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Der Schild · 1929-04-19 · 16 (19.4.1929) · p. [Seite]

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Journal
Der Schild
Volume
8 (1929)
Issue
16 (19.4.1929)
Date
1929-04-19
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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mit dem Auge der Sehnsucht, und andere vollenden das Werk, das er begonnen hat. * Haben wir nicht dasselbe Bild bei allen großen Umwälzungen, bei allen wichtigen Ereignissen der Geschichte vor uns? Ist nicht immer das Verhältnis zwischen Volk und Führer der sichtbare oder unsichtbare Schlüssel zum Erfolg oder Mißerfolg? Das Volk ist ein Instrument, oft ein sprödes, der Führet muß Musik daraus machen. Er muh ein wahrer Künstler sein, die Begeisterung und die Genialität des Künstlers in sich tragen. Er hat den Beruf dazu von einer höheren Macht empfangen und er ist für das Werk verantwortlich. Das Volk'verstehen, um es zu beherrschen. — das ist seine Aufgabe. Durch Liebe und nicht durch Egoismus, durch Wahrheit und nicht durch Lüae. durch Wirklichkeitsstnn und nicht durch demaaogische Heuchelei muß er das Volk für seinen Beruf erziehen. Aus dem Volke und seiner Seele das Beste herausholen, um d->s Aufbauwerk der Gemeinschaft vollhrinaen. — das ist fein Beruf. Wohl dem Volke, das in schwerer Schicksalsstunde die geeigneten Führer findet! Unser Unglück war, daß mit dem Wandel des Systems nach dem Weltkriege eine Zerstörung verbunden war. wie fie^die Geschickte nie kannte. Noch schlimmer: eine Umwandlung des Menschen, des Geistes- und Gemütslebens. Ein Erwachen zu neuem Leben war nötig, und viele verstanden es nicht. Neue schwere Aufgaben tauchten. auf. und viele erkannten sie nicht. Die Torheit ist ein hehnrrliches Element. — das ist die innere Stärke der Reaktion. Wir hatten in Deutschland, als eine neue innere und äußere Welt nufgehaut werden sollte, menine Architekten und nicht nllzu viel Bauarbeiter. Wir besaßen wenig wirkliche Führer, und die hatten mit unendlichen Schwierigkeiten, zu Kämpfen. Und beute? Wir haben viel mebr Demaoogen als große Fübrer in Deutschland Wir kranken am Mangel der Idealisten Denn der wahre Idealismus der. auf dem Boden der Wirklichkeit stehend, alle Kräfte dem Seaen der Gemeinschaft dionltbar mackt. ist kein Vbantom. sondern eine reale Macks. Es . ist verhängnisvoll, daß ein großer Teil der deutschen Jugend beute nach Gewalt strebt und das Volk der Dichter und Denker zum Volke der Brutalität uhd Robeit macken möckte Die Gewalt ist eine blinde N^ackt die noch nie zu einem hohen Ziele geführt bat. Noch ickliwmer ist das Praßen mit Gemalt, wenn keine Macht dahinterstebt. Nur hie wahre Liebe zum Volke kann uns helfen. Nur der Weg durch ethisches Verantwor^lickkeitsaefiibl oezüaelter Freiheit und nicht die hemmungslose Leidenschaft kann uns aus der Verwirrung zum Lichte führen. ' Wir leben in einer schweren Zeit. Aber wir Juden haben in der Geschichte noch schwereres erlebt, ohne zu verzagen. Der Glaube an die Gerechtigkeit, das Festhalten an erkannten Wahrheiten war unsere Stärke, und diese Tugenden wollen auch wir moderne Menschen nicht aufgehen. Wir sind durch die Schule des Leidens gegangen. wir haben Geduld gelernt. Wir wissen, daß man die Höhe nur etappenweise erreicht, und daß man durch Geröll und Klippen, durch Schnee und Eis gehen muß, bevor man zum Gipfel gelangt. Wir sind die Brücke zwischen zwei Kulturen, wir werden getreten, aber wir führen zu neuen Idealen. Wir sehen eine Verwirrung vor uns, sorgen wir dafür, daß sich Schönes und Großes daraus kristallisiert. Ein gewaltiger Gärungsprozeß geht heute vor sich, helfen wir. daß daraus eine neue Welt der Wahrheit und Gerechtigkeit entsteht! Unser Pessachfest in seiner doppelten Bedeutung als Frühling in der Natur und im Leben, zeigt uns den Weg. den wir gehen sollen. Wie der Frühling sich durch'Sturm und Kampf zur Sonne emvorringt. so sollen^vir unsere Kräfte dem Ideale des Volkes weihen und den Weg zu einer besseren Zukunft freimachen. * Wir feiern mit unseren Vätern das schöne F reihe i t s f e st, und neue Hoffnungen beseelen uns, daß die Menschheit von Haß und Finsternis sich allmählich befreit und sich zur alten Erkenntnis des Judentums, daß w i r^ alle Kinder Gottes sind, durchringt. i:.U „Der Krieg-. — „Im Weste« uichiS Neues Urteile einer Fr««. Zwei Kriegsbücher sind kurz nacheinander in beutfeh Sprache erschienen, zwei Kriegsbücher, die in Riesenauflagen , kauft und gelesen werden und es gibt wohl