Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 52 (1866) · p. Seite 207

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
52 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 207 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4908862-5999396-6026841--3387-4911561
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

0 entity mentions (1 not found in this text)

207 seinem Geschäft ein fast mehr als kärgliches war. Denn erst zu Anfang der 1840er Jahre, wahrend er also schon das so. Lebensjahr überschritten hatte, gelang e» ihm von Nahrungssorgen völlig frei zu werden, eine Thatsache, die man freilich kaum glauben sollte, wenn man erwägt, daß er bei seinem Tode «in Geschäft hinterlassen hat, daS un Fach des Antiquariatunbestritten emeS der ersten Geschäfte dieser Art in ganz Eüddeutschland ist, und das im Fach des Sortimentsbuchhandels den ersten Geschäften von ganz Deutschland würdig an die Seite tritt. Freilich bewährte er auch hierin die ihm eigenthümliche, gewaltige Energie, die, nachdem er ein wenn auch geringes Kapital allmählig der Sorge um das tägliche Brod abgerungen hatte, jenes in Bälde ihn verzehnfachen und verhundertfachen ließ. Eine specielle.über die Gränzen Württembergs weit hinausgehende Berühmtheit erlangte er in seiner Eigenschaft als Geschäftsmann insbesondere durch das wirklich merkwürdige Talent, womit er verschollene Bücher oder Urkunden an daS Tageslicht beförderte und dadurch der Wissenschaft wieder zugänglich machte. Wir erwähnen in dieser Beziehung blos beiläufig das Psallenum latinum von 1457 (das erste datirte Druckwerk), das er im Jahre 1843 in Eichstädt (Bayern) entdeckte und der Staatsbibliothek in Stuttgart verschaffte, die es späterhin wiederum an die Staatsbibliothek in Berlin veräußerte, ferner eine sehr alte Pergament-Handschrift des Schwabenspiegels, sodann eines der ältesten Erzeugniffe der Holzschneide - und Holzletternkunst (Mirabilia Roman»), ferner über 40, bislang gänzlich unbekannt gewesene Briefe Friedrichs des Großen, die zum Theil wichtige Aufschlüffe über den ersten schlesischen Krieg enthalten und die der Zeit im Besitz des Königs Wilhelm von Preußen, der sie von Heß ankaufte, sich befinden. — So könnten wir noch Vieles anführen, aber uns liegt nicht ob. das Leben von Heß als Privatmann zu schildern, unser Zweck ist bloS, seine öffentliche Thätigkeit für das Judenthum darzustellen. Und diese setzte er noch bis in sein späte- Alter fort. Denn nachdem er in denJahren 1848 und 1849 durch die Einführung der deutschen Grundrechte in Württemberg das Ziel seines öffentlichen Wirkens, die Freiheit und Gleichberechtigung seiner Glaubensgenossen erreicht zu haben schien, mußte er zu seinem tiefen Schmerz von der hereinbrechenden Neaction im Jahre 1851 auch diese- Werk wieder zertrümmert sehen, indem damals szuerst einseitig vermittelst Octroyirung von Seiten der Staatsregierung und nachträglich unter'Zustimmung der Stände die deutschen .Grundrechte wieder abgeschafft wurden und nach kurzem provisorischem Zwischenraum im Jahre 1852 bezüglich der Juden das Gesetz von 1828 wieder in Geltung trat. Doch sollte er als rüstiger Greis die Hinwegräumung des alten VorurtheilS wenigstens aus dem Gesetz seines eigenen Vaterlandes Württemberg noch erleben, indem vermittelst der Gesetze vom 81. December 1861 und 13.August 1864 die JudenWürttembergs in allen öffentlich - rechtlichen und privatrechtlichen Beziehungen ihren christlichen Mitbürgern vollkommen gleichgestellt wurden. — Bezüglich der äußern Organisation der jüdischen Kirche in Württemberg blieb es freilich vorerst noch beim Alten und auch jetzt noch verwaltet die burcaukratisch eingerichtete israelitische Oberkirchenbehärde, deren Mitglieder mit einem christlichen Vorstand an der Spitze vom König ernannt werden, die Angelegenheiten der israelittschen württemb. Kirche, während das Ideal von Heß in. dieser Beziehung stets die Autonomie der Gemeinde im einzelnen Ort und eine freie Synodalverfaffung für daS ganze Land gewesen war, wie er denn auch noch in seinem vorletzten Lebensjahr eine umfassende Denkschrift nahezu vollendete, worin er diese Art der Verwaltung als die in der historischen Entwicklung deS Judenthums und in der Vernunft allein begründete darstellte. Leider verhinderte rin schmerzhaftes Leiden, daS schließlich auch seinem Leben ein Ende machte, ihn an der Vollendung dieser Arbeit, aber noch auf seinem Krankenlager betheiligte er sich mit ungeschwächter Geisteskraft, die ihn fast bis zum letzten Athrmzug «Nicht verließ, an der Entwicklung dieser Frage. — Seine letzte öffentliche Arbeit, war die Abfassung einer paffenden -Leichenordnung für seine Vaterstadt Lauch- Heim. — — Ich bin zu Ende. — — Du aber, geneigter Leser, wenn Du einmal von der Bayrischen Stadt Nördlingen aus mit der württembergifchen Remsthal-Eisenbahn in das Schwabenland hineinfährst, vorbei an dem ehemaligen Reichsstädtchen Bopfingen, Dich dem Dorfe Aufhausen zu bewegst und dort malerisch umsäumt von grünenden Buchenwäldern und der altersgrauen Schloßruine Schenkenstein einen Friedhof erblickst, ein Plätzchen, wie es zum Ruhen von den Freuden und Mühzn des menschlichen Lebens nicht herrlicher erdacht werden kann, so weihe einen Augenblick dankbarer Erinnerung dem besten Manne, der dort begraben liegt, unserm Jsak Heß und sprich: Gesegnet sei sein Andenken, er ruhe in Frieden! - Betrübende Erscheinungen. x j Unsre Zeit ist die Zeit der Oeffentlichkeit. Man wäscht, wie der Franzose sagt, die schmutzige Wäsche auf der Straße. Was nur irgend pikant ist, wird von den Zeitblättern zur Unterhaltung deS Publikums mitgetheilt. Namenttich ist dies in Oesterreich der Fall, wo die großen Blätter jeden Tag ausführliche Berichte aus den Gerichtshöfen bringen. Da kommt denn auch BieleauS jüdischen Kreisen zur allgemeinen Veröffentlichung, waS besser unbesprochen bliebe. Denn wenn von der einen Seite geltend gemacht wird, daß die Menschen sich mehr in Acht nehmen und vor.der Oeffentlichkeit sich scheuen werden, so ist es andrerseits noch wahrer, daß durch die fortwährenden Besprechungen ungerechter, schlechter und unsittlicher Handlungen die öffentliche Scham sehr abgenutzt wird.- Die Leute fragen zuletzt Nichtdanach, ihre Namen beschimpft zu sehen, da sie sich auf diesem Felde in so großer Gesellschaft sehen. So berichteten die Wiener Zeitungen ausführlich über eine Schlägerei, die am versiossenen Dersöhnungstage in der Simmeringer Synagoge bei Gelegenheit des Mizwoth-Verkaufes stattgefunden. Die Schilderung dieser Versteigerungen beim Gottesdienst als eines TheileS des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.