Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 22 (31.5.1929)
- Date
- 1929-05-31
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Religion in Rußland Uns Juden interessiert in besonderem Mähe das Verhältnis der Sowjetregierung zu den Religion» bekenntnissen und hier hauptsächlich zum Juden tum. Zahlreiche unkontrollierte Gerüchte werde» hierüber verbreitet,- da wird es unsere Kameraden interessieren, was ein guter Kenner der Verhält nisse. der Korrespondent W. Stein, in der -Vossischen Zeitung" hierüber schreibt: Nach der sowjetoffiziellen Terminologie sind die Religionsgesellschaften — die orthodoxe, wie die katholische und evangelische Kirche, das Judentum, der Islam und die Sekten — letzten Endes nichts als Organisationen reaktionären, sowjetfeindlichen, konterrevolutionären Geistes. Es gibt in Ruhland unglaublich viele Statistiken über die unglaublichsten Dinge - leider gibt es keine über die Gläubigenzahl der Kirchen, Bekenntnisse und Religionen; die Beobachtung zeigt jedoch, dah bisher unter dem kommunistischen Regime die Stärke der religiösen Gemeinschaften nicht sonderlich gesunken sein kann, und daß das Sektantentum offenbar erheblich zugendmmen hat. Fortgefallen sind aus den Scharen der Gläubigen, und zwar vorwiegend in den Städten, die Elemente, die ohnehin kaum noch oder doch nur rein formell einer religiösen Gemeinschaft angehörten: nach Möglichkeit verhindert wird durch den Einfluß der Schule das Nachwachsen der Jugendlichen — aber zu einem völligen Versiegen des Nachwuchses ist es noch nicht gekommen, ganz besonders nicht auf dem Lande. Andererseits zeigen sich alte Erfahrungen der Kirchengeschichte auch hier: in Zeiten der Verfolgung, in Zeiten der Konzentration auf die bewußten Anhänger wächst die innere Kraft, die Geschlossenheit und Entschlossenheit der Kirche. Sie hat auch in Rußland ihr Schicksal noch lange nicht verloren gegeben. Die Religionsgemeinschaften sind der herrschenden Partei unangenehm: in erster Linie, weil man trotz der offiziellen „Loyalität" dieses stummen Gegners die passive Resistenz der Bauernschaft gegen die Anordnungen des Kreml seinen Einfluß zuschreibt, mag es sich um die Saatkampaane oder um die Ablegung des Schleiers sin den islamischen Gebieten), um die Durchsetzung des Eherechts oder des neuen Schulunterrichts oder was sonst handeln. Dazu kommt bei den christlichen Kirchen, daß sie den Antisemitismus wachhalten und aus diesem Motiv heraus die ablehnende Stimmung gegen die Sowjetmachthaber verstärken; endlich aber setzen alle Bekenntnisse * und Religionen ihre Ethik und Morallehre bewußt gegen die ethischen und moralischen Losungen der Kommunistischen Partei. Und letzterer ist es durchaus unbequem, daß nicht nur Bauern- und Bürgertum, sondern noch weite Kreise der Arbeiterschaft immer weiter sund heute stärker als in Zeiten, wo Popen, Priestex, Mullahs und Rabbiner die Träger der Staatsgewalt Uneingeschränkt verehrten) einer geistigen Beeinflussung ausgesetzt sind, die alle Moraltheorien des Staates und seiner Machthaber in Grund und Boden verdammt und im Gegensatz zu ihnen zum Klassenfrieden, zur Nächstenliebe, zur Duldsamkeit und Friedfertigkeit mahnt und zu erziehen sucht. Mit dem Ueberwuchern des städtischen Fabrikarbeiterelements in der Partei und der Verdrängung der Intelligenz und der alten Führerschicht — die die Religionen als „Privatsache" langsam und friedlich (durch geistige Gewinnung der