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Der Schild · 1929-07-26 · 30 (26.7.1929) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Schild
Volume
8 (1929)
Issue
30 (26.7.1929)
Date
1929-07-26
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Betrachten wir den Tabakbau im nördlichen Beßarabien und den angrenzenden Teilen der Ukraine. Die Sachlage ist dort keineswegs eine solche, daß man sagen könnte, daß auch die Juden den Tabak zu bauen verstehen: d,e besseren Tabaksorten bauen hier überhaupt nur Juden. Im Tabakbau arbeitet die ganze jüdische Familie mit. und alle qualifizierten Arbeitskräfte sind jüdisch. Der Tabakbau ist in Beßarabien zu einer jüdischen Spezialität geworden. Die Bauern bauen nur selten Tabak und bevorzugen den für den Tabak passenden Boden den Juden zu verpachten. Im heutigen Beßarabien, wo ein staatliches Tabakmonopol besteht, sehen sich die antisemitisch gestimmten rumänischen Beamten gezwungen,-ben Juden große Borschüsie zu geben, denn nur von den Juden kann die Regierung gutxn Tabak erhalten. Der Weinbau ist in Beßarabien bei den Bauern von alters her bedeutend entwickelt gewesen. Aber modern gepflegte Weingärten von guten Sorten sind doch nur bei den Gutsbesitzern und Juden zu sehen. Lesen wir die Berichte der russischen landwirtschaftlichen Aemter vor dem Kriege aus dem GouiMCHerson: als beste'Weingärten werden diejenigen in den alten jüdischen Kolonien eingeschätzt. Gehen wir jetzt nach dem Norden des gew. Ansied^ lungsgebiets. Im Jahre 1903 hatte ich die Gelegenheit, dort eine Untersuchung über den Zustand des Gemüsebaues durchzuführen. Jeder Bauer baut etwas Gemüse für den eigenen Gebrauch. Aber mit Handelsgemüsebau beschäftigten sich in Weißrußland, in Litauen und in der nördlichen Hälfte Kongreß-Polens hauptsächlich Juden Sie belieferten mit Gemüse die Städte, die zahlreichen hier einquartierten Militärs, sie schickten auch viel Gemüse nach Deutschland. Das wunderbarste war, daß die Juden mit gewissen Gemüsearten auch die Bauernbevölkerung versorgten. Die weißrussischen Bauern pflanzten keine Gurken und kauften sie (teilweise auch Kohl) bei den Juden: die Gurkenkultur nannten sie ein „jüdisches Geschäft". Es waren damals auch wandernde jüdische Geinüsebauern, die hauptsächlich aus Nesovish, Gouv. Minsk, stammten. Sie suchten immer neue Städte auf, wo der Gemüsebau sich besonders lohnen würde. Diese wandernden Gemüsebauern errichteten ihre Gärten sogar in Deutschland: in der Prov. Posen, bei Königsberg und sogar bei Berlin. Ihre Unternehmungen waren auch in Deutschland konkurrenzfähig. Bedeutende Erfolge zeitigten die Juden auch auf dem Gebiete der Milchwirtschaft. In Weißrußland und in Kongreß-Polen verpachteten gewöhnlich die Gutsbesitzer ihre Milch den Juden und diese bereiteten aus ihr Butter und besonders Käse. Zur Zeit de- Krieges flüchteten jüdische Milchwirte nach den Kolonien in der Ukraine und gründeten dort Käsereien, die jetzt ausgezeichnet funktionieren. , Wenn wir die Entwicklung der jüdischen Landwirtschaft in den Vereinigten Staaten beobachten, so treffen wir aüf analoge Erscheinungen. Noch in den 80er Jahren des verflossenen Jahrhunderts versuchten gewisie idealistisch gestimmte Gruppen sich als Pioniere in dem weiten Westen auf jungfräulichem Boden niederzulassen. Trotzdem diese Pioniere von jüdischen Organisationen unterstützt wurden, sind fast alle Siedlungen eingegangen. Im neuen Jahrhundert setzte in den Bereinigten Staaten eine neue Bewegung der Juden zur Landwirtschaft. die sog. „Farmerbewegung", ein. und jetzt gibt es schon über 15 000 jüdische Farmen. Die Siedler, die schon lange Jahre in Amerika verbrachten und über bedeutende Mittel verfügen, gehen nicht nach den weiten Prärien des Westens. Sie kaufen, und zwar fast ausschließlich aus eigenen Mitteln, Farmen unweit der großen Städte des Ostens. Sie befassen sich mit den speziellen Zweigen der Landwirtschaft und zeitigen in ihnen große Erfolge. Die edelsten Tabaksorten in Connecticut werden gerade von Juden gebaut. Die Juden erwiesen sich als ausgezeichnete Geflügelzüchter, und sie beliefern die Märkte der Großstädte mit Kücken