Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 17 (26.4.1929)
- Date
- 1929-04-26
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Iudenstaat und Iudenkanzler Am Genesis eines „völkischen" Echlagworis Hermann Wendel, der bekannte Publizist, oerSsfentlicht im „Borwiirts" folgend« sehr bc« merhenswerte Ausführungen: Glatzen leuchten, Brillen blitzen, Bollbärte wackeln, und jedesmal, wenn vom Rednerpult das Stichwort „die Juden" fällt, erhebt sich heiseres Geschrei. Der Kleine Fanatiker dort oben, auch mit Glatze, Brille, Vollbart, weiß, was bei seiner Hörerschaft einschlägt. Er fuchtelt mit den Armen und schreit: Ich wiederhole, die Juden, nur die Juden sind schuld! (Bravo!) Der Jude arbeitet nicht selber, sondern er läßt andere für sich arbeiten! (Schieber! Lumpen!) Er kennt nur den Schacher und Wucher! (Juden 'raus!) Dabei wird bei uns eine Polilik von Juden für Juden getrieben! (Schande!) Die Presse ist verjudet. die Parteien sind verjudet, der Staat ist verjudet (Nieder die Iudenbande!), ja, die Regierung, der Kanzler selb st ist von den Juden abhängig: . . . Hier erhebt sich die Versammlung spontan und stimmt an: Wir brauchen keine Iudenrepublik! Aber halt! Nicht doch! Bon Iudenrepublik ist keine Rede! Es handelt sich nicht um einen Ausschnitt aus dem öffentlichen Leben der Gegenwart, sondern so tobte vor einem halben Jahrhundert im Kaiserreich der Hohenzollern die christlich-arisch-germanische Entrüstung, und der Reichskanzler, der als Iudenknecht „gebrandmarkt" wurde, hieß weder Scheidemann noch Hermann Müller, sondern Bismarck und war der gleiche Bismarck, den heute „Völkische" und ihresgleichen als Nationalheiligen anbeten und nach dem sie ihre Iugendbünde nennen. In den demagogischen Stumpfsinn jener Zeit hineinzuleuchten, ist das Verdienst einer kleinen geschichtlichen Studie von Dr. Kurt Wawrzinek „Die Entstehung der deutschen Antisemitenparteien (1873 bis 1890)" (Verlag Emil Ebering, Berlin). In dem jungen Deutschen Reich hatte der befruchtende Tau der fünf Goldmilliarden französischer Kriegsentschädigung das Gründertum üppig ins Kraut schießen lassen. Zählte Preußen 1867 erst 225 Aktiengesellschaften, so entstanden 1871 259 und 1872 504 neue, viele davon als reine Schwindelunternehmungen, die lediglich den Leuten das Geld aus der Tasche zogen. Die Lockvögel dieser wahrhaft ohne produktive Arbeit vor sich gehenden Ausbeutung stellte der christliche Adel teutscher Nation und die altpreußische Beamtenschaft, die nach den „völkischen" Tiraden im Vergleich zu der Beamtenschaft der Republik Selbst» losigkeit, Rechtlichkeit und' Unantastbarkeit durch joIIc Poren schwitzte. In seiner berühmten Enthüllungch:ede. vom 7. Februar 1873 benannte der Reichstagsabgeordnete^ L a s k e r als sehr bedenkliche Erzgründer drei Säulen der Konservativen Partei, den Gehennrat W a g n e r. der einst die „Kreuzzeitung" aus der Taufe gehoben hatte, den Fürsten Putbus und den Prinzen Biron von Kurland. Unter den faulsten Gründungsprospekten standen die feudalsten Namen von Herrenhaus- und Landtagsmitgliedern, von Regierungspräsidenten, Regierungsräten und Landräten, von Ministerialräten. Legationsräten und Oberbürgermeistern, von Gerichtspräsidenten. ' Kammergerichtsräten und Oberstaatsanwälten—. die Zahl dieser Beamten war Legion: allein drei Polizeipräsidenten, v. 28 u r m b in Berlin, v. Brandt in Hannover und ».Gerhardt in Magdeburg, saßen im Aufsichtsrat von Gründergesellschaften! Als durch den großen Krach von 1873 viele kleine Leute über Nacht all ihr Erspartes verloren, schuf ihr Heulen und Zähneklappern die günstige Stimmung für die erste antisemitische Hetze in Deutschland. Die Schriften der Otto Glaga-u, Wilhelm Marr und Rudolf Meyer strotzten von all den lieblichen Schlagworten, mit denen die Hitler, Ludendorff und Reventlow geistig wehrlosen Kleinbürgern den Schädel vollstopften. Daß einzig die