Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 4 (25.1.1929)
- Date
- 1929-01-25
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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„Das Du nicht sagst! Das habe ich ja gar nicht ge . . ..." „Und von da an mit kurzen Unterbrechungen bis zum Schluß des Krieges, tjamoll, bis Juni 18. in Mazedonien bei der Batterie, an der Front!" „Nicht möglich! Da Hütte ich Dir ja zumindest in Gedanken stets Unrecht getan?" „Hast Du! Schwamm drüber! . . . Aber der Krieg dauerte für mich noch länger, noch bis 1920. denn noch 1920 lag ich wegen Malaria-Rückfalls schwer krank im Lazarett!" Ter dicke Blonde reichte mir verlegen die Hand herüber: „Verzeih, Ernst, es war nicht bös gemeint, aber Du weißt: alleweil hats geheißen: sie drücken sich, wo sie nur können, die Juden,'und da habe ich mir so das meinige zusammengereimt, als die drei Juden bei uns verschwanden, die einzigen drei Juden, die in meiner Batterie wa^n! Na, und die andern zwei? Da war doch noch der Kommeier aus Neuwied . . .?" „Lieh, den hast Tu a u ch noch im Gedächtnis? Ein braver Junge wars, ein prächtiger, lieber Meirfch! —" „Geb ich gern zu, Ernst, aber, sieh einmal, ein schlapper Kerl wars doch . . ." „Nun. er war das einzige Kind wohlhabender Eltern und recht rerwöhnt. Aber er rückte ja mit Euch damals aus . . ." „Das schon, aber . . . kurz ror Hermannstadt in Siebenbürgen, was meinst Tu, setzt sich der Bengel einfach in den Graben, fagt/er kann nicht mehr und er bleibt da si en! — Bor Haltungen. Drohungen . , . alles zwecklos, er rührt sich nicht vom Fleck, er m<wht nicht mehr mit. Na, er wird wohl dann in Neuwied krßner geruht haben, während wir draußen in der Patsche lagen!" „Schon wieder machst Tu einem unserer früheren Kameraden einen ungerechtfertigten Vorwurf. Merkling?" „Nein, Cahn, so ist das nicht gemeint! Wir waren ja schließlich alle miteinander noch halbe Kinder, achtzehnjährig, den Strapazen gar nicht gewachsen. Und Dir und dem Konsmeier, Euch schmalen, schmächtigen Kerlchen, hätte ich ivohl nach meinen eigenen nachmaligen Erfahrungen selbst nicht die Mühlalen des wahrhaftig nicht leichten Gebirgsdienstes auszupacken gewagt ..." „Keine Ausflüchte, mein Junge, nein: alle diese Entschuldigungen suchst Tu zuvorkommend und höflich hervor, verschanzest Dich eifrig hinter ihnen, vnd hättest sie doch früher selber nicht gelten lassen. Es sind auch gar keine Entsck>uldigungen für diesen Kameraden Nötig nicht mehr nötig, denn Alfred Konsmeier ist — gefallen, ist 1918, kurz vor Kriegsende, an der Westfront gefallen!" Ich sah Merklings Augen sich feuchten. „Er war lange mit mir zusammen und war ein tapferer, braver Soldat, ein lieber Kamerad, und manche photographische Aufnahme von ihm liegt bei meinen Kriegsandenken. Noch lange nachdem er an die Westfront versetzt worden, standen wir im Briefwechsel miteinander. Tann kam der Rückmarsch, meine Krankheit. Eines Tages sichtete ich daheim meine Briefschaften und siehe, da war noch eine Karte vom Alfred Konsmeier aus Neumied dabei aus der ich ersah, daß der Kamerad mir noch eine Sendung Photographien zugedacht hatte, die ich nie erhallen habe. I Nun. Tu kantist Dir denken: ich bin auf der Tour eines Tages in Neuwied,! da gehe ich auch meinen Freund Alfred Konsmeier besuchen. Eine schwarz gekleidete Dame öffnet mir. die Mutter. Als ich nach meinem Kameraden, ihrem Sohne frage, bricht sie in fassungsloses Schluchzen aus: Ihr Einziger ist tot, verschüttet worden bei einer Explosion, was weiß ich... seine Uhr. die man in die Heimat zurücksandte, wurde vom Uhrmacher der sie seinerzeit zur Einsegnung des Jungen geliefert hatte, mit Bestimmtheit als-die seine erkannt. Aber diese unglückliche Mutter g'aubte nicht, daß ihr Sohn, ihr letzter Halt — denn auch ihr Gatte war wenige Monate vorher einem Herzschlage erlegen — gefallen sein könne. Sie ließ an tausend Orten nach forschen . . . Als man die Gefallenen-Gedenktafel errichtete, litt sie nicht, daß man den Namen ihres Kindes in den Stzin grub. Und er ist auch nicht tot für sie nicht . . Seit Jahren schon befindet sich die Unglückliche in einer Irrenanstalt des Rheinlandes . . . unheilbar geistesgestört . . . Und nun, werwarderDritte...?" „Ter Tritte?" stammelte Merkling der ganz verstört mit perlenden Schweißtrovfen vor der Stirn, mir gegenüber lehnte. „Der Tritte . . .? Ja, nu» weiß ich wirklich den Namen nicht mehr. Auch e r ist mir bald entschwunden — aber ich möchte ihm nicht Unrecht tun möchte nicht