Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 27 (5.7.1929)
- Date
- 1929-07-05
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Juden m den Kriegen des 19. Jahrhunderts Awei Veteranenbriefe An längst verklungene Zeiten erinnern zwei jüdische Veteranenbriefe. deren Inhalt auch heute noch trotz oder vielleicht gerade wegen der völlig veränderten politischen Verhältnisse nicht ohne Interesse ist. Sind es -och gerade 25 Jahre her. datz im Reichstage durch Liebermann von Sonnenberg, Oswald Zimmermann und ähnliche, längst der verdienten Vergessenheit anheimgefallene traurige Erscheinungen ganz ungerechtfertigte Angriffe auf die Juden im Heere erfolgten und verschiedentlich Proteste hervorriefen. Sie der Vergessenheit zu entreißen, dürfte nicht unangebracht sein. Der erste dieser Briefe rührt allerdings nicht von dem Veteranen selbst her, Jakob Leibnitz aus Prenzlau, sondern von dessen ehemaligem Regimentskommandeur du Trossel. unter dem er wie sein etwas verwachsener Schwager und Landsmann Samuel Lion den Feldzug von 1813/14 als freiwilliger Jäger mitgemacht hatte. Anlaß zu dem Brief, der in überaus herzlichem Tone gehalten ist, gab ein von dem Adressaten an seinen früheren Vorgesetzten anläßlich eines Jubiläums gerichteter Glückwunsch. Der Wortlaut der Antwort ist folgender: Berlin, den 12. 12. 1813. Mein bester Leibnitz! Empfangen Sie hiermit meinen herzlichsten Dank für Ihr freundliches Schreiben vom 8. Oktober und feien Sie fest versichert, daß mir eine Erinnerung meiner alten treubewährten «ampfgefährten immer «in fettges Gefühl bereitet hat. und ich es sehr wohl zu schätzen weiß, wenn einer derselben sich noch daran erinnert, wie wir damals in schwerer Zeit so manches mit«inander Überstunden haben. Manchmal kommt es mir beinahe wie ein Märchen vor. jetzt sind wir nun all« alte Kerl« geworden; um so mehr erquickt es «inen, wenn man mal ab und zu von diefem oder jenem etwa» hört, die wir in schwerer Zelt, im verhängnisvollen Jahre 1813/1«, treu zueinander hielten und ausharrten. Füglicherweif« ist mancher dabei zugrunde gegangen; ich muß der Vorsehung dankbar fein und bin es auch daß sie mich mein Jubiläum in guter Gesundheit hat erleben lassen. Hier in Berlin sind noch von uns Bäcker, Rofenberg und Herz, die ich noch zuweilen sehe, alle drei nahmen an dem Äner teil, was mein« Freund« zur Feier meines zurückgelegten SO. Dlenstjahre» zu arrangieren die Güte gehabt haben. > Künftiges Frühjahr komm« ich jedenfalls nach Prenzlau, und dann wird es »ich sehr freuen. Sie al» meinen alten Wasfengesährten wiederzusehen. Leben Sie recht wohl und bekalten Sir mich in guteni Andenken; ~ |1 Ihr ergebenster du Trossel. * In dem zweites recht langen Schreiben, weshalb wir es hier nicht wörtlich, sondern nur im Auszug untergeben können, ' beklagt sich Moritz David, ehemaliger Unteroffizier des pommerschen Husarenregiments jBlüchersche Husaren Rr. 5) aus Bischofsburg (Wpr.), bitter über die'den jüdischen Soldaten in besagter Reichstagsoerhandlung und auch allen Veteranen angetane Schmach. »Wem das Herz voll ist, fließt der Mund über. Denn mein Herz bäumt sich unter der Brust di« in schweren Kämpfen die daraus getragenen Orden sich verdieat hat. Es schmerzt einen alten Soldaten, in alle Welt hinauszuposaunen, was er al» Soldat wert war und geleistet hat. wofür er von seinen Vorgesetzten, noch lebenden hohen Offizieren (darunter General Herwarth v. Bittenfeld, Brigadekommandeur ». Zitzewitz und ander«») gelobt wurde. Ich trat 1881 ein, machte den dänischen Feldzug mit, wurde im Friedensjahr« 1865 für den Großen Generalftab durch Pommern und Westpreußen als Quartiermacher kommandiert, ebenso im nächsten Jahre 1888 als Ordonnanz zum Generalftab, in welcher Eigenschaft ich oft mit Befehlen durch feindlich« Borposten geschickt wurde. Gott weiß, daß ich weder mein« Wenigkeit noch meine Glaubensgenossen mit leeren