Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 23 (7.6.1929)
- Date
- 1929-06-07
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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zu einer machtvollen Kundgebung. Vertreter der Regierungs behörden, der jüdischen Gemeinden und Organisationen nahmen an dem offiziellen Akt teil und begrüßten die Konferenz. Um I Uhr fand in den Logenräumen ein Festessen statt, dem sich nachmittags eine Rundreise über das oberschlesische Fndustrie gebiet anHloh. Am Montag, tt Uhr vormittags, begann die Gründung»' und Arbeitssitzung. Tie Stimmung unter den Delegierten aller Länder ist für die Schaffung eines Weltverbandes jüdischer Handwerker. Man trat in die Beratung der vom deutschen Verbände ausgearbeiteten Satzungen ein, die über Namen und Zweck des Weltverbandes foigendes besagen: Der Verband führt den Namen „Weltverband jüdischer Handwerker". Er bezweckt den Zusammenschluß der Vereinigungen jüdischer Handwerker aller Länder zu folgenden Aufgaben: ») Zusammenfassung "aller jüdischen Handwerkerorgani sationen zum „Weltverband jüdischer Handwerker". b) Gesamtvertretung der jüdischen Handwerker bei allen jüdischen Orga nisationen, insbesondere bei denen, die für die Produktivierung der Juden tätig sind, o) Gesamtvertretung der jüdischen Hand werker bei interkonfessionellen Berufsvereinigungen. d> 3chaf fung und Ausbau von Krediteinrichtungen und Genossenschaften für jüdische Handwerker sowohl durch Errichtung von Kredit genossenschaften, als auch durch Zusammenschluß der verschi denen genossenschaftlichen Krediteinrichtungen der jüdischen Handwerker zu einer Zentralbank, e) Schaffung einer Ein kaufsstelle für Maschinen und Rohmaterial, ij Schaffung von Berufsarbeitsgemeinschaften zwecks Austausch der beruflichen Erfahrungen zur Verbesserung der Produktion und Arbeit Methoden, g) Schaffung einer Beratungsstelle für Wirtschaft und Technik im Handwerk. 1») Studium der Wirtschaftslage der verschiedenen Berufe zwecks Zuführung der jüdischen Jugend zu jenen Berufen, die handwerklich noch als aussichtsreich angesehen werden, j) Förderung der Lehrlingsausbildung. Sitz des Verbandes ist Berlin. Antisemitismus und Leben-Iesu-Forschung Ter Rassenantlsemiiismus, wie wir ihn heute in Deutschland finden, ist keineswegs die selbständige Erscheinung, als die er sich gerne ausgibt. Auch er ist schließlich nur eine Fortentwicklung dereigentlichen antisemitischen Grundform: des religiösen Judenhasses. Bis auf die letzten Jahrzehnte war diese Art des Antisemitisinus die einzige Ursache aller Judenverfolgungen und Pogrome. Erst als die großen Massen konfessionell gleichgültiger wurden, und als die religiöse Plattform zur Aufhetzung nicht mehr ausreichte, nahm man mehr oder weniger haltbare Rassentheorien zu Hilfe. Der religiöse Judenhaß ist heute noch in den romanischen Ländern, genau wie im Mittelalter, vorherrschend, soweit sich überhaupt antisemitische Strömungen bemerkbar machen. Er existiert auch in Deutschland noch, wenn er auch weniger an die Oeffentlichkeit dringt und durch völkische Phrasen übertönt wird. Man wird sich daher auch mit dieser Form des Antisemitismus beschäftigen und fragen müssen, was die moderne Wissenschaft dazu zu sagen hat. In den christlichen Ländern ist der religiöse Judenhaß auf eine einfache Formel zu bringen. Der Jude gilt als Nachkomme des Volkes, das den Stifter des Christentums ans Kreuz geschlagen hat7 Nach den Evangelien sind der Hohepriester und die jüdische Geistlichkelt für den Kreuzestod Jesu verantwortlich zu machen. Der römische Statthalter Pontius Pilatus tut alles, was in feiner Macht steht, um Jesus zu retten. Bei der Dürftigkeit der historischen Zeugnisse über diese Periode der jüdischen Geschichte war man bisher auf den Bericht der Evangelien angewiesen, obwohl sie als Geschichtsquellen nur sehr bedingten Wert in Anspruch nehmen können. Eine Reihe von Korrekturen konnte man auf Grund anderer Quellen vornehmen. Die Geschichte des Prozesses Jesu dagegen war kaum aufzuhellen, und so blieb die Darstellung der Evangelien unangetastet. Erst heute wissen wir, daß es sich