Juden den Vorteil vom Krieg eingeheimst hätten, daß Deutschland immer mehr der Iudenherrschaft verfalle, daß die „rote Internationale" nur die Geschäfte der „goldenen Internationale" besorge — all das konnten einfältige Gemüter schon damals als Heilswahrheit nach Hause tragen, und auch die Behauptung, daß dje künstlich erzeugte Pogromstimmung der „Ausbruch des germanischen Volksgefühls gegen ein fremdes Element" sei, war bereits in den siebziger Jahren gang und gäbe. Aber es fehlte — 1879! -— Puch nicht die Bezichtigung, mit der 1929 aus „völkischem" Mund die Republik herabgesetzt werden soll, daß die Juden „die b e st e n und wahrsten Reichsfreunde in.Deutschlan.d" seien, „denn dieses Reich" — das bismarckische, nicht die Republik? — „ist ganz dazu angetan, sie zu den höchsten und allerhöchsten Würden im Staate zu bringen" (Marr). Nicht minder hieß es — von dem Hohenzollern-Deutfchland des Jahres 1877, nicht von der.Republik! —, daß seine Regierung „der Börse unbedingt ergeben" sei (Meyer) und von da bis zu dem Vorwurf, daß der Mann an der Spitze, der Gründer des Reichs, der „eiserne Kanzler" ein Handlangerder Iudenherrschaft sei, war nur mehr ein kleiner Schritt. Durch die Gesetzgebung, die Deutschland wenigstens auf wirtschaftlichem Felde zu einem modernen Staat machen wollte, hatte er sich das Mißfallen aller hinterpommerschen Bärenhäuter ebenso zugezogen wie durch den vertrauten Verkehr mit seinem Leibbankier. Gerson Bleichröder, dessen Adelung ex sogar bei Wilhelm l. durchgesetzt hatte. Im Sommer 1875 schoß denn die „Kreuzzeituna" mit einer 2lrtikelreihe „DieAeraBleichr ü d e r - D e l b r ü ck - C a m p h a u s e n" los, die den Kanzler als intimen Iudenfreund verdächtigte. Tückisch wurde angedeutet, daß Bismarck schon in die Abhängigkeit von jüdischen Geldleuten geraten sei, als er „mit spärlichem preußischen Gesändtengehalt und ohne erhebliches Einkommen in Petersburg. Paris ukd Frankfurt guten Rat in finanziellen Dingen haben mußte". Als Folgeerscheinung sei heute B l e i ch r o d e r in finanziellnationalökonomischer Hinsicht der „spiritns familiaris (Hausgeist) des neudeutschen Reichs" unsere „Mitbürger semitischer Rasse" beherrschten die Gesetzgebung, die ganze Wirtschaftspolitik sei „I u d e n p ol i t i k" und laufe auf „I u d e n p r i v i l e g i e n" hinaus! Nur dieses Pfiffbedurfte es, um die ganze antisemitische Meute auf die Fährte Bismarchs zu setzen. Immer wieder reibt sich der unbefangene Leser die Augen, um sich zu vergewissern, daß er in Rudolf Meyers „Politische Gründer und die Korruption in Deutschland" nicht eine „völkische" Sudelei Legen die schwarzrotgoldene Republik vor sich hat. sondern, daß das bismärckifche Reich bezeichnet wird als „ein System der Aussaugung und Ausräubung des Volkes durch Blutsauger. welche sich dex Gunst der obersten Regierungsbehörden, des Fürsten Bismarck und einiger seiner Minister in hohem Grade erfreuen". Das glorreiche deutsche Kaiserreich und nichts anderes ist gemeint, wenn es in der gleichen Schrift heißt' Solange.der Fürst Bismarck das allein mächtige Idol bleibt, wird die deutsche Nation dem Reich, das Reich dem Kanzler geopfert werden, und derKanzler gehört den Juden und Gründern. Daher gibt es für unsere Politik nur eine gebundene Marschroute: Beseitigung des jetzigen. Systems und seinesTrägers! Ja, nieder mit der Iudenre--^ pardon, mit der Iudenmonarchie! Auch von katholischer Seite wurde in den „H i st orisch-Poli tischen Blättern'.' von 1875 dem Reich W i l h e I m s l. und B i s m a r ck s der jüdische Ursprung bestätigt: „Alles, was bei uns Gesetzegibt, was in den Finanzen, in der Wissenschaft, der Kunst, der Presse das Wort führt, hat in seinen Adern semitisches Blut rollen". Noch strammer ging eine Schmähschrift ins Zeug, die der „Reichsglöckner" Joachim Gehlfen unter dem Titel „Das kleine Buch vom großen Bismarck" 1877 in Bern 139