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Der Schild · 1929-08-02 · 31 (2.8.1929) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Schild
Volume
8 (1929)
Issue
31 (2.8.1929)
Date
1929-08-02
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Blick über die Grenzen Iudenfragen m »er..grobe» Politik" Die Iudenfrage trägt in jedem Land ein anderes Besicht "ie Entwicklung, die die einzelnen Teile der jüdischen Gemein- Haft in den verschiedenen Ländern Europas (um nur von nserem Erdteil zu sprechen) genommen haben, bedingt ein je wcils ganz spezifische» Gepräge derjenigen Probleme, in deren -tittelpunkt Jüdisches steht. Jüdisches in Religion. Kultur. Ab-" üammung. Nationalem. Aus dieser Verschiedenheit werden l.uch die Gründe dafür deutlich, dah überall da, wo die Iudenrage eine religiöse, kulturelle oder rein abstammungsmäßige st, die — meist leidenschaftlichen — Versuche zu ihrer Lösung durchaus internen, sagen wir: innenpolitischen Lharakter tragen. Das Beispiel Deutschlands ist dafür typisch. Anders, anz anders ist es da, wo eine im wesentlichen nationale ..idische Gemeinschaft um ihre Behauptung gegenüber der Mehrheit des Staatsvolkes kämpft: die übernationale Verzahnung ii solcher jüdischen Interessensphäre bringt die Auseinander- >-tzunaen notwendig in eine ganz enge Beziehung zu der ..großen Politik". Beweis: die jüdischen Minderheiten- .'robleme in Osteuropa, die sich einfügen in den großen Rahmen er allgemeinen europäischen Minderheitenprobleme überhaupt. Beispiel: Rumänien. In Rumänien gibt ein Vorgang, der sich in diesen Tagen ereignete, gute Illustration dazu, daß „große Politik und Iudenfragen sich manchmal nur. schlecht miteinander vertragen. Die rumänische Regierung hat der Kammer ein Gesetz über die .Neuorganisation" der jüdischen Kulturgemeinden vorgelegt, das in Wirklichkeit die Zerschlagung der Gemeinden bedeutet und das die Kammer glatt annahm. Dagegen stimmten nicht nur sämtlichejüdischen Abgeordneten aller Parteien, also auch der Regierungspartei, sondern auch geschlossen die Sozialdemokraten, die Deutschen und einzelne Abgeordnete anderer Gruppen. Dieser Vorgang wäre an sich nicht allzu erstaunlich, denn gerade in diesen Blättern mußten wir immer wieder auf judenfeindliche Aktionen der rumänischen Regierung Hinweisen. Aber inzwischen hat sich im Königreich Rumänien einiges geändert: die „Liberalen", deren Regiment in Wirklichkeit vom schlimmiien Geist oder vielmehr Ungeist der Reaktion erfüllt war, haben der bisherigen Opposition weichen müssen. An der Spitze der Dukarester Regierung steht heute nicht mehr ein Bratianu, Exponent gewissenloser Willkürherrschaft, sondern Maniu, der populäre Führer der „Nationalen Bauernpartei" und Bor» Kämpfer einer reinen Demokratie. Er hat versucht, das trübe Erbe, das sein Vorgänger ihm hinterließ, zur Grundlage eines esunden Neubaus des rumänischen Staates zu machen, und ancher Erfolg ist ihm dabei gelungen. Aber im Hintergrund lauert der Gestürzte, warten die machtlos gewordenen Gegner auf den Augenblick, da ihnen Maniu einen Borwand gibt, das 2olk gegen ihn aufzubringen. Zu lange hat das korrupte System der „Liberalen" -gedauert, um ihnen nicht auch heute ach, unter den veränderten Verhältnissen, manche Chance in icschickter Beeinflussung des Volkes zu geben, zumal der poli- ">che Instinkt oder gar Verstand des rumänischen Bauern nicht idermäßig entwickelt ist. Auf die von seinen innenpolitischen Gegnern ihm drohende Gefahr muß Maniu natürlich Rücksicht i chmen, mehr Rücksicht als! seine demokratische Gesinnung verägt. Und da Rumänien nun einmal das Land der Iudenfeindchaft ist, so muß die neue Regierung gerade in Konzessionen an U« jüdische Bevölkerung besonders vorsichtig fein, was seinen usdruck in dem neuen Gesetz findet. Eine Regierung, die als jbenfreunblicb hingestellt werden kann, würde sich in Bukarest icht halten können. Die Folge des für die jüdischen Gemeinden 'chst ungünstigen Gesetzes ist, daß sich außer den Sozialisten auch die deutschen Minderheitsvertreter in die Front gegen ^antu gegliedert haben, und sobald eine Frage in den Strudel r Minderheitenpolitik gerissen wird, pflegt sie in diesem 'rudel umzukommen. Hier wird die Politik schon zu „groß", - daß eine Einzelfrage nüchtern nach den ihr allem gerecht erdenden Maßstaben erledigt würde. Da wir gerade bei der „großen" Politik sind: Vor ein paar agen sind auf die z i o n i st i s ch e Bewegung ein paar Eireiflichter gefallen, die etwas ungewöhnlich