Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 28 (12.7.1929)
- Date
- 1929-07-12
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4911661-5448526-5449115--2258-4913663- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Verband Bayrischer Israelitischer Gemeinden Vedentsame Erklärungen auf der letzten Tagung Die diesjährige Tagung des Verbandes Bayrischer Israelitischer Gemeinden fand am 30. Juni 1929 vormittags im Drohen Saal des Bürgervereins „Frohsinn" inAschaffenburg statt Oberstlandesgerichtsrat Prof. Dr. Silberfchmidt begrühte die Ehrengäste und die Mitglieder von Rat und Tagung. Unter anderem waren erschienen Ministerialrat Dr. Mezger als Vertreter des bayrischen Ministeriums für Unterricht und Kultus, Oberbürgermeister Geheimrat Dr. Matt. Bürgermeister Schmink. Oberstlandesgerichtsrat Dr. Silberschmidt gedachte der seit der letzten Tagung verstorbenen Mitglieder der Tagung Ferdinand Heh-Würzbura und Iustizrat Dreyfuh-München. Der Redner verwies auf die Resolution des Reichspräsidenten und der Reichsregierung zur Kriegsschuldlüge und erklärte, auch wir hätten «in» Kriegsschuwttia« zurückzuweisen. soweit sie sich gegen unsere Konfesfisn richtet. Die dankenswerten Forschungen oon Rabbiner Dr. Eckstein-Bamberg hätten neben denen des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten den Nachweis erbracht, dah in Bayern und auch sonst im Reich di« jüdischen Kriegsopfer keine geringeren seien als anderswo. Im Aufträge der Israelitischen Kultusgemeinde Afchasfenburg begrüßte deren Erster Vorstand A. T r i e r Rat und Tagung. Die Tätigkeit des Verbandes liege vorzugsweise auf ideellem Gebiete, sei ein Dienst am Vaterlande, sei staatseryaltend. Oberbürgermeister Geh.-Rat Dr. Matt bewillkommnete die Tagung namens der Kreisregierung oon Unterfranken und Aschaffenburg sowie namens der Stadt Aschaffenburg. Der Verband sei bemüht, die Religion zur Grundlage des öffentlichen und privaten Handelns zu machen. In dieser Richtung gehe der Verband mit den christlichen Konfessionen einig. Hier sei ein gemeinsamer Boden gefunden zu einer Zusammenarbeit in unserem leider so zerriffenen Vaterlande., Für das Bayrische Staatsministerium für Unterrichts und Kultus sprach Ministerialrat Dr. Mezger in anerkennenden Dorten über die Tätigkeit des Verbandes, seine stille Ausbauarbeit, seine ruhige, umsichtige Finanzpolitik. Auch er bedauerte, dah es bisher nicht möglich sei, eine Reichsorganisation der deutschen Juden endgültig zustande zu bringen. Er hoffe, dah der Zusammenschluh unter den maßgebenden Gesichtspunkten erfolge, wie sie im letzten Entwurf zum Ausdruck gekommen seien. Es folgte der Bericht des Präsidenten des Rates, Oberstlandesgerichtsrat Dr. Reumeyer, der u. a. besagt: Dir stehen im zehnten Jahre, seit der Verband ins Leben getreten. Dir danken der Gemeinde Aschaffenburg, dah sie die Zusammengehörigkeit so getreulich hütet; gern sind mir in diese herrliche Stadt gekommen, in die uralte Mische Gemeinde, in der nach dem Zeugnis de» Benjamin oon Tudela schon im frühen Mittelalter angesehene und gelehrte Juden gelebt haben. Durch das Rosenthaler Tor in Berlin, das einzige, das Juden damals passieren durften, zog an einem Morgen des Jahres 1743 ein schwächlicher, verwachsener jüdischer Knabe in die preuhische Residenzstadt ein. Aus die Frage des Torschreibers. was er in Berlin wolle, gab er schüchterst und verlegen die Antwort: „Lernen." Dieser Knabe hat bewirkt, dah wir heute in das deutsche Gemeinwesen eingefügt sind. Es war Moses Mendelssohn aus Dessau. Er ist geboren im Jahre 1729; wo deutsche Juden öffentlich zusammentreten, ist es ihre Pflicht, bei der Wiederkehr seines 209jährigen Geburtstage» dankbar dieses Mannes zu gedenken. Der Redner gibt einen Umrih oon Moses Mendelssohns Persönlichkeit und seiner Epoche und fährt fort: Er war nicht ein religiöser Reformator, er beharrte fest bei dem altüberkommenen jüdischen Glauben. Mendelssohn hat die deutschen Juden zu Deutschen im Geiste und der Sitte nach gemacht. Er wollte eine Vereinbarung herbeiführen zwischen dem Judentum in seinem Fortbestand und der modernen Kultur. Er war Deutscher in seinem ganzen Denken. Schreiben und Dichten. Und wie er sich so in voller