Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 16 (19.4.1929)
- Date
- 1929-04-19
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4911661-5448526-5449089--2150-4913567- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Belastete Erziehung Bon Kam. Lehrer In den Erziehungsproblemen einer bestimmten Epoche spiegeln sich die Realitäten der Zeitlage. Es gibt keine Erziehung im luftleeren Raum, keine gewichtlose, von der Wechselwirkung mit den Zeitforderungen befreite Erziehung. Erziehung wird sogar, mit dem ihr eigenen Ahnungsvermögen der Besorgnis, Zustände künftiger Entwicklungen vorauszusehen um das Bedrohliche im Zukünftigen in den Plan ihrer Einwirkungen einzusetzen versuchen. Solche Ausschau für das Erzieherische ist so selten und so schwer wie jeder großzügige Blick vom engen Gesichtskreis des Augenblicklichen in das Werden der Entwicklungen. ] Unsere Erziehung trägt an einem Passivum, an der Belastung aus der Vergangenheit. Die Notzeit des Krieges hat ihre Spuren in die Seelen der in der Kriegszeit ausgewachsenen Generation gesenkt. Väter, Lehrer, Erzieher dieser Generation standen unter dem Eindruck des militaristischen Erziehungsideals. Unterordnung und Gehorsam waren das Ziel, Strenge das erprobte Mittel und eitle, selbstgefällige, erzwungene Autorität der bequeme Erfolg solcher Erziehung. Die Pädagogik des Militärischen lieh die Psychologie des Kindes völlig vergessen. An diese folgenschwere Verirrung sollte jeder jüdische Vater, jeder jüdische Erzieher denken, um das mehr oder weniger bemühte Spiel militaristischer Erinnerungen aus seinen Erziehungsmahnahmen auszuschalten. Wie ist solche Vergangenheit zu überwinden? Indem man mit wachen Sinnen den Lebensformen unserer Jugend folgt, indem mgn sich frei macht von allen autoritären Regungen» die aus dem Grunde des Aelterfeins, des Erlebthabens, des Besserwissens aufschiehen, indem man den jungen Menschen zubilligt, was ihr gutes Recht ist: ihre -gesunde Auflehnung gegen alles das, was an jene Zeit des Zwanges erinnert, ihr glückliches Unverständnis gegenüber )ener noch in der Kriegspsychose dämmernden Phraseologie vom „Stahlbad des Krieges", vom „Gott des Krieges", vom „Kriege, dem Instrument Gottes". Indem man versteht, dah die Jugend ausruhen möchte von der Problemenwirrnis des letzten Jahrzehnts und sich zurückzieht aus der Frontlinie der Problemkämpfe in ein seelisches Zentrum, in dem sie mit tiefem Ernst den Mittelpunkt für alle Wirkungsradien der moralischen Einstellung erblickt. Die Bereitschaft, sich mit den letzten literarischen Erzeugnissen, die schwere Anklagen gegen das militaristische Erziehungssystem RMellen, auseinanderzusetzen.bildet ein Gegengewicht gegen(ms Bevorzugung militaristischer Erziehungsmittel. Lampels „Revolte in einem Erziehungshaus" stellt trotz aller, die Mehr oder weniger begabt an diesem Werk herumanalysieren, eine Aufrüttelung des Erziehergewissens, eine Mahnung zum Bekennen und zum Erkennen dar. Dah auch jüdische Erziehungsanstalten diesem Rufe, sich zu verantworten, folgen, sei als Absage gegen eine militaristische Erziehung zur Unfreiheit und als Zusage gemäß dem jüdischen Ideal: „Es fei dirdieEhredeinesSchülerswiediedeine" erzieherisch wirken zu wollen, aufgefaht. Wo dieser vom Judentum gewiesene Erziehungsweg mit der großen seelischen Hingabe, die den wahren Erzieher kennzeichnet, beschritten wird, fällt alles, was noch an militaristische Ixrtümer erinnert, ab. Das Ehrgefühl des Werdenden wird heilig gehalten. Wo er gehorchen soll, stimmt er innerlich zu. Wo er zustimmt, imrkt er an seinem Erziehungswerk mit. Der junge Mensch wird sein eigener Helfer. Er antwortet sich und verantwortet sich vor der höchsten Instanz in sich: dem ewig Guten im Menschen. Der Erzieher ist nicht mehr der über ihn Befehlende, er ist sein Befreier, „kein Sklavenhalter" mehr. Der Midrasch dichtet um das Bibelwort: „Zizchaks Augen waren trübe vom Sehen" folgende Auslegung: Als Zizchak gebunden auf der Schlachtstätte lag, weinten die Engel im Himmel. Ihre Tränen fielen in die Augen Zizchaks und hinterliehen dort Spuren. Als Zizchak alt wurde, verloren seine Augen an Kraft. — Die Nachwir- W. Bacher, Kassel. - kung des Kindheitserlebnisses