Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 30 (26.7.1929)
- Date
- 1929-07-26
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Haben die deutschen Juden diese Bewegung mitgemacht? Gerade für eine Bevölkerung, die 1—1 % Tausend Jahre in Ghetto-Mauern verbrächt hat, ist die Annäherung zur Mutter Natur von ganz hervorragender Bedeutung. Soweit es mir bekannt ist, beteiligen sich die Juden an dieser Bewegung nicht. Ich hatte in Deutschland mit Juden zu tun, die schöne Güter besitzen oder in hübschen Villen mit Gärten wohnen, ich habe aber wenig begüterte Juden, die Laubenkolonien haben, niemals getroffen. Und das ist in vielen Hinsichten bedauernswert Die Gründung von südischen Laubenkolonien wäre eine wichtige Brücke beim Uebergang der Juden zul landwirtschaftlichen Tätigkeit. Auch unter uns Juden gibt es Leute mit außerordentlich verschiedener Veranlagung. Biele passen gerade für den landwirtschaftlichen Ortsgruppen! Zahlt eure Beiträge! > Beruf: sie sind beobachtungsfähig, sie sind geneigt, lebende Wesen zu pflegen, sie bevorzugen eine ruhige Arbeit. Zwischen den Mauern einer Großstadt können aber diese Veranlagungen nicht zum Vorschein kommen. Sie atrophieren allmählich. - In den Laubenkolonien bekommen diese Fähigkeiten ein, gewistes, wenn auch recht bescheidenes Betätigungsfeld. Hier können sie sich entwickeln, und hier kann bei gewissen Elementen der jüdischen Heranwachsenden Jugend die Ueberzeugung ausreifen, daß für sie der landwirtschaftliche Beruf der passendste ist. Beim Bestehen einer jüdischen Siedlungsorganisation können so auf dem Wege der natürlichen Auslese ihr die passendsten Elemente in genügender Zahl zugeführt werden. Die Gründung von jüdischen Wirtschaften auf dem Gebiete der speziellen Zweige der Landwirtschaft, begleitet durch Gründung von jüdischen Laubenkolonien, kann zu einer organischen Bewegung der deutschen Juden zur Landwirtschaft auswachsen. Nur eine solche Bewegung wird den Eigentümlichkeiten der jüdischen Bevölkerung und den Bedürfnissen der deutschen Volkswirtschaft richtig angepaßt sein. Auf Deutschlands hohen Schulen . . . Der veassch« Ctitarieatag mb ber Numeros claosos Der in Hannover abgehalten« IS. Deutsch« Studententag hat gemäß dem Antrag de« Vorstandes mit 103 gegen 70 Stimmen bei zwei Stimmenthaltungen beschlossen, die Anträge der Bertreterschasten der UnioerfitLten Würzburg, Erlangen, «rünn und der Technischen Hochschule München, in denen die Herbeiführung des Numerus clausus für jüdisch« Studierend« und Professoren gefordert wurde, von der Tagesordnung abzufetzen. Es war die» das erstemal, daß auf einem Deutschen Studententag ernsthaft die Frage des Numerus clausus für die Hochschulen des Deutschen Reiches erörtert wurde. Dem Vorstand hat es. wie es heißt, viel Mühe gekostet, di« Absetzung der Anträge von der Tagesordnung durchzufetzen. Wir werden auf die Angelegenheit noch ausführlicher zurückkommen. Bnmo Frank gegen de« Hochschol-Alltssemttismus Die immer noch zunehmende antisemitische Agitation an der Münchener Universität, die Straßendemonstrationen gegen den preußischen Kultusminister, die verschiedenen Anpöbelungen andersgesinnter Studenten durch Nationalsozialisten hatten die Gemeinschaft sozialistischer Studenten zu einer Gegenkundgebung veranlaßt, auf der u. a. der Dichter Bruno Frank sprach. Er gedachte des Todes Hugo v. Höfmannsthals, eines Dichters jüdischen Blutes, der wie kein zweiter den Deutschen gerade altes deutsches Literaturgut nahegebracht habe. Er wies hin auf die führenden Gelehrten der deutschen Literaturgeschichte Gundolf und Fritz Strich, der jetzt in Bern lehrt, nachdem ihm der Ungeist des Münchener Antisemitismus die gebührende Rolle verweigerte. Deutschland habe einen Krieg verloren, und nun habe man im Suchen nach der Ursache ein Ventil, aber ein allzu bequemes Ventil gefunden: die Rassenfrage.. Er warne davor und er innere, daß gerade die großen Träger der deutschen Kultur, von Dürer, Beethoven!his Fontane, gqr nicht so „rasserein" im vor kischen Sinn gewesen seien. Er wandte sich entschieden gegen eine etwaige Sonde,rKlausel gegen jüdische Studenten, die man m geradezu