Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 32 (9.8.1929)
- Date
- 1929-08-09
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Pioniere des jüdischen Siedlimgswerks Bor den Toren Berlins Ein trüber Sonntagmorgen liegt über Berlin, doch regt sich Wanderlust der Berliner, um einen Tag lang sich für eine od)e Arbeit in der Großstadtluft zu entschädigen. Am Schlohttz sieht man ein Personenpostauto, umstanden von etwa Kameraden und deren Frauen, die, einer Aufforderung der t«gruppe Berlin folgend, ein Gut unter jüdischer Leitung und :t jüdischen Angestellten und Arbeitern besichtigen wollen, e Fahrt geht durch die östlichen Vororte Berlins, und nach oa V4 Stunden halten wir auf dem Gut Winkel bei , reenhagen. das Herrn Simon Schocken in Zwickau gehört, litt dem Inspektor des Gutes, Herrn Mach, und seiner Gattin iss herzlichste begrüßt, beginnt ein Rundgang durch den Beleb. und selbst der Laie muh staunen, was jüdischer Geist, ..discher Fleiß, jüdische Energie und Zähigkeit während zwei „ihren in dieser Sandwüste an landwirtschaftlich-produktiver rbeit geleistet haben. I Das etwa 200 Morgen große Gut ist von Herrn Schocken mr zwei Jahren erworben worden, um jüdischer Jugend Mög- .chkeiten der Aus- und Fortbildung im Acker- und Gartenbau ., bieten. Ursprünglich ein primitiver und extensiver Ackernotrieb, werden jetzt vom Gesamtareal über 50 Morgen gärtnerisch bewirtschaftet. Die Hauptkulturen sind Gemüse in Mist- >ectkästen, Baumobst, Beerenobst, Freilandgemüse und sehr viel?pargel. All dies wird bearbeitet unter Anwendung der wdernsten technischen Apparate, wie Motorpflug, Scheibeneggen, motorische Fräse, und was dem Laien am meisten aufnillt, ist die Beregnungsanlage für die gesamten Garten- und Weideflächen. Zur Verwertung der eigenen Obst- und Gemüsecrnten ist eine mit allen Maschinen der Neuzeit ausgestattete itonseroenfabrik gebaut und in Betrieb gesetzt worden. Zur Unterbringung eines starken Milchviehbestandes wird '»rzeit ein neuer Stall mit Molkerei erbaut. Das Rindvieh soll den für die Landwirtschaft und Gärtnerei benötigten Stallduiig liefern. Ferner sind Einrichtungen mit Geflügelhaltung »iiö Geflügelzucht vorhanden. So hat ein jüdischer Philanthrop von weitem Horizont einen inidwirtschaftlichen Betrieb ins Leben gerufen, der hervorragend oazu beitragen wird, jüdische Menschen in Deutschland der deutschen Scholle näherzubringen und diese durch produktive 'lrbeit mit der Scholle zu verbinden. Es bleibt nur noch hervor oheben, daß Herr Simon Schocken als Großkaufmann den öischen Landmann und Gärtner nicht nur als Produzenten .lusbilden will, er versucht auch, ihm das kaufmännisch Notwendige, das so vielen Landwirten und Gärtnern fehlt, beizunngen. Produktiv», günstige Verwertung und organisierter Absatz seiner Erzeugnisse sollen für den jüdischen Landmann und , »irtner das Motto für seine berufliche Tätigkeit sein. Es war für uns alle, die wir die liebenswürdige Gastitindschaft des Herry Schocken genießen durften, eine seelische 'efriedigung und ein ästhetischer Genuß, jüdische Landwirte und Gärtner in Winkel auf ihrer Produktionsstätte kennen und chätzen zu lernen. Auch bei dieser Gelegenheit wollen wir nicht >:rsäumen, Herrn Simon Schocken für seine große Freundlich- >eit und den uns gebotenen Genuß unseren Dank auszusprechen nd vor allem auch der liebenswürdigen Frau Mach, die als Hauswirtin nicht nur ihren Pflichten im Betrieb nachkommt, andern auch für unseren Besuch alles aufs freundlichste und icbenswürdigfte vorbereitet hat. Wir 58' Kameraden des RjF. haben hier in Winkel in venigen Stunden gesehen und gelernt, daß unsere Bestrebungen,?iuden in Deutschland zu siedeln, kein Ideal in den Wolken ist, andern schon verwirklichte Praxis und Tatsache. Wir wünschen, 'aß große Massen des deutschen Judentums das notwendige Interesse für diese Bestrebungen gewinnen und durch Hergabe an Mitteln das große Werk auf eine breite Basis stellen helfen. Der „Reichsbund für jüdische Siedlung in Deutschland" kann auf solchem Wege nur wirken, wenn ich alle Juden aktiv beteiligen. Also hinein in den RIS., keiner?arf fehlen! R- S. Aufruf an die Mitglieder der Ortsgruppe Berlin Ter Reichsbund jüdischer Frontsoldaten hat di« großartig« Tat vollbracht, den Siedlungsgedanken aufs neue ins Leben zu rufen. Der im Anschluß daran gegründete Reichsbund für jüdisch« Siedlung <RIS.) in Deutschland tritt nun auch in letzler Zeit in Berlin mehr und mehr in Erscheinung. Die wunderbar« Fahrt am Sonntag, dem 28. Juli 1929 (veranstaltet von der Onsgrupp« Berlin des RjF. durch tatkräftig« Unterstützung de» Herrn Goetz der Stedlungsgesellschaft), hat den Teilnehmern gezeigt, daß es jüngeren Juden durch Fleiß und Lieb« zur Sach« gelingt, auch auf schlechtem Boden gute Früchte zu ernten. Der RIS. muß mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln gefördert werden. ' . Alle Kameraden der Ortsgruppe Berlin müssen Mitwerden. Mindestbeitrag im ganzen Jahr nur Mk. 1,50. Wir verhelfen damit dem gesamten Judentum zu dauernder 'rast. Wir wollen den deutschen Boden, den wir ^"«.""leidigen helfen, auch bearbeiten, «de Mark ist «in Baustein für das Siedlungswerk. , _ Richar^Herrnstadt, I. Vorsitzender (Bez. Nord). Bernhard Baron gestorben Englands größter Wohltäter / Mittellos ausgewandert / Rückkehr nach Europa / Millionen für die Armen. Vor einigen Tagen starb Bernhard Baron, einer der größten Wohltäter dieses Jahrhunderts. Auf seinem bescheidenen Landsitz bei Brighton (England) schied er nach kurzer Krankheit aus dem Leben, er, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, Geld zu verdienen, um es verschenken zu können — und der dieses Ziel erreicht hat. Er hat vor Jahren in einer öffentlichen Versammlung gesagt! Geld bedeutetnichtGlück. imGegenteil, Geldim Uebermaß ist der größte Fluch, der auf einem Menschen lasten kann! Das Leben dieses Mannes, das fast 80 Iahr6 währte, ist voller Romantik und stellt eine einzige aufsteigende Linie dar. Von armen Eltern jüdisch-französischen Ursprungs in Polen geboren, wanderte er bereits als - Ikjähriger völlig mittellos und ohne Bildung irgendwelcher Art genossen zu haben» nach Amerika aus. Zwei Jahre arbeitet er für einen Wochenlohn von 4 Dollars in einer kleinen Tabakfabrik in New Vork und ersparte sich von den 4 Dollars wöchentlich zwei Dollars. Mit diesem Sparfonds begann er Experimente anzustellen, um eine bestimmte Methode, Zigaretten zu fabrizieren, zu finden. Nach langen Bemühungen gelang es ihm, einen internen „Kundenkreis" für seine Zigaretten zu finden und nach einigen Monaten konnte er sich ein kleines eigenes Zigarettengeschäft errichten. Der Grundstein zu seinem späteren gewaltigen Vermögen war jedoch nicht dieses Geschäft, sondern vielmehr eine Erfindung einer Spezialmaschine zur Zigarettenherstellung, die ihm nach langen Experimenten gelang. Man versuchte in Amerika. wo man die Bedeutung der Erfindung des „kleinen polnischen Juden" sofort erkannte, ihn zu veranlassen, die Erfindung zu einem Preise zu verkaufen, der selbst dem immer noch armen Erfinder zu gering erschien. Kurz entschlossen verließ Baron amerikanischen Boden, kam nach London und konnte hier mit dem Gelds, das er für seine Erfindung bereitwillig erhielt, sein Vermögen aufbauen, aus dem im Laufe der Jahrzehnte einmal ein gewaltiger Tabakkonzern wurde, der innerhalb Englands unter den großen Trusten als größter auf seinem Gebiete gilt, und aus. dem ferner viele Hunderttausende von Pfunden für Wohltätigkeitszwecke in den verschiedensten Formen, um mit Bernhard Baron zu sprechen, „wieder dahin gingen, wo sie hergekommen sind". »Bernhard Barons Tabakkonzern — Carreras Ltd. — wurde von ihm in seiner heutigen Form im Jahre 1903 gegründet. Das Kapital dieses Unternehmens ist von 200 000 Pfund Sterling am Anfang auf 1% Millionen angewachsen und in den letzten Jahren betrug die durchschnittliche Iahresdividen-de 70 Prozent. 261