Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 21 (24.5.1929)
- Date
- 1929-05-24
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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wurden. Wer eine jüdische Synagoge betreten hatte, war frei. Er durfte weder gepfändet, noch verhaftet werden. -Nach dem . Tode Weisels bauten ihm die Prager Juden eine Synagoge, die ebenfalls noch heute ,111 selten ist. ' Einer der bekanntesten Männer aber war Rabbi I c d u h a Löwe den Bezälcl, auch der ho. he Rabbi Low oder W u n d c r r a b b i genannt. Im Jahre i.">74 ivar er von Mahren nach Prag übergesiedelt und gründete dort -ein Lehrhans, das bald bis iveit nach Franken hinein bekannt war. Dieser Prager Talmudist halte unter anderem eine Audienz beim Kaiser Rudolf II.. der von dem Wundcrrabbi die Goldmacherkünst erlernen ivolltc. Anfangs ivar der Kaiser sehr erzürnt, daß er diese Kunst von Löw nicht lerne» konnte, beruhigte sich aber, als er in die hohe Kunst der Alchimie eingeweiht wurde. Um den Rabbi Löw bildete sich schon zu seinen Lebzeiten ein grosser Lagenkreis. Aus nah ukd fern kamen Schüler zu ihm. Tie : bekannteste aller Lagen ift'dle vom Golem. Der gelehrte Talmudist soll nämlich auch ein geschickter Mechaniker gewesen sein und soll eine Menschengestalt aus Ton. Golem genannt, geformt und mittels kabbalistischer Verbindung und Zusammensetzung des Gottesnamens ihr Lebensodem eingehaucht haben. Dieses; Golems soll er sich während der sechs Wochentage bedient haben. Diese zwei Männer sind es gewesen, die für Prag Unendliches geleistet haben und die Prag eine gewisse Würde erlangen liehen. Geht man heute durch das Iudcnviertel, den fünften Bezirk von Prag, so wird man noch immer alte und ehrwürdige Hauser finden. Viele, ja man kann wohl fast sagen die meisten, sind der Spitzhacke hum Opfer gefallen. In ihrer ursprünglichen Form stehen nur noch die eingangs erwähnten Gebäude. Hauptanziehungspunkt des gesamten Viertels ist. aber nach wie vor der Friedhof. Zwischen hohen Häusern liegt er, nie verlassen und öde, denn ein ungezählter Menschenstrom erzieht sich tagtäglich über ihn. Die Gräber sind schon meist verwittert und halb im Erdreich versunken. Heute schon kann man sich ausrechnen, in wieviel Jahren von den Grabsteinen nichts mehr zu sehen sein wird. Aber ändern kann man hieran nichts, da eine alte jüdische Sitte vorschreibt, dah man den Toten Ruhe gönnen soll und nie ihre Gräber betreten darf. Merkwürdig mögen dem Fremden die Unmassen gröherer und kleinerer Steine auf den Hügeln Vorkommen, aber auch hier liegt ein alter Brauch zugrunde. Die Steine sind von frommen Juden gebracht worden, die — einer alten Sitte nach — auf die Gräber von Glaubensgenoffen Steine legen sollen. Man sieht die Grabstätten von jüdischen Adeligen, Kammerherren, Ritteim, Gelehrten und von Kämpfern um die Freiheit ihres Landes. Kommt man dann aus dem Friedhof heraus, umringen den Fremden gleich—die Bewohner des.Ghettos. Bei einem Gang durch die Straßen sieht man die prächtigsten Typen. Bor einem Kramladen sitzt ein alter Jude, die Hände lässig im Schah, der Blick traumoerlören nach oben gerichtet. Max Brod hat das Wesen des Juden so definiert, dah es teils von dieser Welt ist, teils in Ienseitigkelt beruht. Himmel und Erde sind die beiden ^Bereiche, die er mit seinem Gefühl und seinem Denken umfahr. / f Wolf Priester, Merlin. j Neue Regelung des Status der jüdischen Religion in Italien Dem neuen Faschisten Parlament ist jetzt die Gesetzesvorlage libcr die Freiheit der Religionsübung der nichtkatholischen, darunter der jüdischen. Bevölkerung Italiens zur Beratung und Beschlußfassung zugegangen. Im Gesetzentwurf ist vorgesehen. Sah die auf Grund der Verfassung von 1X18 tolerierten religiösen Kulte nunmehr gesetzlich anerkannte Kulte sind. Bei Ernennung Ser Geistlichen dieser Kulte muß die Autorisation des Iustizininisters eingeholr werden. Tie religiösen Unterschiede bleiben ganz ohne Einfluß aus das zivile oder das politische Recht, auch bezüglich Londerprivilegien und militärischer Funktion. Protestantische und, jüdische Eltern sind berechtigt, die Befreiung ihre» Kinder von der Teilnahme an dem katholischen Unterricht zu verlangen. Das Eigentumsrecht der jüdischen Gemeinden und Synagogen ist anerkannt. Tie Zeitung „Giornale d'Italia" hat eine Umfrage über das neue Kirchengesetz veranstaltet und bringt als erste Antwort an der Spitze des Blattes ein Interview mit dem Oberrabbiner Professor Sacerdoti, der seiner Befriedigung über den Status der jüdischen Gemeinden im neuen Gesetz, insbesondere über die Eheklausel, Ausdruck gibt und den Scharfsinn und das Gerechtigkeitsgefühl des Duce Mussolini rühmt, der daraus bedacht war, allen religiösen Richtungen gerecht zu werden. Es folgen dann