Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 28 (12.7.1929)
- Date
- 1929-07-12
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Oberstlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer legt die «eschäftslage des Verbandes kurz dar und fährt dann fort: »Es ist eine zunehmende unfreundliche Haltung der Oeffentlichkeit gegen unsere Glaubensgenosten festzustellen. Allgemeine Studentenausschüsse an bayrischen Hochschulen haben in Beschlüsten die Einführung eines Numerus clausus für jüdische Studierende gefordert. Wir verwahren uns, daß staatlich anerkannte Zwangsorganisationen ihre verfassungsmäßige Neutralität und unsere Gleichberechtigung und Ehre in so schwerer Weise verletzen." Dr Neumeyer wies auf die Ritualmordlegende in Manau hin und stellte mit Dank fest, dah der Kultusminister angeordnet hat, datz durch Aufklärung in den Schulen der Bewegung entgegenzutreten sei. »Unser« Lag« hat sich nicht eben günstig entwickelt. Wir wehren uns gegen jede Entrechtung.- Des Uebels Grund ist di« Erschütterung des politischen, wirtschaftlichen und seelischen Gleichgewichts, die Krieg und Nachkriegszeit mit sich gebracht haben. Wir schließen uns voll dem Protest an. der in diesen Tagen gegen das nunmehr zehnjährig« Diktat von Versailles aus der Seele de» ganzen Volkes heroordringt. Wir tragen mit dem Leid des Vaterlandes das besonder« eigene Leid. Wir haben die Macht der organisierten Lüge kennengelernt, und wir wollen gegen sie kämpfen. Di« Lag« ist für un» dieselbe wie beim deutschen Volke. Die Rettung liegt einzig bei uns selbst, in unserem Willen. Der Herr gebe «in ungeheures Wollen dem deutschen Volke und der jüdischen Gemeinschaft.'" sI. T. A.) Geschichte des Landesverbandes Ost- und Westpreuhen Nachträglich veröffentlichen wir nbch den Bericht über die Entwicklung des Landesverbandes Ost- und Westpreußen. Ter Landesverband wurde am 30. Dezember 1922 in Tilsit gegründet, nachdem dort die erste Ortsgruppe ins Leben gerufen war. Besondere Verdienste um die Gründung beider Organisationen erwarb sich der Kamerad Apotheker Erhard Alterthum. Trotzdem für den Bezirk Ost- und Westpreußen bereits ein Landesverband mit dem Sitz in Tilsit bestand, existierte in der Provinzialhauptstadt Königsberg noch keine Ortsgruppe. Der Initiative des Kameraden Saliy B o r k o n war es zu verdanken, daß eine solche am 13. September 1923 ins Leben trat. Nachdem die Gründung der Ortsgruppe Königsberg vollzogen war, ging die Leitung des Landesverbandes nach Königsberg über. Vorsitzender des Landesverbandes wurde Kamerad Dr Sevinfohn, Schriftführer Kamerad Dr. Willy Wolfsheim, welch letzterer Vorträge in den Ortsgruppen des Bezirks hielt. Dem damaligen Mitglied« des Bundesvorstandes, Kameraden Syndikus Sabatzky, gelang es, in Marien werder, Lyck und Ortelsburg neue Ortsgruppen ins Leben zu rufen. Bom Kameraden Borkon wurden die Ortsgruppen Marggrabowa und Gilgenburg gegründet. Bemerkenswert ist auch die Tätigkeit des Kameraden Gutsbesitzer Sandelowsky Norgehnen in bezug auf die Siedlungsarbeit des Bundes, für die er in den verschiedensten Gebieten des Reiches mit großem Erfolge Borträge hielt. Kamerad Sandelowsky wurde aus diesem Grunde in den Hauptvorstand gewählt. Unter der Leitung der Kameraden Leoinsohn, Borkon und Wolffheim nahmen Landesverband und Ortsgruppe Königsberg einen sehr großen Aufschwung. Die Vorstände des Landesverbandes und der Ortsgruppe Königsberg — ersterer wurde von Kam. Rechts anwalt Dr. Fränkel, letztere von Kam. Dr. Leo Letz geleitet — legten bald nach ihrer Wahl ihre Aemter nieder, so daß dann die Arbeit in Königsberg vollkommen ruhte. Interimistisch übernahm die Landesverbandsleitung Kam. Dr. Artur Ehrlich Tilsit. Später übernahmen die Vorstandsämter die Kameraden Stadtrat a. D. Rechtsanwalt Dr. Erich E o h n, Landes oerbands- und Ortsgruppenvorsitzender: Walter Seelig, stellvertretender Vorsitzender: Syndikus Sabatzky, Geschäftsführer: Georg P u tz r a t h, Schatzmeister. In den Vorstand des Landesverbandes und der Ortsgruppe trat auch das Bundes oorstandsmitglied Kamerad Sandelowsky-Norgechnen ein. Es war dann wieder möglich,, sowohl die Arbeit des Landesverbandes als auch der einzelnen Ortsgruppen zu beleben. Die Kameraden Dr. Cohn, Sabatzky, Sandelowsky-Norgehnen und Seelig besuchten die einzelnen Ortsgruppen und hielten dort