Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 52 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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206 hiebei erfolgten Modifikationen als Gesetz verkündigt und damit wenigsteneine gesetzliche Grundlage fnr die Fortentwicklung geschaffen, insbesondere durch angemeffene Bestimmungen hinsichtlich der Schule rc.; auch war das Gesetz, wenn gleich manchfache Bestimmungen von Mißtrauen und von Judenhaß diktirt erschienen, doch jedenfalls gegenüber von den bisherigen gesetzlichen Normen entschieden einc'Verbesterung. — Heß selbst war inzwischen — im Jahre 1823 — nach Ellwangen übergefiedelt, theilweise um jüdischen Schülern, welche das dortige Gymnasium besuchen wollten, dieß durch Ertheilung eines entsprechenden Religions-Unterrichts zu ermöglichen, — es war bis dahin in Württemberg mit keinem Gymnasium zugleich eine israelitische Religionslehranstakt verbunden — zu welchem Behuf sich Heß einer Prüfung vorher unterzogen hatte, theilweise um sein allerdings sehr bescheidenes Antiquariat, das er his dahin in Lauchheim betrieben hatte, mit befferm Erfolg cultiviren zu können. Bei dem Aufzug in dem ultramontanen Ellwangen. besten Einwohner weitaus in ihrer großen Mehrzahl es damals als etwas Unerhörtes und nicht zu Duldendes betrachteten, daß ein Jude es wagen solle, in ihre Stadt zu ziehen, die doch bis daher sich ganz „frei" hievon erhalten hatte, gab es fast eine Revolution. Der damalige, jetzt noch in Penfionsstand lebende Stadtschultheiß Rettenmair ließ dem ,Zud Heß" sagen, er dürfe nicht auspacken, er müste alsbald wieder fobt, es werde sonst seine Wohnung demolirt, und es bedurfte des unmittelbaren Einschreitens des um seine Vermittlung von Heß angegangenen, damaligen Regierungs-Präsidenten Mohl in Ellwangen (des Vaters der berühmten Brüder^ paare Robert Mohl — Staatsrechtslehrer — Hugo Mohl —^Botaniker — Julius Mohl — Orientalist — und Moritz Mohl — National - Oeconom und württ. Abgeordneter), um Heß Schutz vor der Willkür des Stadtvorstands und der brutalen Gewalt des Pöbels zu verschaffen. Und — greifen wir unserer Schilderung um 43 Jahre vor, enthüllen wir den Vorhang von dem ergreifenden Schlußbild unsers Heß — an der Spitze des Leichenzugs, den die Ellwanger Einwohner ohne Unterschied des Standes, die höchsten Beamten der Provincial-Regierung und des Appellationsgerichts, wie der Kaufmann und Handwerker am 8. Oktober 1866 bis vor die Thore der Stadt bildeten, um als Zeichen der allgemeinen Achtung chrem langjährigen Mitbürger Heß noch die letzte Ehre zu erweisen; — an der Spitze dieses Leichcnzngs befand sich mit Thränen in den Augen eben der jetzt 80 jährige Stadtschultheiß Rettenmair, der den „Jud Heß" nicht hatte! aufnehmen wollen und der noch mehrere Jahre nach der Ansiedlung von „Jud Heß" gesprochen hatte, bis eine — auf erfolgte Beschwerde erlaffene obergerichtliche Verfügung diesem Unfug ein Ende machte!