Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 4 (25.1.1929)
- Date
- 1929-01-25
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bei jüdischen Pionieren in Brasilien Von Aktba Ettinger. Schon in Rio de Janeiro erfuhr ich einiges über die neuen jüdischen Pflanzer in Mogy im Staate San Paolo. Und in der gleichnamigen Hauptstadt diesls wichrigften brasilianischen Pflanzerslaates hörte ich Dinge über die Siedler in Mogy. die mich zu einem Abstecher dorthin bewogen. Ich hatte später keinerlei Grund, diesen Besuch zu bedauern. Tie Autofahrt durch tropische Wälder, unterbrochen vo» iveiten, versumpsten Strecken, war alles eher als langweilig. Ab und zu sauste das Auto an einem schmucken, zumeist von italienischen Kolonisten bewohnten. Eisenbahnstädtchen rorbei. Reiches, regenreiches Klima. Tie>e. rotgefärdte. dankbare Erde. Herrlicher Baum vuchs, dichte Sträucher und Gräser. Europäische Bestedlung in den ersten Anfängen. Die großen Güter — im Stadium der Zerbröckelung. Schilder straßenentlang mit Angeboten kleiner Anteile zu günstigen Zahlungsbedingungen. In Lusano und St. Miguel zwischen San Paolo und Mogy. haben sich Juden solche Anteile gekauft. Und nun Mogy! Das Auto bringt mich am Städtchen mit etwa 10 OVO Einwohnern vorbei, direkt hinein in die jüdischen Gärten. Tie hügelige Gegend — waldlos hier — erinnerte mich lebhaft an ähn.icye Hügellandschasten am Dnjestr. Und nicht mehr allzu überraschend war daher die Einfahrt durch ein nach südrussischer Art gebautes Tor, nicht allzu erstaunlich die Begrüßung seitens der Siedler in reinem südrussischem Jiddisch, Nicht allzu überrascht war ich auch — ich hatte mich in Südamerika bereits daran gewöhnt — alte Bekannte von mir aus der alten Heimat hier anzutref.en. Diesmal war es mein alter Freund Israel G r i n b e r g. Weinbauer aus Iaruga. mit seinen drei, erst einige Jahre verheirateten Söhnen, die einst vor 15 bis ^OIah ren Lehrlinge und Praktikanten bei mir waren. Einer der Söhne kam noch vor dem Kriege hierher und hat sich rtom Ge schäfte eines Peddlers — hier von den neu eingewanderte» Juden „Klientelfchtschik" genannt — zu einem offenen Manu fakturwarengeschäft hinausgearbeitet und hat dann seine zwei Kinder und vor sechs Jahren auch seine Eltern Nachkomme» lasten. Die Kinder haben sich hier verheiratet. Einer von ihnen holt sich eine Kolonistentochter aus der argentinische» Kolonie Hasadilbaso. Sie träumten alle von einem Wein und Obstgarten, wie sie ihn in Iaruga hatten, wo sie ihn durch Krieg und Revolution verloren. Als der Vater kam, wurde der Plan reif. Bei Mogy wurde ein passendes Terrain gekauft — und das Pflanzen hob an. nach den Regeln und Lehren, die sie sich am Dnjestr angeeignet hatten, inmitten der tropischen Landschaft. Warum nicht? frägt Ford in seinem Buche „Today und tomorrow". Warum sollten andere nicht gleich ihm handeln und mit den gleichen Erfolgen wie er? Warum nicht? fragen mich die drei, vier Grinbergs. Warum sollte nicht der Weingarten, den sie nach alten guten Regeln europäischen Weinbaues auf Draht spaliermäßig heranziehen, wobei sorgfältig die Sorten ausgewählt wurden und die Behandlung eine liebevolle ist — warum sollte er hier nicht ebenso guten Ertrag haben, wie dort um Dnjestr. wo sie vor dem Kriege eine Iahresetnnahme von - 5000 bis 6000 Rubel hatten? Warum sollten sie nicht hier die ihnen gut bekannten Methoden anwenden, wie ihrerseits ihre italienischen Nachbarn ihre Art zu bauen und zu pflanzen mit gebracht haben? Die Grinbergs haben in ihren ganz dnjestrmäßig aussehenden Pflanzungen auch ein nach Dnjestrart erbautes strohgedecktes Haus gebaut, obg'eich hier Stroh recht rar ist. Sie haben mit viel. Liebe auch Bienenzucht eingeführt — ganz in denselben Bienenstöcken, wie sie sie einst in Iaruga besaßen. Man spürt die innige Beziehung dieser richtigen Pioniere, zu jeder gepflanzten Rebe, zu jedem reredelten Psirsichbaum. Sie sind stolz darauf, die ersten Juden im Staate San Paolo zu sein, .die vom Handel zur Landwirtschaft übergehen. Sie misten, daß sie „Rebbegeld" zu zahlen haben. Die Italiener zahlen ja auch, aber e» lohnt doch. Sie selbst haben bereits am Dnjestr viel Rebbegeld gegeben — und es lohnte damals sehr. Hier sind sic in der Umgegend die ersten, die Taseltrauben und europäische Obstsorten angepilimzt haben. Eie fragen nun, ob hier, im Staate San Paolo, etwa 900 Meter über dem Meeresspiegel die Reben, die Birn und Apfelbäume gute Ernten zeitigen werden. Wie so'len sie weiterhin formieren? Wie die Termiten - plage los werden? Mit tiefster Betrübnis werden die entsetz lichen Verwüstungen der unterirdischen