Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 29 (19.7.1929)
- Date
- 1929-07-19
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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W WW mm WWW Bon diesem Standpunkte aus besehen ist auch der Kampf, den der RjF. führt, nicht nur ein Kamps für die deutschen Juden, sondern auch im hohen Matze ein Kampf für das deutsche Vaterland. Sowohl uns als jüdische Gemeinschaft als auch dem deutschen Daterlande mutz es nur erwünscht fern, wenn wir deutsche Juden unseren jüdischen Stamm so entwickeln, datz er geistig, sittlich und körperlich zu vollkommener Entwicklung gelangt. Diese Entwicklung war gehemmt durch die Jahrhunderte der religiösen Verfolgung im späteren Mittelalter und in der ersten Neuzeit; aber die Lebenskraft unseres Stammes hat auch dieses überwunden. Der R)F. hat jedenfalls das seinige dazu getan, um diese Entwicklung, insbesondere die körperliche und sittliche Entwicklung zu stärken. Aber ich glaube auch, datz das, was der jüdische Stamm aus seiner Vergangenheit mitgebracht hat, datz dieses Erbgut: allein schon genügt, um ihn zu einem recht wertvollen Glied des Staates zu machen. Gerade die heutige schwere Zeit erfordert es, datz Kräfte, über die Deutschland verfügt, nicht ausgeschaltet werden, sondern datz sie im Gegenteil möglichst eingespannt und entwickelt werden; und vielleicht hat keiner ^>er Stämme, die auf deutschem Boden sitzen, so sehr aus seiner Vergangenheit Lehren für die deutsche Gegenwart und die deutsche Zukunft mitgebracht, als gerade der jüdische Stamm. Das wurde vor einiger Zeit besonders schon zum Ausdruck gebracht von einer Seite, die gewitz unverdächtig ist, für uns Juden übermätzige Sympathien zu haben. Anläßlich des letzten deutschen Adelstages 1928 in Dresden hielt der Herr Domprediger von Kirchbach in der evang.-luth. Domkirche eine ausgezeichnete Predigt, in der er anknüpfte an Worte unserer Propheten, insbesondere unseres Propheten Jeremias. Und er sagt weiterhin: „Das Gotteswort, das hier aus uralter Vergangenheit zu uns dringt, der Prophet Jeremias hat es ausgesprochen» ein glühender Freund seines Vaterlandes im Augenblick schwerster Gefahr. Ein grotzes Stück des von dem Volk bewachten Gebietes ist besetzt und auch der letzte Kern bedroht durch schwere Verträge' in seiner wirtschaftlichen Lage gelähmt. Und er fährt dann weiterhin fort, indem er sich an die Mitglieder des deutschen Adels wendet: „Wollt Ihr Euch dem harten Zugriff dieses Textwortes ^entziehen? Was damals für das Volk Israel gegolten, das geht uns nichts an? Die rassischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse seien vollkommen andere, datz wir damit nichts anfangen könnten? Ich weih nicht, ob Ihr nicht schon vorhebei der Lage des jüdischen Volkes mit einem gewissen Schauder empfunden habt, wieviel von den, was jene erlebt haben, die Geschichtc auch bei uns wiederholt hat." In dieser Lage ist ja im alten Palästina das jüdische Volk öfter gewesen und vielleicht noch mehr als zu jene Zeit, von der der Domprediger zum deutschen Ade! spricht, in der Zeit der alten Maceabäer, wo auch ein kleine Schar gegen eine ganze Welt von Feinden stand und bestand. Ich glaube, einen solchen Stamm mU solchem Erbgui braucht das deutsche Volk, wenn es rassisch und völkisch .. Familien-Anzeigen stärken den Gemeinschaftssinn. , Daher gehören sie in den „Schild"! richtig denkt und sich nicht durch engstirnigen und hysterischen Rasienwahn mißleiten läht nicht zu fürchten, sondern es kann diesen Stamm, wenn es ihn nicht durch Zwangsmatznahmen auf verkehrte Bahnen drängt, als einen ausgezeichneten Bundesgenossen bei seinem eigenen Kampfe gewinnen und schätzen. Wie aber auch die Entwicklung kommen mag, wir vom RjF. werden wie in den vergangenen 10 Jahren, auch in der Zukunft erhobenen Hauptes stehen. Wir werden im Innern gefestigt sein durch unsere stolze jüdische