Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 28 (12.7.1929)
- Date
- 1929-07-12
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Die Columbusfrage — Binnen kurzem werden zwei Werke, eines spanischen und eines deutschen Schriftstellers, im Buchhandel erscheinen, die das gleiche Thema zum Gegenstand haben. Blasco Ibanez und Jakob Wassermann sind beide unter die Historiker gegangen, beide lassen den Schatten des Entdeckers der Neuen Welt wieder w-ferstehen. Bon den beiden Büchern sind Fisher nur Teilveröffentichungen bekanntgeworden, von Blasco Ibanez im ..Berliner Tageblatt", von Wassermann in der „Neuen Rundschau". Aber icse Vorabdrucke genügen, um uns einen Ueberblick über die Stellung des Deutschen und des Spaniers zu der vielumstrit- -enen Frage der Abstammung des Eolumbus zu verschaffen. Wassermann geht leider nur fluchtig auf das Problem ein. Er entscheidet sich weder dafür, noch dagegen,- er glaubt, zwischen en „jüdischen" und „nichtjüdischen" Charaktereigenschaften, die dei Eolumbus festzustellen seien, unterscheiden zu müssen. Aber wo sind die objektiven Maßstäbe zu finden, die eine halbwegs sichere Tre n nun a "wu sgesprochen jüdischer und unjüdischer Charakterelemente ermöglichen? Solange das Rätsel der Rasse selbst nicht gelöst ist, wird man von einem solchen Standpunkt aus niemals die Frage nach der Abstammung eines Menschen entscheiden können. Ganz anders Blasco Ibanez. Der große spanische Romancier, der vor zwei Jahren in seinem Rivieraexil gestorben ist, hat sich in seinen letzten Lebensjahren sehr eingehend mit der eigentlich historischen Seite der Columbus-Frage beschäftigt. Als ich ihn im Jahre 1925 in Baris aufsuchte, war gerade in der „Revue Iuive" ein ausführlicher Bericht über eine Unterredung erschienen, die ein Vertreter der Zeitschrift mit ihm gehabt hatte. Im Laufe des Gesprächs, das sich im übrigen um die aktive politische Tätigkeit Blasco Ibanez', um seinen. Kampf gegen die Dynastie drehte, streifte ich auch die Eolumbus- Frage. Sofort waren Alfons XIII. und Primo de Rivera vergessen. Blasco Ibanez teilte mir mitdaß er sich in eindringliche Studien über Eolumbus vertieft habe, daß sich feine Ueberzeugung, Eolumbus fei ein Maranne gewesen, immer mehr befestige. Das posthume Werk Blasco Ibanez', das demnächst in deutscher Sprache erscheinen wird, wird den Niederschlag dieser Studien enthalten. Wie steht man heute zu der Auseinandersetzung über die Abstammung des Eolumbus? Die Italiener, die Eolumbus unter allen Umständen als Genuesen und damit als nationalen Helden retten wollen, sind durch die spanischen Historiker in letzter Zeit stark ins Hintertreffen gedrängt worden. Dabei muß man sich freilich stets vor Augen halten, daß auch die Spanier manchmal über das Ziel hinausschießen und in ihren Mutmaßungen, um Eolumbus kur ja zum Spanier, wenn auch zum Marannen zu stempeln, oft recht weit gehen. Es würde übrigens nichts dagegen sprechen, daß Eolumbus, trotz seiner Abstammung von spanischen Marannen, in Genua oder Savona geboren sein kann. Bereits nach der blutigen Judenverfolgung in Spanien setzte die Auswanderung von Juden und Marannen nach Italien ein. Genua wurde für viele ein Zufluchtsort. Hier gab es eine jüdische Gemeinde seit den Zeiten des römischen Kaiserreichs. Der Name „Eolon" ist unter den Juden Italiens damals nicht selten. So gibt es einen bekannten Rabbiner Joseph Colon, der in Mantua und Bologna, später in Padua lehrte. Er war wohl aus Südfrankreich eingewandert, aber in Deutschland ausgebildet worden. Eine andere Familie Colon begegnet uns in Spanien. In Tarragona erscheint im Jahre 1489 ein Andreas Colon mit seinen Angehörigen vor dem Inquisitionstribunal und bekennt, daß er die jüdischen Religionsvorschriften beobachtet habe. Wa» batte der Cristobal Colon, der am spanischen Hofe erscheint, mit der Genueser Familie Eolumbus zu schaffen? Die Eolumbus waren ein altes italienisches Adelsaelchlecht, deren Rittertum auf den deutschen Kaiser Otto IV. zurückgeht. Cristobal Eolons Vater aber soll ein armer Wollwirker gewesen sein, nach anderen Versionen ein Weinhändler. Ein Eristoforo Eolon wird in einer Urkunde vom Jahre 1479 als Minderjähriger erwähnt, der von einem Notar zu einer Beurkundung herangezogen wird,'während Eolumbus nach seinen Briefen zu jener Zeit längere Seereisen unternommen hat und damals 87 .Jahre