wieder behaupten ... er drückte sich . . . nein, ick seße es selbst ein, ich habe den vielen nachgesprochen, ohne Tnachzuforschen ..." „Wenn Du dies Unrecht nur einsiehst, lieber Kamerad, ist schon viel, sehr viel gewonnen. Auch i ch weiß heute nicht mehr, wer es war non dem Tu sprichst. Diesieicht war auch e r keiner von denen, die man „Drückeberger" nennt. — Ich entsinne mich wohl: wir hatten einen jüdischen Krankenträger bei d, r Batterie. vielleicht war e r es . . . Na, auch ein Krankenträger war ein Held, gelt Du? ..." Der Zug fuhr langsamer. Gleich mutzte er Hal en. Da stand der breite mächtige Kerl mir gegenüber auf und griff mich bei den Schultern: „Hast recht, Ernst Cahn! Niemand hat Grund, zum Drückeberger zu stempeln, wesien Weg er nicht hat verfolgen können Tritt um Tritt. Und ich weiß, ich werde es niemals, niemals wieder sagen, wie ich sonst wohl manchmal tat: daß ich aur drei Juden gekannt bei meiner Batterie und auch diese drei nur als Drückeberger . . ." Esten—Hauptbabnkof! „Ade. Freund Merkling! ... Ja gewiß, gewiß komme ich Dich besuchen! Unbesorgt, vielleicht nächsten Sonntag s hon!... Nein, nein ich glaube es Dir ja gern Du bist Bfin Antisemit, doch ein b'inder Mitläufer und Mitschreier bist Tu gewesen. Und ich freue mich wenn Du vorurteilslos heute unfern vielen, vielen jüdischen Gefallenen und Kriegsbeschädigten npchsagen kannst: Auch sie inaren mir liebe, tapfere, deutsche Kameraden! Und auch s i e waren keine Drückeberger!" Lebensfreude 1 Bon Jos. Heymann, Frankfurt a. M. Nichts fordert die Nöte der Jugend und die Nöte der Zeit mehr als die Erziehung zur Lebensfreude. Der Krieg hat die phvsischc Lebenskraft geschwächt und erlahmen lasten. Der Krieg hat mit seinem Bankerott auf a"en Gebieten des Lebens schwächend und lähmend pewirkt. Eine Generation ist in ihrem besten Lebensmark getroffen, Tie entstandenen Schöd m und Lücken wird erst eine neue Generation wieder allmählich gutmacken können. Da scheint es uns am Plake auch einmal die Folge zu stel'en was kann die alte Generation für die junge tun. daß es dieser jungen jüdiscken Ge n eration auch wirklich gelingt, die Hoffnungen restlos zu verwirklichen, die diese alte Generation ein Reckt bat an die junge zu knüpfen? Rur die Wahrheit der Bibel vermag auf diese Frage eine präzise Ant"-oi?i zu neben. j Als Bater Jakob in seiner Scheidestunde von sei»em Geschleckte ^bsckied nimmt da os'enbart er dem junge" Geschleckte die Ee''eiwni"e seines stürmischen Lebens, seiner Lebr-,1 Mander- und Meisteriadre Er will pch ja nickt astein pknsisch in der iungen Generation wiederholt,leben sondern vor a"eck auch geistig Sein Erundnermäcktnis ist die bedeutsame Lehre daß selb st im Gesamtleben u g d für die Gesamtheit nickt nur die Ziele sondern auch die Mittel und Weoereinseinmüssen. Alle anderen Staaten und Völker njndi-ierten sich das Prinzip, daß das GefamtintereEe alles beili-ck List und Gewalt, die im Prinatleben mit Beracktuna und Ealaen bestralt würden für nermeintlickes Staatswohl geübt mit Bürgerkronen und Lorbeeren zu belndnen feien das Sittenleben nur f»rs Privat'eben gelte. Politik und Diplomatie aber nur den Kodex des Jntere^es ße""en dürften. Ist ja die Weltgeschichte nichts anderes als der Kampf der materie"en Mackt penen den göttlichen Geist, In diesem Vermächtnis des sterbenden Baters Jakob liegt die unzerstörbare Lebenskraft des jüdischen Volks begründet, aus ibm of'enbart fick leine Schönbeit auf diesem Vermächtnis baut sich die ganze jüdische Gesekeslekre organisch auf. In der Tat hat der Krieg die so sichtbaren Spuren des MeMas wieder verwischt. Sind doch die beiden Hauvtmerkzeichen seines Nahens, der Ueberlluß im Segen der N a t u r, wie der Friede in der Menschenwelt, in der Gegenwartakultur nicht zu erkennen. Wol'en wir Erbe sein der großen Lehren unsres Vaters Jakob, ein Geschleckt junger bewußter Juden heranwachsen lallen, so erfüllet unsere Jugend mit dem Geiste wirklicher Freudigkeit. wie er aus dem Borne des heiligen Vätererbes qui'lt. Das ganze Leben ist ein schwerer Dienst an der heiligen Sache des Judentums. Wer gelernt hat diesen Dienst ernst zu neh men. Tier spürt alsbald das Gefühl des geistigen und sittlichen „Wachsens", des fortschreitenden Gedeihens, des eigentlich menscklichen im Menschen. Das ist jüdil-bes Lebensbewußtsein, das völlig von äutzeren.Lebensumständen unabhängig ist. Dieser göttliche Funke der Freude durckglüht noch heute das Herz jedes Juden-er ist und bleibt das ewigd Wunder der ewigen jüdischen Welt.