Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 6/7 (8.2.1929)
- Date
- 1929-02-08
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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♦ ♦ ♦ Und der Schild 10 Jahre ReichSbmib jüdischer Frontsolbaien Line Stimme von der anderen Seite. Hartmuth M e r l e k e r, Publizist, schreibt uns: der bekannte Wenn es nicht ejn Jubiläum wäre, dann müßte man darüber schelten, daß der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten zehn Jahre nach dem Kriege immer noch besteht. Das neue, angeblich innerlich geeinigte Deutschland, das Deutschland, das ein Blutopfer von 12 000 Juden annahm, läßt die am Leben Gebliebenen, die, die früher gern die Uniform tragen durften, abseits stehen und zwingt sie zu eigener Organisation. Denn der Reichsbund ist eine Abwehr- und Kampforganisation, geboren aus der Notwendigkeit, sich zusammenzuschließen, gegen die schlagartig nach dem Kriege einsetzende Verleumdung und Beleidigung, die dem jüdischen Soldaten galt und gilt. Nun ist es aber doch ein Jubiläum geworden, zehn Ighre besteht diese Bereinigung jüdischer Soldaten, die deutsch genug fühlten, um über alles Trennende hinweg dem Vaterland, in dem sie geboren, mit dem Körper zu dienen. Vereinigung allein aber hilft nicht, wenn nicht etwas vorhanden ist, das diese Bereinigung sichtbar macht. Wie in allen Verbänden ist dieses Band das „Blatt", das zu allen spricht, das zu allen kommt. In tausend Fällen bleibt es ein Vereinsblatt mit allen seinen Fehlern und Vorzügen. Hier aber ist etwas entstanden und mit dem RjF. gewachsen, was großen Lobes wert ist. Der Schild, die Wochenzeitschrift des RjF., ist eine journalistische Leistung ersten Ranges. Dieses Blatt, das unter schweren Kämpfen wuchs, zuerst monatlich, dann 14tägig. und zuletzt wöchentlich erscheinend, ist über die Bedeutung eines Blattes ehemaliger Frontkämpfer jüdischen Glaubens längst hinausgewachsen, es ist wirklich ein Schild g e w o r d e n f ü v die. die als Deutsche ihrem Glauben doch die Treue halten wollten und konnten und sich durch keinen Angriff davon abbringen lassen, trotzdem Juden zu bleiben. Dieser Schild, der alle eint, ist ein Kulturspiegel des Judentums in Deutschland schlechthin geworden, denn er gelangt in fast jeoe jüdische Familie in Deutschland, weil jede durch die Umform eines ihrer Mitglieder erneut mit diesem Deutschland verbunden worden ist. Der deutsche Jude steht nun einmal in Kunst und m Politik, im Schrifttum und im Handel, im Verkehr und als Lehrer mittendrin, und immer verbinden ihn Fäden mit der Uniform, die von 1914 bis 1918 100 000 Juden trugen, und er wird in jede Debatte hineingezogen oder gezerrt, je nachdem es denen paßt, die die Religion nicht als Privatsache des einzelnen anerkennen können. Und alle diese Kämpfe spiegelt der Schild wieder, er ist Wächter geworden, damit die Wahrheit wenigstens auf diesem Wege verbreitet werden kann. Er hat die Riesenauf-?abe unternommen» die Namen seiner 12000 Geallenen zu veröffentlichen, er bringt jede Schänduiig jüdischer Friedhöfe zur Kenntnis der Oeffentlichkeit, schafft Zentren für die Juden bestimmter Gebiete. Dies ist vielleicht seine größte journalistische Tat. diese Sonderhefte deutscher Gebiete. Da sind Hefte erschienen, die Berlin, die Sachsen und Anhalt. die Schlesien, Kurheffen und Waldeck. die tms Rheinland, den Rhein, Baden und die Pfalz untersuWi ten und den Anteil der Juden festlegten und erklärten, den sie an dem Blühen ihrer engeren Heimat hatten. An dem Schild hängt die Liebe des früheren Soldaten jüdischem Glaubens, ihm vertraut er seine Beobachtungen, seins Erlebnisse, seine Hoffnungen und Wünsche an. Und der Schild ist ein Schild. Wieviel Lügen und Märchen, wieviel Verleumdung und Bosheit hat er zerstreut und erklärt, zurückgewiesen und aufge- > deckt, wie sehr aber auch hat er die Kenntnis des