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Der Schild · 1929-07-26 · 30 (26.7.1929) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Schild
Volume
8 (1929)
Issue
30 (26.7.1929)
Date
1929-07-26
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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1 Fürst R-bziww Diese Geschichte begab sich vor hundertsiebenundsechzig fahren, im Jahre 55lL, während des siebenjährigen Krieges, den Friedrich der Große mit den Herrschern von Oesterreich. Rußland, Frankreich und Sachsen führte. Infolge des Krieges ivaren die Straßen lebensgefährlich, ^und aus Polen nach Palästina oder in ein anderes Land zu kommen, wo Esrogim zu bekommen waren, war unmöglich. Der Sommer war bereits zu Ende und es kam die Elulzeit. Die Töne des Schofar erklangen schon und die Iudenschaft von Wilna rüstete zu den hohen Feiertagen: man begann die Zeit der Buße vorzubereiten und im Wilnaer Ghetto wurde die Düsterkeit der Gerichtstage fühlbar. Auch der Gaon von Wilna hatte viel Kummer und Sorge. Er braucht« natürlich vor dem Tag des Gerichtes keine Furcht zu Haben; denn wer außer ihm könnte vor den Richterstuhl mit so viel guten Werken und Wohltaten treten? Des Gaons Kummer war ein ganz anderer. Er sah ein, in einem so großen Kriege, an dem die halbe Welt teilnahm, würde es unmöglich sein, einen Esrog zu beschaffen; wie konnte man da die Mizwah der vier Fruchtarten erfüllen? Es war bereits nach RoschHoschanah, der Iomkipur war schon vorüber, und in Wilna gab es noch immer keinen Esrog: was konnte das für ein Sukkotfest sein, ohne einen Esrog. und gar für den Gaon von Wilna, der die Mizwah der vier Fruchtarten so hoch schätzte, daß er sich das ganze Sukkotfest hindurch am Esrog erfreute; ihr wißt ja, als er zur Sukkotzeit im Jahre 5558 dahinging, da starb er, den Esrog und den Lulaw in der Hand. Als aber das Sukkotfest nahte und noch kein Esrog da war, /da schloß sich der Gaon von Wilna ein und ließ niemanden, auch keinen seiner Schüler, vor sein Angesicht; und er flehte zu Gott dem Herrn mit heißem Gebet. Da traf es sich, daß am Bortage des Sukkotfestes dem Woiwodeu von Wilna, Fürst Radziwill, die Tochter erkrankte; und der berühmteste Arzt war berufen, Rabbi Iehuda Halewi Hurwitz. von Wilna. Er untersuchte die Kranke und befand ihren Zustand gefährlich: als Fürst Radziwill ihn fragte, was zu tun sei, pm die Prinzessin zu retten, antwortete 'ihm Rabbi Iehuda Hurwitz: „Es steht schlecht— es gibt keine Hilfe.- Da rief Fürst Radziwill verzweifelt aus: „Ich bin bereit, mein ganzes Vermögen herzugeben, nur rette mein Kind!" Rabbi Iehuda Hurwitz versank in tiefes Sinnen und antwortete dann: „Durchlauchtigster Fürst! Arzneien Helsen gar nichts; es gibt nur noch ein Mittel: Bei uns in Wilna gibt es einen großen, heiligen Rabbi, fein Name ist Rabbi Elijahu; nur dieser Rabbi kann durch sein Gebet das Leben deiiHes Kindes retten!" md der Grog Der Fürst, dem keine Wahl blieb, sandte eiligst eine Reiter stafette mit einem hebräischen Brief aus, den der Arzt Rabbi Iehuda geschrieben hatte, worin der Fürst den heiligen Robb, beschwor, für die Gesundheit seiner Tochter zu beten. Als dem Gaon gemeldet wurde, eine Stafette vom Fürsten Radziwill sei zu ihm gekommen, ließ er sie vor; er las de» Brief durch, betete dann inbrünstig und übergab dem Bote» einen Zettel, auf dem die Worte standen: „Denn gut ist der Herr zu allen Geschöpfen und sein Erbarmen ist in allen seinen Werken.- Der Arzt Rabbi Iehuda Hurwitz, den Fürst Radziwill bis zur Rückkehr der Stafette in seinem Hause beherbergt hatte, las die Antwort des Gaon und teilte dem Fürsten freundlich mit, der Gaon habe seine Tochter gesegnet, auf daß sie gesunde. Bon diesem Augenblick an wich die Krankheit der Prinzes sin und am Morgen des ersten Sukkottages konnte sie schon ihr Lager verlassen. Fürst Radziwill ließ noch einmal den Arzt Rabbi Iehuda Hurwitz rufen, und fragte ihn, wie er dem heiligen Rabbi für die Genesung seiner Tochter danken könnte. „Durchlauchtigster Fürst,- antwortete der Arzt, „Geld nimmt der Rabbi nicht, aber wenn du es ihm möglich machen würdest, einen Esrog und einen Lulaw zu bekommen, die der heilige Rabbi gar sehr braucht, um in den Tagen unseres Suk kotfestes zu Gott zu beten, und die er heuer wegen des Krieges nichf zu kaufen bekommt, so wäre der Rabbi dir dafür sehr dankbar.