Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 27 (5.7.1929)
- Date
- 1929-07-05
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus anderen Unterständen Im „Eet Iungdeutsche" vom 27. ^uni 1929 schreibt der Hochmeister Arthur «ahraua in einer -Antwort auf den Artikel des Herrn Ernst Lemmer. M. d. R.. in der „Boss. 31«.“ vom 22. Juni 1929: „Herr Lemmer bemängelt, datz die iungdeutschen Redner in Dortmund sich nicht klar zur Republik bekannt haben. Herr Lemmer sieht in dieser Stellungnahme mit vollem Recht eine jungdeutsche Reservation gegenüber der Republik von heute. Wir Iungdeptsche stehen der Republik von heute durchaus nicht mit warmen Herzen gegenüber. Es ist eine andere Sache, wie wir uns aus Gründen staatsbürgerlicher Pflichtausfaffung der heutigen Republik gegenüber zu verhalten haben. Für diese letztere Auffassung gilt zweifellos für uns die Selbstverständlichkeit, datz ein national gesinnter Deutscher niemals von seinen Pflichten gegen Volk und Staat entbunden werden kann, weil ihm an den augenblicklichen Verhältnissen, an der augenblicklichenstaatlichen Form oder Ordnung irgend erwas nicht gefällt. Aus dieser Pflichtauffassung heraus weisen wir die heute leider in nationalen Kreisen durchaus nicht seltene Aufsasiung weit von uns, datz man die Republik Auhenstehenden gegenüber beschimpfen oder auch nur mitzfällig kritisieren darf. Die Tatsache, datz uns die Republik, so wie sie heute vor unseren Augen steht, nicht gefällt, ist für uns eine innerdeutsche Angelegenheit. Unser Schassen und Wirken wollen wir dafür einsrtzen, datz die Republik zum wahren deutschen Bolksstaat fortentwickelt wird. Wir sehen die Republik von heute als solchen Volksstaat noch nicht an. Wir mitztrauen der heutigen Republik, weil wir erkennen, datz sie einmal die grotze staatspolitische Ausgabe des 29. Jahrhunderts nicht gelöst hat: wir mitztrauen ihr zum andern, weil wir ihre Schwäche gegenüber den Gefahren unserer Zeit, gegenüber der bolschewistischen Zerstörung und der plutokratischen Lyrannis für bewiesen erachten. — — — Voll und ganz gebe ich Herrn Lemmer recht, wenn er sagt, es besteh« die Gefahr, datz die Geschichtsschreibung über die junge Frontgeneration einmal das Urteil sprechen mühte:' „Sie haben versagt." Aber ich meine, wenn die Frontgeneration handeln will, dann mutz auch ihr Gei st bestimmend sein. Ist es doch ihr Geist, von dem die Geschichte noch etwas zu erwarten hat. Dann aber muh die Frontgcneration in einer solchen Kampfordnung „hinein in die Politik", in der auch ihr Geist gewahrt wird. Dann muh sie jede Kampfordnung ablehnen, bei der sie nur 10 oder 20 Prozent an Einfluh besitzt. Tann muh eine neue Bewegung geschaffen werden, in der die Frontgeneration unumstritten führt. Einer-solchen Bewegung würde ich gewaltige Erfolge Zutrauen, weil ich weih. datz in ihr der Wille zu einem neuen Leben und der wahre Wille zum Volksstaat lebendig würde." * Oberstleutnant a. T. Karwiese von der Leitung des Reichskriegerbundes «yfshäufer schreibt im Bundesblatt „Kyff - Häuser" vom 30. Juni 1929 in einer „Betrachtung zum!. Deutschen Reichskriegertag" in München: ..Tie Verschiebung der Ziele der politischen Kampfverbände und die Art, w:e diese erreicht werden sollen, gestatten den Kriegervereinen nicht mehr, wie es früher gegenüber den alten Wehroerbänden geschah, an gemeinsamen Veranstalttingen ohne weiteres teilzunehmen. Es wüsten vielmehr in Zukunft gewisse Sicherheiten gegeben werden, datz die Teilnahme von Kriegervereinen an der Veranstaltung eines politischen Kampfoerbandes nicht für politische Zwecke ausgenutzt wird, denn im politischen Kampf heiligt der Zweck die Mittel. Diese Absonderung sollte eigentlich keinen Einflutz auf das allgemeine Kameradschaftsgefühl haben, welches alle vaterländisch denkenden Soldaten seit alter Zeit verbunden hat. Leider aber macht sich den Kriegervereinen gegenüber wegen ihrer politischen Zurückhaltung eine gewisse Ueberheblichkeit und Anmaßung geltend. Die Kriegervereine bestehen nicht nur. wie man es der Oeffentlichkeit gern einrrdet, aus alten Herren, sondern zu 70 Prozent aus ,Frontkämpfern des Weltkrieges in einer Gesamtzahl von etwa 2 Millionen. Ein erläuterndes Zahlenbeispiel soll herausgegriffen werden: Rach dem Jahresbericht des Schlesischen Prooinzial-Kriegerverbandes^für 1928 umfaßt dieser einzelne Provinzialverband allein 203 000 gediente Mitglieder, wovon 110 000 Kameraden den Weltkrieg mitgemacht haben. Dieses Zahlenverhältnis trifft auf die übrigen preutzifchen Provinzen und die sämtlichen Landesverbände des Knffhäuferbundes zu. Bedenkt man weiter, datz der schlesische Verband annähernd eine halbe Million Mark für soziale Wohl- 218 fahrt ohne Waisenfürsorge, Jugendpflege und