einzelnen verbreitert und vertieft von dem Misten über sich selbst. Ein besonderes Lieblingsthema des Schild ist die i jüdstche Agrarbewegung. Die Juden wollen siedeln, um eine alte Legende zu zerstreuen, daß der Jude nicht Landwirt ist und sein kann. Immer und immer wieder wird die I d e e d e r S i e d l u n g in die Köpfe der Leser gehämmert, die durchaus guten Willens sind, diese Idee in sich aufzunehmen und in die Tat umzusetzen. Es ist durchaus nicht an die Verpflanzung dieser Interessenten jüdischen Bauerntums nach Palästina gedacht, der deutsche Jude, der sich für die Landwirtschaft interessiert," will in Deutschland bleiben, darin liegt gerade-die Stärke der Reichsbund-Bewegung, daß sie ganz unpolitisch ist. Und darin liegt auch wieder die Verbindung des RjF. mit Deutschland, der alte jüdische Soldat, den nichts von seinem Kameraden unterschied, als nur de: Glaube, ist eben Deutscher, nicht nur der geographischen Geburt, sondern dem Fühlen und Denken nach, niemandem würde es einfallen» einen deutschen Frontkämpfer, der im Orient focht, und dort einen anderen Glauben annahm, zu verfehmen. Aber der jüdische Soldat, der nichts anderes tut, als ein evangelischer oder katholischer Christ, den Glauben seiner Familie yochzuhalten und zu ehren, den verfehmt man im Nachkriegsdeutschland fast noch mehr als früher. Darum Schild» und nochmals Schild, denn nur zusammengeschlösten vermögen die Ueberlebenden sich und die Gefallenen zu schützen und zu Fhren. Wer wie der RjF. ein Blatt sem eigen nennen kann, wie den Schild, der kann beruhigt sem, ihn wird kein Schmutzpfeil treffen oder gar verwunden, er ist gedeckt.' Der Schild ist zwar heute noch kein Jubilar, aber er steht immerhin dicht davor.' Und so gilt auch ihm ein Teil der Glückwünsche, die man dem RjF. selbst darbringt, denn ohne den Schild wäre der Reichsbund vielleicht nicht IC^ahre att geworden. Ein Kämpfer braucht eben eine Waffe. . Ausruf! Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden teilt mit: Im April d. I. hat der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden in der jüdischen.Presse den folgenden Aufruf veröffentlicht: „In Warschau hat sich eine Vereinigung „Agunoth' gebildet, die sich die Wahrnehmung der Interessen jüdischer Kriegerwitwen zur Ausgabe gesetzt hat. Es handelt sich darum, über den Verbleib der im -Kriege vermißten Ehegatten dieser Witwen, die nach dem jüdischen Neligions gesetz nicht wieder heiraten dürfen. Nachforschungen anzustellen. Der Preußische Landesverband jüdischer^Gemeindeu. Charlottenburg. Kantstraße 158, errichtet daher eine Eammelstelle, die alle Mitteilungen über die im Deutschen Reiche verstorbenen jüdischen Kriegsgefangenen der alten russischen Armee zusämmeisttellt und der „Agunoth" guleitet. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden bittet alle Synagogengemeinden des Reiches, ihm möglichst eingehende Mitteilungen über die auf den Friedhöfen der Gefangenenlager oder der Gemeinden bestatteten russischen Kriegsgefangenen zukommen zu lassen. Es wird in jedem Falle gebeten, soweit möglich, nicht nur die bürgerlichen, sondern auch die hebräischen. Namen und Daten oder sonstige Kennzeichen der Verstorbenen an. zugeben.' ' - Es sind darauf zahlreiche Mitteilungen eingelaufen, die der Landesverband zusammengefaßt dem Komitee der „Agunoth" nach Warschau weitergegeben hat. Wie die Warschauer Zentrale mitteilt, ist dieses Material bereits jetzt in einer ganzen Reihe von Fällen von Nutzen gewesen. Ter Landesverband richtet noch einmal an alle Gemeinden, die ihm bisher keine Mitteilungen haben zugehen lassen, die dringende Bitte, dies noch zu tun. Die Wichtigkeit dieser Angelegenheit braucht nicht noch einmal hervorgehoben zu werden, auch hat die Erfahrung gezeigt, daß die staatlichen und städtischen Behörden gern bereit sind, die Nachforschungen entsprechend zu unterstützen. 47