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Der Schild · 1929-06-21 · 25 (21.6.1929) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Schild
Volume
8 (1929)
Issue
25 (21.6.1929)
Date
1929-06-21
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Waffen- Pogrome unweit deutscher Grenze Ja Lemberg» Posen, Krakau / Inden schlägt man. Regierung meint man stillstaud Polizei—Studenten Krawalle an der Wiener Univerfftät Dunkle Wolken ballen sich über den Häuptern der polnischen Juden. Das antisemitische Barometer steht auf Sturm. Aus den verschiedensten Gebieten der östlichen Republik kommen Nachrichten von Verfolgungen, von Krawallen, von Ausschreitungen in bedrohlichem Umfang. In Lemberg, der Hauptstadt Galiziens, brach das Unwetter los. Hier geschah es, daß am Fronleichnamstage. also am Donnerstag, den 30. Mai. die große Prozession. die sich unter Führung der katholischen Geistlichkeit durch die Straßen bewegte, auch an dem jüdischen Gymnasium vorbeizog. und zwar gerade zu einer Zeit, als eine Pause den Unterricht unterbrach. Zahlreiche Schüler liefen ans Fenster und betrachteten von dort herab den feierlichen Zug. Am nächsten Tag« brachte di« Lemberger Rechtspresse erlogene tzetznachrichten: daß di« Zronleichnamsprozession von der jüdischen Bevölkerung in provokatorischer Absicht gestört und verhöhnt worden fei. Dieser aufgelegt« Schwindel war das Signal zum Pogrom am 31. Rai. Unter Führung von polnischnationalistischen Studenten der Lemberger Universität rotteten sich große Raffen zusammen, bereit, ihrer durch Liigenmeldungen entzündeten Erregung in rohen Gewalttaten Luft zu machen. Wüste Plünderungen jüdischer Anstalten, Ueberfälle auf jüdische Mitbürger waren die Folge. Die Pogromisten drangen in zwei jüdische Zeitungsredaktionen, in ein jüdisches Akademikerheim ein und demolierten di« Einrichtung. Grob« Mißhandlungen unschuldiger Menschen, raubgierig« Plünderung jüdischer Läden .. di« ganze traurig« Melodie des Leidens unserer Sstlichen Glaubensgenoffen. Im Norden von Lemberg, in einer kleinen Ortschaft, westlich von der Stadt Kowel gelegen, kam es am 7. Juni zu einem blutigen Gemetzel zwischen 40 polnischen Rekruten 'und der jüdischen Einwohnerschaft. Es begann damit, daß die Juden, als sie um die Mittagszeit nach dem Gottesdienst die Synagoge oerlieben, von den betrunkenen Rekruten belästigt wurden. Aus dem erregten Wortwechsel wurde eine wilde Schlägerei, die sich zu einer richtigen Schlacht entwickelte, als den anfangs schwer bedrängten jüdischen Betern ' die übrige jüdische Bevölkerung zu Hilfe eilte. Auf beiden Seiten gab es zahlreiche Verwundete. Einer der jüdischen Kämpfer ist an seinen Verletzungen gestorben. Und schließlich kommen auch aus dem einstmals deutschen Besitz des polnischen Staates, aus der Stadt Posen, die I gegenwärtig durch die große Landesau-sstei lung belebt wird,Hiobsposten von Judenhaß und Judenverfolgung. Charakteristisch, und auch uns deutschen Juden mehr als vom Hörensagen bekannt, ist die gesellschaftliche Aechtung, die hier den Juden Polens beschert wird. Alan duldet sie zwar noch großmütig als Gäste der Aus stcllung. Aber man wacht mit Argusaugen darüber, daß sich Juden und Iudenstämmlinge — unter ihnen bekannte Namen polnischer Kunst und Wissenschaft — an den mannigfachen Ver anstaltungen, die im Gefolge der Ausstellung ftattfinden, nur ja nicht tätig beteiligen. Im Zusammenhang mit den Lemberger Unruhen fanden am Sonntag, dem 9. Juni, auch in Pasen anti-. semitisch« Ausschreitungen statt. Jüdische Läden wurden von demonstrierenden Studenten zerstört und jüdisch« Bürger von ihnen verprügelt Das Hau» der Jüdischen Gemeind« wurde von einer aufgehetzten Meng« im Sturm genommen. Alle Fensterscheiben und die Einrichtung des Hauses gingen in Trümmer. Der Pöbel bombardierte zwei groß- Synagogen mit Steinen. Dann richtet« sich sein« Wut gegen zahlreich« jüdische Restaurants. Alles wurde kurz und klein geschlagen. Di« Räume der Jüdischen Bolksbank wurden völlig zerstört, der Kiosk der jüdischen Preff« ebenso wie Kiosk« jüdischer Geschäftshäuser auf der Landesausstellung