Tradition, in -der wir unseren Adel erblicken, der älter ist als mancher andere, in jener jüdischen Tradition, mit der wir auch unseren nichtiüdischen Mitbürgern und Kameraden treu ins Auge blicken in tiefer Liebe, und Bereitschaft für Deutschland, den deutschen Staat und das deutsche Volk. In diesem Sinne gilt für uns heute und alle Zeit der alte Kriegsruf Iosuas, die Losung der alten Maceabäer: „Seid stark und tapfer!" sei und alle Gläubigen der Seligkeit teilhaftig werden können, «men-“ Langsam verließ Don Fernando die Kanzel. Der Chor begann zu singen, die Gemeinde bekreuzte sich und verließ imt gesenkte Köpfen die Kirche. Im Vorbeigehen sah jeder >>en Minister vor dem Priester knien und den Segen empfangen. Vor einer Seitentüre wartete eine Kutsche, die den Priester und den Minister daoonsuhr. „Zum Hause des großen Rated!" befahl Don Fernando, dann lehnte er sich müde in dir Polster zurück und betrachtete den schweigsamen Minister. Don Manuela war verhältnismäßig jung zu hohen Ehren gekommen. Er führte ein sehr enthaltsames Leben im Kreise seiner kleinen Familie. Er hatte Donna Clara, die Tochter eines vornehmen Kaufmannes, geheiratet und besaß in seinem dreizehnjährigen Sohne ein Wesen, das ihn mit Stolz und Hingebung erfüllte. Der kleine Iosä war das einzige Glück seiner Eltern, die ihn mit großer Liebe umgaben, und in deren Obhut er edlen Herzens und aufrichtigen Sinnes heranwuchs. „Warum so sorgenvoll, Ton Manuela?" ftagte der Priester, der die Schatten auf des Ministers Stirne bemerkte. „Ich 'weiß. Euer Sohn ist krank; aber ist nicht unser aller Leben in Gottes Hand —?“ „Euer Gnaden werden mein Schweigen verzeihen", antwartete Don Manuela. „Mein Herz tut mir weh, denn Unglück ist in mein Haus gezogen. Mein Jose ist erkrankt, er atmet so schwer. Die «erzte sagen, es sei keine Gefahr vorhanden — aber das Herz des Vaters läßt sich nicht täuschen — ich habe Angst um Joses Leben. Wenn Euep Gnaden gestatten. dann fährt uns der Kutscher an meinem Palazzo vorbei —-“ ' „Gern. Don Manuela", antwortete der Greis. „Befehlt dem Kutscher, vielleicht bedarf Euer Sohn des priesterlichen Segens-“ Eine Delle des Unmuts huschte Eber das Gesicht Don Manuela», was der Priester nicht bemerkte. 23 6 „Einen Segen? Ja — er braucht die Hilfe Gottes! Viel leicht erbarmt sich der Himmel und erhält mir meinen Sohn — --“ Rasch fuhr der Wagen durch die Gassen. Vyr einem schönen Hause blieb er stehen. Don Manuela sprang ungeduldig heraus. „Wenn Euer Gnaden die Güte haben wollten, zu warten — — die beschwerlichen Stufen — das Aus- und Ein . steigen-“ Don Fernando wehrte mit der Hand. „Was liegt an mir, wenn es gilt, ein Menschenkind mit dem zu versehen, was es zur Erlangung der Seligkeit braucht? O, Don Manuela! Ihr seid ein besorgter Vater — aber ich. der Priester, habe Pflichten. Ich weiß, was mir Don Philipps, der Arzt, anyertraute — — — Seid. gefaßt, Don Manuela, der Tod kommt von Gott-“ — Ein bitterer Zug legte sich um den Mund des Priesters. Der Minister bemerkte es und biß sich auf die Lippen. Beide stiegen die Treppeü hinan. Ein Diener mit verstörtem Gesicht öffnete die Tür: „Don Manuela, rasch — Don Jose ruft nach ^-Euch!- Gott läßt Euch zur rechten Zeit kommen!" Wie wahnsinnig rannte Don Manuela durch die Gänge des Hauses. Den Priester führte der Diener zur Stube des kranken Kindes. Don Jose lag in seidenen Kisten mtt blutleeren Lippen. Auf dem Bettrandessaß weinend seine Mutter und glättete die bleichen Wangen des Sterbenden. Der Vater stürzte sich auf das Bett des Knaben und drückte unter Tränen Küste auf die feuchte Stirn des Todgeweihten. „Iosä, mein Iosö — bleibe bei uns! Verlaß uns nicht, teures Kind! Sieh mich an — erkennst du deinen Vater nicht-?“ Der Knabe rührte sich nicht und sah starr ins Leere. Die Mutter, vom Schmerz überwältigt. verließ das Gemach und verbpxg weinend ihr Gesicht in den Händen. (Schluß folgt.) I