Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 15 (12.4.1929)
- Date
- 1929-04-12
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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I Die Ortsgruppe Berlin Von Kam. Dr. S. London. Wir beginnen heut« mit dem Abdruck einiger Artikel, di«, ursprünglich sür di« Zubiläumsnummer bestimmt, die Entstehungsgeschichte der band« schildern. Wenn der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten jetzt sein zehnjähriges Jubiläum feierte, und aus diesem Grunde der großen allgemeinen und jüdischen Oesfentlichkeit sein Wirken und seine heute noch bestehende Existenznotwendigkeit gezeigt hat, so darf ein Bericht der Ortsgruppe Berlin nicht sehlen. Zwar hat die Ortsgruppe in der Sondernummer vor einem Jahre ausführlich ihre Tätigkeit geschildert, aber umfassend kann ein einziger Artikel nicht sein, so daß noch, unter Vermeidung von Wiederholungen, genug zu sagen übrig bleibt. Die Landesverbände werden es wohl nicht wieder überheblich von der Ortsgruppe Berlin finden, daß sie sich als „B o r - Posten der Bewegung" bezeichnet, zumal da das Reich überall gegen Berlin gestimmt ist. Aber eine Organisation, die über das Reich verbreitet, groß und angesehen ist und deren zentrale Leitung ihren Sitz in Berlin hat, kann nicht gut bestehen, wenn sie nicht in der Reichshauptstadt, an ihrem eigenen Sitz, über eine kräftige, gut arbeitende Unterorganisation verfügt! Für einen jüdischen Verband kommt hinzu, daß Berlin ein Drittel der gesamten deutschen Iudenheit beherbergt. Deshalb mußte auch gleich nach Gründung des Bundes die Orts gruppe Berlin erstehen,,«nd schon im Sommer 1919 war sie da! Die Stellung Berlins war auch nicht dazu angetan, daß sich die Ortsgruppe nach Gründung der Landesverbände dem Landesverband Brandenburg anschloß, oder die Führung desselben übernahm, sondern sie mußte selbständig im Rahmen des Bundes bleiben. Andererseits konnte sie auch nicht zu einem Landesverband erhoben werden, weil die Politik des Bundes es erforderte, daß Berlin einheitlich geleitet wird. Trotzdem muhte Berlin in Unterabteilungen geteilt werden, weil die verschiedenen Gegenden Berlins gesellschaftlich, wirtschaftlich und sozial verschieden geartet sind und die Entfernungen zu groß sind, um die Veranstaltungen einem jeden Mitglieds zu ermöglichen. Diese Unterabteilungen wurden Bezirke genannt, die ihren Vorsitzenden in den Ortsgrüppenvorstand entsenden, um so die Einheitlichkeit zu wahren. Der Bundesleitung gegenüber jedoch mußte Berlin Ortsgrupp« BerUn und der einzelnen Landesverdieselben Rechte haben, wie die Landesverbände, deshalb wurde in den Bundesstatuten verankert, daß die Ortsgruppe Berlin die Stellung eint» Landesverbandes habe. Dieser Stellung als „Vorposten der Bewegung" hal sich die Ortsgruppe stets würdig gezeigt. Tie Ziele des Bundes wurden gleich nach Gründung energisch gefördert: zunächst dies Abwehrtätigkeit. Drei Aufgaben hat der Bund in dieser Beziehung z. T. bis auf den heutigen Tag zu erfüllen; de» Kampf gegen die Drückebergerei, die körperliche Abwehr und die Selbst zucht. -I ' '' Während die ersten beiden Punkte selbstverständlich, als Ge oiet des Bundes von allen. Seiten anerkannt werden, wird mancher fragen, warum gerade die Selbstzuchtaktion Ziel des Bundes sein soll. Daß. namentlich nach dem Kriege und zur Zeit der Inflation auch in jüdischen Kreisen Auswüchse in sitt> licher, kultureller und gesellschaftlicher -Beziehung vorkame». dürste nicht bestritten werden. Daß gerade der Frontbund fiih rend diesen Aufwüchsen zu Leibe ging, dafür gab ihm seine Tätigkeit für Vaterland und Judentum eine innere Berechtigung. Das haben die anderen jüdischen Organisationen auch ancr kannt. Selbstzucht beruht aber auf Selbsterkenntnis: deshalb muhte er in seinen eigenen Rethen mit der inneren Mission be ginnen. Tie Ortsgruppe Berlin stürzte sich mit Eifer auf btefe — Tätigkeit. _ In allen Versammlungeit^der Bezirke und Unterbezirke bis zu den kleinsten. Zusammenkünften der Kameraden wurde durch belehrende Vorträge auf die Erziehung gewirkt. In diesen — | wurden auch die Kameraden -zur Erziehung anderer vorbereitet, weil nur mit großem Takt diese Aktion geleitet werden konnte, und nur die besten -dazu geeignet waren. Vieles wurde darin geleistet. Besonders sei heroorzüheben, daß an den hohen Feier tagen gedruckte Aufrufe vor den Synagogen verteilt wurden mit ' der