unbegreiflicher Weise propagiere. Wäre der Numerus clausus schon feit -10 Jahren Gesetz, so gäbe es heute keinen Einstein und Ehrlich in Deutsch land. Bruno Frank schloß mit den Worten: Wenn von deutscher Rasse gesprochen wird, dann prüfen Sie kritisch diesen Begriff und bedenken Sie, daß es noch ein fruchtbareres Ideal gibt: die große deutsche Kulturgemeinschaft. Sascha Novelle von Steffen Kann. Die folgende Erzählung ist herausgenommen aus einer Reihe von Erlebnissen, die in dem mir hinterlaffenen Tagebuche eines Freundes niedergelegt sind. Ich habe sie bis jetzt der Oeffentlichkeit nicht übergeben, weil die große Masse der Leser bis vor wenigen Monaten jede Art von sogenannter Kriegsliteratur zurückgewiesen hat. Ich habe diese lEinstellung der Menschen eigentlich nie recht verstehen können, denn das Berichten vonf Dingen, die sich während des Krieges zugeiragen haben, bedeutet keineswegs eine Billigung des Krieges, ja nicht einmal eine auch nur theoretische Stellungnahme zu dem Problem. Derjenige, der von uns oder von sich selbst berichten will, kann an den Geschehnissen des Krieges nicht oorübergehen, denn es ist so, daß die tiefsten Erlebnisse und die unvergänglichsten Begebnisse, die je über Menschen gekommen sind, in den Jahren des Krieges draußen in den Schlachten und fern von den Kampfseldern über die Männer und Frauen aller Völker gekommen sind. * Es wird nie wieder eine Epoche geben, die soviel Feindschaft und soviel Haß. soviel Liebe und soviel Mißgunst, soviel Hingabe und soviel Opfermut, soviel Heldenmut und soviel Niedrigkeit gezeitigt hat wie diese vier Jahre des Weltkrieges. Niemals ist die Peripetie, der Umschwung in dem Schicksal des einzelnen und der Gesamtheit, so unvermittelt und mit soviel elementarer Wucht zum Ereignis geworden wie in dieser Zeit, und gerade das Unerwartete ist das eigentliche Wesen des Tragischen. Niemals wurde soviel wohlverdientes Glück zerstört, nie der Neid der Götter so ungestraft herausgefordert. Niemals stand das Allgewaltige so nahe beim Kot. Nur in jener Zeit starb das Heldentum an sich selbst, nur damals stand das Brautbett mitten auf dem Kirchhof. Niemals sind soviel Verbrechen gegen Fleisch und Geist begangen worden im Namen der Heiligkeit und der Kirche. Niemals ist das Gute schlechter belohnt, niemals der Tanz um das Nichts, um das Vergängliche mit soviel Inbrunst getanzt worden. Warum will die Menschheit an alles das nicht mehr erinnert sein, Um das Schicksal zuj vergessen und die Erinnerung an das Unfaßbare nicht auf das nächste Geschlecht herabkommen zu lassen? Dies konnte die Ursache sein, ist es aber nicht. Denn die Menschheit ist gerade in ihrer besten Kunst immer wieder zum Tragischen und zur Darstellung der Vernichtung zurück gekehrt. Oder etwa, weil sie sich des Geschehenen schämte? Das wäre heiligster Grund zum Schweigen. Aber auch dies ist nicht wahr, denn sie ist indessen über sich selbst und über den Krieg nicht hinausgewachsen, und rühmt sich, mit Recht oder mit Un recht, der ewigen Notwendigkeit von Gewalt und gegenseitigem Tod. Die Sünden wider das Gottestum und die Brüderschaft haben sich in tausendfach verzerrter Form wiederholt. Warum also flüchten wir? Ich weiß es nicht. Vielleicht aus Entsetzen vor der grausamen Verantwortlichkeit, um derentwillen der letzte Kamps der Geister von Volk im Volk, von Bolk gegen Volk geführt worden ist. Vielleicht um jenes Gefühl des brennenden Gewissens willen, das sich schuld weiß an dem Tode der Kunst, des Geistes, des Schönen, von tausend zuckenden Leibern und bebenden Herzen, die um keines größeren Gedankens, unter dem Zeichen des Sinnlosen fielen und in das Nichts zurücksanken. Ich will hier die Geschichte einer Begebenheit erzählen, die mit Schützengräben, Maschinengewehren, Schwarmlinien und ähnlichen in Verruf gekommenen Dingen nichts zu tun hat und die nach wundervollen, unvergeßlichen Stunden mir zu einem grauenhaften und unvergeßlichen Erlebnis wurde. Ich berichte ohne Ausschmückungen und ohne Betrachtungen. Es ist nichts zu beschönigen und nichts wieder gutzumachen. Das Leben schreibt eine Schrift, die nicht ausgeloscht werde,, kann. * 243