Vorträge. Unter der Aera des Kameraden Dr. Cohn gelang es diesem und dem Kameraden Sabatzky, in Guttstadt und Eydtkuhnen Ortsgruppen ins Leben zu rufen. Die bedeutendste Angelegenheit, die der Landesverband Ost- und Westpreußen zu bearbeiten hatte, war der bedauerliche und bekannte Fall des Tannenberg-Denkmals. Bemerkenswert aus der Geschichte des Landesverbandes ist weiterhin die am 11. März in Allenstein stattgefundene Weihe des Landesoerbandsbanners, die unter großer Beteiligung aus der ganzen Provinz vor sich ging. Das Banner war dem Landesverband Ost- und Westpreußen in dankenswerter Weise von der Ortsgruppe Berlin gestiftet worden. Rach feierlicher Einsegnung des Banners durch Rabbiner Dr. A p t - Allenstein und liturgischen Gesängen des Kameraden Kantor Silberpfennig hielten die Kameraden Sandelowsky-Norgehnen namens der Bundesleitung und Dr. Erich Cohn namens des Landesverbandes die Hauptansprachen, während die Vertreter der verschiedenen iOrtsgruppen Fahnennägel überreichten. Die Bannerweihe hat das Zusammengehörigkeitsgefühl der einzelnen Ortsgruppen und ihrer Kameraden erheblich gestärkt, so dah der Landesverband und Erniedrigung von den Schultern der Iudenheit genommen werde. Und diese seine Absicht, ist in großartiger Weise zur Ausführung gelangt; keiner hat, wie er, den Machthabern der Erde an die Pforten ihrer Gewissen gepocht und sie aus ihrer Selbstsicherheit aufgeschreckt. Keiner, wie er, ihnen gezeigt, daß Unduldsamkeit und Ungerechtigkeit Staat und Volk an den Rand des Abgrundes führen müssen. Und so hat er einen Morgen angebahnt, der etwa sünfzig Jahre nachher strahlend und hell aufging, so ist er der Vorläufer der Iudenemanzipation geworden» und wir, diejenigen, die ein schlechtes Gedächtnis für die Schläge haben, mit denen man uns getroffen, aber die es nie und nimmer vergessen, wer uns wohlgetan, mit Wort oder Tat unsere Partei ergriffen hat, — wir haben Lessing gegenüber eine nie tilgbare Schuld, und darum haben überall, wo Juden wohnen, die besten aus unserer Mitte seinem Andenken den aufrichtigen Tribut herzlicher Dankbarkeit gezollt. Und so liegt es wahrlich nahe, daß auch der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten das Fest seines Jubiläums nicht gefeiert haben möchte, er hatte denn die Manen Lessings beschworen, die Erinnerung des Mannes aus der Vergangenheit austauchen und lebendig werden lassen, der schon vor 180 Jahren, als er noch ein Jüngling, mit dem Erstlingserzeugnis keines Geistes die Weltenbühne betrat, dem Ziele zustrebte, dessen Erreichung auch dem Frontbund als ein höchst, höchst erstrebenswertes Hochziel erscheint. Als die Glieder dieses Bundes als bmtjunge Menschen das Ordenskleid der Daterlandsverteidiger an¬ 230 zogen, und sich hinauswagttzn an die Stätten tausendfältiger Todesgefahren/ beseelte sie der Gedanke: wenn sie schon ihr Leben zum Schutze der Heimat einsetzten, dann wollten sie wenigstens mit ihrem Blute die jüdische Schmach abwaschen, das Vorurteil, den schwarzen Verdacht scheuchen, als seien die Juden furchtsam und feige, als seien sie Verräter an der Heimat, oder doch nicht zu gleichen Opfern für sie bereit, wie ihre christlichen Mitbürger. Daß der Jude, wenn es sein müsse, auch Soldat sein könne, den Nachweis galt es 1914 zu erbringen. Aber, daß diese bürgerliche Tugend nicht etwa die Christen allein gepachtet hätten, der Jude ihrer vielmehr in gleichem Matze fähig sei — für diesen Nachweis hat sich ja auch Lessing mit der Wucht seiner großen Persönlichkeit eingesetzt. Es wäre darum fast eine Unterlassungssünde zu nennen, wenn jüdische Soldaten diesen Pionier der Gleichwertung aller Menschen, diesen Proklamator gleicher Menschenrechte unerwähnt ließen, an dem Lage, da ihr Zusammenschluß zum Bunde sich zum zehnten Male fährt. Gewiß hat dieser Bund aus die Atmosphäre in deutschen Landen schon reinigend gewirkt, da ste aber leider noch immer verpestet genug und von Judenhaß geschwängert ist, so darf ich dem Frontbunde an seinem Iubeltage wünschen, daß er im kommenden Jahrzehnt seiner Geschichte nach dieser Richtung mutig und beharrlich wtiterarbeite, mit dem Erfolge, daß wir, nach zehn Jahren über das Verhältnis der Religionen und Konfessionen zueinander in unserem Staate befragt, antworten kminen — bei uns herrscht Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.