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Der Schild · 1929-03-01 · 9 (1.3.1929) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Schild
Volume
8 (1929)
Issue
9 (1.3.1929)
Date
1929-03-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Anderes aber noch ist der Vergessenheit zu entreißen. Zivei Jünglinge, Otto Braun, geb. 17. Juni 1897, tznd Paul Mauck, geb. lg. Juli 19C0, sichert Jünger wegen ihxer Jugend, ihrer Beranlagung und ihres ruhmvollen Sterbens ein bleibendes Andenken. Ich zähle zu diesen jungen Heiden auch den Juden Manfred B e n d i t, geb. 25. Dezember 1897. Er trat als Kriegsfreiwilliger in die Reihen seiner Mitkämpfer und besiegelte seine- Liebe zu feinem Baterlande Anfang Oktober 1917 mit dem Tode. . . . Ter 64jährige Jude Emianuel Goldschmidt aus Würzburg, der schon 1879/71 als'^Leutnant milgemacht halle eilte am 1. Mobilmachungstage aus Bafel zu den Fahnen. . . Deutsche Juden haben bewiesen, daß sie die gemeinsame Heimui nicht minder geliebt haben als ihre christlichen Brüder." General Heb Trettel Bon Josef Kaplan (Fulda). Nicht ein Märchen oder eine Legende oder sonst-eine Fabel will ich hier erzählen, sondern eine wahre Begebenheit, die sich zugetragen hat anno dazumal, zu der Zeit, altz iq noch jung und huosch war. (Heute bin ich nur noch hübsch.) Um es gleich vorneweg zu^agen: die Geschichte ist nicht mir passiert, sondern meinem sehr ehrenwerten Onkel, dem die Erde lercht sein möge. Ich kenne die Geschichte also noch von damals, und da sie an und für sich äußerst seltsam und originell ist, so kann ich dieselbe ohne Zuhilfenahme meiner Phantasie wiedergeben, zumal die Tatsache urkundlich bei mir lestgelegt ist. Nicht ein Tipielchen habe ich an der wahren Begebenheit geändert. Sie mögen mi^ glauben oder nicht. . . Also: mein Onkel wurde Red Treitel genannt und erfreute sich als ein allem Großen und Kleinen gleichgültig gegenüberstehender Chossid eines gewissen Rufes und Ansehens. Er stand dem Leben so teilnahmslos gegenüber, - daß man manchmal meinen konnte, er fei nicht recht gescheit. Als einmal Diebe bei ihm einbrachen und Diverses mitgehen ließen, sagte Reb Treitel zu seiner jammernden Frau: „Geh' schon — jammere nicht! Sie sind nicht einmal für ihre Mühe belohnt worden . . .“ Und als ihn feine Frau nicht in Ruhe ließ, sagte er gleichgültig: „Wenn Gott Diebe erschaffen hat, dann hat es sicher seine Richtigkeit, — zwecklos setzt Gott nichts in die Welt —-“ Als einmal eine Feuersbrunst ein ganzes Nachbardorf einüscherte, srug Reb Treitel mit der gleichgültigsten Miene: „Nun, hat man die Mesusos gerettet?" Solch ein Mensch war besagter Reb Treitel, mein Onkel. Außerdem hatte er noch eine undankbare Angewohnheit: er war Schriftsteller! Damals hieß schon einer Schriftsteller, wenn er Briese schrieb. Aber Reb Treitel schrieb nicht nur für sich Briefe, sondern für die ganze Stadt; versteht sich natürlich kostenlos — aus purer Freundlichkeit. Wenn er wußte, daß jemand einen Brief zu schreiben hatte, so wartete er nicht, bis jener zu ihm kam, sondern ging zu ihm. Reb Treitel meinte, der des Schreibens Unkundige könnte sich beschämt fühlen, wenn er ihn erst um eine Gefälligkeit bitten müßte-- —. Mit der Zeit nannte man ihn einen „Schriftsteller". (Ich bitte den geneigten Leser, beim Lesen meines Namens nicht gleich an Vererbung zu denken.) Also, wie gesagt. Äeb Treitel hatte nicht wenig.unangenehme Eigenschaften, aber man konnte ihm eine gewisse Intelligenz nicht absprechen; denn schon seine briefschreiberische Begabung läßt das Vorhandensein einer solchen vermuten, und schließlich war er nicht anders, als alle anderen Chassidim-. Eines Tages, als Reb Treitel gerade im Begriff war. einen Brief für einen Nachbarn zu verfertigen, wurde ihm eine amtliche Urkunde zugestellt, in der folgendes zu lesen war: „Treitel Soundso hat sich am soundsovielten um soundsoviel Uhr da und da zu stellen, zwecks Ausmusterung zum Militärdienst seiner Gnaden und Heiligkeit des allmächtigen und gnädigen obersten Herrschers der russischen Lande, des Zaren Nikolaus des