verwandelten sich unter den Händen der Plünderer in «in Trümmerfeld der Verwüstung. Bon der Polizei wurden etwa 40 Demonstranten verhaftet. Zentrum des gegenwärtigen antisemitischen Brandes: in Polen ist Lemberg. Und die, die den Brand entfacht haben und fortwährend schüren, also die Träger der Bewegung, sind rechts stehende nationalistische Organisationen und insbesondere die Kreise der chauvinistischen Studentenschaft der Universität. Sie verfolgen mit ihrer Pogromhetze ein politisches Ziel: sie beab sichtigen, den Boden der polnischen Regierung zu unterwühlen, ihre Autorität zu erschüttern und sie bei der ungebildeten Volks maffe, die den judenfeindlichen Parolen allzu willig ihr Ohr leiht, unpopulär zu machen. Die Schläge, die jetzt die Juden Galiziens treffen, sind also in Wahrheit gegen die Regierung gerichtet. Leffing und die Juden Bei der Jubiläumaveranftaltung der Ortsgruppe Leipzig im RjF. hielt Gemeinderabbiner Dr. E. Carlebach diesen Vortrag, den wir wegen seines geistreichen Gehalt» und feiner literarischen Qualitäten hier wiedergeben. In alten Zeiten war es üblich, daß die RadbOier in ihren Gemeinden an den Sabbaten vor Pessach und Iaum-Kipour einen talmudischen Vortrag hielten, zu dem sie das Thema, über das sie zu sprechen beabsichtigten, vorher ihren Gemeindemitoliedern öffentlich bekannt- Saben. Gewöhnlich fügten sie auch noch eine regelrechte luellenangabe hinzu. Sie bezeichneten genau die Unterlagen, die Werke, in denen man sich über das in Aussicht genommene Thema informieren könne. Dann war es regelmäßig ein gewisses Wagnis für den Rabbiner, seinem Publikum geaenüberzutreten. Gelehrte und fachkundige Männer gab es ja in alten Zeiten in jeder Gemeinde, und diese kamen naturgemäß gewappnet und gerüstet. Sie hatten die ganze einschlägige Literatur durchforscht, um nun beurteilen zu können, ob der Rabbiner, wie man es von ihm erwartete, wirklich etwas Neues, aus Eigenem Geschöpftes zu sagen «isse, oder ob er nur eine Wahrheit nachbete, die oereits irgendwo schwarz aus weiß gedruckt zu finden war. Wer da nicht ganz wuoerän über dem Stoffe stand, der hat bei solchen Vorträgen ganz gewiß Angst geschwitzt und hat Gott gedankt, wenn er sein Sprüchlein hinter sich hatte. Beinahe so. ergeht es heute demjenigen, der über Lessing sprechen soll. Mindestens einen Monat lang hat f,anz Deutschland unter dem Zeichen dieses Namens getänden, alle Zeitungen waren voll von ihm, in jeder Gemeinde, in jedem Verein, in jeder Schüfe hat man über ihn gesprochen, viele Separatschriften und Monographien sind über ihn erschienen: die Theater spielten seine Stücke, und die Blätter ließen sich über den Eindruck aus, den diese alten Literaturwerke auf die Besucher vo» heute machen. 'Wer überhaupt in der Zeit lebt und nur einigermaßen von den Interessen der Welt mit ergrMen wird, hat sich mit Lessing befaßt, hat irgendwie eine Biographie über ihn gelesen, kennt die wichtigsten Daten seines Lebens und weiß über seine Schöpfungen Befcheid. Man kommt also zu einem Lessing-Bortrag. wie in alter Zeit die Talmud-Gelehrten zu der sogenannten Droschoh des großen Sabbat mit kritischem Ohr, m Erwartung von etwas Neuem. Aber es ist beinah gar nicht möglich, nun Unbekanntes, Originelles über Lessing zu sagen, etwas, was den Reiz des Ursprünglichen an sich trüge. Erwarten Sie darum von mir bitte nichts stofflich Neues» nur insofern trägt das, was ich über Lessing zu sagen beabsichtige, eine persönliche Nöte, als ich Ihnen darstelle, wie Lefsing. der Mann und sein Werk, aus mich perfönlich wirkt, und was ich von seinem Einfluß auf das Judentum halte. Denn wenn viele einem und demselben Vorgang beiwohnen und jeder einzelne gefragt wird, nach einem Eindruck, wie die Sache auf ihn gewirkt hat, fo wird natürlich die Antwort, je nach der geistigen Einstellung des Befragten, verschieden lauten. Der Lateiner sagt, wenn zwei dasselbe tun. so ist es nicht dasselbe; und ich meine, man kann hinzufügen, wenn, zwei über die gleiche Wahrnehmung berichten, so haben sie doch Verschiedenes wahrgenommen. 203

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