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Der Schild · 1929-06-14 · 24 (14.6.1929) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Schild
Volume
8 (1929)
Issue
24 (14.6.1929)
Date
1929-06-14
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Marannen-Begegnung auf dem Meere Im Jahre 1769 Von Dr. R. Silbergleit. Berlin. Wie eine Dichtung für ein warmschlagendes jüdisches Herz, wie eine Art „höhere Fügung" für den traditionstreuen Gläubigen liest sich die Schilderung einer Marannen-Begegnung aus hoher See im Jahre 1769, die in einem herrlichen Hebräisch sich in der Form eines Briefes in dem Iuliheft des Jahres 1769 der Zeitschrift „Hameasseph" findet. Es wäre schade, wenn diese s Mitteilung der Vergessenheit anheimfallen, ihr nicht entrissen werden sollte, was bei der leider so abnehmenden Kenntnis des Hebräischen wohl zu befürchten ist, und so dürfte es gerechtfertigt erscheinen, wenn wir nachstehend in abgekürzter Weise jene Schilderung hier wiedergeben. Doch vorher noch ein kurzes erinnerndes Wort iiber die Marannen sScheinchristen). Das Edikt Ferdinands und Isabellas, der Katholischen, vom 90. März 1192 hatte Hunderttausende betriebsamer, frommer und kenntnisreicher Juden ihrer Heimat beraubt: Spanien sah wenige Monate später das traurige Bi.d erzwungener Auswanderung: des Königs hartherzige Schergen bewachten Weg und Steg, datz niemand von der vorgeschriebenen Marschroute abwich: Mitleid für die Unglücklichen zu hegen, galt für ein Verbrechen, und eine Zufluchtsstätte auch nur für kurze Zeit ihnen gewähren, zog die härtesten Strafen, ja den Tod nach sich. Wer von den Juden von der Zeit an noch auf spanischem Boden blieb, trug äutzerlich christliches Bekenntnis zur Schau, im Innern den Glauben an den einzigen heiligen Gott, dessen Lehren von der Liebe die Diener seines Wortes so sehr verkannten und in seinem Namen auf so unheilvolle, schreckliche Weise zu betätigen, so glaubenswütig beflisten waren. Nachdem auch Emanuel, König von Portugal, der Schwiegersohn Ferdinands, ein gleiches Los kurze Zeit darauf über die jüdischen Bewohner seines^ Landes verhängt hatte, war auf der ganzen Pyrenäischen Halbinsel das trostlose Mittel der Inquisition für die zurückgebliebegpi^Scheinchristen (M a r a n o s) eingeführt worden, um sowohl ihre wahre Gesinnung zu ergründen, als auch jeden Rückfall zu verhindern: und jene grausame Glaubensanstalt forderte im Laufe des 16. und der folgenden Jahrhunderte zahlreiche Opfer. Glaubensdruck aber erzieht Heuchler, und so vererbte fid) trotz aller Anstalten der Kirche gegen die ketzerischen Marannen das im Inpern gehegte Bekenntnis des jüdischen Glaubens von Geschlecht zu Geschlecht: Männer, die im Rate des Herrschers satzen, Diener des Altars, Lehrer der Wissenschaften an öffentlichen Schulen beobachteten unbelauscht die jüdischen Zeremonien, versammelten sich zur gemeinsamen Feier der Feste in unterirdischen Gewölben, lehrten ihre Kinder die Laute der heistgen Sprache, machten sie bekannt mit dem lebendigen Quell der Lehre, mit dem Worte der göttlichen Schrift, das falscher Glaubenseifer den anderen Landesbcwohnern oerfchlotz. So setzten sich altehrwürdige Geschlechter mit alten jüdischen Namen im Schatze der Familie in ununterbrochener Folge fort, während die Welt sie nur unter den neuangenommenen kannte.. Freilich konnte es nicht ausbleiben. datz trotz aller Vorsicht manches Opfer für seine treue Anhänglichkeit an den Glauben der Vorfahren bluten mutzte, weil oft der Mund oder doch Mienen und Gebärden in unbewachten Augenblicken die Verräter des Herzens wurden, und das war für die scharfblickenden Wächter des Glaubens genug, um die Unbedachtsamen dem Kerker und dem Scheiterhaufen zu überliefern. Das hielt jedoch ihre Brüder nicht ab, ihren Weg weiterzuwandeln, selbst als die Matzregeln gegen die Scheinchristen verschärft und Verfolgungen immer zahlreicher wurden. Dies geschah besonders, als die politische Lage Spaniens sich trübte und die Gebildeten unter den geheimen Juden, wohlunterrichtet von allen Vorgängen, eine Gelegenheit erspähten, aus ihren gedrückten Verhältnissen herauszukommen und nach freieren Ländern sich zu wenden. So sah denn nicht nur der Freistaat Holland am Ende des 16. Jahrhunderts viele spanische oder vielmehr, wie man seit 1192 sie gewöhnlich nannte, portugiesische Juden einwandern, sondern auch die blühende Lage der Türkei unter Selim I. und Soliman IL lockte viele dahin, weil sie dort, unangefochten in ihrem religiösen Bekenntnis, freundliche Aufnahme und gedeihliches Fortkommen fanden. Zu ihnen scheint