bei den Berichten über den Prozeß und über die Rolle, die Römer und Juden dabei spielten, um eine propagandistische Abweichung von der Wirklichkeit handelt, die einerseits dem Christentum leichteren Eingang in das Römerreich verschaffen sollte, andererseits durch die Konkurrenz zwischen den ersten christlichen Gemeinden und den Gemeinden der jüdischen Diaspora zu erklären ist. Wir sind auch in der ^Lage, den Bericht der Evangelien zu korrigieren und uns mit ziemlicher Bestimmtheit ein Bild von den Ereignissen in Palästina zur Zeit von Jesu Tod zu machen. Die Werke des wichtigsten historischen Zeugen für diese Zeit des Flaoius Iofephus werden uns allmählich in ihrer ursprünglichen Fassung aus russischen Manuskripten bekannt. In der verbreiteten griechischen Uebersetzung sIosephus selbst beherrschte das Griechische nicht und hat aramäisch geschrieben) sind die Parteien, die sich auf die Geschichte Jesu beziehen, so stark von den Abschreibern verfälscht worden, daß man die ganze Stelle für ein späteres Einschiebsel halten mußte. Auch der slawische Iosephus ist überarbeitet worden, und die erste Ausgabe, die von den Manuskripten erschien, brachte nicht viel 188 Klärung. Jetzt aber ist der österreichische Forscher Dr. Rudolf Eisler daran gegangen, den slawischen Iosephus nach streng kritischen Prinzipien zu behandeln. Sein großes Werk „Jesus Basileus" ist zwar bisher nur zum kleinsten Teil erschienen, aber Eisler hat in einzelnen Veröffentlichungen die wichtigsten Ergebnisse seiner Arbeit bereits mitgeteilt. Es geht daraus mit aller Deul lichkeit hervor, daß es beim Einzug Jesu in Jerusalem zu einem politischen Aufstand gegen die Römer kam, und haß Jesus als politischer Führer, nicht als religiöser Erneuerer von Pilatus verurteilt wurde. In der populären Darstellung des heutigen Standes der historischen Forschung von dem Kopenhagener Gelehrten Detlef Niel s e n („Der geschichtliche Jesus", Meyer u. Jessen-Verlag 1928) heißt es: „Jesus ist nicht von den Juden verurteilr worden, in deren Händen die Rechtspflege gar nicht lag. sondern von den Römern. Er wurde nicht verurteil! wegen seiner religiösen Anschauungen, die sicherlich Pilo tus nicht sonderlich interessiert hätten, nickt um der angeblichen Gotteslästerung, willen, die man darin sah, daß er sich als Gottes Sohw ausgab. Er wurde verurteilt wegen eines angeblichen politischen Verbrechens, weil er in den Augen des Pilatus ein Aufrührer war, der sich zum König der Juden machen wollte." i Viel zu wenig bekannt ist auch, daß Pilatus von den Römern, ganz im Gegensatz zu den Evangelien, als blüt dürftiger Tyrann geschildert wird. Als Pilatus einige Jahre nach Jesu Kreuzigung einen Propheten und seine Anhänger hinrichten ließ, schritt der römische Legat Vitellsus ein und sandte Pilatus wegen Mißbrauchs der Amts gjewalt nach Rom. Er soll sich der Anklage durch Selbstmord entzogen haben. j Die letzten Veröffentlichungen Eislers ergänzen die ses Bild in manchen Punkten. Im letzten Heft der eng tuchen Zeitschrift „Quest" teilt Dr. Eisler mit, daß die Darstellung des Iosephus auf die Akten des Pilatus selbst zurückgehe. Diese Akten wurden noch im Jahre 311 von: Kaiser Maximinus gegen die Christen benutzt. Durch die Akten ist auch Jahr und Datum der Kreuzigung Christi fkjstzustellen. Es war nicht das Jahr 33, sondern der Morgen des 16. April des Jahres 21. Jesu erstes Auftreten erfolgte im Jahre 19, kurz nachdem Pilatus die Adler der römischen Kohorten auf dem Berge Zion aufgepflanzt hatte. Mit dem Fortgang der Herausgabe des slawischen Iosephus darf man weitere Aufschlüsse über die historischen Zusammenhänge erwarten. Wir dürfen ihnen mit um so größerem Interesse entgegensehen, als damit end gültig mit der folgenschweren Geschichtslegende aufgeräumt wird, die das jüdische Schicksal bestimmt hat: Die Juden waren an der Kreuzigung Jesu unschuldig. Man hat ihnen schon frühzeitig aus Propagandagründen diese Schuld aufgebürdet, und man hat damit, wenn auch unabsichtlich, den religiösen Antisemitismus begründet, der dein Judenhaß im Mittelalter weckte und ihn bis auf unsere Tage wachhielt. L. Steinfeld.