Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 51 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 203 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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203 heißt es, daß er den Schülern das Wissen zum Eigcnthum mache. Ueber die Schülcrzahl einer Klasse heißt es: „Rabba sagte: Auf einen Lehrer kommen 25 Schüler, sind deren 50, so hat man zwei Lehrer anzustellen, sind deren 40, so muß man dem Lehrer einen Hülfslehrer bcigeben; und die Kosten für diesen müssen von der Stadt bezahlt werden."l 2 3 4 5) Eigenthümlich ist, daß der Talmud schon die Lancaster'sche Methode kennt. Der ältere und fähigere Schüler genoß den Unterricht mit den anderen und theilte alsdann das Gehörte den Sä wacheren noch einmal mit, so daß sie es zweimal hörten. Dieser Schüler wurde tri genannt. Pünktlichkeit wurde zu strenger Psiicbt gemacht. „Rabba sagte: Bestimmt eine Zeit sür den .lntcrricht, d. b.. wird ergänzt, gebet euren Schülern eine genaue Zeit an für das Kommen und Weggehen." *, Die Unterbrechung des Schulunterrichtes war streng untersagt; sogar das Höchste und Wichtigste durste dem Unterrichte nicht vorgezogen werden, weil diesem gegenüber jede andere Beschäftigung ihre Bedeutsamkeit verliert: „Der Unterricht der Kinder darf auch nicht wegen des Aufbaues des Tempels gestört werden."^ Hinsichtlich der Schulzucht wird empfohlen, daß der Lehrer den Schüler in einer gewiffen Entfernung halte, so wie abwechselnd Strenge und Milde anzuwenden. Es heißt: „Wirf Galle unter die Schüler, d. h., wird hinzugefügt, zeige dich ihnen häufig streng, ohne sie eine Härte und Strenge immer fühlen zu lassen."*) „Mit der Linken stoße ab, mit der Rechten aber bringe wieder zurück." Wenn auch im Anfänge Nachsicht geübt wird, so soll doch später eine gewisse körperliche Züchtigung, leichte Schläge und Entziehung des Essens eintreten. Der öftere Schüler darf körperlich nicht gezüchtigt werden, weil das Ehrgefühl darunter leidet und leicht Widerstand dadurch entsteht. Ferner: „Rab sagte zum Lehrer Rabbi Samuel bar Silath: Wenn es sein muß, daß du den Schüler schlägst, so schlage ihn nur mit einem Schuhriemcn; wer Fortschritte macht, der mache, wer nicht, fahre fort bei den Mitschülern zu sitzen, von denen er Wetteifer annehmen wird." s) Wie die Strafe zu der Schuldisciplin gehörte, so auch die Belohnung im betreffenden Falle. Es wird uns erzählt, daß Rabba in seiner Elementarschule Honig zur Belohnung der kleinen Kinder in Bereitschaft hatte Bei der Belohnung oder Behandlung der Kinder galt endlich als eine Hauptregel der Disciplin die Gleichheit aller Schüler vor dem Lehrer. 6; Jsak Heß.' Buchbändler in Ellwangen. Ein Denkmal zu setzen dem Manne, der vor wenigen Wochen iy der württembergischen Provinzialhauptstadt Ellwangen nach einem thatenreichen Leben das Zeitliche gesegnet hat, die Erinnerung an ihn im Geiste und im Her¬ 1) Baba bathra 21 a. 2) Erubin 54 b. 3) Sabbath 119 b. 4) Kethuboth 103 a., Sabbath 30 a. 5) Baba bathra 21 a. *6) Tanith 24 a. zen seiner älteren Zeitgenossen aufzufrischen, ein Bild von ihm auch der jüngeren Generation zu geben und solches dem Andenken in der Zukunft zu erhalten, das ist die Aufgabe, die ich mir heute gesetzt habe und zu deren Realisirung ich mir die Spalten dieses Blattes zu öffnen bitte. Und wahrlich er. der Mann, den ich oben genannt habe, der am 6. Oktober dieses Jähres verschiedene Buchhändler Jsak Heß, er h<ft es verdient, daß nach seinem Tode noch ein Rückblick auf sein Leben geworfen' werde, auf ein Leben, das eine lange, ununterbrochene Kette voll aufopfernder Thätigkeit für die sittliche Hebung seiner israelitischen Glaubensgenossen im Allgemeinen und in Württemberg insbesondere bildet, auf ein Leben, dessen einzelne Epochen zugleich /je einen wichtigen, vorzugsweise durch sein geistiges Schaffen bewirkten Fortschritt in der moralischintellektuellen sowohl, wie in der politischsocialen Existenz seiner württemb. Glaubensgenossen darstellen. — Und uns Jüngeren aus der gegenwärtigen Generation, die wir wohl die Früchte der Anstrengungen solcher Männer ernten und genießen, kaum aber eine Ahnung haben von den Mühen, Borurtheilen und Hindernissen, mit welchen sie zu kämpfen hatten, bis der Boden umgrpflügt war und bestellt werden konnte, uns Jüngern geziemt es doppelt, eine solche Rückschau zu halten, — eine Rückschau voll Dank, voll Pietät. — Jsak Heß wurde in dem Geburtsjahre der großen Ideen der Neuzeit, im Jahre 1789. in Lauchheim, einem damals deutsch - orden'schen, jetzt württembergischen Städtchen unweit Ellwangen geboren. Die ungewöhnlichen Talente, die er schon als Knabe zeigte bestimmten seine Mutter — den Bater hatte er schon in frühester Jugend verloren — ihren Sohn in seinem 13. Jahre, trotzdem daß sie selbst von allc^ Mitteln entblößt war, auf die jüdische Hochschule (Jeschihwah) nach Fürth zu senden, um dort sich zum Rabbinen auszubilden. Das talmudistisch-rabbinische Wissen aber, welches dort ausschließlich gelehrt wurde, konnte seinem regen Geist auf die Dauer keine volle Befriedigung gewähren, und so suchte er schon damals sich in die Schätze der deutschen Literatur einzuweihen, besonders mit Hilfe einer Leihbibliothek in dem benachbarten Nürnberg, das er manichfach besuchte, wenn auch stets heimlicherweise und stets ohne den entwürdigenden gelben Ring zu tragen, den damals noch jeder Jude, der die Stadt betrat, tragen sollte. Jene Gänge nach Nürnberg, jene Beschäftigung mit der deutschen Literatur konnte aber auf die Länge der Zeit seinen Lehrern unb Gönnern in Fürth nicht verborgen bleiben untz so kam es öfters zu Strafen, die aber seinen Eifer nach der köstlichen, durch einen Wahn verbotenen Furcht nur noch erhöhten. Trotz jener mehrfachen Collifionen mit feinen Lehrern war er dennoch durch seinen Geist und die scharfsinnige Lösung der schwierigsten talmudifchen Probleme ihr Liebling; mit dem Rabbinerwerde« aber war es vorbei, denn Heß konnte sich nicht entschließen, sein Lebenlang' ausschließlich dem Studium des Talmuds und der rabbinischen Schriften — und das verlangte man damals — sich zu widmen. Nach einem Aufenthalt von ungefähr 4 Jahren, verließ er deßhalb Fürth, die Stadt, in welcher sich der Knabe zum Jüngling herangebildet, in wel-