Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 30 (26.7.1929)
- Date
- 1929-07-26
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Briese an Belgiens Krieger-Friedhöfe. An die Redaktion des .Schild" [ Berlin. Von einer Reise aus Belgien.zurückgekehrt möchte ich Ihnen eine Mitteilung unterbreiten, die vielleicht für die Veröffentlichung im .Schild" ganz interessant wäre Auf einer Fahrt über die früheren Kriegsschauplätze in Flandern fand ich, daß unsere Kriegerfrieühöfe sich in einem sehr bedauernswerten Zustand befinden. Ich habe die zwei Friedhöfe bei Poelkapelle und drei Friedhöfe bei Praet besucht (von diesen letzten dreien einen Lffiziers-Friedhof). Diese Feststellung hat mich doppelt unangenehm berührt, zumal ich bei der Besichtigung der englischen, belgischen und französischen Friedhöfe die Wahrnehmung machen mutzte, dah diese in bestgepflegtem Zustand sind. Ich stehe mit weiteren Auskünften gern zur Verfügung. Kam. Julius Blumberg. Mitglied der Ortsgruppe Höchst a. Main, Hostatostr. 1611 Tie jüdischen Frontsoldaten 1870/71. An die Redaktion des .Schild" Berlin. Als Lohn eines Kriegsteilnehmers von 1861/66 und 1870/71 las ich den Artikel über jüdische Kriegsteilnehmer von 1870/71 mit großem Interesse. Es wäre mir daran gelegen, zu erfahren, ob der Name meines Vaters in der Liste der '4698 Teilnehmer boreits enthalten ist <Nicht enthalten. D.Red.); andernfalls gebe ich hiermit die militärischen Daten meines Vaters zu statistischen Zwecken bekannt: . Josef Tugendreich, geboren 1. Januar 1839 zu Putzig (Wpr.), seit 1864 in Berlin ansässig, diente von 1860—62 zunächst im preuhischen Inf.-Regt. .Kronprinz" (Königsberg i. Pr.), dann im 52. preuß. Inf.-Regt. von Alvensleben, machte in letzterem Regiment die Feldzüge von 1864 und 1866 mit, wurde als Unteroffizier der Reserve in der Schlacht bei Königgrätz durch Granatsplitter verwundet und ging 1870/71 trotz eines infolge den „Schild dieser Verwundung etwas steifgebliebenen Beines als U teroffizier im preutz. Landwehr-Bataillon Kosten wieder ins „eld. Dieses Bataillon gehörte zu der bekannten Division v. Kun.inrr und hat an fast allen Ausfallschlachten und Gefechten der in Metz eingeschlossenen Armee des Marschalls Bazaine teilgenommen. Die Urkunde zur Kriegsdenkmünze von 1866 erwuynt ausdrücklich die .ehrenvolle Teilnahme an der Schlacht bei Königgrätz"; selbstredend besaß mein -Vater auch die b^den anderen Kriegsdenkmünzen und die Landwehrdienstauscichi)ung. Er starb bereits 1897 zu Berlin. Ferner ist mir bekannt, datz ein Vetter meiner (Stief-fmuiier, der Großkaufmann Richard Heymann in Königsberg i. Pr. (f daselbst 1909 oder 10), als Bizewachtmeister und später als Leutnant des preuß. 1. Train-Bataillons Teilnehmer des Krieges 1870/71 gewesen ist. H. wurde später noch zum Premierleutnant der Lrsndwehr befördert. Er war der Vater des im Weltkriege bei Soissons (1915?) gefallenen ostpreuhifchen Dichters Waller Heymann, der als Grenadier des 8. preutz. Leibgren.-Regts. in den > Krieg zog. Es wäre sehr zu wünschen, wenn jüdische Familien, von denen Angehörige Kriegsteilnehmer von 1813 — 1870/71 f gewesen sind, ebenfalls Mitteilungen darüber an den .Schild" gelangen lassen wollten, damit die Richtigkeit und Vollständigkeit der Philippfonschen Statistik nachgeprüft werden kann. Uebrigens: bezieht sich diese Statistik nur auf Preußen oder auf das gesamte Deutsche Reich? Als ich vor zwei Jahren während eines Urlaubes in Eisenach und Gotha weilte, besuchte ich auch (als leidenschaftlicher Ge schichtsfreund) das Schlachtfeld von Langensalza. Auf dem Fried Hof sind die Gräber vieler Gefallenen aus jener Schlacht, dar unter auch die zweier hannoverscher jüdischer Jäger (Driesch? und Herzberg oder Herzfeld), deren Gedenksteine vor den Reihe» der christlichen Gräber stehen. Wo die Möglichkeit vorliegt, daß die Urkunden (Diplome, Militärpässe usw.) ehemaliger jüdischer Kriegsteilnehmer sich zerstreuen und verzetteln könnten, wäre vielleicht anzuregcn. sie einem ad hoc zu gründenden jüd. Kriegsarchiv, das einem zentral gelegenen jüd. Museium angegliedert werden könnte, als Leihgaben oder Eigentum 1 zu überweisen. Es