seine Kriegsbeschädigtengruppen verausgabt, so wird man anerkennen müssen, daß die Organisation schon in ihren einzelnen größeren Verbänden mit Taten aufwarten kann,d,e sich sehen lasten dürfen. Die in unserer Kriegsbeschädigtenorganisation des Kyffhäuserbundes vereinigten 400 000 Kriegsbeschädigten und Kriegerhinterbliebenrn, der größten im Reich«, würden denen wenig Dank zollen, die die soziale Arbeit der «riegervereine als nebensächlich zugunsten des politischen Tageskampfes beiseite schieben wollten, eines Kampfes, der sich letzten Endes doch nur innerhalb der Parteien, also im Parlament, auskämpfen läht." I-ö. Autifetkitische Agitation auf Helgoland Man schreibt dem „B. T.": Denn die kommunalpolitischen Zustände auf Helgoland das öffentliche Interesse mit Recht beansprucht haben, so gilt das, angesichts der beginnenden Saison, noch mehr von der antisemitischen Propaganda, die auf der Roten Insel getrieben wird. Als Propagandachef figuriert ein gewisser Georg Friedrichs, dessen Ruf auf Helgoland nicht gerade der beste ist. Er ist Ortsaruppenleiter der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei und Zeitungsausträger für die nationalsozialistische „Schleswig-Holsteinische Tageszeitung". Bon ihm gezeichnet, erschien im Oktober vorigen Jahres in dem „Hamburger Boiksdlatt" ein Artikel, der angeblich „Helgolands Berzweiflungskampf gegen das jüdische Grohkapttal" darstellen sollte, in der Hauptsache aber nur Beschimpfungen einiger prominenter Badegäste enthielt, die zum Teil jüdifchen Kreisen angthören. Bereits im Sommer vorigen Jahres sprach das nationalsozialistische Hamburger Bürgerschaftsmitglied Hüttmann während der Hauptsaison auf Helgoland und spickte seine Ausführungen mit unflätigen Redewendungen gegen die Juden. Im Herbst sprach auf Helgoland ein Danderredner der Nationalsozialisten, und man mutzte erleben, datz die Gemeindevertreter August Kuchlenz, Hans Ralfs„ Karl Timm und Daniel Denker nicht nur in dieser, die Insel schwer kompromittierenden Sitzung anwesend waren, sondern den schmutzigen Ausführungen des nationalsozialistischen Redners ostentativ Beifall spendeten. Nicht genug damit, datz eine so schamlose Hetze geduldet wurde, zeigten sich die Gemeindeoertreter mit dem sattsam bekannten Besitzer des „Englischen Basar", August Kuchlenz, öffentlich damit einverstanden. Die dann folgende Zeit bewies, datz insbesondere zwischen dem Gemeindevertreter Hans Ralfs und dem nationalsozialistischen Ortsgruppenleiter freundschaftliche Beziehungen bestehen. Zu den obengenannten Personen, von denen zum Teil behauptet wird, datz sie der Nationalsozialistischen Partei angehören, kommt noch der Gemeindevertreter Erich Friedrichs hinzu, der als Vorsitzender des sogenannten „Helgoländer Jachtklubs", in Wirklichkeit eines politischen Debattierklubs junger Männer, einen sehr üblen Einfluh ausübt. Der Gemeindevertreter Hans Ralfs seinerseits beeinflußt den erst kürzlich gegründeten „Helgoländer Fußballklub". Aus dielen Quellen, wie insbesondere von dem „Helgoländer Heimatound", wird die antisemitische Propaganda auf der Insel gespeist. Ein Schlächter Willy Behrens, treuer Anhänger seines „über alles geliebten Adolf Hitler", in früheren Fällen gelegentlich unbestraft auf Grund des § 51 des Strafgesetzbuchs, gibt der Sache die gewalttätige Note. Es ist bereits zu Tätlichkeiten und noch in allerjüngster Zeit zur Beschimpfung eines Gastes durch einen Gemeindeangestellten aus dem Anhang des Gemeindevertreters Hans Ralfs gekommen. Gegenüber der Mehrheit in der Gemeindevertretung, die von dem Kuchlenz-Anhang gebildet wird, kann die verständige Minderheit nichts erreichen. Sie mutzte sich darauf beschränken, durch öffentlichen Anschlag bekanntzugebe< datz sie die Mahnahmen der Mehrheit nicht deckt. Der Gemeindevorsteher Lange steht gänzlich passiv beiseite und hat überhaupt keinen Einfluß. Seine Tätigkeit wird ganz von dem Gemeindevertreter Kuchlenz bestimmt. Somit steht zu befürchten, datz dieser Sommer der grohen Mehrzahl der Bevölkerung, die durchaus gut und gastlich gesinnt ist, infolge der Treibereien der Nationalsozialisten schlimme Enttäuschung bringen wird. Da die Gemeindewahlen erst im Januar des nächsten Jahres stattfinden, ist vorläufig mit einer Aenderung des durch seine gegnerische Haltung gegenüber Reich und Staat charakterisierten Kurses der Kuchlenz Partei nicht zu rechnen. Besonders unverständlich ist da»-sehr zahme Verhalten der Strafverfolgungsbehörden in Straffällen, die einwandfrei zutage liegen. Diese Weichheit in der Behandlung aufsässiger Elemente gefährdet den letzten Rest von Staatsautorität. Dem Winter voller Mihoergnügen scheint ein Sommer der Unerquicklichkeiten auf der Roten Insel folgen zu sollen. —- f