Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 31 (2.8.1929)
- Date
- 1929-08-02
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4911661-5448526-5449121--2283-4913685- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Numerus clausus-Debatte auf dem Studententag Von Dr. Werner Mahrholz. Der eben abgehaltene 12. Studententag in Hannover, den die immer schon reichlich völkischgestimmte „Deutsche Studentenschaft" einberufen hatte, brachte eine Sensation: zum ersten Male auf einem Deutschen Studententag gab es eine ausgedehnte Debatte über den Numerus clausus für'das Deutsche Reich. Den Anlaß bildeten Anträge, die von drei bayrischen Hochschulen — Würzburg, Erlanget und München (Technische Hochschule) — und von der Technischen Hochschule in Brünn (!) gestellt waren und in denen dem Sinne nach verlangt wurde, die „D e u t s ch e S t u d e n t e n s ch a f 1" möge sich mit aller Energie fstr die Einführung des Numerus clausus auf den reichsdeutschen Hochschulen einsetzen. Die Tagungsleitung hatte schon vor dem Studententag versucht. diese Anträge zu verhindern: sie hatte die Anträge von Würzburg und Erlangen, die ordnungsmäßig und rechtzeitig eingelaufen waren, dem Spruchhof der „Deutschen Studentenschaft", der in Zweifelsfällen über rechtliche Fragen zu entscheiden hat, diese Anträge vorgelegt, und dieser hatte sie mit wunderlichen Entscheidungsgründen abgelehnt. Der Spruchhof hatte zunächst geprüft, ob die Verfassung der „Deutschen Studentenschaft" diese Anträge verböte und hatte argumentiert, daß diese Frage keine parteipolitische Frage sei, also an sich auf dem Studententag verhandelt werden dürfe. Trotzdem aber sei die Verhandlung nicht zuzulassen, weil ein anderes Stück der Verfassung der D. St. besage, daß alle reichsdeutschen Studierenden Mitglieder der „Deutschen Studentenschaft" werden könnten, ohne Ansehung des Glaubens und der Ralle. Nicht aus einem sachlichen, sondern aus einem formal-juristischen Grunde wurde also die Verhandlung der Erlanger und Würzburger Anträge nicht zugelassen. Nun kamen die Brünner Völkischen und in ihrem Gefolge die Mannen der Technischen Hochschule München und stellten die Anträge von neuem, indem sie dieses Vorgehen damit begründeten, datz die Anträge sich natürlich nicht gegen die jetzt schon studierenden Reichsdeutschen jüdischen Glaubens richteten, sondern gegen Personen, me ja noch gar nicht Studenten seien! Es träfe auf diese Anträge also die Begründung des Spruchhofes gar nicht zu. In einer sehr langen und schwierigen Geschäftsordnungsdebatte wurde dann, ebenfalls wieder aus formalen Gründen, die Verhandlung der Anträge abgelehnt, weil sie nicht rechtzeitig und nicht ordnungsgemätz eingereicht worden seren! Die Mehrheitsverhältnisse bei dieser Abstimmung waren — interessant genug — nur 102 Stimmen für Ablehnung, aber 70 für Behandlung und 3 Enthaltungen. Man sieht: eine starke Minderheit für den Numerus clausus! Es war nicht ohne eine gewisse Korhik, zu beobachten, welche Mühe sich die Tagtzngsleitung gab, diese Debatte über den Numerus clausus abzuwürgen. Ihr war wohl selbst nicht wohl dabei. Immer wieder sprang der 2. Vorsitzende Kersten auf und griff mit Geschäftsordnungsanträgen in die Debatte ein. Seiner Energie ist es am Ende zu danken, daß die Abstimmung ein vernünftiges Resultat ergab: Ein völkischer Student im Kampf gegen den Numerus clausus! Diese Episode des Studententages mußte einmal in aller Ausführlkchkeit dargestellt werden: so wenig sie praktisch von Belang war — selbst die Annahme einer Resolution führt den Numerus clausus noch nicht ein! —, so symptomatisch war sie. Man sieht ganz deutlich, daß dijtznationalsozialistische Agitation in der Studentenschaft., starke Fortschritte macht. Es wäre noch vor einem Jahr nicht möglich gewesen, diese Debatte überhaupt zu inszenieren. Bezeichnend war übrigens, daß die Universität Prag sich in dieser Frage sehr zurückhaltend benahm: man weiß dort eben recht gut. welche Stütze des Deutschtums die Prager Juden sind, und man hütet