Mannheim
Compact Memory

Der Schild · 1929-04-12 · 15 (12.4.1929) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Schild
Volume
8 (1929)
Issue
15 (12.4.1929)
Date
1929-04-12
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4911661-5448526-5449087--2142-4913560
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ten zu trotzen. Wir wollen uns ins Gedächtnis zurückrufen, datz der unglücklich« Ausgang des Krieges, die Revolution, die schwere darauf folgende Wirtschaftskrise, und schliehlich die Inflation. von gewissenlosen Hetzern den Juden in die Schuhe geschoben wurde. Als die Inflation ihren Höhepunkt erreicht hatte, war es daher /eicht. Erwerbslosen, deren Wochengeld am Tage nach dem Empfang so entwertet war, datz es nicht mehr für diesen Tag seichte, in demagogischer Weise, während sie in Schlangenketten nach diesem Geld« anstanden, einzureden, datz die Juden daran schuld seien. Dadurch wurde «ine Pogrom stimmung erzeugt, die sich am o. November 1923, als der Brotpreis wieder erhöht wurde, in dev Gegend der Grenadierstratze entlud. Es ist eik Ruhmesblatt in der Geschichte der Ortsgruppe Berlin, datz sich Kameraden diesen raubenden, plündernden und mordenden Horden entgegenstellten, da die polizeilichen Kräfte zu spät erschienen und nicht ausreichten, und so den Pogrom im Keime erstickten. Es wurden die Kameraden zwar von der Polizei kurze Zeit verhaftet und leider auch m i tz Hände l t. An dem Prozeh aber, der darauf folgte, wurden sie freigesprochen. da das Gericht Notwehr anerkannte. Das Gericht führte aus. datz die Kameraden sich zufammengeschlosien hätten, um einen gegenwärtigen Angriff, der am Vormittag begann und sich bis in die späten Nachtstunden tortsetzte, abzuwenden, und um Glaubensgenossen zu schützen. Das war eine Art der Notivehr. da die polizeilichen Kräfte nicht ausreichten, um in ge «lügender Schnelle zur Stelle zu fein. Es «vor selbstverständlich, datz die Kameraden sich die Mißhandlungen der unteren Polizeibeamten nicht gefallen lassen konnten und gegen dieselben den Prozeß anstrengten, der mit der Bestrafung mehrerer Polizeiunterwachtmeister endigte. Auch zu politischen Ereignissen nahm die Ortsgruppe Berlin, soweit es die Neutralität des Bundes gestattet, Stellung. Als die Abstimmung in Oberschlesien die Entscheidung bringen sollte, ob dieses Land bei Deutschland bleiben sollte, da erließ die Ortsgruppe'Berlin an ihre Berliner Mitglieder einen Aufruf, soweit sie Oberschlesiersind, unbedingt an der Abstimmung teilzunehmen. Die politischen Wahlen zu den Parlamenten brachte die Ortsgruppe Berlin auch immer auf Teck. Es wurden von den Kameraden tage- und nächtelang Plakate und Zettel angebracht, in denen die antisemitischen Verleumdungen in Wort und Bild bekämpft wurden. In öffentlichen Versammlungen wurde gegen die antisemitischen Parteien Stellung genommen. Immer mehr erkannte die Ortsgruppe, datz man, ohne für eine bestimmte Partei einzutreten, bei Bekämpfung des Antisemitismus im Wahlkampf nur diejenigen Parteien unterstützen dürfe, die auf dem Boden der Verfassung stehen und die Republik anerkennen. So hat sie von Wahl zu Wahl zuerst zaghaft, dann immer deutlicher diesen Grundsatz in ihren öffentlichen Wahlversammlungen ausgesprochen. Was schließlich die -Entkräftung des Vorwurfs der Drückebergerei betrifft, so ist die Ortsgruppe diesen Verleumdungen in vielen Versammlungen, bei Behörden, in christlichen Kreisen aufs energischste entgegengetreten. Sie hat stets Der jüdischen Gefallenen ehrenvoll gedacht und diese Ehrung auch öffentlich zum Ausdruck gebracht. Entweder veranstaltete sie Gedenkfeiern auf dem jüdischen Ehrenfriedhof in Wcitzensee, oder sie nahm an dem Trauergottesdienst der jüdischen Gemeinde am Volkstrauertag teil. Auf dem Ehrendenkmal in Weitzensee brgchte sie einen Schild an und «veihte denselben zugleich mit der Tenkmalseinweihung ein. . Eo hat die Ortsgruppe Berlin im Abwehrkampfe stets die Pflicht getan. Darüber hinaus nahm sie an allem, was den Bund bewegte, regsten Anteil. Zahlreich waren die Anregungen, die auf den Bund befruchtend wirkten. . So ist die Bundesnadel auf eine Anregung der Ortsgruppe Berlin beschlossen worden. So verdankt das Bundesorgan „Der Schild" einer Anregung des Kameraden Tr. Martin Graetz fein Erscheinen. Bundesnadel und „Schild", die beiden Bindemittel, die den Zusammenhang und das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken, sind also dem Hirn der Ortsgruppe Berlin entsprungen. Dem Abwehrkampfe entsprungen sind 2 Bewegungen, in denen der Bund führend geworden ist: Ter Sport und die Siedlung. Dem Sport hat sich die Ortsgruppe schon frühzeitig zuge- «vandt. Schon im Jahre 1929 wurde auf Anregung des Kameraden Fridberg eine Turnriege befchlosien. Energisch konnte sich die Ortsgruppe erst dem Sport widmen, als die Jugend für den Bund Interesse zeigte. Zur Zeit der Pogrome kamen Jugendliche ,n Massen herbei, um sich an der körperlichen Abwehr zu beteiligen. Dies konnte natürlich nur in ganz erregten