waren. In rankfurt tagte ein „Anti-imperialistischer Kongreß", dessen Führung fast ausschließlich in kommunistischen Händen lag. Die irakischen Delegationen haben eine äußerst scharfe Resolution 'cgen den Zionismus eingebracht, der „nichts als ein Werkzeug r es britischen Imperialismus" sei. Soweit ist an dem Vorgang Lichts Besondere», denn natürlich müssen die Araber die -mge so sehen. Aber: die deutsche und die franzö» fische Delegation haben die arabische Entschließung mit •J.; >- .. unterstützt. Das ist bei der Zusammensetzung de» politischen Zionismus, der doch die allerverschiedensten Strtz-, mungen, von den eingefleischtesten Kapitalisten bis zu den überzeugtesten Linksradikalen, umfaßt, sehr interessant. Gewiß wird ein Echo von zionistischer Seite nicht ausbleiben. Jiddisch im P. L. N.-Klub. " „Große" Politik, soweit man eben internationale Politik darunter versteht, wirft ihxen Abglanz oft auch auf etwas entlegenere Gebiete. Die Literatur ist ein solches Gebiet. Und so war es von Interesse zu hören, daß auf dem diesjährigen Kongreß des" P. E. R.-Klubs (»Ports. Efsayists. Novel - lists") in Wien feierlich die jiddische Literatur als gleichberechtigt in den Kreis der originalen Literaturen ausgenommen wurde. Schalom Asch, der die jiddischen Schriftsteller führte, setzte sich mit großem Schwung für die These ein, daß eine selbständige Literatur völlig unabhängig nicht nur von den Staatsgrenzen, sondern auch -von dem geschlossenen Lebensraum eines Volkes sein könne. Freilich darf man, wenn man diese These übernimmt, nicht an der logischen Konsequenz vorübergehen, daß damit das Charakteristikum der nationalen Literatur nicht verschwindet und also Gefahr ist, daß sich plötzlich Minderheiten-Literaturen austun Zeter, und (Ritual-) Mordio! Es gibt nun auch Punkte, da die „große" Politik zur ganz kleinen Politik wird. In Meinet? war — unsere Leser wissen es — der jüdische" Kaufmann Schochat des Ritualmordes an seinem Dienstmädchen Marie Iakumait beschuldigt worden. Darob verständliche Aufregung hüben und drüben. Wilde, sich übersteigernde Gerüchte, immer neu« Beschuldigungen auf der einen, v— Entsetzen, Angst, Abscheu vor den irrsinnigen Aus gebürten mittelalterlicher Phantasie auf der assderen Seite. Plötzlich: „große" Politik. Ein deutscher Staatsanwalt in dem unter litauischer Herrschaft autonomen Memel hatte das Verfahren gegen Schochat eingeleitet. Die Litauer triumphierten: unter litauischer Gerichtsbarkeit hätte das nicht Vorkommen können. Das ist natürlich Unsinn, denn Dummheit ist keine Nationaleigenschaft. Aber: natürlich hat dieser famose Memeler Staatsanwalt, Costaede heißt er. dem Deutschtum seiner Heimat wenig genutzt. Jetzt endlich, nach vielen Wochen,. Erklärung des Memeler Landesdirektoriums: Die Untersuchung hat einwandfrei ergeben, daß Marie Iakumait an Unlücksfall durch Gasvergiftung gestorben ist; an itualmord ist nicht zu denken. Wolfgang Karell. Mendelsfohn.Feier der Berliner Gemeinde Reichsinnenminister und Oberbürgermeister werden sprechen. Wie wir erfahren, ist von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin die große öffentliche Mendelssohn-Kundgebung, weiche die Gemeinde in Gemeinschaft mit der Akademie für die Wissenschaft des Judentums und der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums veranstaltet, nunmehr endgültig auf Sonntag, den 8. September, vormittags 11% Uhr festgesetzt worden. Bon verschiedenen Seiten war eine Verlegung dieser Feier aus einen anderen Tag angeregt worden, um Kollisionen mit der Feier in Dessau zu vermeiden. Die Bemühungen der Jüdischen Gemeinde in dieser Richtung blieben jedoch ohne Erfolg.? Die Feier findet in der Singakademie unter Mitwirkung» des Berliner Philharmonischen Orchesters (Leitung Dr. Heinz . Unger) statt. Die Festrede hält Herr Rabbiner Dr. Baeck. Bisher haben sich von den eingeladenen Ehrengästen der Reich« innenminister Herr Severing und der Oberbürgermeister Herr Böß bereit erklärt, Ansprachen zu! halten. Der Anregung der Israelitischen Kultusgemeinde Dessau \ folgend, wird die von der Jüdischen Gemeinde und der Preußi- > schen Staatsbibliothek veranstaltete Mendelssohn-Ausstellung erst am Montag, den 16. September, gemeinsam eröffnet werden. Dadurch ist die Möglichkeit geschaffen, daß die gesamten Leihgaben, welche in der Berliner Ausstellung gezeigt werden, eine ganze Woche hindurch auch in Dessau zur Ausstellung gelangen. . (3ta.) 253

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