Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 15 (12.4.1929)
- Date
- 1929-04-12
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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I und Tagebüchern vertraglich das Berfügungsrecht über die dem Gesamtarchiv zu übergebenden Stücke zugesichert, ebenso da, wo es verlangt wi^d, das volle Eigentumsrecht an diesen Sonder' depots. , Im allgemeinen ist die Ablieferung der Originale zu empfehlen. Tie feuersicheren Magazine eines öffentlichen Archivs bieten immerhiß eine höhere Sicherheitsgarantie als die Aufbewahrung im! Hause, und dann haben Originale naturgemäß einen größeren j dokumentarischen, sozusagen gerichtsnotorischen, Wert. Wo man sich aber von den originalen Briefen und Tagebüchern, besonders wenn es sich um die Nachlassenschast lieber Toter handelt, nicht trennen möchte, sollte man wenigstens Abschriften dem Archiv überweisen. Sicherlich gäbt es aber eine große Anzahl von Kriegsteilnehmern, welche die Zeit noch nicht für gekommen erachten, Tagebücher unds Briese, in die die besten Jahre ihres Lebens hineingeströmt sindl einer öffentlichen Sammlung, und sei es auch nur abschriftweise, anzuoertrauen. Eine gleiche innere Hemmung wird natürlich auch oft bei denen bestehen, die Briese und Tagebücher verstorbener und gefallener jüdischer Soldaten des Weltkrieges als ein! teures Kleinod aufbewahren. Tie Motive für eine solche Zurückhaltung liegen klar zutage. Es darf aber die Erwartung ausgesprochen werden, daß in all diesen Fällen dem Gesamtarchio wenigstens eine Mitteilung über Vorhandensein und Umfang des Materials gemacht werde. Wo man abfr glaubt, diese Bedenken vertrauensvoll zurücksteilen zu können, da bleibt die Frage: Was soll'eingeschickt werden? Und da sei geantwortet: ' Möglichst viel: nicht bloß Paradestücke von besonders hervorragenden Taien und Ereignissen, sondern auch gerade Briefe aus dem Einerlei des Feldlebens mit seinem Auf und Ab von ruhigen und bewegten Tagen. Nicht die vorweggenommene subjektive Auswahl sondern eine Briefgesamtheit, aus der sich die seelische Rückwirkung der Ereignisse ersehen läßt, die in ihrer Summe den Krihg. das Schicksal des Einzefmenfchen im Kriege ausmachten. Wirklichkeitsbilder. Taher gehören hierher ebensogut die begeisterungsvollen Aeußerungen junger, ihrem Ideal hingegebener Knegsfreiwilliger. wie die Briefe und Tagebücher derer, die mit grausen den Krieg kommen saken und immer sich innerlich gegen ihn stemmten, mochte die Pflicht sie auch in. seinen Strudel tineinziehen. Es soll — das möchte ich gleich von vornherein Kuss energischste unterstreichen — keine Begrenzung nach irgendeiner Seite, keiner Partei oder Tendenz zuliebe. geben. Zur Erschließung der Einsendungen ist es natürlich nötig, daß sie von kurzen biographischen Taten über die Brief- und Tagebuchschreiber begleitet werden. Je reicher dos Material fließt, das der zentralen Sammelstclle zugänglich gemacht wird, desto leichter wird sich Typisches vom Besonderen! abheben, ein desto größeres, vielseitigeres Erkenntnismateria^ wird^für die Forschung gesichert und gewonnen werden. Wenn dabei auch apologetische Bedürsnisie befriedigt werden, so ist das gewiß nicht von der Hand zu weisen. Apologetik als solche kann und darf aber nickt Sinn und Ziel der Sammlung sein. Sie soll ja nicht der Auffindung des jüdischen Melden dienen, sondern der des jüdischen Menschen schlechthin. Tarum könnte auch meiner Meinung nach das für die Sammlungen in Frage kommende Material noch über das hinaus erweitert werden, was Tr. Cohn ihnen zugewiefen hat. Zu den Kriegsteilnehmer- und Kriegsgefangenenbriefen und zu den entsprechenden Tagebüchern könnten auch handschriftliche , oder da und dort in Heimatszeitungen verstreute Schilderung gen und Gedichte hinzutreten. Dann aber wären auch — so spärlich sie wohl noch vorhanden sind — aber gerade deswegen - die Briefe zu sammeln, die von Teutschland aus ins Feld geschrieben wurden. Und die — das scheint mir überaus wichtig - die von deutschen Garnisonen auspinaen an Eltern. Verwandte und Freunde. Schließlich noch solche »die überhaupt in der Kriegszeit ihren Ursprung und ihre Bedingung halten — unabhängig davon, ob Briesschreiber oder Adressat Uniformträaer waren oder nicht. Ich denke daß gerade aus solchen Briefen die Stimme der Heimat als Urlaut kervorbrechen würde, »nd daß aus ihnen zu. ergründen wäre in welcher seelischen Haltung und in welcher tatsächlichen Position der deutsche Jude durch den Weltkrieg hindurchging. Anmerken möchte ich schließlich noch, daß das. was hier von der Sammlung originaler Dokumente aus der Weltkriegs -eit ausgeführt wurde, im gewissen Sinne auch Anwendung linden kann auf die Briefe und Tagebücher, die auf die Be irciungskriege und die Kriege von 1864 1866 und 1870/71 -urückgeben. Sie sind