Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 52 (1866) · p. Seite 208

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
52 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 208 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4908862-5999396-6026841--3388-4911562
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

jüdischen Ritus so wie der dabei gewöhnlich vorherrschenden Motive als Ehrgeiz, Rancune, Haß und ^treiffucht, ist nicht sehr erbaulich und gereicht dem Judemhume nicht zur besonderen Ehre. Daß bei diesem Acie nicht gar zu selten in den ländlichen Gemeinden handgreifliche Zwistigkeiten Vorkommen, ist bekannt, und wir gehen daher über den betreffenden Dorfall hinweg. Ein anderer betrübender Rechtsfall aber, der in diesen Tagen in Prag vorkam und die öffentlichen Blätter füllte, "bildet eine Seltenheit, und geben wir ihn daher hier vollständig. Es ist ein Jnjurienprozeß eines jüdischen Sohnes gegen seinen Vater! . In einem Inserate der Prager-Zeitung vom 28. August d. I. gab der Handelsmann Joseph Kowanitz aus Czernolos die Erklärung ab, er werde die Schulden seines verschwenderischeitz-Sohnes David nicht meh» bezahlen. David Kowanrtz drohte hierauf in einem Briefe seinem Vater, er werde gegen ihn «ne Anklage wegen Ehrenbeleidigung anstrengen, falls' dieser keinen Widerruf jener Erklärung in dasselbe Blatt werde einrücken lasten. 'Der Vater ließ nun schleunigst in die Prager-Zeitung die Erklärung einrücken, daß er auch weiterhin die Schulden seines SohneS bezahlen werde. Demungeachtet trat der-Sohn gegen den Vater auf, und in besten Vertretung erschien Herr Dr. Bendiner bei der für heute angesetzten Schlußverhandlung. Der Angeklagte, ein alter Mann, Jsraslit, Vater von sechs unversorgten 'Kindern, tritt weisend in den Saal. Seine Rede wird oft von Schluchzen unterbrochen. Derselbe erzählt: Ich Hab' mit Leid und Sorgen meine Kinder erzogen, meinen Aeltesten Hab ich unterbracht in e Geschäft in Prag, aber nischt folgen hat er gewellt und Hot Schulden gemacht. Hab ich bezahlt die Schulden und Hab cavirt .für ihm 1000 fl. und ihm zu Haus e Liqueurgeschäft eingericht. Er aber hat die.Waaren verschleudert und is wieder nach Prag. Hab ich mir gedenkt, 1000 fl. Hab ich cavirt und muß sie bezahlen; aber neue Schulden, die er in Prag machen wird, werd ich nicht mehr bezahlen, und so Hab ichs in die Zeitung hineingegeben. Präs. (Landesgerichtsrath F. Dr. Wolf): Der Herr Vertreter des Klägers wird hoffentlich die Hand zu einem Ausgleiche bieten. Dr. Bendiner: Ich bin gerne bereit hiezu,, doch müßte der Angeklagte in einem Inserate der PraG^r-Zeitung ausdrücklich erklären, daß sein Sohn kein Verschwender ist, da durch das zweite Inserat, feiner Fassung nach, die Verschwendungssucht des Sohnes nur noch bestätigt und er so in der öffentlichen Meinung herabgesetzt wurde. Angekl. (weinend): Alles widerruf' ich. So.gui wie ich Hab' früher unfinnig widerrufen, so hätt' ich, wenn ichs hätte bester verstanden, finnig widerrufen. Ich will Alles tbun, nur daß ich bei meiner Ehr' bleib' und nicht bestraft werd'. Hab' ich doch gar nicht gewußt, daß man hat geschrieben „verschwenderische in die Zeitung. Werd' j ich denn mein Kind beschimpfen wollen- Mich Hab' ich vor weiterem'Schaden behüten wollen. Dr. Bendiner: Im Namen des Klägers habe ich noch den Ersatz der Kosten zu beanspruchen. Angekl.: Gerechter Gott^ die Kosten auch noch? ich geb' meinen Kindern dsch Alles, was ich Hab'. Ein Sohn ist in der Medicistschule in Wien, er kost' viel l Geld, aber er ist brav; mit dem aber bin ich unglücklich. Er hat den Tod feiner Mutter am Gewissen. Ich soll jetzt 1000 fl. für den Liqueur bezahlen. Wo! soll ich hernehmen 1000 p.? Man seht mich's ganze i Jahr ka Glas Bier trinken, ich arbeir' Tag und Nacht, ' Alles für meine Kinder, und Ersatz soll ich auch noch leisten? j Dr. Bendkner: Der Ersatz ist ein geringer. Ihr I Sohn beansprucht nur 15 Angekl.: Hatt' er mich schon so viel gekost, soll er! noch die 15. fl. auch haben. Ich geb' se her aus väterlicher Milde. Da ist daS Geld, mein Sohn verdient > Strafe, nicht ich, doch da ist das Geld, j Der alte Mann zählt mit zitternder Hand das Geld auf den Tisch und verläßt, die Thränen aus den Augen wischend, den Saal. Kuriosum. Die öffentlichen Blätter berichten: Was kostet eine Judenseele? Die Engländer lassen sich das Wsfionswesen viel Geld' kosten. Am theuersten aber kommen jedenfalls die bekehrten Juden zu stehen. 27 Missionäre — fast selbst durchgeh ends getaufte Juden — beziehen 5395^ Pfd. St., dazu kommen noch die Ausgaben für Secretäre, Schreiber, Miethzins, Reisekosten re. Man hat berechnet, daß jede dem Christenthum gerettete Judenfeele 200 - 300 Pfd. St. kostet; ja, schon jeder Judenknabe, der ein Tractätchen nimmt, kommt auf wenigstens 4 Pfd Sr. zu stehen. (Hierbei ist nicht zu übersehen, daß manche von diesen gewonnenen Seelen nach kurzer Zeit wieder zu ihrer ftüheren Glaubensgenossenschaft zurückkehren, und einige sogar dieses Experiment mehrere Male an verschiedenen Orten durchmachen.)! allgemeine Zeitung des Jnd enthum «. No. 51. 1866. , Inhalt: Leitende Artikel: Die weltliche Herrschaft , de« Papstes und die Jesuiten. — Vom Institute zur Förderung j der israelitischen Literatur. — v Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn, Sinzig, Laasphe, Berlin, Taffel, Obermoschel. Oesterreichischer Laiserstaat: Wien. Schweiz: Aus dem Aargau. i . Corrrespondeuz: Ealcutta.—Da» neue Statut de» Mark-» Haindorfkchen Seminar».!5g* Zn beziehen durch jede» Postamt und jede Buchhandlung Jährlich 3 Thaler, vierteljährlich % Thaler. Verantwortlicher Xedactenr Dr. H. dotzev-ft' n d?« Buch^nudl-R« in Vriviig. — Druck von Ä. Riesling in eewu;-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.