Ersten ..." So. — Reb Treitel las es zehnmal, dann legte er es aus der Hand und sagte gelassen: „Ah", und noch einmal „Ah" und noch zehnmal „Ah". Dann steckte er den Gestellungsbefehl in die Tasche des Kaftans und schrieb mit asser Ruhe den angefangenen Brief zu Ende. Nach einigen Tagen stellte sich Reb Treitel dem Zaren der russischen Lande-und wurde prompt für dienstfähig erklärt, worauf er ein wenig blaß wurde, — nicht etwa aus Angst vor dem Militärdienst, sondern einfach so. weil es üblich war. Und es dauerte nicht lange, so nahm Reb Treitel Abschied und zog davon, zu dienen dem Vater des Landes, dem obersten Herrscher über alle Reußen. Es bleibt noch zu vermelden, daß Reb Treitel zu der Zeit noch nicht verheiratet war. worüber man sich nicht wundern soll, denn die Juden im zaristischen Rußland heirateten erst dann, wenn sie vom Militärdienst endgültig befreit waren. In Anbetracht dieser Tatsache und gleichzeitig derjenigen, daß er zu Hause gar nicht nüklich gewesen war. wtrd man verstehen. wenn er im Laufe der Zeit von der Familie nicht so sehr 76 vermißt wurde, und man war schon zufrieden, wenn ab und zu ein Brief von ihm kam, der besagte, daß er, Treitel, noch vollkommen am Leben sei, und daß ihm der Militärdienft nicht allzuschwer falle, da er nicht anstrengenden Kriegsübungen aus gesetzt sei, — das heißt, wenn man tägliches Kartofielfchälei. nicht für anstrengend hielt. So vergingen drei Jahre, und Reb Treitel dachte schon au das Heimiayren und war der Meinung, daß die nun noch rest liehen zwölf Monate schnell vergehen würden. So schrieb er in einem Brief. Es war wohl in den letzten Monaten seiner Dienstzeit, als das große Ereignis eintral, welches ihn einige Stunden lang zum General machte. Ta die Sache damals nur in der Familie blieb, so ist es mir befchieden, jenen Brief Treitels, der von seiner Ernennung zum General Kundegab, der Leffentlichkeit bekannt zu geben, und ich denke, daß es so richtig ist, denn große Geschehnisse soll man der Vergessenheit entreißen. Ich kopiere hier den Brief wörtlich und gewissenhaft: „Liebe Eltern und- Geschwister! Groß ist die Gnade Gottes und unerforschlich sein Walte»! Wenn er seine Fittiche ausbreitet und uns mit seiner Barm Herzigkeit bedeckt, dann wohl uns: wir sind geborgen! Ma» sieht offenbar in jedem Geschehen die göttliche Hand, — das heißt, wenn man sie zu tehen versteht . . . Sitze ich vor einigen Tagen in der Kasernenküche und tue meinen Dienst, der da besteht in einem Reinigen und Schäle» von Erdäpfeln. Kommt.ein Soldat und sagt: .Morgen kommt der Zar', und geht wieder weg. Am anderen Morgen stehen wir alle in Reih und Glied, so an die tausend Mann. Sagt der Offizier: ,In zwei Stunden kommt unser oberster Herr und Gebieter! Beim nächsten Trompetensignal erscheint alles in Gala uniform! —> Küchenbedienstete brauchen nicht zu erscheinen' Verstanden? Macht euch wieder weg!' Es vergehen anderthalb Stunden. Kommt eine Ordonnanz zu mir in den Pienstraum — heißt: in die Küche und sagt .Solldatt Treitel mitkommen!' Wird mir da ein wenig un behaglich hinter meinem Talis-Koten. Was heißt, srug ich mich, was Hab' ich verbrochen? Vielleicht eine Kartoffel nicht richtig geschält? Ist doch kein Verbrechen? Oder vielleicht waren meine Knöpfe nicht blank geputzt? Ist doch auch kein Der brechen! Oder vielleicht saß wieder einmal meine Mütze schies? Ist doch wieder kein Verbrechen! Nu. was ist schon das? Dock auch kein Unglück! Aber — dachte ich — hätte ich wirklich mit diesen drei Sachen gesündigt, dann gibt es Strafe. Hätte ick bloß mit einem gesündigt, dann wäre es auch dajenu! Zwe: Tage bei Wasser und Brot waren mir schon >m vornherein sicher ... Komme ich zum Offizier, — sagt er: .Solldatt Treitel! Was ich dir jetzt sagen werde, muß zwischen uns bleiben, immer ewig — solange es ein Rußland gibt! Passiert da ein Malheur: I Kameradin-Treffen zur Leipziger Messe am 4. Plärz 1929 (siehe Inserat) lilllillft lilii Hifi i lilliiiHiliif Hilft IHiftlMil 54499999999999 B^/4/+:/:.+/./^^

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