gewiß eine erwünschte Bereicherung für ei» Archiv, das. im weitesten Ausmaß die ursprünglichen auellenmäßigen Unterlagen für die Geschichte der Juden in Teutschland ’u sichern und zu beschaffen hat. „Unsere Gefallenen" Ein ergänzender Borschlag. Von Robb. Dr. Neuhau». Mülheim (Ruhr). In verschiedenen Listen hat unter dieser Ueberschristsrubrik der „Schild" ,ortlausend die Namen der aus dem Felde her Ehre gebsteoenen jüdischen Soldaten veröffentlicht. Zwar igibt es viele, die der Ansicht sind, daß die Veröffentlichung zwecklos fei. weil die Gegner, die gegen uns von vornherein feindlich eingestellt sind, nicht zu überzeugen sind und stets an der Lil« etwas zu mäkeln haben werden, andererseits weil wir selber! wissen, daß wir unsere Pflicht getan haben. Jedoch mutz demgmenüber betont werden, daß die „Gutartigen" noch immer in det Mehrzahl sind und sie gegen Verhetzung geschützt werden, wenn ihnen klar gezeigt wird, daß die Juden im Augenblick der! Gefahr treu zum Vaterland gestanden haben. Man glaubt gar nicht. ein wie wertvoller Helfer im Kampfe gegen Verhetzung da» Buch Theilhabers „Die jüdischen Flieger" ist, weil die Allgemeinheit der Ansicht ist, es habe keine jüdische Flieger im Kriege gegeben. Wir sind der Meinung, daß wenn das Werk „Unsere Gefallenen" herausgegeben wird, es unschätzbare Dienste leisten wird. Es wird aoer zugleich ein Kriegsarchio der deutschen Juden sein, ivenn vom Weltkrieg 1914—1918 gesprochen oder geschrieben wird. So ist es nicht nur eine Arbeit für den Augenblick der Verteidigung der eigenen Ehre, sondern wird mit der Zeit ein historisches Denkmal. Taß dieses Buch, eben weil es historisch getreu sein will und muß, ohne Fehler ist. dafür müßten die jüdischen Kreise sorgen, die es angeht. Deshalb auch meinerseits ein wichtiger Vorschlag zur Ergänzung der Listen: Es ist leider nur zu bekannt, daß weite Teile im Westen und Osten Deutschlands durch den Versailler Vertrag abgetrennt wurden, und zwar Teile, die von Juden besonders durchsetzt waren. Ich möchte zunächst nur vom Osten hier sprechen: Posen, Westpreuhen, Danzig. Ostoberschlesien hat Deutschland hcrgeben müssen. Nun heißt es in dem BegleitartikSl über „Unsere Gefallenen" im „Schild", daß diese Listen nicht die Gefallenen in den Gemeinden der abgetretenen Gebiete enthalten, und zwar seien diese aus technischen Gründen nickt zu erfassen. Ich kann mir diese technischen Gründe wohl vorstellen, ibo die meisten dieser Gemeinden polnisch geworden sind und es sehr schwer fallen dürfte, von dort das notwendige Material zu erhalten. Aber hier möchte ich einen Ausweg vorschlagen.‘ In diesen Gemeinden hat es Rabbiner. Lehrer und Kultusbeamte gegeben, die zum größten Teile nach Altdeutschland übersiedelten. Sie haben während ihrer Amtstätigkeit gehört und wissen genau, wer in den Gemeinden im Kampf 1914—1918 gefallen ist: die meisten von ihnen werden gewiß an den dazu bestimmten Feiertagen im Haskoras Nefchomauth-Gebete der Gefallenen ehrend gedacht haben. Es ist also einerseits die Pflicht des Schild" oder des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, sich an die genannten Kreise mit der Bitte um Ergänzung der Liste» zu wenden. Andererseits lebe ich der Ueberzeugung daß alle, die im Dienste der abgetretenen Gemeinden gestanden und die diese Zeilen lesen, gewiß von selber ihre Aufzeichnungen gern zur Verfügung stellen. , | Ich will hier gleichzeitig die Namen für Ostrdwo, wo ich -während des Krieges als Rabbiner tätig war, beifügen. Es waren aus Ostrowo gefallen: 1. Ealo Getfchlig 2. Arno Grabowski 3. Georg Havm 4. Hermann Hirsche! 5. Fritz Hirsch 6. Louis Lofcvnski 7. Allons Riefenseld 8. Max Rosenthal 9. Albert Schwarz 16. Vaul Unaer 11. Crich Imbach 12. Josef Kallmann 13, Jakob Simon 14 Martin Seidel Wir sind es dem Andenken dieser Gefallenen schuldig, daß s-e^nickt in den Listen fehlen, und ich richte — gewiß im Sinne des Reicksbnndes — die herzliche Bitte v" alle Rabdiner Lekrer und Kultusbeamte der abgetretenen Gebiete, auch ihrerseits mitzuhelfen. daß die Listen vollständige werden — den Toten zur Ehr', uns zur Wehr. ' Nationalsozialistische Vandalen Nach einer nationalsozialistischen Versammlung in Arnsberg. in der der ehemalige Pfarrer Münchmever eine seiner bekannten Heßredrn kielt, zog eine Rotte Mitglieder der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei zur Synagoge und schlug dort die Fenster ein. Tie Bande drang weiter in die jüdische Volksschule ein. wo sie wie die Vandalen hauste. Tische »nd Bänke wurden umgeworfen, Bilder und Karten von den Wänden gerissen und das Schulzimmer auf nicht miederzugebende Weife ver- » n r e i n i a t. In den Betsaal der Synagoge vermocktein die Burschen nicht einzudrinaen. da es ihnen nicht gelang, die Tür aufzubrechen. Die Polizei hat bereits fünf der Täter festgenommen. 122