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Der Schild · 1929-08-09 · 32 (9.8.1929) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Schild
Volume
8 (1929)
Issue
32 (9.8.1929)
Date
1929-08-09
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Tagung der Braunhemden in Nürnberg Ein Nürnberger Kamerad schickt uns folgenden Bericht, den wir als Stimmungsbild in seiner ursprünglichen Fassung zum Abdruck bringen. Tie Schrift,. Wieder verlebte das altehrwürdige Nürnberg einen Parteitag der N.S.D.A.P. — Kaum waren die letzten Arbeitersportler aus Nürnbergs Mauern verschwunden, oa erschienen schon die Braunhemden aus der Bildsläche. um. Tag für Tag zahlreicher werdend, langsam der Stadt den Stempel auszudrücken. Rote Plakate leuchteten von den Säulen und verkündeten die bevorstehende Tagung. >70 Sonderzüge wurden angekündigt. Monsterzüge. Monster Konzerte! und gar ein M o nst e r feuerwerk! Die Bevölkerung wird zur Schmückung der Häuser aufgefordert, sogar der bekannte deutschnationale „Fränkischer Kurier" brachte einen solchen Aufruf und ging selbst mit gutem Beispiel voran, galt es doch der Welt zu zeigen, daß Nürnberg keineswegs eine rote Hochburg sei. Auf die Gefühle der jüdischen Bevölkerung braucht inan ja keine Rücksicht zu nehmen. Und wieder demonstriert ein Teil des Bürgertums gegen Marx, indem es Hitler zujubelt. Es bekam ja auch so viel zu sehen. Fackelzüge, die mit ihrem roten Scheine die Häuser gejpensterlich beleuchteten, grelle rote Fahnen, gellende wieder und heisere Heilrufe! Endlose Züge in sttammer militärischer Ordnung! Musik! Kommandorufe! Da muß der deutsche Spießer doch aus sich herausgehen. Blumen her und auf die braune Schar geworfen! — Und dann gar das Monsterfeuerwerk: „Die Westfront!" Eine richtige Schlacht! Htadion gab es ein lustiges Feuerwerk, „fast wie lm Krieg". Nur daß im Weltkrieg hunderttausend Männer den Tod dabei erlitten, und daß das Krachen vom Aechzen der Verwundeten begleitet war. ,'Iber für 50 Pf. bis 5 Mark Eintritt kann man dies nicht verlangen. Das Feuerwerk war großartig. Als die' Führer aufmarschierten nahmen die Heilrufe kein Ende. Aber es gibt Leute, die es als Blasphemie betrachten, wenn todbringende lebensmordende Geschosse als Feuerwerk, als Spektakel als Belustigung gegen Eintrittsgeld imitiert werden. Aber nein, es war nicht nur eine Belustigung, man führte auch wirklich Krieg. Schon am 2. August meldet der Polizeibericht von einer Toten, einer harmlosen Passantin. Drei Reichsbannerleuts zeigten Schwarz-rot-gold, das löste Beschimpfungen aus. Dann fielen Schüsse! Auch ein Reichsbannermann wurde verwundet. Die Straßenbahn zeigte auch nicht den nötigen Respekt vordem Gästen. Wollte da gar ein Wagen nach Abgabe.des Klingelzeichens weiterfahren, trotzdem sich gerade ein Trupp Braunhemden auf dem Fahrdamm befand. Hei. wie mutig sprangen sie dann aus den Wagen, 20 bis 30 Helden, reißen den Stromabnehmer ab. schlagen eine Scheibe ein! Tann kam der Samstag, ein weiterer Siegestag. Am Spitalplatz, also gerade vor der Synagoge, zur Zeit des Morgengottesdienstes versammelte sich eine große Schar Braunhemden und spielte r ein lustiges Ständchen mit einer starken Kapelle. ' Wollte man doch die'Hebräer Mores lehren. Aber welch eine Ueberraschung, die jüdischen, oft auch älteren Damen, kamen aus dem gewohnten Gottesdienst und kielten ihre Samstagmorgenunterhaltung, mitten unter den braunen Helden! Nein, von jüdischer Seite erfolgte keine Provokation, aber man zeigte auch keine Furcht. Und dann kam der ganz große. Kampftag, der 4. August.