Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 15 (12.4.1929)
- Date
- 1929-04-12
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Ritualmordmärchea geht in Bayern «m Da» ermordete Kind in Manau. — Hemmungslos« Hetze der nationalsozialistischen Press«. — .Ueberfiillt« Massenversammlungen der Nationalsozialisten. — Eine feierlich« Erklärung der bayerischen Rabbiner-Konferenz. Am 24. März wurde in Manau bei Hofheim in Bayer» ein fünfjähriges Kind vermißt, das man spät abends in einem Wald mit durchschnittener Kehle ausfand. Tie Polizei nahm sich sofort der Sache an und leitete eine energische Untersuchung ein. Die Nürnberger Wochenschrift der „Stürmer" be «nächtigte sich der Angelegenheit und suchte das Verbrechen in einen Ritualmord umzubiegen. Sie brachte folgende Notiz: „Die Kehle war durchschnitten und die Leiche völlig blutleer. Die Aufregung in der Bevölkerung ist ungeheuer. Allgemein, herrscht die Ueberzegung,' daß es sich hier um einen jüdischen Blutmord handle." Die nächste Nummer des „Stürmer" brachte in schreiender Aufmachung einen Leitartikel: „Der Blutmord in Manau. Der blonde Knabe. Ter Stich in die Halsschlagader. Der blutleere Körper. Die Wunde am Rückenwirbel. Das ge heimnisoolle Auto." In dem Aufsatz selbst heißt es: „Tie Sektion der Leiche ergab, daß der Körper völlig ausgeblutet war... damit ist der Beweis einwandfrei geliefert, daß es sich hier nur um einen jüdischen Blutmord handeln kann. . . . Das Opfer trägt auch noch am Rückenwirbel eine Wunde, die an den jüdischen Brauch erinnert, am Vorabend des „Schabbes" schwerkranke Juden zu „knicken", damit sie nicht durch den Tod den „Schabbes" entheiligen." Der Schreiber behauptet, überall,nur eine Stimme vernommen zu haben: „Es geht auf Ostern zu. es kann nur ein Blutmord fein!" Diese Nummer des „Stürmer" wurde in einer großen Anzahl von Exemplaren in der Manauer Gegend verteilt, nationalsozialistische Agitatoren erregen die Be völkerung. Drei Versammlungen, die die Nationalsozialisten am 3. April in Hofheim veranstalteten, in denen Landtagsabg. Dr. Hellmuth sMarktbreit) zur „Schächtfrage". Landtagsabg. ^>oltz zur „Sache", sowie die Krann und Poisel sprachen, waren gange vor Beginn überfüllt.j „ Der Zentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens wirkt auf jede möglich^ Weise dieser maßlosen Hetze entgegen, der auch die Geistlichkeit aller Konfessionen und die Behörden aufs lebhafteste entgegenzutreten gewillt sind. Der Zentral-Verein hofft, daß die polizeiliche Aufklärung des Verbrechens den Verleumdern den Boden entziehen wird. Die Borftandschaft der bayerischen Rabbiner-Konferenz, gezeichnet Dr. Freudenthal-Nürnberg, Dr. Hannover-Würzburg. Dr. Stein-Schweinfurt, Dr. Salomon-Bayreuth, Dr. Baerwald- Münchenj Dr. Wohlgemut-Kitzingen, Dr. Ephraim.Burgpreppach. veröffentlicht im „Boten vom Haßgau" eine Erklärung, in der es heißt: „Das verabscheuungswürdige Verbrechen des Kindermordes bei Manau gibt gewissenlosen Hetzern willkommenen Anlaß, wiederum die schon unzählige Male als Lüge gebrandmarkte Mär eines Ritualmordes in die Bevölkerung zu werfen. . . . Mr empfinden es als Schmach, daß sich das Judentum auch heute noch gegen einen so schimpflichen Vorwurf wehren zu müssen gezwungen ist, gegen einen Vorwurf, der auch dem oberflächlichsten Leser der Bibel als ein Wahngebilde des Hasses erscheinen muß.! Wir erklären hiermit feierlichst: Tie Quellen der jüdischen Lehre, insbesondere auch des Talmud, enthalten kein Wort, das auch nur entfernt im Sinne dieses teuflischen Vorwurfs gedeutet werden könnte. ... Die Ritualmordlüge ist eine Ausgeburt finsteren Hasses, eine Verleumdung unseres Glaubens, die wir in tiefster Entrüstung zurückweisen. Wir sind bereit, die Wahrheit dieser Erklärung gegenüber allen Verleumdern vor jedem Gericht zu erhärten." . 