dürfte wohl mancherlei Interessantes dabei zutage kommen. Kam. Dr. Julius Tugendreich, Ortsgruppe Ambe^g i. Oberpfalz des RjF. (Bayern). jj Zum letzten Male flog der jubelnde Ton der Reveille durch das Kasernengebäude der kleinen brandenburgischen Garnisonstadt; zum letzten Male klang der Widerhall der Tritte der Mannschaft durch die langen Stallgassen, begrüßt von dem wiehernden Morgengruß der Remonten,- noch einmal knirschten die hohen Lederstiefel an die Schäfte dey Karabiner; noch einistal preßten die Kavalleriesäbel die Schenkel der Reiter' und die Weichen der Pferde; noch einmal jauchzte der Atem von Tier und Reiter in berückender Begierde über die abgeernteten Felder des märkischen Bodens; noch einmal erklangen am Abend die Worte der Freundschaft, die in jahrelanger gemeinsamer Gefahr erprobt war; noch einmal klangen die Gläser in der engen, mit der Tradition des Regiments verwachsenen Kneipe der kleinen Stadt; dann warf ein Befehl des Generalkommandos zur Umgruppierung die Schwadron in alle Ecken des Reiches auseinander. Ich ritt am Abend zum Abschied hinaus zu dem im Schatten des uralten Parkes versteckten Gutshos; ich band den Rappen an die müden, verkrüppelten Weidenbüsche: die niedrige Pforte öffnete sich; ich strich wehmütig dem feinen, zarten Mädchen über das blonde Haar, zum letzten Male gab ich ihr die Lippen; dann jagte ich zurück zur Stadt. Die Stallwache der Erfatzfchwadron führte das schäumende Tier schweigend in die Box. Der Traum von ein paar glücklichen Wochen war ausgeträumt. Ich war nach Waldenburg versetzt. Waldenburg ist ein verschlafenes, süßes Nest im Riesengebirge. Eine einzige, lange Straße mit ruhigen Häusern und wohlgepflegten Gärten, mit einem alten Rathaus und mit ein wenig schläfrigen Menschen. Dort sollte sich die neugebildete Gebirgsformation langsam zusammenfinden und. sich für die Verwendung in Mazedonien vorbereiten. ZdjiaoQ au einer alten Geheimratswitwe, mit einem schwarzen geflickten Häubchen auf dem silbernen Haar. Das Zimmer, da« (ch> bezog, lag nach dem Garten, ganz am Ende des Städtchens. Die einzige Melodie, die das Schweigen störte, war das Rauschen des B-'Zes. der draußen vorüberzog. Ein tolles, wenig kriegsmäßiges Leben Hub für mich an, Krummhübel, Echreiberhau, die Bauden im Gebirge sahen miäi täglich zu Gast. Die Wintersaison hatte begonnen. Nach Aden teuern hungernde Frauen weilten in Menge zur Kur. Die lange Trennung der Gatten hatte die Ehen vernichtet, die lange Abwesenheit der Väter die Halbflüggen verdorben. Das .Stak,! bad" des Krieges begann feine Wirkung auszuüben. Das gim' ein paar Wochen in äulci jubilo. Dann bekam der Komma» deur der Ersatzformation Wind von dem Treiben; wenige Tage später hielt ich den Abmarschbefehl in Händen. Es lag eine Zeitspanne von ungefähr 14 Tagen vor mir. .Galgenfrist" sagte der Kommandeur. Ich hatte einen Zug von 100 Man:: mit den dazugehörigen Mauleseln nach Mazedonien zu bringen. Die Truppe ging ohne Material; die Mannschaften sollten in: Süden auf die verschiedenen Feldsormationen verteilt werden Eine weitere Ausbildung der Truppe kam nicht in Frage, es galt lediglich mit den Leuten in menschliche Fühlung zu trtten. die sämtlich zum ersten Male an die Front kamen. Es war so ziemlich das letzte Aufgebot des Landes: Kinder und alte Männer, meistens polnische Handwerksleute undzBauernknechte aus dem Schlesischen. Sie waren, noch ehe sie zur Front kamen, müde und verhungert, aber guten Willens. Nur einer verdiente besonderes Interesse. Es war der Ge freite Stanislaus von Kowalowski. Kowalowski war Pole, der Sohn eines bekannten Großgrundbesitzers in der Provinz Pose», Die Familie hatte auch weitausgedehnten Besitz auf der russischen Seite; seine Mutter war, wie der Stammrollenauszug ergab. e,ne geborene Französin, Kowalowski war ein großer, schlank gewachsener Menlck von kaum 20 Jahren. Er hatte ein hübsches, vornehmes Gesicht, etwas zu breite slawische Backenknochen, einen sinnlichen und doch feingeschnittenen Mund und tiefliegende stahlgraue Augen, Er hatte schmale, lange Hände; er hielt sich ein wenig müde nach vornübergebeugt: auch in der Unioform der Gemeinen war 244