Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 31 (2.8.1929)
- Date
- 1929-08-02
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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tumskunde" — sprich: „Raffenkunde" — ausgestellt; so wurde eine staatsbürgerliche Prüfung für jeden Studierenden, gleich welchen Faches, gefordert. All das soll natürlich praktisch nur der völkischen Propaganda dienen. Im ganzen: der in der „Deutschen Studentenschaft" zusammenaefatzte Teil der Studierenden radikalisiert sich im völkischen Sinne. Ueberall bilden sich nationalsozialistische Zellen; einzelne Hochschulen, so die bayrischen, aber auch.Kiel. Marburg. Göttingen sind schon stark nationalsozlölistisch eingefärbt. Niemand weiß, wie lange der relativ vernünftige Teil der „Deutschen Studentenschaft" sich dieser radikalen Agitation noch erwehren kann. Die Führung ist gewiß nicht erfreut über diese Entwicklung, bei der, wie bei allem Unheil un studentischen Leben der letzten Jahre, die Oesterreicher leider treibend sind, aber es ist mehr als zweifelhaft, ob ste den moralischen Mut zu dauerndem Widerstand findet. Wer jahrelang Wind sät. darf sich am Ende nicht wundern, wenn er Sturm erntet. "Tie Gesamt st immung der Studeytentage wird von Jahr zu Jahr weniger akademisch. Immer mehr gewinnt man den Eindruck, sich, in völkischen Hitlerversammliyigen zu befinden. U n g e i st-Tg e Debatten, mangelnde moralische Kraft zu wirklichen Entschlüssen, Stumpfheit im Geistigen: das ist mehr und mehr die geistige Signatur dieser Studententage geworden. Wo sind die schönen Tage von Göttingen und Erlangen hin entschwunden, da geistige Kämpfe um die. Erneuerung der Hochschule an Haupt und Gliedern die Tagungen erfüllten?? Es ist eine traurige Dekadenz eittgetreten; das Niveau ist gesunken: der Geist hat sich verflüchtigt und geblieben ist eine öde Partei-Politisiererei. Familien-Anzeigen stärken den Gemeinschaftssinn. Daher gehören sie in den „Schilö"! Dr. Gerson aus Bielefeld ... In der Berliner Medizinischen Gesellschaft hat der grohc Chirurg Professor Sauerdruch einen Bortrag gehalten, der schnell die Runde durch die wissenschaftliche Presse des In- und Auslandes machte und die Spalten der gesamten Tagespresse i>: Anspruch nahm. Es handelte sich um eine neue, sensationelle Art der Bekämpfung der Tuberkulose, die großartige Ausblicke für die Zukunft eröffnet und ein völliges Novum in der Ge schichte der medizinischen Wissenschaft darstellt. Die Erfolge dieser Ernährungstherapie sollen geradezu verblüffend sein. Professor Sauerbruch sprach die Ueberzeugung aus, daß etwas ähnliches mit anderen Mitteln nicht erreichbar ist. Der Ent decker dieser Wunder wirkenden Diättherapie ist der in Biele seid lebende jüdische Arzt Tr. Max Gerson. Im „Vorwärts" schildert der Berliner Arzt und Reichstags abgeordnete Dt. Moses das Leben Max Gersons: „ ... Da lebt in Bielefeld ein bescheidener kleiner Arzt namens Gerson. Er wird von seinen Bielefelder Kollegen seit Jahren verfolgt und aus Herzensgrund gehaßt. Seinerzeit wurde sogar ein Prozeß wegen irgendeiner Geschichte gegen ihn angestrengt. Das Stan üesgericht verurteilte ihn und erklärte ihn für standesunwürdig. Dieser verfemte und mißachtete Arzt hat das Unglück, kein Arier zu fein. Grund genug, ihn zu schneiden und gesellschast lich zu boykottieren. Dieser Arzt Gerson ist der eigentliche Schöpfer der Diätbehandlung; er, der ftandesunwürdige, ver-. folgte kleine Arzt in Bielefeld, ist der Vater der neuen Tuberkulosetherapie. Jahrelang wird diese revolutionäre wissenschaftliche Entdeckung angewandt, ohne daß sich jemand um sie küm mert. Nur einem Zufall ist es zu verdanken, daß diese Entdeckung der Menschheit zugeführt wird. Professor Sauerbruch erzählte selbst, daß er zufällig durch einen Kranken von Gersons Methode erfahren hat, woraufhin er seinen Assistenten Dr. Her mannsdörfer zur Prüfung nach Bielefeld schickte und dann in seiner Klinik die Gersonsche Methode nachprüfte und die ans Wunderbare grenzenden Wirkungen feststellen konnte. Der Zufall hat die entscheidende Rolle gespielt. Gerson war eben ver semt. Was kümmerte es seine Bielefelder Kollegen, was er trieb. Er existierte nicht für sie. Und die Menschheit hätte die Zeche bezahlt. Und da hatte Gerson das große Glück, daß Sauerbruch auf ihn aufmerksam wurde. Der Name Sauerbruch 'entschied den