sich, sie vor den Kopf zu stoßen. ” _ Auch in anderen Beschlüssen des Studententages machte sich der völkische, nationalsozialistische Einfluß bedenklich bemerkbar: so wurde zum Thema „Politische Bildung" die Forderung nach Professuren für „Volks- ' Sascha Novelle von Slessen Kann. (Fortsetzung.) Sascha von Kowalowski hatte jedoch eine ein wenig heisere Stimme, wie.sie Menschen eigentümlich ist, die lungenkrank werden, weich und ein wenig singend mit dem Akzent der Slawen. Wenn sie durch Zufall mit ihrem Bruder ins Gespräch kam, fiel sie ins Französische, was sie jedesmal mit rotem Kopf und dem Hinweis zu entschuldigen bat. datz sie im Familienkreise zur Absperrung von der polnisch sprechenden Dienerschaft sich der französischen Sprache bedienten. Sascha von Kowalowski wollte sich hier in Krummhübel von ihrem Bruder verabschieden, an dem sie mit schwärmerischer Liebe hing. Sie war drei Jahre älter, als er, bemutterte ihn und behandelte ihn wie Zeinen kleinen Jungen. Gegen 8 Uhr bat Kbwalowfki um Entschuldigung, da er zur Garnison zurückwollte. Ich hietz ihn bleiben und sagte ihm, datz ich etwaige Unannehmlichkeiten auf mich nehmen wollte, die aus der Verspätung fdlgen könnten. Er lehnte ab und machte eine lachende Bemerkung, als habe er für den Abend bessere Gesellschaft. Ich hatte bereits früher gehört, datz er Beziehungen zu einer iungen Frau unterhalte, deren Mann kürzlich in den Karpathen, gefallen war. Sascha hielt ihn mit keinem Wort: er ging. Die Unterhaltung bekam nach dem Weggang des Bruders eine stark persönliche Note, fast freundschaftlich. Ich kannte aus meiner jahrelangen beruflichen Tätigkeit ihre nähere Heimat und Warschau, mit dem sie tausend Erinnerungen verbanden. Wir entdeckten gemeinschaftliche Bekannte. Sascha sprach über ihr Leben mit einer Offenheit, die mich erstaunte. Aber diese Offenheit patzte zur Geste einer Dame von grotzer Welt, für die .die Meinung der Bielen. Gleichgültigen ohne Belang ist. die ihre eigenen. Gesetze in sich trägt und die deren Richtigkeit nur denen gegenüber verantwortet, denen sie will. Wir verabschiedeten uns herzlich. Für den nächsten Morgen war zwischen uns eine Partie nach der Hampelbauüe verowredet. Ich wünschte ihr eine gute Nacht, dann flog der Schlitten durch die klare Nacht nach Waldenburg. Die Berge flohen zurück, der Gedanke an sie begleitete mich auf der Fahrt. Der nächste Morgen war grau. Schnee lag in der Luft. Sascha erwartete mich vor dem Hotel. Sie trug einen schwarzweitzen Sportdretz, der sie vorzüglich kleidete, dazu eine phrygische Mütze, unter der das weiche Haar in übermütigen Strähnen hervorschaute. Wir, begannen langsam den Aufstieg. Sascha war nur dem Anschein nach ein Sportsmädel. Sie ermüdete sehr bald, und ich trug sie fast den steilen Weg zur Höhe. ’ Nur wenige Wanderer begegneten uns. Wir ruhten oft. Das Gespräch war lebhaft und noch persönlicher wie aist Abend vorher. Sie erzählte wieder von ihrem Leben, ihren Reisen und ihren Erlebnissen. Wir sprachen auch von der Liebe. C ' Als wir noch einige Hundert Meter von der Bähde entfernt waren, begann sich ein dichter grauer Nebel auf uns zu legen. Man sah kaum die Hand vor den Augen. Sascha, nahm meinen. Arm, ich fühlte ihre Wärme wie einen glühenden, betörenden Strom, der durch meine Adern ging. Der Nebel schlotz uns wie eine undurchdringliche Wand vom Allernächsten ab und schuf ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, das zuerst nur ganz äutzerlich, dann auch innerlich eine Brücke schuf. Wir waren mühsam schreitend zur Berghöhe gelangt. Wir gingen den letzten Wegabschnitt durch eine Tannenschonung, dann schlug uns das behagliche Feuer der Baude entgegen und nahm uns auf. Wir satzen in einer der engen anheimelnden „Nischen Nr Baude und sprachen flöhe und ernste Dinge. In einer anderen Ecke satz eine Gruppe von Buben und Mädchen, ein großes braunes Mädel spielte die Klampfe und ein ganz leiser Gesang der jungen Menschen begleitete sie. Es gab Stimmung im Raum, Rückblicke und Hoffnungen. _ 251 .