keinen, der l ihrer eindringlichen taghellen Gefoenstigkeit entziehen Kar Keinen, der nicht Grauen und Scham fühlte. Bier Jahre Krie Ja, aber wußten wir denn das nicht mehr? Versagt unser (P dächtnis schon heute? Ist alles so schnell verblaßt? Giftaa' zermalmende Tanks, zerfetzende Granaten, verjauchte Unie stände. Millionenmord? Haben wir das nicht alles selbst e lebt? Mr Frauen nicht! Dies ist anders, grauenhafter, a: wir wußten. Unser Leiden, unser Schicksal, unser Tod wc anders. Das Gefühl tiefer Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkei das dumpfe Grauen des Nichtendens lastete auch auf luns, abc urssere Angst galt dem einen Leben, nein, dem einen To! immer war es Qual um den einzelnen, nie Das In beiden Büchern schafft die gleiche Stärke des Erleben die Wucht der Wahrbeit. Das große Grauen der Welt lieg nüchtern und phantastisch zugleich über allen Granattrichtern un Stackeldrähten. Ohne Sentimentalität, ohne Tendenz, ohm Schönfärberei ohne Heldengloriole wächst riesenhaft vor un> auf der Menscken Schlächterei Betrieb. Die ganze Sinnlosigkei starrt aus zerfchosienen menschlichen Stümpfen. Ludwig Renn hat sich eine Ausdrucksform erarbeitet, die a Hol'schnittechnik erinnert. Er ist ganz unliterarisch, er rec< striert alles mit fanatischem Realismus, ohne Rebellion, dumm, gehorsam, pflichtbewußt — ein kurzes Versagen kann ja dem Kameraden das Leben kosten —; er tut Dienst, tut feine Pflicki fragt nicht nach dem Warum des Geschehens. Ludwig Renn ii. der Frontsoldat besten unentrinnbares Schicksal der Krieg ist der vier Iadre dauernde Krieg, der Krieg ohne Ende. Tel Wille des Soldaten im Kriege ist ohnmächtig: ie grauenhafter der Tod Lücken riß. um so enaer schlosten sich die UebSrleben den zusammen: je tiefer das Elend und die Qual war. um so stärker wuchs der Kameradschaftsgeist, ie trostloser, je aussichtsloser die Laae. um so größer wurde das Verantwortungsgefühl. Und trok aller Verbundenheit menschlicher Kreatur, bricht doch immer wieder, aanz ohne Pathos die Einsamkeit dieser zerstörten, wur-ellosen Generation durch, die beim Zusammenbruch wußte. ..daß es noch lange nicht nach Hause ging". Bei Remarque tritt das objektive Geschehen nicht hinter dem subjektiven Erleben zurück, allein seine Persönlichkeit ist aeoröater sein Geist ist disferenzierter. sein Atem voll Leidenschaftlichkeit. Remarque ist nickt in Renns Sinn der Soldat. Er war einer iungen. leuchtenden, noch ungelebten Zukunft zugewandt anqefültt mit Traum und ke»er Bewußtheit. Ein Dich' ter U"dZst verurteilt, ausqestoken, allein, grenzenlos allein, tkm bedeutet niemand Heimat, nichts Bindung. Er ist ohne Hoff nung, ohne Erwartung, er, seine Generation. Auch in diesem Buch ist kein Liauch von Patbetik. Dies nackt uns. dies einfache Aushalten. Durchhalten, diese armseligen, unselbständiaen Menschen, die dabei so wunderbare Kameraden sind, die gütig sind und die beim Sterben des Freundes in der Hauvtfache daran denken, besten Stiesel zu erben. Wir sind es. die in Schwäche versinken und Schrecken erstarren, die nur allein durch Humor. Gemeinheit und Znnismus dem Irrsinn entrinnen. Wir. wir Menschen sind es die anareilen, in Handgranaten und Bajnnette hineinkaufen. 'Menschen, die verbluten und hunaern. Menschen, die einander Hellen. Menschen, die sich das Mesier zwischen die Rinnen staken, Menscken, die Zwischendurch aanz veraniiat ihren Skat spielen, wir, wir sind das; entmenschte. menschlichste Menschen. Diese beiden Bücher, ..Ter Krieg" von Ludwig Renn und „Im Westen nichts Neues" von Erich Maria Remarque, müsten gelesen werden: wieder und wieder einhämmern in stumpfes träges Hirn und Herz Maskenstarre. Qual, Angst, Sinnlosig heil, Wahnsinn des Mordens. Annemarie kl. Kirchensegen für Friedensstörer D>e Volsische Zeitung schre-bt: Die Nationalsozialisten, die namentlich im Ruhraebiet keine Gelegenheit vorük rgeden lasten, sich als Friedensstörer zu gebärden, traten bei ihrem Gämag in Bochum auch zum „Bet n" an Die evangelische Pauluskirche war mit Hakenkreuzstondorten srstlich geschmückt. Pfarrer Schmidt III, der .dieWahrbeitredenundsich nicht den Mund verbieten lasten will", wandelt lest langem recht sonderbare Wege. Diesmal segnete ersei eBraunh mden, die er„KämpfersürRechtundWahrheit" nannte und schloß seine fri»df rtigePredigt mit den Dorten :„Euer Kampf ist ein heiliger Kampf. Gott mit Euch! Es geht um Reinheit und Sauberkeit!" A Tie katholischen Kirchen waren den Hakenkreuzlern verschlossen.

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