschaft zerstört und auseinandergesprengt worden. Langsam machen sich Ansätze zur Neubildung bemerkbar. Um des deutschen Kulturlebens willen ist zu hoffen, daß sie Wiedererstehen wird. Sie wird ohne die Juden Berlins undenkbar fein. Die Juden dürfen stolz sein auf das, was sie in der Bergangenheit kulturbildend und kulturfürdernd für ihre Vaterstadt getan haben. Wenn sie an die alte Tradition anknüpfen, wird ihnen eine erfolgreiche Zukunftsaufgabe erwachsen. hisrxsrete Lsemmerer.

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