1 - ' Warum Fritz Strich Müuchen verläßt Bei Beratung des Kultusetats im bayrischen Landtag kamen dir nationalsozialistischen Treibereien auf den bayrischen Hochschulen zur Sprache. Die Universitätsbehörden begünstigten die nationalistische Agitation und verweigern den republikanischen Studenten die Säle.; ■ Kultusminister Goldenberger verteidigte die. Zulassung von Kranzschleifen mit dem Hakenkreuz, durch den Rektor der Münchener Universität. ~ Zum Weggang des ausgezeichneten Münchener Literatur Historikers Fritz Strich, der es in 20 Jahren nur bis zum Privat dozenten mit dem Titel -außerordentlicher Professor bringen konnte — offenbar aus Gründen konfessioneller Engherzigkeit — äußerte der Minister, es sei leider für ihn keine ordentliche Professur frei gewesen, und im übrigen zeige seine Berufung nach Bern, wie sehr man die wissenschaftliche Leistung bayrischer Universitäten schätze. Die altpreußischell Freimaurerlogen und Ludendorff Dr. S. Fürth-Wandsbek schreibt der „Vossischen Zei tung" u. a.: „Ter Tannenbergbund hielt Anfang dieses Monats eine Versammlung in Wandsbek ab. Er-ergoß rn dieser Versammlung Kübel des Unrats über die Juden, Jesuiten und Freimaurer unter dem Titel: „Die Teufeleien der überstaatlichen Mächte, Juden, Freimaurer und Jesuiten." Die Freimaurer von Wandsbek luden hieraus am 1l. Marz zu einem öffentlichen Vortrag über „Die Wahrheit über die,, Freimaurerei" ein. Es ist doch wohl anzunehmen, daß die maßgebenden Freimaurer einen für diesen Vortrag besonders geeigneten und ihre Meinung wiedergebenden Vertreter entsandt haben. Dieser stellte sich in der Person., eines Lehrers aus Husum-dar, und sührte unter anderem aus: „Der Tannenbergbund wirft uns vor, wir feien verjudet. Demgegenüber stellich fest, daß wir, die drei altpreußischen Logen, völlig judenrein sind. Nur die sog. Humanitären Freimaurerlogen haben etwa 3 v. H. jüdische Mitglieder. Ich bin kein radikaler Antisemit. Es gibt unter den Juden auch einige anständige Menschen. Allerdings steht auch sür mich fest, daß wir von der internationalen jüdischen Hoch sinanz, dieser Pestbeule am Volkskörper, umklammert sind. Ueberall, nicht nur im Handel, auch in Kunst und Gewerbe und in anderen Berufen üben die Juden xinen verderblichen Einfluß aus, doch ich bin überzeugt, daß unser deutsches Volk den rerderblichen Einfluß der Juden brechen wird. Im ganzen in Preußen habe es ja. Gott sei Dank, vor dem Kriege keine jüdischen Offiziere gegeben. Nur in einem Regiment sei ein ge taufter Jude Ofsizier geworden. Deswegen sei dieses Regiment auch „Regiment Cohn" genannt vorden. Bei der Aufnahme in unser!» Orden haben wir bisher nur die religiöse Sekte beachtet und daher auch getaufte Juden auf-' genommen. Nunmehr aber haben wir uns auch der rassenmäßigen Betrachtung zugewandt. Wir legen daher jekt jedem Auszunehmenden die Frage vor:! „Stammen Sie wissentlich von Juden ab?" lAnhaltender Beifall bei den Tannenbergbundleuten.) Im Verlaufe der weiteren "Ausführungen meinte der Lehrer aus Husum: „Unsn Ritual ist nicht jüdisch, sondern alttestamentarisch." Der Lehrer aus Husum versuchte dann zu beweisen, daß die Freimaurer ebenso hundertprozentig national seien und ebenso hundertprozentig die deutschen Belange vertrete» wie auch der Tapnenbergbund mit ihrem Führer Ludendorsf."?Fürth schließt: „Es wäre interessant, festzustellen, ob diese^öfwntliche Stellungnahme eine prinzipielle Feststellung der FreirMfrerlogen auf völkische "Ideengänge ist." Ludendorff zum erstenmal verurteilt. Im Beleidtgungsprozeß". des Cuxhavener Photographen Sparr gegen General Ludendorff wurde vor einer großen Zu-! hörerzahl das Urteil verkündet. Ludendorff wurde wegen Beleidigung^ zu 800- Mark Geldstrafe, ersatzweise für je 50 Mark zu einem Tag Gefängnis verurteilt. Die Beleidigungen.werden besonders in einem Artikel „Bejfpiele von der Hunnenmoral der Freimaurer": gezogen aus der-Broschüre Ludendorsss „Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung ihrer Geheimnisse", erblickt, ^«r sich mit der ..Feldloge zum aufgehenden Licht an der Somme" beschäftigt, in der Sparr, der als Feldphotograph zufällig mit auf das Bild gekommen ist, u a. als Franzose bezeichnet wird. 1 Es ist dies die erste Verurteilung Ludendorffs durch ein deutsches Gericht. 128