Zeiten eine Aufgabe für die Jugend fein. Als die Zeiten ruhiger wurden, mutzte die Ortsgruppe auf Mittel und Wege sinnen, um sich die Jugend zu erhalten. Es stellte sich nämlich heraus, datz ' ein Teil der Jugend politisch extrem eingestellt war und die anderen in dieses Fahrwasser hineinziehen wollte. Damit würde das wertvollste, was der Frontbund besitzt, nämlich die Neutralität, zunichte werden. Deswegen wurden nur die wertvollen 126« jugendlichen Elemente behalten und zur Iungfront zusammengeschlossen. Dies ging zwar' nicht ohne Kämpfe ab, aber es wurden ivertvolle Teile der jüdischen Jugend für den Frontbundgedan ken erzogen. In diesen Reihen brach sich immer mehr der Ge danke der körperlichen Ertüchtigung Bahn. Als die Iungfront immer mehr erstarkte und die Führung des Bundes in sportlicher Beziehung wegen seiner Neutralität auch von den anderen, jüdischen Organisationen anerkannt wurde, da ging die Ortsgruppe daran, die jüdischen Sportorganisationen Berlins zu einer Interessengemeinschaft zusammenzufassen, welche im Jahre 1924 unter dem Namen „Bis" gegründet wurde. Die gemein fame Basis fand sich in dem Bestreben, für die jüdischen Sport verbände einen gemeinsamen Sportplatz zu schassen, weil man erkannte, datz die körperliche Ausbildung der jüdischen Jugend harmonisch gestaltet werden müsse. Es wurden von der „Vis" auch einige erfolgreiche Sportfeste veranstaltet, die den Sportgedanken in der Berliner Iudenheit stark verbreiteten. Leider konnten die Mittel für einen Sportplatz nicht von der „Dis" aufgebracht werden, so datz sie nach zweijährigem Bestehen wieder aufgelöst werden mutzte. Der Gedanke der harmonischen Deutfchnationale und Nationalsozialisten auf gleicher Stufe Die nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei und die Teutschnationale Volkspartei haben im Preußischen Landtag gemeinsam eine grohe Anfrage eingebracht, die lautet: „Ist das Staatsministerium bereit, den deutschen Teil der Bevölkerung Preußens vor den überwiegend dem Judentum angehörigen marxistischen Hetzern zu schützen und alles zu tun. um diese intellektuellen Urheber der Gewalttaten gegen nationalgesinnte Deutsche der verdienten Strafe zuzuführen und ihnen ihr Handwerk zu legen?" Die „Frankfurter Zeitung" bemerkt dazu: „Die deutschnationale Landtagsfraktion hat keine Bedenken getragen, zusammen mit den Nationalsozialisten in Gestalt einer Interpellation eine große antisemitische Hetze zu unternehmen. . . . Datz sich die Deutschnationalen offiziell dafür hergeben und damit auf das Niveau der völkischen Radaumacher herabsteigen, ist ivohl ein Erfolg der Führung des Herrn Hugenberg." „Vorwärts" schreibt: „Bemerkenswert ist, datz die Deutschnationale Volkspartei unter der Aera Hugenberg auf dieses Niveau heruntergesunken ist und im Schlepptau Hitlers hängt. . .. Das ist nun der große Erfolg der Führung Hugenbergs: die Hitler, Strasser, Goebbels und Kompagnie geben für die Teutschnationale Volkspartei den Ton an. ... Firma Hitler und Hugenberg. wobei Hitler die Führung hat, und Hugenberg die beste Chance den politischen Ruhm Ludendorsfs zu gewinnen."' Ausbildung hat aber durch diese Gründung einen so festen Fuß gefatzt, daß die Berliner jüdische Gemeinde diesen Gedanken ausgenommen hat und durch ein Iugenddezernat, das auch schon ein Hallensportfest veranstaltet hat, die Sportbewegung sördert. Inzwischen ist der Sportgedanke in der jüdischen Iungfront so gefördert worden, daß sich auch junge Mädchen der Sportbewegung anschlossen. Es wurde däher im Jahre 1927 die Iungfront in eine Sportgruppe des RjF. Ortsgruppe Berlin umgewandelt. Die Beteiligung ans Hallensportsest der jüdischen Gemeinde, an anderen allgemeinen Sportveranstaltungen, das Aufziehen von eigenen internen Sportfesten, sowie der Beitritt zum V.B.A.V. hat die Sportgruppe zu einer ansehnlichen Organisation gemacht. Sie ist der zweitgrößte jüdische Sportverein in Berlin. Daneben besteht noch in der Berliner Ortsgruppe eine Jiu- Jitsu Gruppe. aus die der RjF. stolz sein kann. Aus ihr sind zwei Meister hervorgegangen: der schöne Sieg über die Iiu- »jitsu Gruppe bet Leipziger Polizei ist noch in aller Erinnerung. Einer Forderung der Berliner Polizei wurde vom Verbände aus vereinstechnischen Gründen die Genehmigung versagt. Und schließlich hat der Siedlungsgedanke in den Kreisen der Berliner Kameraden gute Fortschritte gemacht. Wenn auch die großen Kundgebungen fijx die Siedlung in Berlin von der Bundesleitung veranstaltet werden und auch die Finanzaktion der Bundesleitung überlassen bleiben mutz, so haben die Bezirke die Siedlungsfrage in die Massen getragen durch Ber-' sammlungen, die diese Frage zum Thema hatten. Auch die vereinigten Bezirksvorstände sowie die Funktionäre haben sich darüber orientiert. So kann die Ortsgruppe Berlin des RjF. am 10. Geburtstage desselben von sich sagen, datz sie in allen Fragen de« RjF. in regster Weise mitgearbeilrt hat, bei allen ihren Brranstaltun»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.