Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 13 (29.3.1929)
- Date
- 1929-03-29
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden in Amerika _ / Bon Dr. Fritz Eichengrün. 1 Die Bereinigten Staaten von Nordamerika sind kein Land, liein Staat nach unseren europäischen Begriffen. Sie sind ein Erdteil mit eigener, von uns Europäern verschiedener Bevölkerung. Sie haben ihre eigene Kultur und Lebensweise, die man nicht durch leichtfertige Bergleiche zu entwerten versuchen darf. „Amerika ist anders" <wie der Titel eines vortrefflichen Amerika- Buches lautet) — Amerika ist andres, als Europa, anders als cs erscheint, anders als es gefchildett wird. So können auch alle Schilderungen von Amerika nur wenig Anspruch auf Richtigkeit und noch weniger aus Bollständigkeit machen. Wäs auch der aufmerksamste Beobachter aus der Alten Welt drüben erspähen kann, sind nur Einzelheiten. Oft sind sie interessant und man glaubt den Sinn des Ganzen ersaht zu haben. Aber wer versteht U.S.A. wirklich? — Unter solchen Vorbehalten soll hier einiges von den Juden in Amerika erzählt werden. I. „Juden in Amerika" — nicht „amerikanische Juden". Wenn man in New Aork vom Schiss geht, sieht man in den Landungshallen Tafeln mit ollen möglichen Verboten: nicht zu rauchen, verschiedene Borsichtsmahregeln, und was sonst noch an Landungsplätzen den dort Arbeitenden mitgeteilt werden soll. Diese Warnung» sind alle dreisprachig abgefaht: englisch, jiddisch sin hebräischen Lettern) und italienisch (immer in dieser Reihenfolge). Das ist der erste Eindruck: die Juden, die einwandern, gehen nicht ohne weiteres im grohen „Misch-Tops" New Jork auf in Durchschnittsamerikanertum. Sie stehen (gleichviel ob durch Nationalität, Raste oder Bekenntnis geschieden) abseits. Aber — das ist der zweite Gedanke — die Amerikaner sind klug genug, Andersartige nicht uniformieren zu wollen. Gewöhnen sie sich hier ein, so werden sich die Juden, wie alle anderen, schon den amerikanischen Sitten ««gleichen^ Sobald sie sehen, dah sie nur so vorwärts kommen, werden sitz es ohne weiteres tu» und der Anschluh wird ihnen dann um "so leichter gelingen./ De«, uniformierten Zwang von oben herunter (im europäischen Sinn) kennt Uncle Sam nicht. Der Staat ist der Meinung. dah es sich hier gut leben läht (versteht sich nach amerikanischen, nie nach europäischen Begriffen). Wenn die frisch Angekommenen erst einmal alle Borteile des Durchschnittsamerikanertums kennengelernt haben, dann müssen sie von sich aus wählen, ob sie in ihrer heimischen Eigenart abseits stehen oder als Amerikaner emporkommen wollen. Der amerikanische Staat, der keine Krankenkasse, keine Invaliditäts-, keine Arbeitslosen-Unterstützung kennt, greift nicht ein in die Rechte und Pflichten seiner Bürger. Mag jeder sehen, wie er fertig wird! i II. New Aork — die sudenreichst« Stadt der Welt. Immer noch bleibt ein groher Teil der Einwanderer zunächst in New Jork hängen. Nur allmählich wandern die Neulinge nach dem Landesinnern ab. Deswegen gilt heute New Aork mit Recht nicht mehr für eine amerikanische Stadt. Es ist der Hafen- Vorposten der Staaten, noch nicht das eigentliche Amerika selbst. Es ist ein gröheres Ellis Island, wo die Zugewanderten oberflächlich amerikanisiert werden. Das ist wohl der hauptsächlichste Grund für die unverhältnismäßig hohe Zahl der Juden in New Aork. Neun Zehntel kamen (vor den Einwanderungsklauseln!) hier ohne Cent an. Zunächst frah sie die Weltstadt auf. Biele gingen im Kampf um das tägliche Brot unter; manche arbeiteten sich durch, fanden hier ihre Existenz — warum sollten sie dann weiter ziehen, wieder ins Ungewisse hinein? Nur wenige gingen ins Landesinnere. So hat.heute New Aork die gröhte jüdische Bevölkerung von allen Städten auf dem Erdball — gröker selbst als Warschau und Jerusalem. Ein amerikanisches Witzwort behauptet: New Aork sei ange'egt von Holländern, beherrscht von Iren (die New Aorker Polizei besteht zum überwiegenden Teil aus Irländern), bewohnt von Juden. Damit ist freilich der tatsächliche Berhalt übertrieben; aber immerhin sind von den 6 Millionen Einwohnern, die im engeren Stadtgebiet wohnen (die 3 weiteren Millionen in entfernteren, jetzt auch eingemeindeten Bororten nicht eingerechnet), nahezu 2 Millionen Juden. Doch diese Zahlen schwanken, und man hört oft Noch höhere Ziffern. Tatsache aber ist, daß in New Bork jeder zweite, dritte Mensch Jude ist. und daß sie das Gesicht dieser Stadt wesentlich bestimmen. Weder aus dem Stadtbild, noch aus dem öffentlichen Leben sind die Juden wegzudenken. So kommt z. B. das New Aorker Frauenschönheitsideal (das iviederum für die ganzen Staaten mehr oder weniger bestimmend