Aeuherungen katholischer Würdenträger, die unzufrieden sind, dah das Gesetz die nichtkatholischen Religionen begünstigt und ihnen sogar die Position staatlich anerkannter Konfessionen verleiht. zwanzig Jahre Jüdischer Frauenbund Breslau Eine Werkstatt der Humanität. Im Zusanunenhang mit der bevorstehenden Delegierten tagung des Jüdischen Frauenbundes ist es von hohem Interesse, die WohlfaWspflege der jüdischen Frau in ihrer konkreten Ge stalt an einqm Musterbeispiel kennen zu lernen. Ein Gedenk buch, das die Ortsgruppe Breslau des Bundes aus Anlah ihres zwanzigjährigen Bestehens veröffentlicht, . ermöglicht: es uns, einen Blick in diese Werkstätte jüdischer Gemeinschaftsarbeit zu werfen — in eine Werkstätte, die orn unermüdlicher Schaffensfreude erfüllt ist. Zwanzig Jahre Jüdischer Franc ibund Breslau: ein Kapitel mütterlicher Hilfsbereitschaft, die sich an jüdischer Not und Bedürftigkeit auf allen Altersstufen, vom Säuglingsalter bis in die Gveisenjcchre hinein, fruchtbar betätigt, in einer Grohstadt, die in ihren Mauern eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden Deutschlands umschließt. In diese zwanzig. Jahre fällt Weltkrieg und Umsturz, Inflation und wirtschaftliche Rekonvaleszenz. Es fällt aber auch in diese Epoche die ganze innere und äuhere Umstellung der praktischen Humanität, die sich aus einer bloß unterstützenden Wohltätigkeit in pflegerische Gemeinschaftsleiftung verwandelt hat; fällt die Entwicklung der jüdischen Jugendbewegung, die. gleich den wertvollsten Gruppen der deutschen Jugendbewegung überhaupt, zu sozialer Betätigung drängt. Das alles spiegelt sich in den Schöpfungen des Breslauer Bundes und in seinem Gedenkbuch, an dem zwölf seiner führenden Frauen mitgearbeitet haben. Zahlen beweisen. Als die Ortsgruppe im Spätherbst 1908 ins Leben gerufen wurde, zählte sie 92 Mitglieder. Jetzt hat sie einen Mitgliederbestand von 860 Personen. Die Gründung hatte zunächst, wie die stellvertretende Vorsitzende Paula Ollendorff in dem programmatischen Geleitwort betont, den Zweck und Erfolg, „dem planlosen Nebeneinander vieler gleichartiger Vereine zur Unterstützung und Förderung jüdischer Frauen und Mädchen ein Ende zu machen". Diese Konzentration schuf die Voraussetzung für eine moderne Wohlfahrtspflege von innerer Lebendigkeit und äuherer Mannigfaltigkeit. Ueber dem Grundstein einer Beratungs- und Auskunftsstelle Ist durch grotze persönliche und finanzielle Opfer ein stattliches Bauwerk errichtet worden. Die Institutionen für die jüdische Jugend nehmen den weitaus gröhten Raum ein. So das musterhaft eingerichtete Kleinkinderheim Krietern, das vor 2. Jahren durch eine Station für Säuglinge erweitert worden ist. Es steht im Dienste des gefährdeten und unehelichen jüdischen Kindes. Vor fünf Jahren wurde das Kinderlandheim des Bundes in Bad Flinsberg als Stättekörperlicher und seelischer Erfrischung für Grohstadtjugend eröffnet. In Zeiten, in denen es keine Kinder beherbergt, finden hier erwerbstätige Frauen und Mädchen Erholung. Die sozialen Aufgaben und geistigen Ideale der Jugendbewegung werden in einem Mädchenklub und einem Iünglingsbund durch Vorträge, Wanderungen, Gartenarbeit und religiöse Feiern mit Verständnis gefördert. Als Gebiet planmähige Kinderfürsorge tritt dazu die Adoptionsvermittlung und die Beschaffung jüdischer Pflegestellen für jüdische Waisen und Uneheliche. In diesem Zusammenhänge finde auch die grohzügig ausgebaute Tuberkulosenfürsorge Erwähnung, die der Bund in einer Arbeitsgemeinschaft mit dem jüdischen Wohlfahrtsamt durchführt. Aber auch das Alter, deffen Ehrung das Judentum stets zu seinen ethischen Aufgaben gezählt hat, wird von der Ortsgruppe des IFB. pfleglich betreut. In einem Rentnerinnenbund wird durch Veranstaltung von Heimabenden und Lebensmittelversorgung das wirtschaftliche und seelische Leiden einsam alternder Frauen gelindert. Gegenwärtig ist — ein Beweis für die rastlose Initiative des Bundes — ein Heim für alleinstehende gebildete Frauen in Vorbereitung, das nach der verdienstvollen, noch heute unermüdlich tätigen Leiterin des Vereins den Namen „Beate-Guttmann-Stiftung" tragen wird. Diese Uebersicht erschöpft keineswegs alles. Aber sie genügt, um zu zeigen, dah die Breslauer Ortsgruppe des IFB. eine bedeutsame und segensvolle Leistung zur Erhaltung und Festigung der jüdischen Gemeinschaft vollbringt. Albert Ottinger amerikanischer Botschaster in Madrid? Amerikanische Zeitungen melden, daß Albert Ottinger, der ehrenvoll unterlegene republikanische Kandidat, auf den Posten eines Gouverneurs des Staates New Jork, bekanntlich ein Führer des sozialen jüdischen Lebens in den Vereinigten Staaten und Schwager Louis Marshalls, in diesen Tagen zum Botschaster der Bereinigten Staaten in Spanien ernannt werden wird. 172