auch der Berfaster jenes oben erwähnten Berichtes in der Zeitschrift „Hameasseph" vom Jahre 1769 als entfernter Sprötzling gehört zu haben. Rach seinem Bericht reiste er, als 18jähriger Jüngling, ausgerüstet mit guten Kenntnissen von Aleppo nach Europa, um die Welt kennen zu lernen. Nach wenigen Tagen gelangte er in die Nähe von Eandia (Kreta). Im Angesicht dieser Insel muh das Schiff ankern, weil eine eingetretene gänzliche Windstille das Weitersegeln verhindert. „Am Abend des dritten Tages" tso schreibt unser Reisender dem Freunde, an de» der Brief gerichtet war) „stand ich, als alles sich bereits zur Ruhe begeben hatte, bei spiegelglatter See auf dem Berdeck, um mich an her herrlichen Natur zu ergötzen. Da ging der Mond auf, sein Bild spiegelte das Meer wider und die klare Helle verlieh dem ohnehin schönen Anblick dop pelten Reiz. In Entzücken über alle diese Schönheiten klopfte froh das Herz, und im Dank gegen den Schöpfer d^ Alls floh mein Mund über: das bei Erneuerung des Mondes übliche Gebet trat mir auf die Lippen, und als ich den Schlutz^aussprach: „Gelobt bist du, Herr, der den Niond erneut!" hörte ich eine Stimme mit „Amen" antworten. Ich war ganz verwundert, da ich keinen Menschen mehr wachenin meiner Nähe vermutete: — da stand aber ein Mann, den ich bisher für einen christlichen spanischen Kaufmann gehalten, vor mir.' „Mein Bruder", redete er mich an, „ich satz dort einsam im Winkel und ergötzte mich an der schönen mondhellen Nacht, als ich deinen Segensspruch hörte. Nun aber schwöre mir zuvor, datz du kein Wort über mich sprichst, bis du das Schiff verlassen hast, so will ich dir sagen, wer ich Lin." Ich schwor es-ihm zu. Darauf erzählte er: „Ich bin ein Nachkomme spanischer Juden, die Familie meiner Vorfahren war einst berühmt und angesehen in Madrid, sie muhte sich aus Zwang zum Christentum bekennen, aber im geheimen beobachten wir noch heute das Gesetz Mosis ' und die Feste des Herrn: wir ruhen womöglich am-Eabbät und halten die jüdischen Feiertage heilig. Das darf aber nicht bekannt werden, sonst erwartet uns der Scheiterhaufen und Konfiszierung der Güter." — Nach dieser Mitteilung umarmte ich ihn und wir verplauderten die ganze Nacht. Ich erfuhr unter anderem, datz noch zwei seiner Freunde und sein Diener, ebenfalls Anufim fScheinchristen), sich aus unserem Schiffe befanden. Am anderen Morgen hatte sich der Wind gedreht, aber erst nach acht Tagen stürmischer Fahrt langten wir im Hafen von Murcia an. Alle waren erfreut, ihr Vaterland wiederzusehen, nur ich sehnte mich nach meinem Reiseziel Italien. Da trat Don Marco di Badajoci (fo hietz mein neuer Freund) an mich heran mit den Worten: „Was härmst du dich, um nach Italien zu gelangen? Komm mit mir nach Madrid und bleib bei mir, solange du willst. Sobald du dich von den Strapazen der Reise erholt haben wirst, werde ich^dich nach Livorno geleiten, bis dahin kannst du unangefochten bei mir bleiben." Ich willigte ein... Und nun bin ich noch immer in Madrid, wo ich des Neuen gar vieles sehe. Mein liebenswürdiger Wirt ist ein angesehener Mann, täglich sehe ich bei ihm Freunde, die ebenfalls zur Lehre Mosis sich bekennen, einige unter ihnen den Fürsten nahestehende Räte, Kaufleute und Weise, alle gleichmähig erfreut, in mir einen Glaubensgenosten zu finden. Erst nach Schebuoth werde ich abreisen. Das Fest der Gesetzgebung auf Sinai feiern meine Freunde in einem unterirdischen Ge wölbe: manche unter ihnen begehen auch die ^anderen Festtage, während andere aus Furcht es unterlassen. Ich besuchte auch das Eskorial und die Bibliothek, die manches interestante Werk über Juden und Judentum enthält, und um keinen Argwohn zu erregen, muhte ich auch mit meinem Wirte in der Kirche dem Gottesdienste beiwohnen." — So der Brief. Die mitgeteilte Erzählung enthält neben vielleicht manchem Romanhaften jeden falls ein bedeutsames Stück Wahrheit. Wir sind dies um sä mehr zu glauben geneigt, als der bekannte jüdische Gelehrte Dr. I. A. Frankl in seiner bekannten Reisebeschreibung „Nach )iese Karte ist eigenhändig auszufüllen und in einen Briefkasten desjenigen Postbezirkes zu werfen, in dem der Besteller wohnt! Qestellsdiein Ich bestelle hiermit für das dritte Quartal 1929 die wöchentlich erscheinende Zeitschrift »Der Schild", Verlag Reidisbund jüdischer Frontsoldaten E. V., Berlin W 15, Kurfürstendamm 200. Der Bezugspreis von 1,95 RM. vierteljährlich zuzgl. Bestellgeld ist bei mir zu erheben. Wohnort und Strafte Name Deutlich und genauesten« ausiufüllen . Bltt^wenden - 197 i

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