ist) dem Typ der jungen, rassigen Jüdin ungeheuer entgegen, ja sie ist eigentlich die anerkannte New Aorker Schönheit. III. Di« 2 „Ghettos" von New Aork. Das eine New Aorker „Ghetto", das „eigentliche", ist weltbekannt: die Gegend an der „East-Side, down-town", das hinter der Eity-Hall bei Pearl-Street beginnt und sich den ganzen East-River entlang bis in die Gegend vom Central-Park Äeht, wo das Negerviertel beginnt. T Es ist nicht überall so trostlos wie in der Gegend der Wil liamsbourg-Bridge, -vo Dutzende von Familien in baufälligen zweistöckigen Häusern zusammen wohnen. Begreiflich darum, daß sich das ganze Leben auf der Straße abspielt. In dem knöchelhohen Schmutz der Straßen (außer San Francisco und Salt Leke City gibt es überhaupt keine sauberen Städte in den Staaten und hier sind die Fruchthäfen noch in nächster Nähe) spielen kreischend die Kinder. An. den Straßenborden sitzen die Alten, säugen dicke Frauen ihre Kinder. Aus den Fenstern gucken halbwüchsige Mädchen — noch ein paar Tage, dann wird Ziegfield oder ein ander Vergnügungsmagnat diese Schönheiten für Film oder Revue entführt haben. An einer Ecke ist eine „Schul", in der weithin hörbar „gelernt" wird. Alte Männer in Kaftan und Pajes gehen würdig durch die Straßen: sie diskutieren heftig und die Zitzis gucken den meisten unter den Röcken hervor. Unter den Haustüren wird Handel mit der unbrauchbarsten alten Trödelware getrieben. In den „streng rituellen" Schlächterläden sitzen ekelhafte Fliegen auf den Tischen und Fleischbänken. Alle Läden haben jiddische Aufschriften und die jun gen Männer lesen Zeitschriften in hebräischer Schrift (allein in New Aork gibt es ein halbes Dutzend hebräische Tageszeitungen). Die ganze Gegend macht auf den Besucher Zeinen wenig er hebenden Eindruck, aber die Leuts hier (meist Ostjuden aus Polen, Gallzien und Rußland) sollen sich — witz Leute, die hier gearbeitet haben, berichten hier ausgezeichnet wohl fühlen. Sie kennen es nicht anders, haben auch kein« Sehnsucht nach der Zivilisation, die nur wenige Schritte weit äb" herrscht. Sie sind überglücklich hier ein Fleckchen Erde gefunden zu haben, wo sie keine Pogrome befürchten müssen und man sie aus ihre Weise leben läßt. : Die große New Aorker jüdische Gemeinde tut hier viel Gutes. Unentgeltlich können die Kleinen in Kindergärten kommen. wo sie den ganzen Tag über ^gepflegt, verköstigt und gewartet werden. Meist stehen dafür ehrenamtliche Kräfte aus der sogenannten „besseren Gesellschaft" zur Verfügung. Denn „social work" gehört drüben für den, der es sich leisten kann, zum guten Ton. Sicher oft aus Snobismus pegonnen, schafft solche Arbeit doch zuweilen viel Ersprießliches, i Aber trostlos ist das Leben der alten Leut«! Es sibd nicht nur die armen, nie richtig seßhaft gewordenelUZuden. die hier ihrem Ende langsam entgegen siechen. Da» amerikanische Tempo zerbricht den Menschen bald. Für Zermürbte aber hat der Wirtschastsmechanismus keine Verwertung. Sie verkommen. Was an Anstalten besteht, genügt bei weitem nicht. Das Elend der alten Leute ist vielleicht das schwärzeste Kapitel in dem vielfarbigen Buch amerikanischen Lebens, j— Gegen den Zentral-Park hin wohnen di« Menschen schon besser. Hier steht eines der großen jüdischem Krankenhäuser: ein Riesenkomplex, die besten Aerzte, die besten Pflegerinnen. Auch viele Nichtjuden suchen diese Kliniken auf. Aber Manhattan hat noch ein zweites „Ghetto", einen zweiten Stadtteil, der nahezu ausschließlich von Juden bewohnt wird. Es ist in allem nahezu der absolute Gegensatz zu der anderen Gegend, wenn hier auch nicht die reichsten der Reichen wohnen, sondern der „Mittelstand", soweit es so etwas überhaupt in den Staaten gibt. (Man könnte so etwa die Leute bezeichnen, die von ihrer Arbeit recht auskömmlich leben, ohne doch je zu soviel Kapital zu kommen, daß sie der Zukunft materiell ganz unbesorgt entgegensetzen könnten.) Das ist die Gegend an der Westseite zwischen oberem Broadway und Hudson, wo das Gelände — gegenüber liegen die berühmten Pallisades — gebirgig wird. „Washington Heights" heißt dieses Stadtviertel, der Bolksmund nennt es „Iewifh Heights" („jüdische Höhen"). Hier — fast eine Stunde Untergrund-Expreßfahrt von der Südspitze Manhattans entfernt — wohnen die kleinen selbständigen Kaufleute, die Angestellten. Agenten und Makler mit ihren Familien. Es find die „guten Familien", die sich meist sogar noch> den hier sonst gar nicht üblichen. „Salon" bewahrt haben. Freilich hat man sich leicht amerikanisiert: aber das Leben in Washington Heights gleicht doch dem in einer mitteleuropäischen Kleinstadt zum verwechseln. Denn tonangebend sind hier die Eingewanderten, die schon 107