Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 17 (26.4.1929)
- Date
- 1929-04-26
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Herstellung der Mazzot einst und jetzt fttühiriHftorito» 3M**». Da» Pessach-Fest, das älteste der Feste Israels, beginnt am sünfzehnten de» Frühlingsmonates Nissan, wirft aber seine fröhlichen Strahlen voraus, amtlich, wenn man so sagen dars. bis zum Ersten dieses Monates, in dem man fortab keinen Fasttag halten und kein Thachanun", sagen darf. Auheramtlich, schon einige Monate früher: die großen Mazza-Bäckereien kündigen oft schon kurz nach Chanukka den Beginn ihrer Tätigkeit an. In früherer Zeit, bevor es Maschinen gab. die Mazza buken, wurde das ungesäuerte Brot durch Menschenhände hergestellt. Da man damals mehr Zeit hatte, konnte man sich es leisten, später anzufangen, gewöhnlich kurz nach Purim. In kleinen Ortschaften war das Mazza-Backen damals eine der Hauptfunktionen des Haushaltes, und keine wohlhabende .^»aus frau, die etwas auf ihre Würde hielt, ließ es sich nehmen, die Osterbrote im eigenen Hause zu bereiten. Gewöhnlich vereinten sich mehrere Hausfrauen bei der, welche über die geeignetsten und bequemsten Räumlichkeiten verfügte, und diese nahm gern alle Mühen und Strapazen auf sich, um der Ehre teilhaftig zu werden, daß das „Brot der Armut, welches unsere Bäter atzen, als sie aus der ägyptischen Knechtschaft zogen", unter ihrem Dache hergestellt würde. Aermeren Hausfrauen, die nicht abkommen konnten, wurde die Aufgabe, dabei mitzuwirken. von glücklicheren Genossinnen abgenommen. Alle Mitwirkenden mutzten peinlich sauber gewaschen und womöglich in weiße Obergewänder gehüllt sein. Am Abend zuvor konnte man die Rabbiner und die Honoratioren der Gemeinde in langem Zug mit Kannen und Krügen in den Händen zum Brunnen schreiten sehen, um vor Einbruch der Nacht da» Wasser zu holen, welches übernachten sollte — majjim schellanu —, um am folgenden Tag zum Einrühren des Teiges verwendet zu werden. Es herrschte nämlich die Borstellung, datz das Wasser über Nacht von der unter der Erde gehenden Sonne erwärmt wird, und daher des Morgens verdächtig ist, den Teig zum Gären zu bringen. In den improvisierten Bäckereien wachten die erfahrensten und tüchtigsten Hausfrauen darüber, datz die Mazza beim „Einmerren" — ein althochdeutsches Wort, das nur noch im Munde der Juden fortlebte und soviel als Einrühren des Mehles bedeutete — beim Walken — Walgern — und Kacken vor der geringsten Gärung zu bewahren. Was war das für ein munteres.i seliges und weihvolles Treiben; während der ganzen Zeit herrschte völlige soziale Gleichheit, Hausfrau und Magd, <>err und Diener, arm und reich, die Gelehrten und die schlichten Männer aus dem Volke waren unter gleichmäßiger Verteilung der Funktionen an der Herstellung der Mazza beteiligt. Die nichtjüdische Dienerschaft, häufig auch die Nachbarschaft, half wacker mit, zumal die Mazza dem nicht jüdischen Gaumen gar sehr mundete. War der Teig unter großer Vorsicht und geschickter Arbeitsteilung glücklich geknetet und in „Merren", dann in kleine Stückchen geschnitten und diese zu runden kleinen Kuchen gewalkt, so kam das „Rädeln" oder „Stuppeln", welches flinke Knaben- und Mädchenhände besorgten, indem sie mit gezahnten Messingrädchen über die Kuchen fuhren, um sie dadurch vor dem Auslaufen in der Ofenhitze zu