Maeterlinckschen „Hel den" an den für die Rebspaliere benähten Holzpsählen demonstriert. Soll man denn wegen der kleinen weißen Tierchen diese bequeme Form der Rebzucht die am Dnjestr so vortreffliche Resultate gegeben hat. hier aufgeben? Die Grinbergs merkten von Anfang an. daß ich sie zum Experimentieren auf eigene Faust nicht animieren wollte. Ick habe ihnen dann beim Kaffee, der hier — in seinem bedeutendsten Anbauzentrum der Welt — entzückend aromatisch war, deutlich meine Ansicht über die Notwendigkeit oer Anpassung an Kul turen und Methoden dargelegt, die seit längerem durch andere Landwirte in dieser Gegend ausprobiert und entwickelt worden sind. Als dabei wieder von Rebbegeld gesprochen wurde, sagte die Kolonistentochter, die einen prächtigen zweijährigen Buden auf dem Arm trug es wäre schon bester, das Rebbegeld in Palästina zu zahlen, als hier unter den Italiener« und Schwarzen die Kinder auswachfen zu lasten. Tiefer Gedänke, der in den vier Familien sicher nicht zum erstenmal auj tauchte, wurde von den Brüdern weitergesponnen und ron dem Vater mit sichtlicher Sympathie verfolgt. Die in Mogy unterdes erworbenen Mittel würden eine Ueberfahrt gestatten und die Anlage von Farmen für die vier Familien ermöglichen. Ich mußte die unermüdlichen Wanderer und Pioniere wieder zur nötigen Vorsicht gemahnen. Auf dem Rückwege nach San Paolo wünschte ich uns neben unseren Chaluzim die Ueberwanderung und Ansiedlung solcher Grinbergs. Sie werden, so glaube ich, zu uns hommen, auch wenn man sie vor Unvorsichtigkeit warnt. ~ ' ’ („33 i e Stimm e") Americana Von Kam. Grünpeter. Äenn man jüdisch amerikanische Zeitungen liest, so fällt besonders auf, daß in ihnen fast gar nicht vom Antisemitismus die Rede ist, während in den deutsch jüdischen Zeitungen dieses Thema den größten Teil des Inhalts beherrscht. Es wäre falsch, aus diesem Zustand auf ein Fehlen des Antisemitismus in den Bereinigten Staaten zu schließen. Allerdings den heldenhaften Antisemitismus der Lststaaten in Europa, der gewöhnlich in der Ueberzahl jüdisch aussehende Menschen in den Straßen anfällt, gibt es drüben nicht oder bester noch nicht. Dieses „noch nicht" jindet feine Illustration in den neusten Berichten über ' die Ritualnwid Unruhen in Mastena (New Aork). Erschreckend nimmt der stille prinzipielle Antisemitismus zu und die Nach' richten, die ich in den letzten Monaten von amerikanischen Inden bekommen habe, werden viele deutsche Juden überraschen. Denn man ist hier gewöhnt. Amerika als das Dorado der Juden zu betrachten. In den Gesuchen der Firmen .in den^Zeitungen wird, oft gewünscht, bei der Bewerbung die Religion anzugeben und der Erfolg ist. daß die Bewerber, wie mir von vielen glaubwürdig Die Forlsetzimg der Verlustliste« erscheint ans drucktechnischen Srüuden erst in der nächsten Rümmer. versichert wird, ihrer Religion, wegen abgelehnt werden. Leider muß zur Schande unserer Glauoensgei.ogen erwähnt werden, daß wie auch hier viele jüdische Geschäftsinhaber keine jüdischen Angesiei.ten wünschen. Sie begründen das damit, daß ihnen bei der höheren Intelligenz der Juden später stark«Konkur renz gemacht wird. Der gesellschaftliche Antisemitismus in U.S.A. ist unvergleichlich größer als bei uns, und es kommt eher das berühmte Kamel durch ein Nadelöhr als ein Jude in die Gese».scha,t der upper sourhundred. Dieser Schaden wäre nicht sehr zu beklagen, aber die Ablehnung hat in sehr weite Kreise übergegriften, obgleich die Verständigungsmöglichkeiten durch das Bestehen der interkonfessionellen „Permanent Commission on Better Unterstandings between Christians and Iews" größer sind als hier. Im Westen nehmen eine ganze Anzahl 'erster Hotels keine Juden oder jüdisch aussehende Gäste aus. In. den ilniversilätsstädten müssen die College girls und boys oft stundenlang herumlaufen, ehe sie ein boardinghouse finden, das sie ausnimmt. Nicht weil die Pensionsinhaber das nicht wollen, sondern weil die christlichen Mitbewohner mit ihren jüdischen Kollegen nicht zusammen zu wohnen wünschen. In einem Falle, der mir genau bekannt ist. mußte die Universitätsbehörde energisch eingreifen, um einer Studentin zu einer Wohnung zu wehesten. Nicht immer laufen die Fälle so erfolgreich ab. wie s. Zt. bel dem Besuch des früheren Präsidenten Cleveland und dem berühmten Philanthropen Strauß iw Lakewood, einem Dinterkurort der vornehmen Newyorker. Wie man erzählt, trat der Hotelmanager auf Mr Strauß zu. er bedaure. ihn trotz der Ann-efenheit des Präsidenten, weil er Jude fei. nicht aufnehmen zu können. Strauß kaufte da» gegenüber liegende Gelände und errichtete dort eine Seifenfabrik.