- „Gut!" rief der Fürst erfreut aus, „noch heute soll der Rabbi einen Esrog und einen Lulaw haben.- Das Gefilde am Ufer der Wilja, wo jetzt der Palast des Grafen Tiszkiewicz steht, gehörte damals dem Geschlecht« der Echlieht Versicherungen ab! Die Lebensversicherung des RsF. ist eine soziale Fürsorge. Darum hinein in die Lebensversicherung des RjF! Don Fernando Eine Erzählung aus der Zeit der Marannen. Bon Josef Kaplan (Fulda). (Schluß.) Ter Priester sah bewegt auf die ergreifende Szene und wandte sich ab, um sich zu sammeln. Er sah sich im Raume um. Das, was er sah, erfüllte ihn mit Staunen. Kein Kreuz schmückte das Zimmer, kein Emblem der Kirche war zu sehen. Aus einem Tischchen abseits lag ein großes, schwarzes Buch, das wie eine Bibel aussah, aber das goldene- Kreuz fehlte auf dem Deckel. Das Herz des Greises begann schneller zu pochen, seine Augen weiteten sich, seine Hände zitterten; ein kalter Schweiß legte sich auf seine Stirn. Manches erkannte er in diesem Augenblick, woran er bisher achtlos vorbeiging. — Er wollte das Buch ergreifen, einen Schritt Vorgehen, aber die Glieder versagten ihm den Dienst. Er wandte sich um und sah den -regungslos dasitzenden Pater, der geistesabwesend auf das schwere- Atmen des Knaben lauschte. Wie eine Wolke legte es sich plötzlich auf die Augen des Greises. Er fuhr sich mit der Hand über die geschlossenen Augenlider. Wild jagten seine Gedanken durcheinander. Wie aus weiter Ferne hörte er das Schluchzen der gebrochenen Frau hinter der Tür. Er öffnete langsam die Augen und sah nach dem schwarzen Buche, das ihn mit einer überirdischen Macht anzog. Zitternd ging er zu dem Tischchen und ergriff das Buch. Er öffnete es und sah hinein. Minuten vergingen in unheimlicher Sttlle. Wie leblos stand der Greis und blickte auf die winzigen Buchstaben der Reihen. Bilder zogen an seinem Auge vorüber. Er sah einen kleinen Jungen umherspringen in kindlicher Fröhlichkeit. Dann sah er einen ehrwürdigen, ernsten Mann,- der ihn auf den Schoß nahm. Mit der einen Hand glättete der Mann di« blonden Locken de» Kindes, mit der anderen hielt er ein Buch, in dem er ihm Buchstaben wie», wie er sie hier vor sich sah. 246 Dann sah er denselben Knaben im Kreise gelehrter Männer, die über dicke Folianten gebeugt saßen. Er verstand ihre Sprache, denn sie war die seinige. Er konnte lesen in den dicken Büchern und war froh,'wenn man ihn dafür lobte. Dann zogen andere Bilder auf, voll Grauen und Schreck. Er sah die gelehrten Männer mit ihren Folianten fortf.ühren. Der Mann, der so oft liebevoll sein Haar streichelte, war unter ihnen. Dann sah er Flammen, die zum Himmel emporstiegen, und Rauchwolken, die einen Holzstoß umhüllten. Dann kam tür den Knaben eine Zeit, in der er dies alles vergaß-. Immer noch stand der Greis regungslos da. Plötzlich fühlte er zwei Hände auf seinen Schultern. Er wandte sich um und sah in das schmerzoerzerrte Gesicht Don Manuelas, der das Buch in seinen Händen erblickte. Ohne den Priester anzusehen, sprach der Unglückliche: „Mein Sohn sttrbt, Don Fernando — jetzt, da Ihr die» Buch hier gefunden habt, wißt Ihr selbst, daß er Eures Segens bereitet einen Scheiterhaufen füi den Tod für sich herabwünschen Eure Pflicht- Mit irrem Blick sah Don Manüelq in di« Augen des Greises. Ihr weint, Don Fernando? Die Lippen de» Inquisitors zittern? Euer Mitleid ist nicht angebracht, wo nur der Tod Erlösung bringen kann. Es ist Marannenfchicksal, als Jude im Verborgenen zu leben und — wenn Gott will, als Jude vor aller Welt zu sterben? Gehet, Don Fernando, erfüllt Eure Pflicht!- Der Greis sah dem frecher mitleidig in die Augen. Tränen rannen dem alten Manne die Wangen herab. Mit zitternden Händen löste er das goldene Kreuz von seinem Gewände und legt« es abseits auf den Tisch. „Schweigt. Don Manuela — redet nicht weiter! Kommt, wir wollen Eurem scheidenden Kinde Geleitworte nachrusen. Sprecht mir nach: „Schma tsrorl adaunoj elauhenu, adaunoj echod!" nicht begehrt-Gehet, : die unglücklichen Eltern, die —-r Gehet, Priester, tuet I

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