Natürlichkeit und Unbefangenheit als deutscher Denker fühlte, so fühlte er sich auch auf eben dieser Grundlage als Jude. Mendelssohn hat den deutschen Juden die Bibel wiedergegeben. Was Luther für das deutsche Volk, hat er für seine Glaubensgenossen getan. Die Uebersetzung des Pentateuchs hat den Juden nicht allein die Bibel, sie hat ihnen auch die deutsche Sprache wiedergegeben.' sie hat die Jugend zur deutschen Kultur geführt, sie hat in den Iuöen das Selbstgefühl und den Bildungstrieb geweckt und sie hat den Grund gelegt, auf dem ein späteres Geschlecht den Bau der Wissenschaft des Judentums errichten konnte. Wenn wir das Werk Mendelssohns und seine Wirkung aus die künftige Zeit heute betrachten, so müssen wir feststellen, dah die unmittelbar folgenden Geschlechter sich teilweife mit Ungestüm dem Deutschtum zugewendet und das Judentum vernachlässigt oder gar ausgegeben haben in völliger Perkennung der Absichten und Ziele des großen Mannes. Unsere -Zeit aber hat in dem Werk Mendelssohns die eine Seite besonders betont und ausgebaut: die Selbstachtung und Selbstbesinnung des Judentums auf feint ureigene Kraft. Sie wollen wir mit unserer vaterländischen Kultur verbinden, und dankbar neigen wir uns vor dem Andenken des Mannes. i £effing und die Juden Bel der IubUäumsoeranstaltung der Ortsgruppe Leipzig im RjF. hielt, wie berichtet, Gemeinderabbiner Dr. E. Carlebach diesen Bortrag. (Fortsetzung.) Auerbach schildert in seinem Buche „Dichter und Kaufmann" einmal einen Nachmittag im Hause Mendelssohns, wo man all die führenden Geister jener Zeit, Nicolai, Lessina, Ramler und viele andere versammelt findet. Es fängt schon an, etwas dunkel zu werden, und Mendelssohn fürchtet, es könnte zu spät werden für das. ja religionsgesetzlich an eine genaue Zeit geknüpfte Minchagebet. Die Lebhaftigkeit der Gespräche zu unterbrechen, ist ihm äußerst fatal» gar irgend jemandem zu sagen, daß er jetzt beten müsse, und so einem anderen mtt dieser einer" jüdischen Pflichterfüllung lästig fallen, das ist ihm einer ganzen Natur nach zuwider, und er drückt sich cheu zur Seite, schleicht sich aus dem Zimmer heraus, um in einem benachbarten Raum dem zu genügen, zu dem ihn seine Gewissenhaftigkeit treibt. Das ist typisch für Mendelssohn, und nur aus den Zeitverhältnissen heraus zu erklären; — so weit geht er in seinen kühnsten Träumen nicht, eine Anerkennung der sittlichen Größe des Judentums von seiten der,Nrchtjuden zu erhoffen. Er kämpft nur darum, daß man ihm und seinen Glaubensgenossen ihr Menschentum nicht abspreche. Nur den Beweis will er erbringen, daß er und seine Brüder nicht schlechter seien, als andere, und ihnen darum der Anspruch auf Gewährung der Menschenrechte nicht abgesprochen werden dürfe. Darum mag er'selbst seinem besten?freunde Lessing, jenem edlen Apostel der Menschenliebe, ein ganzes Herz doch nicht rückhaltlos erschlossen haben, und Lesstng ist deshalb verborgen geblieben, welch ungeheure Werte in unserem Judentum stecken. Sonst hätte er vielleicht seinem Nathan eine andere Färbung gegeben, ihn uns als den überzeugten Juden gezeichnet, aus dessen Herzen nur sein Judentum Haß und Rachsucht verjagt, derdarum seinen Feinden verzeiht, und der über das Unmaß des ihn treffenden Unglücks, deshalb nicht seelisch zusammenbricht, weil die Fäden, die den Juden mit Gott verbinden, auch bei bitterstem Erleben nicht reißen, in der Ueberzeugung, „was Gott tut, ist wohlgetan" und seine weise Weltenregierung gibt sich selbst in solchen Geschehnissen kund, die dem Menschen bei der Beschränktheit seines Erkennungsoermögens unverständlich erscheinen. Aber wir haben wahrlich kein Recht, einem, der unseres Stammes und unseres Glaubens nicht ist, einen Vorwurf daraus zu machen, daß er in die Tiefen unserer Religion nicht eingedrungen ist; soviel jedoch ist sicher, unser Schicksal hat Lessing empfunden, so tief und so heilig, als sei er selbst unser Leidensgenosse, und darum -hat er seine Feder, die kaum ein Zeitgenosse mit gleicher Meisterschaft geführt, in den Dienst der jüdischen Sache gestellt, damit Duldung an die Stelle der Verachtung, damit Verstehen an die Stelle der Versehmung, Liebe an Stelle des Hasses trete, und das Joch der Knechtschaft 229