Phrasen rühmen oder al» untadelig« Soldaten heroorheben will. Ich Hab« Rekruten ausgebildet und Hab« wohl erfahren, daß es auch unter den jüdischen Soldaten sozusagen Weichling« gibt; dennoch setzt der jüdisch« Soldat zumeist mit allem feinem Können seine best« Kraft ein, um den anderen nachzukommen, nicht getadelt und nicht gestraft zu werden. Ich Hab« im vergaagenen Sommer auf einer Reise im V-Zug von Breslau nach Berlin mich mit meinem Hauptmann, der auf Urlaub fuhr, unterhalten, und hat er mir offen und ehrlich erklärt, daß er in seiner Kompagnie mit Borlieb« jüdisch« Soldaten «instelle und mit ihnen Leffing und die Juden Bei der Iubtläumsveranftaltun'g der Ortsgruppe Leipzig im RjF. hielt, wie berichtet, Gemeinderabbiner Dr. S. Earlebach diesen Bortrag. (Fortsetzung.) Der Dichter Lessing hat ganz gewiß eine» Menschen mit solch grotzer Seele nicht wieder kennen gelernt. Ob er aber aus dieser Tatsache den Schluß gezogen hat, nur das Judentum kann einen Charakter so bilden, kann einen in diesem Maße von allem Häßlichen und allen unedlen Leidenschaften siebenfach geläuterten Menschen hervorbringen, wie es Mendelssohn war, daran möchte ich zweifeln. Man sagt allgemein, Mendelssohn habe ihm für die Figur des Nathan Modell gestanden; das ist wohl auch kein Zweifel. Aber was ist Nathan — ein großer Jude? Nein, ganz gewiß nicht, sondern ein großer, weiser Mensch, der zufällig durch Geburt der jüdischen Religionsgemeinschaft anaehört. Keine Lebensäußerung des Nathan» keine Handlung von ihm, kein Wort, das er spricht, wsrd von Lessing bewußt auf sein Judentum zurückgeführt. Die Quelle, aus welcher die ungemein edlen Eigenschaften, die den Nathan zieren, aus welcher die Abgeklärtheit des Geistes, die Reinheit und Lauterkeit seiner Gesinnung fließt, ist nicht das Judentum; man könnte Nathans Religion eher die Philosophie edelsten Menschentums nennen. Seine Religion ist Verehrung Gottes durch Veredlung seiner selbst. Aber ich möchte fierade nach der Gestaltung dieser Figur annehmen. Lesing habe seinen Freund, in dessen Inneres er doch einen wahrlich -tiefen Einblick getan hat. doch nicht ganz verstanden. Er habe in ihm ausschließlich den großen Philosophen gesehen und habe ihn geliebt, nicht weil er ein großer Jude war, sondern trotz seines Judentums, und die Tatsache, daß sich Mendelssohn mit tausend Fäden in seinem Judentum verwurzelt fühlte, daß er mit der ängstlichsten Gewissenhaftigkeit jedes, auch das kleinste jüdische Gesetz beobachtete und vom Wege des Zeremonials nicht um Haaresbreite wich, das, ich verstehe es wenigstens nicht anders, das hat Lessing nicht nur keine Hochachtung abgezwungen, das mag chm wie eine Schrulle erschienen sein, über die er hinwegsah, über die er ein Auge zudrückte. Dem Nathan ist seine gesamte Familie durch die Hand judenhasserischer Mörder entrissen worden, Nathan hat getrauert, aber Verbitterung, Haß und Rachegefühl ist in seiner edlen Seele nicht zurückgeblieben. Der Zusammenbruch seines Familienglückes hat ihn nicht aus seiner Bahn geworfen, er findet sich mit dem Unabänderlichen in geradezu heroischer. Selbstüberwindung ab. und sucht, nachdem man ihm die Seinen so grausam geraubt, nun nach einem neuen Objekt seiner Liebe. Nach einem Wesen, auf das er all die zarten Gefühle übertragen kann, die früher seinen leiblichen Kindern gegolten haben. Und er findet ein schutzloses christliches Kind, ein Kind aus den Kreisen derer, die ihn mit tödlichem Hasse verfolgen, und er nimmt dieses Kind als eigen an und zicht es auf, und sucht in sein Herz all das Edle zu senken, das in seinem eigenen lebt. Und seine Weltanschauung bleibt nach seiner oitteren Lebenserfahrung die gleiche wie zuvor, daß nämlich ein Mensch im anderen den Menschen zu sehen, ihn zu lieben und ihm wohlzutun habe, und daß diese praktische Menschenliebe der einzig mögliche Wertmesser für den Menschen sei und bleibe. 219