schützen und ihnen die feine zarte Form eines runden Blattes zu bewahren. Die Schulkinder hatten die ganze Zeit über frei, um bei der „Mizwa" Mitwirken zu können. Doch gab es auch erwachsene und besoldete Spezialisten für die schwierigeren Verrichtungen, wie das Rädeln. Eine besondere Verantwortlichkeit ruhte auf den Schultern des „Schiebers", dem es oblag, die Mazza auszufangen, geschwind in den glühenden Ofen zu schieben und sie ebenso geschwind, schon nach wenigen Sekunden, herauszuholen, damit sie einerseits nicht mehr als nötig der freien Luft ausgesetzt wäre und dadurch in den Verdacht der Gärung käme, andererseits aber auch nicht anbrenne. Die Töchter Israels wachten mit allertreuester Sorgfalt, daß die überaus strengen Vorschriften über das Gesäuerte aufs peinlichste beobachtet würden. Die Vorschriften kennen keinen Spatz, das geringste Versäumnis oder Versehen nimmt dem Brote die Eigenschaft des Ungesäuerten und macht es für den Pesiach nicht -nur untauglich, sondern es ruht darauf das strengste Verbot jeglichen Genusses während des Festes. Vom Beginn des Kneten bis Mm Herausholen der fertig gebackenen Mazza aus dem Ofen dürfen nicht mehr als 24 Minuten vergehen. Im Mittelalter war das Mazza einen Zoll dick, das ist noch heutzutage bei j den Sepkordins der Fall. — Bei den Karäern ist sie erheblich dicker. — Bei uns gehen gewöhnlich 4 oder 5 Mazzot in der Dicke auf einen Zoll. Eine Mazza, die in Eiern, Wein, Oel oder Honig geknetet wurde, heißt „Mazza Aschira" — reiche Mazza — und taugt nicht, um mit ihr die Pflicht des Mazzot- »ssen» am Sederadend zu erfüllen, da zu diesem Zweck — Mazzot Mizwah — nur das „Brot der Armut" gebraucht werden darf. *) Buhgebete, dir man in den Morgengottesdienst »instreut. Man soll keine Figuren in dir Mazza ritzHr und sie nicht in Formen schneiden, obwohl eine solche Mazza für den Sederadend tauglich Ist, denn der Teig kann während der Zeit, die diese Spielerei in Anspruch nimmt, gären. Welcher Jubel herrschte, wenn nach tagelairgein, „heihem" Bemühen das Werk vollbracht war und man die Mazza, sorg sam in weißes Linnen gewickelt, in die Körbe packen durfte! Man wünschte sich gegenseitig alles Gute, datz Man das nächste Jahr in Freuden erlebe, datz iqan die Posaune des Messias zu hören begnadet werde und „das große Passahfest der Zukunft - — das Reich Gottes — mit eigenen Augen schaue. Die Frauen vergossen dabei Tränen gelinder Rührung und srommer Freude. Im Verlaufe der Zeit hat auch aus diesem Gebiete die Haus industrie dem Unternehmertum weichen müssen. Besonders, in den grötzeren Städten wurde der Mazza Bäcker eine stehende Figur. Er versorgte die Stadt und deren Umgegend mit dem Bedarf -an Osterdrot. Die Poesie des „heimischen" Mazza- Backens verschwand allmählich. Endlich .bemächtigte sich die Großindustrie auch dieses Produktionszweiges. Um das Jahr 1856, erfand ein Wiener eine. Maschine zum Mazzot-Bereiten, durch die der Teig mittels zwei Metallräoeln geknetet, gerollt und in viereckige dünne Stücke geschnitten, dann betupft oder gestoppelt herauskam. Ti« blätterförmigen Stücke wurden auf ein Blech geworfen, worauf sie schnell in einen glühenden Ofen geschoben wurden, um gebacken zu werden.. Die Ecken wurden weggeschnitten und wieder in die Maschinegebracht. Da aber dieser Teig inzwischen gären.konnte, so^wurde die Maschine dahin