-Mit der Ueberfiedlung von Heß nach Ellwangen und mit Emanirung des Judengesetzes von 1828 war aber die Heß'sche Thätigkeit für das Wohl seiner GlaubenSgenoflen keineswegs abgeschnitten. — Heß, der immer und immer wieder auf die Erziehung und Heranbildung der Jugend sein Hauptaugenmerk richtete, begann nun eine Agitation bezüglich der Versorgung und Bildung israelitischer Waisen und verwahrloster israelitischer Kinder. — Seine anfänglichen Versuche, als selbstständiges Filial einer der staatlich unterhaltenen, christlichen. Waisenanfialten eine ebenfalls vom Staat zu susttntirende israelitische Waisenanstalt gründen zu lasten, scheiterten an der Erklärung der Staatsregierung, daß sie zu Einrichtung einer solchen Anstalt weder verpflichtet sei. noch dieß für convenirend erachte. Hiedurch aber ließ sich Heß nicht abschrecken, er suchte eine derartige Anstalt selbstthätig durch freiwillige, hauptsächlich von den Israeliten des Landes zu leistende Beiträge errichten zu lassen und wandte sich nach vielfachen sonstigen Schritten endlich im Jahr 1831 auch in dieser Sache > wieder unmittelbar an König Wilhelm, der dann auch alsbald einen ersten Beittag von 300 fl. aus seiner Privatkaffe zusicherte. Mit diesem Reskript in der Hand eilte dann Heß alsbald nach Stuttgart und nun war es ein Leichtes, einen Ausschuß zusammenzubringen, einen Verein zu gründen, der die Weitersührung der Sache in die Hand nahm und dem Heß. in dem frohen Bewußtsein die erste erfolgreiche Anregung gegeben, auch hier wieder ein segensreiches Werk gestiftet zu haben, die fernere Leitung der Angelegenheit überließ. Da hierüber das Nähere bereits in der Judenthumszeitung von 1836 Nr. 32 enthalten ist, so fügen wir unter Bezugnahme hierauf — hier blos nochan, daß von 1831 bis 1842 die israelitischen Waisen Württembergs auf Kosten deS gegründeten Vereins bei einzelnen Lehrern im Lande untergebracht wurden, daß aber seit dem Jahr 1842 eine besondere, selbstständige israelitische Waisenanstalt mit juristischer Persönlichkeit in Eßlingen, mit eigenem Haus und Grundbesitz, die „Wilhelm-Pflege" besteht, eine An- 'flalt, als deren geistiger Schöpfer Heß genannt werden muß und die unter der Dorstandschaft des verstorbenen Dr. Dreifuß, jetzt des Oberckirchenvorstehers vr. Levi in Stuttgart schon viele arme Waisen vor geistiger und körperlicher Verkrüppelung gerettet hat. — Kaum hatte Heß dieses segensreiche Wort gestiftet, so machte er sich in den Jahren 1832 und 1833 an ein neues, ebenfalls für die Bildung seiner Glaubensgenosten bestimmtes Werk, indem er die christlichen Stunden der Andacht in einer für Israeliten paffenden Form umarbeitete, ein Werk, besten erster Band im Jahre 1833 in Dinkelsbühl im Druck erschien, längst aber vergriffen ist und nun einer zweiten Auflage, die Heß nicht mehr erleben sollte, entgegenharrt. — Wir Unterlasten im Einzelnen aufzuzählen, wie Heß auch von da an bei jeder geistigen Bewegung des Judenthums in Württemberg thätig eingriff, wie er sich mit seiner ganzen Kraft der zu Anfang der 1840er Jahre beginnenden Agitation für Lösung derjenigen Festeln, die das Gesetz von 1828 noch bestehen gelasten hatte, für vollständige Emancipation der Juden widmete, wie er Preffe, Versammlungen und sonstige geeignete Mittel hiesür in Bewegung setzte; wir bemerken ferner blos beiläufig, daß Heß auch als vom Staate ernannter Dollmetscher bezüglich der ne»-hebräischen Sprache für das ganze Land fungirte. — Aber das können wir nicht verschweigen und müssen als besonderes Zeichen ungewöhnlicher moralischer und geistiger Kraft hervorheben, daß Heß all' diese Opfer für daallgemeine Beste brachte, während er selbst mit einer zahlreichen Familie noch von bittern Nahrungssorgen gequält und sein Einkommen von