Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 27 (5.7.1929)
- Date
- 1929-07-05
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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bic beste Erfahr««, «macht Hab«. Es tat ihm von Herzen leib da» leider oleä Regimenter von dem Bazillus de» Antisemitismus an«steckt find und daß jüdisch« Soldaten, wenn sie noch so tüchtig sind, in ihrer Tüchtigkeit nicht anerkannt werden dürfen. damit sie ja nicht befSrdert. zur Ausbildungs- Mannschaft oder sonst zu beoorzugten Diensten herangezogen werden." Am Schluß des Briefes findet sich folgende charakteristische Stelle: , __ »Gott bewahre, daß unser liebes Deutschland jemals wieder »an einem Kriege bedroht werde. Sollte das aber der Fall fein, dann bin ich fest davon überzeugt, daß alle jüdischen Soldaten zur Rechtfertigung von uns alten »eteranen all« Kraft «insetzen «erden, um der antisemitischen Gesellschaft zu beweisen, was der jüdisch« Soldat wert ist. Tann wird er auch wieder zur Geltung kommen." Leider ist die in dem letzten Satze ausgesprochene Bermutung des Briefschreibers auch nach dem Weltkrieg trotz glänzender Bewährung unserer Glaubensgenossen nicht in Erfüllung gegangen. Schon nach dem Kriege von 1870/71 erschien in den „Fliegenden Blättern" die Karikatur eines jüdischen Soldaten, der seinen verwundeten Hauptmann aus dem Feuerregen trägt, an und für sich kein zu einer Karikatur geeigneter Stoff. Aber in dem zweiten Bilde steckt der Soldat das ihm für feine Heldentat verliehene Eiserne Kreuz, nachdem er es auf seinen Metallwert geprüft hat, schmunzelnd in die Tasche. Der langjährige fortschrittliche Abgeordnete und bewährte Borkämpfer für die Emanzipation seiner 'Glaubensgenossen, Rechtsanwalt Emil Lehmann in Dresden, erhob in einem Offenen Briefe dagegen geharnischten Protest. Aber damals wie heute: »Tut nichts, der Jude wird verbrannt!" Abermals Boykott-Parole gegen die Juden in Polen Die nationaldemokratische Presse in Warschau upd in ganz Polen, die seit den Lemberger Geschehnissen eine ununterbrochene antijüdische Hetze führt und täglich Legenden über angebliche Utzberfälle seitens „Jüdischer Provokateure" auf Christen und christlich« Institutionen verbreitet, setzt sich nunmehr sür die Proklamierung einer Parole sür wirtschaftlichen Boykott der Juden ein. In einer aus Initiative des „Christlichen Vereins der arbeitenden Jugend" stattgefundenen Protestversammlung der christlichen Berufsoereinigungen gegen die „jüdischen Provokationen in Lemberg" forderten die Redner die Durchführung eines Boykotts gegen die Juden. Es wurde eine'Resolution angenommen, in der die Juden als die Feinde der Katholischen Religion und des polnischen Volkes hingestellt werden. Die Bevölkerung wird aufgefordert, ihren Bedarf an Waren nur bei christlichen Erzeugern und Händlern zu decken. Gilt jüdischer Veteran — wird zu Grabe getragen Don Kam. Dr. S. Heilbronn, Gaillngen. Ein strahlend schöner Frühlingstag. Der erste nach den Röten dieses endlosen Polarwinters. Eine unübersehbare Menschenmenge. Rührung und Ergriffenheit. Umflorte Fahne». Ein Geschütz wird ausgefahren und neben dem jüdischen Friedhof postiert. Im Glanze der Sonne funkeln und glitzern die zahllosen Orden und Ehrenzeichen, die vorangetragen werden. Ein an Erfolgen und äußeren Ehrungen reiches und langes Leben fand seinen Abschluß. Michael Lion, dessen 85. Geburt» tag noch kurz zuvor unter freudiger Anteilnahme der ganzen Gemeinde geseiert werden konnte, stattlich und aufrecht bis zuletzt, hat feine Lebensbahn vollendet. Mit ihm sinkt der letzte der jüdischen Männer hiesiger Gegend ins Grab, die aus einer uns schon fast sagenhaft anmutenden Geschichtsepoche hin einragten in diese unsere Zeit. Beteran von 1868 und 1870/7! war er lange Jahre Borstand des Billinger Kriegervereins, zu gleich auch Führer der dortigen Feuerwehr. Weit hinaus strahlte der Glanz seines Namens, der ganze südliche Schwarz wald liebte und verehrte ihn; und diese Liebe begleitete ihn über das Grab hinaus. Jüdische Frontsoldaten tragen den Sarg, stellen die Ehrenwache. Mit großem Extraauto erscheint aus Billingen eine starke Abordnung des Kriegervereins und der