verbessert, daß die Kuchen, rund herauskamen, auch wurde an sie eine Backmoschine angebliedert. Und die Mazzot konnten vom Anfang an bis zum Schluß ganz ohne Menschenhände zubereitet werden. In den nächstfolgenden Jahren begannen diese Maschinen in Wien, Krakau und Lemberg zu arbeiten: 1875 tauchten sie in England auf und von dort kamen sie bald nach Amerika hinüber. Unter den rabbinischen Autoritäten Mittel- und Osteuropas entstand darob eine Kontroverse, die jahrelang andauerte und mitunter heftige Formen annahm und sogar die Gemeinden entzweite. Eine ganz kleine Bibliothek existiert hierüber. R. I o s e>p h Saul Nathansohn. der Oberrabbiner von Lemberg, der in der. ganzen jüdischen West als Autorität anerkannt war, und dessen Entscheidungen in religionsgesetzlichen Fragen vbn Rabbinätskollegien und Gemeinden buchstäblich aus allen fünf Erdteilen angerufen Mlrden — dafür zeugen die acht Riestnbände seiner Refponsensammlung —, stand an der Spitze derer, die dje Maschinenmazzot er laubten. Au der Spitze de^Gegenpartei stand der weltberühmte R. Salomon Klüger, der „Maggid" von Brody — er ver schmähte es sein Leben lang, sich den Titel Rabbiner beizulegen —, viel bewundert wegen seines erstaunlichen Scharfsinnes und feiner strengen Frömmigkeit, die ans Asketische grenzte, obwohl ihm jegliche Mystik syemd war. Diese Partei führte das Argument ins Treffen, dätz eine tote-Maschine, möge sie noch so präzis und kunstvoll kdnstrüiert sein, nimmer imstande t wäre, die Mazza während ihres ganzen Werdeganges so peinlich vor Gärung zu bewahren, wie: ein lebendiger Mensch. Die Maschinenteilchen würden während der Arbeit heiß, und ihre Berührung mit dem Teig bringe diesen zur Gärung, auch könne die Reinigung der komplizierten Maschinen nicht so peinlich genau durchgeführt werden, Nne bei den einfachen Backgeräten. Schließlich könne eine Fabrik Inicht so -überwacht werden wie eine häusliche oder handwerkliche Bäckerei. In^ erster Reihe aber führte diese Rabbinen dasj soziale Bedenken ins Feld, dqtz die Maschine zahlreiche gelernte Handwerker um ihr Brot und Verdienst bringen mutzte. Sie beriefen sich daraus, daß der Talmuh es vermied, das Purimfest auf. den Sabbat zu verlegen, weil dadurch die Armen Um ihre Geschenke kommen mußten — Megilla 4b —. Eine Maschine tue ihr Werk gedanken los wie ein Kind, während b^im Zubereiten der Mazza das Bewußtsein— Kawwanah — auf die Erfüllung der Mizwah gerichtet sein müsse, was nur bei einem erwachsenen Menschen der Fall sein könne — Pesachim 88a.—. Unausgesprochen blieb, daß man darin eine gesährfiche Neuerung, eine Reform witterte, die nicht auf halbem Wege stetzen bleiben würde. — Zu den Verbietenden gesellten sich indessen der berühmte Oberrabbiner von Warschau Berisch Meijfels, das Krakauer und das KonstaNtinopler Rabbinpt und ländere Autoritäten an, die sich ihre Argumente zu eigen machten. Segen diese Argumente erhob die Gegenpartei die Einwendung.- daß die Analogie mit dem Purimfeste nicht stichhaltig sei, da hier die Hauptsache die-Be schenkung der Armen sei. die am Sabbat wegfallen müßte, während bet der Mazzot das Verdienst der Armen nur eine zufällig« Nebenerscheinung bilde, wenn ibir derartige Rücksichten walten lassen müßten, hätte man auch!d»n Buchdruck verboten, da bei der früheren «spflogenheit die Kopisten mit der Herstellung von ~ 14t