alt war. Alle diese Rätsel lassen sich ldicht lösen, wenn man davon ausgeht, daß Eolumbus der aus Spanien ausgewanderten Marannenfamilie Eolon entstammte, daß er sich vor der Königin wahrheitsgemäß als Genuesen ausgob, daß er die Möglichkeit seiner Verwandtschaft mit den Genueser Colombo offen ließ, um Nachforschungen nach seiner Herkunft zu vermeiden. i Die spanischen Historiker, die sich mit dem Rätsel des Eolumbus beschäftigten, und ebenso Blasco Ibaäez, der ihnen im wesentlichen folgt, gehen in der Hauptsache von sprachlichen ein ungelöstes Rätsel Gründen aus. Es ist sicher mehr als auffallend, wie vollkommen Eolumbus die spanische Sprache beherrschte. - Obwohl er keine gute Schulbildung genossen hatte, siet es ihm leicht,, schon nach kurzem Aufenthalt am spanischen Hofe spanisch fliehend zu sprechen und zu schreiben. Dabei unterlaufen ihm freilich Schnitzer, aber, wie von Fachseite nachgewiesen worden ist, es sind niemals Anklänge an das Italienische, sondern sogenannte „Gallegos", Wendungen, die dem Dialekt der Provinz Galicia entnommen waren. In italienischer Sprache gibt es nur zwei Briefe von Eolumbus,- sie sind außerordentlich fehlerhast und grenzen an das Makkaroni-Italiemsch. Wie stand es überhaupt um die Bildung des Eolumbus? Seine mathematischen und geographischen Kenntnisse waren zunächst recht dürftig. Erst während seines Aufenthaltes in Lissabon konnte er eingehendere Studien machen. Er kannte die damls sehr populären Werke des Aeneas Sylvius sowie das „Imago Mundi" des Bischofs Pierre d'Ailly, das bereits im fünfzehnten Jahrhundert ins Hebräische übersetzt worden ist.!ferner hatte er sich die Schiffahrtstabellen des lüdifchen Geehrten Abraham Zacuto verschafft und einige Schriften des Abraham ibn Esra astronomischen Inhalts. Von größtem Einfluß auf ihn in religiöser Hinsicht' aber war, wie eingehende Auszüge bewiesen, die er selbst anaefertigt hat, die Schrift des jüdischen Renegaten Samuel ibn Abbas über den Messias (Libro de las Profecias). Bei einem Katholiken, der von Kindheit an nur die Lehren seiner Religion kennt, ist ein so großes Interesse für eine typische Proselytenschrift beinahe undenkbar. Erklärlich wird die eingehende Beschäftigung des Eolumbus mit diesem Werk nur dann, wemp^r in ihm die Gründe sür seinen eigenen religiösen Standpunkt wiederfand. Eolumbus suchte vielleicht nach einer Rechtfertigung für sein Renegatentum, und er glaubte sie bei Samuel ibn Abbas gesunden zu haben. Er las auch die Bibel, während die im katholischen Glauben ge borenen Spanier damals dieses Studium der Geistlichkeit überliehen. Besonderen Eindruck machte auf ihn --das apokryphe vierte Buch Esra. Den Antrieb zu seiner Fahrt nach Westen erhielt Eolumbus nicht durch seine wissenschaftlichen Studien, sondern durch seine schwärmerische Auslegung des Bibelworts. Ob er wirklich der überzeugte, glühende Katholik war, als der er nach außen erscheint, oder ob er nur eine Maske aänahm, um jeden Verdacht des Marannentums zu vermeiden, dop wird sich wohl niemals restlos klären. Aber selbst wenn sein Glaubenseifer echt gewesen wäre, so wäre Eolumbus kein« Aus nähme. Die größten Kirchenfürsten jener Zeit waren jüdischen Stammes, so der Erzbischof von Granada. Selbst der r Groß inquisttor Torquemada soll aus einer Marannenfymilie stammen. Ein seltsames Licht wirft auf Eolumbus der erste Satz zu seinem Bericht über die Entdeckung Amerikas. „In demselben Monat Januar", schreibt er, „in dem die spanischen Herrscher die Vertreibung der Juden aus dem gesamten Königreich ver fügten, gaben sie mir den Auftrag, meine Reise nach Indien zu unternehmen." __ Eolumbus irrt sich hier zwar, denn das Edikt zur Juden- Vertreibung stammt vom 31. März, aber es besteht b<Mr ein Zusammenhang zwischen der Verbannung und der Ausreise der Karavellen des Eolumbus. Am 2. August 1492, am Tage der Zerstörung Jerusalems, verließen mehr als 399 990 Iudsn ihre Heimat Spanien, am 3. August ging Eolumbus' Flotte im Hafen Die nächste Bundeslianptversammlang Wir machen darauf aufmerksam, daß die nächste Biffides-flaoptversammling voraussichtlich im November 1929 stattfinden wird. Wir bitten Anträge so vorzubereiten, daß sie bis Ende September 1929 dem Bundesbüro vofliegen. Genaue Zeitangabe und sonstige Mitteilungen werden noch effolgen Zeitangabe und sonstige Mitteilungen werden noch effolgen 227