auf das ganze spätere Leben wird hier vom Midrasch aufgezeigt. Die Kinder, welche mit den Schrecken des Krieges groß wurden, tragen solche Erlebnisse mit sich herum. Die Erwachsenen Generation ist von solchen Erinnerungen belastet. In der Erziehung ist uns einmalig der Weg gewiesen, von jener Vergangenheit frei zu werden und eine Zukunft einzuführen, die einer Wiederholung jener schweren Kriegs- und Notzeit mit allen Mitteln entgegenärbeitet. Der Hintergrund des Langköpp-Prozefses völkische Hetzer. Die Qefsentlichkeit hqt an der fünftägigen Verhandlung gegen den Farmer Langkopp, der vor einem Jahr den Vizeprü sidenten des Reichsentschädigungsaintes mit Cprengkosfer und Revolver viex Stunden lang ständig bedrohte, und seinen Mit gngcklagten Loos ein besonderes Interesse gezeigt. Vor allem wohl deshalb, weil ursprünglich der biedere Farmer als Märtyrer für eine gerechte Sache gegen schweres Unrecht ge gölten hatte. Im Laufe des Prozesses hat sich dieses Bild doch erheblich verschoben, und es stellte sich heraus, daß für die Hunderttausende armer Kriegsgeschädigter, denen wirklich Unrecht geschehen ist und die schwer zu leiden hatte» und habe». Langkopp keineswegs ein typisches Beispiel, bestimmt aber kein sehr repräsentativer Vertreter ist. Da gegen wurde immer klarer, dah dieser Mann von erheblicher Intelligenz in den Jahren, in denen es ihm schlecht ging, zun, Querulanten geworden ist, und dah Mne Gedanken gänge sich schließlich völlig in den Geleisen bewegten, die völkische Hetzer init groher Geschicklichkeit und Energie ausgeschlachtet haben. Deshalb müssen auch wir uns mit diesem Prozeß beschäftigen. , Die Zuhörer im Gerichtssaäl.wurden zum erstenmal stutzig, als durch Zeugenaussagen bekannt wurde,, daß Langkopp für seinen angeblichen Selbstmord, im' Zimmer des Geheimrats Bach sich den Redakteur der rechtsradikalen Zeitschrift „Fridcricus", Holtz. als Zeugen besorge» wollte. Warum eigentlich gerade Herrn Holtz? Das blieb nicht lange unklar, denn Grheimrat Bach, das Lpser jenes. Attentatsversuchs, der dann nur ein '„Selbstmordversuch", sein sollte, berichtete, Langkopp und Loos hätten sich in seiiieäi Zimmer auch über politische Dingemiteinander unterhalten und zwar in einem Sinne,' der einen Zweifel an ihr» deutsch-völkischen Einstellung nicht zugelassen habe. Jetzt wurden auch manche Hintergründe der Gewalttat Langkopps aufgehellt. Die Saat, die rechtsradikale Verhetzung gesät hatte, war in diesem Menschen üppig ins Kraut ge schossen und hat in direkter Linie schließlich ^zur"Anwendung von denjenigen Gewaltmitteln geführt,' die den Völkischen in ihrem politischen Kamps so locker sitzen. Diese Erkenntnis, die man im Gerichtssaal gewann, wurde zu einem klaren Bild abgerundet,' als Langkopp seine Revers hielt. „Wenn das deutsche Volk das wüßte, .was ich weiß, dann würde es von morgen Vormittag ab keinen Pfennig an Reparationen mehr bezahlen. Ich weiß,' wer unser nationales Un-> glück verschuldet hat, wer den Krieg angezettelt, wer die' Revolution entfacht, die.Inflation ins Werk gesetzt hat: Es find die geheimen Mächte . . ." Nach diesen Worten siel ihm Landgerichtsdirektor Ziegel, der mit ruhiger Bestimmt heit und Ueberlegenheit die Verhandlung führte, ink Wort und machte den primitiven „politischen" Ausführungen Langkopps ein Ende. Aber sehr charakteristisch war diese Szene. Sie deckte die Quellen aus, aus denen der .Impuls zu der Gewalt tat geflossen war. Es sind dieselben, die auch die labilen Gemüter anderer Attentäter gespeist haben. Das Attentat Langkopps hat glücklicherweise keine schweren Folgen gehabt. Durch die G e s i n nung des Täters aber kann sie jenen Attentaten an die Seite gestellt werden, in deren Folge unendliches menschliches Leid und schwerste staatspolitische Komplikationen sich einstellten. Die Mörder Erzbergers und Rathenaus, durch Jugend 3h meinem 2Ljährigeu Jubiläum al» Lhrfredakteur im p.rlag Ullstein find mir vom Bundesvorstand. «andesberbänden. Mrtsgruppen und sahlretchen «ameraden herzliche Glückwünsche sugegangen, die mich außerordentlich erfreut haben, jch darf auch auf diesem Wege meinen ausrichtigften und herstichsten Bank sagen. Berlin, im April l-2h Lri«, G o eb 133 r i