Jugend für die neuen Ideale) ab- und aussterben lassen wollten — wird in der Aera Stalin auch der Kampf gegen die Religionsgemeinschaften aktioisiert. Die ruhige Entwicklung und die geistige Ueberwindung genügen in der jetzigen Periode. nicht mehr: wie man es ablehnt. den Bauern durch unmerkliche weitsichtige Leitung allmählich in die sozialistischen«^ Wirtschaftsformen hineinwachsen zu lkssen. so scheint mar« es auch satt zu haben, die bisherige Duldsamkeit(oder^ doch wenigstens Uninteressiertheit^gegen die Kirche fortzusetzen. > Seit längerer Zeit jagen sich Erlasse und Beschlüsse: in Schulen, Kinderheimen. Erziehungsanstalten nicht mehr die nur areligiöse Haltung der Lehrer und Gestaltung des Unterrichts zu dulden, sondern eine positiv an t!ireligiöse Haltung und ausdrüchlich a n t i religiösen Unterricht fordern. Man eröffnet antireligiöse Propagand^vNe und antireligiöse Ausstellungen rn ehemaligein^Klöstern mit. Borträgen Uber den „Betrug des Volkes < durch die Geistlichen" und ähnlichen Themen. Wgnn nicht alles täuscht, so wird das eben «arübsrgegangene russische Osterfest Anlaß werden, auch die Arbeitsruhe an den religiösen Feiertagen abzuschaffen: bislang hatte der Staät auf die großen kirchlichen Feiertage (wenn auch nach dem neuen Kalender) staatliche ..Erholungstage" gelegt — Ostern dieses Jahres agitierte -chie Presse stark dafür, dah man in den Fabriken arbeiten und lieber andere „Erholungstage" ansetzen solle. Das ist vorläufig nur vereinzelt (immerhin in mehreren hundert Betrieben) geschehen und noch nicht Gesetz: aber es kann leicht über kürzer oder Hänger Gesetz worden; auf derselben Linie lag der Beschluß einer ganzen Reihe von Schulen, am Ostersonntag (obgleich Sonntag und staatlicher Erholungstag) Unterricht anzusetzen. Die Debatte über die Verlegung der „Erholungstage" von den kirchlichen Feiertagen fort, d. h. die Erklärung der letzteren zu gewöhnlichen Arbeitstagen verstummt seitdem nicht mehr und wird wahrscheinlich Früchte tragen. Als Auftakt eines verstärkten Feldzuges gegen die Kirche ist für die russische Sowjetrepubllk ein neues Kreml-Dekret „über die religiösen Bereinigungen" erlassen worden (datiert vom 8. 4., veröffentlicht Ende April). Es bringt — dies vorweg — keineswegs ein Verbot der Religionsgesellschaften, wobei dahingestellt bleibe, ob der Bruch mit der. Leninschen Tradition oder eine Uebersteigerung der ohnehin sattsam starken Erregung der Bauern vermieden werden sollte. Das neue „Religions-Dekret" verlangt die R e g i st r i e r u n g aller bestehenden religiösen Vereinigungen (Gemeinden. Kirchen, Gruppen. Sekten. Strömungen. Kultgesellschaften jeder Art und jeden Namens) und erklärt jede Religionsvereinigung. die in der vorgeschriebenen Frist nicht registriert wird, für „erloschen". Seine Grundtendenzen sind: ausschließliche Beschränkung der Religionsgemeinschaften auf den Gottesdienst. Verhinderung werbender Tätigkeit, Verhinderung organisatorischer Zusammenfassung. Verhinderung von Vermögensbildung. Abschreckung ängstlicher Gemüter durch Aktenkundigkeit ihrer religiösen Einstellung: bezüglich Unterstützt das Handwerk Der Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens E. V., Berlin hat In aatnar Or|infcatJon aDa Banda aaratnlft und M Jadanatt tndarLa*a.I«le*un®enUil0» Hnndwarkamalalar nadtauwali an OeadiÄftsstellei Louis WoMf — Berlin NO 18 — Grog« Frankfurter Straße 80/81. Femaprechen E 3 KSnlptadt Nr. 2490