Feuerwehr, eine Abordnung, die sich aus den geachtetsten Bürgern dieser Stadt zusammensetzte. Ihre Fahnen mit sich führend. Der Rabbiner spricht. Rach ihm die Vertreter der Stadt Billingen. Die Personalien werden verlesen. Namen von Glanz steigen auf: Straßburg, Belfort. Metz. Paris. Mit bewegten Worten nimmt der Sprecher des Frontbundes Abschied von dem guten, treuen Kameraden, der er Zeit seines Lebens war. „Er gehörte zu jenen Männern, die glücklicher als wir, Sieg auf Sieg an ihre Fahnen heften durften, glücklicher auch darin, daß sie Anerkennung für ihre Tätigkeit im Felde fanden, eine Anerkennung, die wir jüdischen Soldaten von 1911—18 oft so schmerzlich entbehren mußten." Tann rollten drei Salven über das Grab, ein tapferes und aufrechtes Herz Man sieht an alledem, wie sich Lessing das Ideal eines Menschen vorstellt. Diese Borstellung stimmt mit der unsrigen, der jüdischen, aufs Haar überein. Aber Lessing ist der Meinung, daß man durch Philosophie im edelsten Sinne des Wortes, durch Selbsterziehung, dahin .gelangen könne. In der Theorie geben wir Juden ihm recht und glauben, daß es jedem Menschen durchaus möglich ist, zu dieser Höhe der Charaktervollendung auf dem Wege eigener Erziehung zu gelangen. Und darum sprechen unsere Weisen den Grundsatz aus, die Frommen aller Völker sind der ewigen Seligkeit gewiß. Darin liegt doch unbestreitbar, daß jeder, unabhängig von Volksuno Konfesfionszugehörigkeit, zur höchsten Höhe des Menschentums gelangen kann. In der Praxis aber glaüben wir Juden, daß man dies auf anderem Wege doch nicht erreicht, als auf dem der Erziehung durch das geoffenbarte Gottesgesetz. Die Bestie im Menschen kann nach unserer Ueberzeugung auf anderem Wege nicht gebändigt werden, als durch eine Trainierung, die mit dem ersten Atemzug beginnt und mit dem letzten aufhört. Man darf in all den so unendlich zahlreichen jüdischen Vorschriften, die den Genuß einschränken, die die menschliche Willkür eindämmen, pädagogische Maßnahmen erblicken, die den Menschen langsam aber sicher an Unterordnung unter das Sittengesetz gewöhnen, so sehr, daß ihm diese Gewöhnung zur zweiten Natur wird. Eine Art soldatische Erziehung ist es. die das jüdische Gesetz dem Juden zuteil werden mßt: das Gesetz geht allen Regungen des Menschenherzens, allen Wünschen und Neigungen des irdischen Triebes nach und zügelt sie, sucht sie zu meistern, weist sie in ihre Schranken und läßt für Egoismus und Selbstsucht so 220 wenig Spielraum, daß der so Erzogene wirklich in den Stand gesetzt wird, den ganz hohen ethischen Anforderungen zu entsprechen, die in der Heiligen Schrift klar und deutlich zum Ausdruck kommen, und die auch Lessing als das Höchste erschienen, was ein Mensch zu erreichen streben sollte. Mendelssohn, der so viel angefeindete, der in seinen Jugend- und seinen ersten Mannesjahren so etwas, wie die Dornenkrone eines Märtyrers getragen hat, hat buchstäblich auch die leiseste Spur von Hatz und Rachsucht aus seinem Herzen gescheucht. Neid und Mißgunst lagen ihm vollkommen fern. Wenn er mit seinem geläuterten Charakter, seiner goldreinen Gesinnung so himmelhoch über seine gesamte Umgebung hervorragte, so vermag ich mir diese seine Auszeichnung vor anderen, nicht anders, als mit seiner von Kindheit an anerzogenen jüdischen Gewissenhaftigkeit zu erklären. Wird doch schon das Gemüt des Kindes mit Anschauungen erfüllt, wie sie in solcher wahren Größe die Bibel, aber nur die Bibel enthält. Wenn sie zum Beispiel sagt, du darfst dich nicht rächen, du darfst keinen Haß nachtragen, oder, wenn der Esel deines Feindes zusammenbricht unter seiner Last, so mußt du ihm zu Hilfe eilen, oder, wenn du den Ochsen deines Feindes umyerirren siehst auf dem Felde, so mußt du dem Feind sein Tier zurückgeben, oder» wenn der Grundsatz der Verantwortlichkeit des einen für den anderen proklamiert wird und der eine haftbar gemacht wird für einen Nachteil, der dem anderen erwächst, indem es heißt, du darfst nicht stehen bleiben bei dem Blute deines Nächsten, was nach der Ueberlieferung den Sinn hat, daß, wenn du zugegen bist, wenn dein Nachbar in seinem Vermögen oder in seiner Ehre beeinträchtigt wird, und du hast die Möglichkeit, für ihn