Ueberschrift: „Kämpft mit uns" und „An unsere Frauen", die ihre Wirkung nicht verfehlt haben. War diese Selbstzuchtaktion. eine wertvolle Waffe im Kamps gegen den Antisemitismus, so galt'tzs für die Ortsgruppe Ber lin ganz besonders auf der Hut zu sein, nm körperlichen Gewal > i Orleans höchstens einige Tausend. Im Stadtbild, das Neger und Kreolen bestimmen, verschwinden sie völlig. Es gibt aber doch hier jüdische Farmer und Planlagenbesitzer. Ich selbst kenne einen, dessen Vorfahren schon am Mississippi, oberhalb New Orleans, saßen, als hier noch mit Sklaven gearbeitet wurde. Ursprünglich stammt diese Familie aus der Pfalz, ist heute aber natürlich längst ganz assimiliert. XI. Die Bedeutung der amerikanischen Juden. Vor dem (jüdischen) Neujahrsfest hängen in New Dark an allen Postbriefkästen kleine Täfelchen mit der Bitte, man möge seine Glückwünsche nicht erst äm letzten Tage absenden; sonst entständen bei der Post derartige Anhäufungen, daß keine Gewähr für pünktliche Zustellung übernommen werden könne. Die Telegraphengesellschaften (Telephon und Telegraph werden drüben von Privatgesellschaften betrieben) geben für Neujahr eine eigene Code heraus: da kann man, je nach der Beziehung, in der man zum Adressaten steht, dem anderen auf siebenerlei Art seine Glückwünsche aussprechen. Man telegraphiert nur die Adresse und die Nummer des betreffenden Glückwunsches — die Empfangsstation setzt dann den vollen Text ein. Aus Wunsch und gegen nur ganz kleine Gebühr wird das Telegramm auf hebräisch mit hebräisch gedrucktem Telegrammkops überreicht. Solche und ähnliche Einzelheiten (selbstverständlich sind die hohen jüdischen Festtage Feiertage für ganz New York) verleiten leicht zü einer Ueberschätzung der Bedeutukg der Juden in den Vereinigten Staaten. Man kann davor nur warnen. Politisch spielen die Juden als solche keine Rolle, streben auch gar nicht danach. Die wirtschaftlich-finanzielle Stellung der Juden haben wir schon eingehend dargelegt. Es bleibt also noch die kulturelle Bedeutung. Diese ist — namentlich in New Jork — kaum zu überschätzen. Freilich, es gibt auch hier viele, die nur dem Geld und dem Beruf leben. Kann man das aber auch einem Manne übelnehmen, der es — nach lebenslanger Arbeit — sagen wir zu einem Leichenbestattungs Geschäft gebracht hat? «ber die Mehrzahl der Juden ist neben „business" in irgendeiner Form am geistigen Leben interessiert. Musik, Kunst, gute» Theater, Dichtung. Philosophie: bis vor kurzem waren es - nahezu ausschließlich Juden, die sich damit beschäftigten, die dafür stets Geld zur Verfügung stellten. In den letzten paar Jahren, seit die Generation herange wachsen ist. die den Krieg in ihrem zweiten Lebensjahrzehnt erlebte, hat sich das etwas geändert ist die ernsthafte Geistigkeit nicht mehr ausschließliche Domäne der Juden. Aber dennoch ist auch heute noch ihr Einfluß unverkennbar, ihr Verdienst unbestreitbar. Freilich kann man auch im Intellektualismus der amerika nifchen Juden leicht negative Züge entdecken. So bezeichnet der trockene, äußerst schlagfertige Witz der Dankees die Freudfche Psychoanalyse die, wie die gesamte moderne Psychologie, die Juden drüben verbreitet hohen) als „Iewish Science" („Jüdische Wissenschaft") im Gegensatz zu der weitverbreiteten „Christian . Science" („Christliche Wissenschaft"). Aber es ist unleugbar (und wird auch drüben selten bc stritten), daß die Vermittlung des Modernen europäischen Geisteslebens an Amerika in erster Linie den Juden zuzuschreiben ist. Wenn heute'New Aork auch in kultureller Hinsicht eine halb europäische Stadt ist, so hat Manhattan das vorwiegend seinen Juden zu verdanken. XU. Rückblick. Die Vereinigten Staaten sind in allem von einer stets zugleich berückenden und verwirrenden Vielgestaltigkeit. Nichts läßt sich dort auf einen Nenner bringen; nie ein verallgemeinerndes Urteil fällen. i So gibt es auchauf die Frage: wie geht es den Juden in Amerika, keine einheitliche Antwort. Auch unter ihnefl traf ich Begeisterte und Verzweifelte, resigniert Abgestumpfte und Men schen, die vor Sehnsucht nach der alten Heimat kaum.mehr leben konnten. Es spielen däbei so viele Momente mit, daß es schwer ist sich ein klares Bild zu wachem Jedenfalls wird man aber in Amerika jeden nach seiner Weise leben lassen (er darf nur die anderen nicht bekehren wollen!) und jede Leistung kann zu ihrem Recht kommen. Dies beides ist sicher schon sehr viel. 125