—< Das bisher bekannte Fazit sind 40 Verletzte, ein demoliertes Gewerkschaftshaus, das die Kühnheit hatte, die Reichsfarben zu zeigen, einige weitere verwüstete Lokale. Auch dem jüdischen Restaurant Plaut, dessen Inhaber ein Kamerad ist, sollte ein Besuch abgestattet_ werden, zu Hunderten drängten sie sich gegen die verschlossenen Türen, bis die tatkräftige Polizei dem Pergnügen ein Ende bereitete. — Die Tagungen fanden im Kulturvereinsgebäude statt! , Sogar das Ausland, wie Schweden, Finnland, Ungarn und selbstverständlich Italien, war vertreten. Kaiserliche Prinzen hielten es für notwendig den Beratungen beizuwyhnen. Dü st erb erg vom Stahlhelm wollte persönlich die Verbundenheit mit der nationalsozialistischen Bewegung aüssprechen. Die bemerkenswerteste Rede hielt Oberst Hier! über die Grundlagen der deutschen W e h r p o l i - ti k. Die Wehrlosigkeit eines Staates sei der ft ä r k st e Anreizzum K r i e g für die Nachbarn. Sascha Novelle von Stessen Kann. (Fortsetzung.) Ter Transport dauerte bereits drei Wochen. Die Trans- :ortzüge liefen langsam. Ich las viel und wenn ich das Bedürfnis hatte, mich zu unterhalten, lieh ich Kowalowski zu mir kommen. Er kam später unaufgefordert, aber er wahrte stets die dienstliche Form. . Kowalowski litt wie alle gebildeten Menschen, die als Mannschaften eingezogen waren, unter der untergeordneten Stellung, die er einnahm und die ihm wie allen anderen die Verrichtung anstrengender körperlicher Arbeiten zur Notwendigkeit machte, >ür die zwar die anderen, aber nicht er die körperlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten mitbrachten. Auch das Zusammenleben mit den Mannschaften war ihm ein Greuel: dieses ewige in jeder Lebenslage notwendige Zusammensein mit den Leuten i’Jax selbst für diejenigen Aschwer, di^ im Grunde ihres Wesens demokratisch empfanden. Nur diesen gegenüber gaben sich auch die Mannschaften kameradschaftlich. Den anderen gegenüber^ aber blieb selbst in den Stunden der Not und der Gefahr etwas Fremdes, fast feindseliges; eine Erscheinung, die ihre Ursache in der angeborenen und tn der durch die politische Einstellung erlogenen Idee des Klassengegensatzes hatte. Die Mannschaften batten für die auch unausgesprochene Einstellung der nichtproletarischen Kameraden zu ihnen ein sehr feines Empfinden. Ihren Freunden erleichterten sie die schwere Last der ungewohnten körperlichen Arbeit, sie nahmen sie ihnen mit einem wohlwollenden Lächeln ab. Die anderen waren doppelt einsam unter ihnen. Stanislaus von Kowalowski verstand sich nicht mit den Mannschaften. Er war polnischer Aristokrat aus Ueberzeugung. Es kam jeden Tag zu Reibereien, die .ich. so gut es ging, in seinem Interesie schlichtete. Er begann jetzt zum ersten Male unvorsichtigerweise sich über politische Zustände und militärische Verhältnisse zu äußern. Ich hatte es stets vermieden, mich mit ihm in ein Gespräch über politische Dinge einzulasien. Kowalowski sollte auch nicht im geringsten das Empfinden haben, als versuchte auch ich ihm seine Stellung im Truppenteil zu erschweren. oder ihn auszuhorchen. Er wußte, daß jeder Vorgesetzte, wenn er überhaupt Stellung zu ihm nahm, annahm, daß er ivegen seiner undeutschen, unzuverlässigen Einstellung, trotz des guten Namens, den er trug, nicht befördert wurde, und daß er ihm infolgedessen Mißtrauen, wenn nicht Abneigung oder Feindschaft, entgegenbrachte. Kowalowski begann eines Tages von sich aus^und ganz unvermittelt. Er sagte: „Für mich ist der Krieg in den drei langen Jahren ein einziges, unerhörtes Martyrium gewesen. In mir ist der letzte Funke von Liebe zum Deutschtum, selbst wenn ich ihn je besessen hätte, mit Gewalt erstickt worden. Man macht einen Herrn von Kowalowski nicht zum Menschen zweiter Klasse, ohne datz sich seine sämtlichen Instinkte dagegen auflehnen. Schlietzlich kann ich ja nichts dafür, datz ich als Pole geboren, in einer polnischen Kinderstube erzogen und in einer anderen, der deutschen wesensfremden Kultur groß geworden bin. Diejenigen, die mich drangsalieren, sollten sich einmal in meine Lage versetzen. Ich muh ja schon an der Schwierigkeit, an jedem Morgen von neuem nur den guten Willen auszubringen, zugrunde gehen." ' Ich sagte ihm nur: „Ich will diese Worte nicht gehört haben, Herr von Kowalowski." Ich gebrauchte absichtlich diese unmilitärische Anrede. „Uebersehen Sie nicht, daß es Millionen Ihrer Landsleute gibt, die sich in derselben Situation befinden. Alle diese haben sich loyal in ihr Schicksal gefügt, sie sind Dffiziere geworden, sie haben erkannt, daß der Staatsgedanke, die Staatsnotwendigkeit stärker ist als die Persönlichkeit des einzelnen." „Sie haben recht", antwortete er. „ich bedauere meine Worte ... Ich habe sie i^uch nur zu Ihnen gesagt, weil ich 259

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