Die Juden treiben mit Erfolg den Weinbau, sie bauen Frühgemuse. Es gibt unter ihnen gescheite Blumenzüchter. Mtlchwirie usw. I Auch die Erfahrungen in Palästina beweisen dass.lbe: höchst bescheidene Ergebnisse im Feldbau und bedeut,mde Erfolge im Weinbau, in der Kultur der Orangen ind anderem. Also, die Geschichte der jüdischen Landwirtschaft , Zgt den deutschen Juden, welcher Weg zur Landwirtschafl den Eigentümlichkeiten der Juden am besten entspricht.?ie Juden können sich gewöhnen, auch Feldbau zu treii en. Hervorragendes ist aber von ihnen nur auf dem Gebiete der speziellen Zweige der Landwirtschaft zu erwarten Betrachten wir jetzt die wirtschaftlichen Aussichten dieser Landwirtschaftszweige. Immer wieder ertönen Klagen über die gedrückte Lage der deutschen LandnOrtschaft, und die Regierung sieht sich gezwungen, ihr H.lse zu leisten, oftmals auf Kosten der anderen Bevölkerunzsteile. Aber die Lage der meisten speziellen Zweige oer Landwirtschaft ist keineswegs als ungünstig zu betrachten. Die schnelle Industrialisierung Deutschlands bringt mit sich eine enorme Erweiterung der Nachfrage nach ren Erzeugnissen der speziellen Zweige der Landwirtschaft, wie Frühgemüse, Tafeltrauben, Blumen, frischer Milch, Eier, Geflügel usw., und die Umstellung der deutschen Landwirtschaft auf die Produktion dieser Erzeugnisse hält mit der schnell wachsenden Nachfrage nicht Schint. Trotz den ziemlich hohen Transportkosten ist die Einfukr der entsprechenden Erzeugnisse in einem außerordentlich schnellen Wachsen begriffen. Ich hatte unlängst die Gelegenheit Holland und das Rheinland 3« besuchen. Ich konnte mich überzeugen, daß für die intensive, ausgezeichnet entwickelte holländische Landwirtschaft der deutsche Markt eine hervorragende Bedeutung hat. Dos Ruhrgebiet wird mit großen Massen Erzeugnissen drr speziellen Zweige der Landwirtschaft von Holland beliefert. Vom Standpunkt der deutschen Volkswirtschaft ist > s m. E. ziemlich gleichgültig, ob die Juden einige Bauerndörfer schaffen werden oder nicht. Es gibt eigentlich „ Deutschland genug sehr tüchtige Bauern. Hatten aber die Juden ihre Energie und ihre Fähigkeiten auf die Entwicklung der speziellen Zweige der Landwirtschuil gerichtet^ so stünde vor ihnen ein weites Feld offen, und auf diesem könnten sie wertvolles vom Standpunkt der deutschen Volkswirtschaft leisten. Die Arbeit der jüdischen Siedler in den speziellcn Zweigen der Landwirtschaft wird sich viel besser bezahlt machen als in gewöhnlichen Bauernwirtschaften, und die Initiative der Siedlungsorganisation könnte es so zur Entstehung einer spontanen Bewegung unter den deu: schen Juden bringen. Es ist kennzeichnend, daß die Gründer der Ahlemc Stiftung gerade eine Gartenbauschule und nicht eine all emeine Ackerbauschule geschaffen haben^ Es ist zweifei oft, ob ihnen die angeführten Tatsachen aus der Er schichte der jüdischen Landwirtschaft bekanntwaren allenfalls haben sie den richtigen Weg eingeschlaaen. Für viele hat der Typus eines traditionellen Bauern etwas außerordentlich Verlockendes. Coüte qne cofiir solche Bauern müssen aus Juden werden. Das ist ebc: ein schwieriges und kostspieliges Unternehmen. Mm sollte sich aber von solchen romantischen Stimmungei: nicht hinreißen lassen. Jede Idee muß ihre den Beding linqen der Zeit entsprechenden Verwirklichungsformei finden, anders bleibt sie im Leben ohne Bedeutung. III. Zwischen dem städtischen Juden und einem Gemüse bauer, Blumenzüchter. Geflügelzüchter ist schon der Gegensatz nicht so stark, wie zwischen dem ersten und dem Bauer. Aber doch müssen auch hier Brücken geschlagen werden. Wie das zu tun ist, ist nicht schwer zu er sinnen. Als ich im Jahre 1910 zum ersten Male Deutschland besuchte, machte auf mich einen großen Eindruck der großartige Ring der Laubenkolonien, durch den Berlin . umzüngelt ist.' Das ist eine Leistung, die nicht nur von sozialem, sondern auch von kulturellem und hygienischem Standpunkt aus höchst wertvoll ist. Dadurch werden die sckädlickien Fel en der Agglomeration der Bevölke rung in den Großstädten mit richtigen Mitteln bekämpft V 242

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