Erfolg. Er zwang die wissenschaftliche Welt zum Hinhören! Glaubt jemand, daß man dem kleinen, jüdischen Arzt ein solches Gehör geschenkt hätte, einem Mann, der bei seinen Kollegen in Bielefeld'in Acht und Bann stand?! Die ^Gerechtigkeit verlangt, daß heut? der Name Gerson an erster Stelle genannt wird ..." * Draußen fiel der Schnee dichter- und dichter. Es war 3 Uhr mittags, und es war schon so dunkel, daß der Wirt die Lampen anzünden mutzte. Der dichte Nebel gab kaum zwei Meter weit Ausblick. Es war Nacht am Tage geworden. Von Minute .zu Minute wurde es dunkler, so daß es unmöglich war, ohne sich einer außerordentlichen Gefahr auszusetzen, den Rückweg nach Krummhübel anzutreten. Der Wirt trat an unseren Tisch ' heran. Er fragte von sich aus, ob er uns ein Zimmer geben (olle. Ich bejahte es, in diesem Augenblick mehr aus Derlegeneit als aus irgendwelcher Absicht, ohne dabei Sascha anzusehen. Die' Unterhaltung stockt«. Sascha war ganz weiß im Gesicht, aber sie sagte kein Wort. Sie widersprach nicht und sagte nicht zu. So kam die Nacht... Wir sahen am Morgen von der Veranda des Zimmers ins Tal. Der Schnee knirschte unter den Füßen, der Nebel war vorbei, es war klares Frostweiter eingetreten. Die Schneedecke lag über Berg und Tal und hatte den vielen Tannen weihe, glitzernde Kapuzen-aufgesetzt. Sascha stand ganz nahe bei mir, sie hatte ihren Arm in den meinen gelegt. Sie legte ihre Hand „ auf mein Haar und bog den Kopf langsam zu sich hinüber. Dann küßte sie mich auf den Mund und sagte:' „Ich will nie wieder von dir gehen, aber es soll unser beider Geheimnis sein." Gegen Mittag brachen mir auf. Wir stiegen Hand in Hand bergab. Kein Mensch unten in Krummhübel fragte nach unserem Verbleib. Auch Stanislaus von Kowalowski fragte nicht. Ich habe auch später nicht feststellen können, ob er über unseren Perbleib nichts wußte oder ob er davon nichts wissen wollte. Es war die einzige Nacht, in der Sascha mir gehörte, aber wie die Tannen der Schnee, so hüllte mich für lange Zeit ihre Liebe wie ein weicher Mantel ein. — " Am Tage des Abschieds von Waldenburg war Sascha am uge. Truppenausmarsch. Es war nicht mehr der jubelnde bschied der Augusttage von 1914, nicht mehr das Kokettieren mit dem Tode und der Gedanke, den gestorbenen Tod für die heiligste Pflicht gestorben zu sein. Es war Schweigen bei den Zurückbleibenden und in dem Zuge Menschen, die ich in unbe- 252 - kannte Fernen hinausführte und von denen nur zuviele die deutsche Heimat nicht Wiedersehen sollten. Ich erschrak ein wenig vor meinen eigenen knappen Kommandoworten: sie störten ein Schweigen, das in sich selbst seine Berechtigung trug. Ich fühlte, daß das Recht des Abschiedes auf ewig stärker war als die Pflicht des Befehls. Aber der Befehl ward gegeben, die Gruppen lösten sich. „Einsteigen!" Sascha von Kowalowski stand an meinem Abteil, nicht an dem ihres Bruders. Dem winkte jene junge Frau zu, von der man gesagt hatte, daß sie zu ihm gehöre. Als der Zug ln Bewegung kam, trat Sascha in dem letzten.Augenblick auf das Trittbrett und küßte mich. Stanislaus von Kowalowski sah es. Ich fühlte es. Ein letztes Winken. Vorbei.- Wir fuhren durch Schlesien und Sachsen. Bekannte waren am Bahnhof. Man benachrichtigte Menschen von der Durchreise, an denen man in' anderen Zeiten vorübergegangen wäre; es war gewissermaßen ein letztes Anklammern an zu Hause. In Dresden erwartete mich eine Dame. Auch sie küßte mich. Abermals sah es Stanislaus von Kowalowski, abermals sagte er kein Wort, obwohl wir sonst über alle möglichen Dinge sprachen. Diesen Punkt mieden wir geflissentlich.- Wir fuhren durch Böhmen, durch Oesterreich, durch Ungarn und sahen schon an den Schienen Hunger und Müdigkeit, keine Worte der Begeisterung. Schweigen und Schweigen. Wir überfuhren die Donau bei Belgrad, wir fuhren durch serbische Landstädte und endlose Maisfelder, wir fuhren durch romantische Gebirgspartien, die an Schönheit und Erhabenheit an die Berge der Schweiz erinnerten. Wir sahen serbische Bauern, bulgarische Miliz, türkische Formationen, deutsche Stäbe, österreichische Kolonnen. Hier unten vor Monastir war das Volksgewirr des Weltkrieges wie nirgends anders. Hier war deutsche Organisation. Hier war aber auch die militärische Unwahrhaftigkeit gegen sich selbst und die Furcht vor der Wahrheit, an der wir eines Tages elend zugrunde gingen. (Fortsetzung folgt.)